Ausgabe 374
Gesellschaft

Weg vom Fundamentalismus

Von Susanne Stiefel (Interview)
Datum: 30.05.2018
Am 7. Juni präsentiert die Korntaler Aufklärungsgruppe ihre Ergebnisse zu Missbrauch und Gewalt in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde. Die Erwartungen sind hoch. Ein Gespräch mit der ehemaligen Korntaler Lehrerin Heide Scherer.

Sie war stinkesauer, als sie von den Korntaler Missbrauchsfällen in Kontext las. Aufgebauscht von den Medien, dachte sich Heide Scherer, das kann doch nicht sein, ich war dort schließlich Lehrerin. Doch die 75-Jährige war damals wie heute eine unerschrockene Frau. Sie meldete sich in der Redaktion. Sie ließ nach der Empörung auch die Erinnerung zu. Sie stellte sich ihren Zweifeln, ihrer Verantwortung und einem Interview. Seitdem hat sich das beschauliche Leben der Pensionärin verändert.

Frau Scherer, werden Sie von Schopfheim nach Stuttgart reisen, wenn die Korntaler Aufklärungsgruppe ihre Ergebnisse vorstellt?

Heide Scherer bei der kirchlichen Fernsehsendung Alpha und Omega über den "Albtraum Kinderheim". Foto: Monika Bluthard
Heide Scherer bei der kirchlichen Fernsehsendung "Alpha & Omega" über den "Albtraum Kinderheim". Foto: Monika Bluthard

Bisher bin ich nicht eingeladen worden. Aber wenn das eine öffentliche Veranstaltung wird, gehe ich hin. Es muss jetzt endlich eine Art Abschluss geben, für die betroffenen Heimkinder, für die Täterorganisation, aber auch für mich als ehemalige Lehrerin in Korntal. Ich habe einen dicken Ordner, da steht Korntal drauf. Den würde ich gerne schließen.

Sie sind zu einer öffentlichen Person und zu einer Art Klagemauer geworden, weil sie sich offen und kritisch mit Ihrer Zeit als Lehrerin an der Korntaler Schule beschäftigt haben. Wer hat sich bei Ihnen gemeldet?

Ich habe viel mit ehemaligen Heimkindern aus Korntal telefoniert. Viele haben mich aufgrund des Kontext-Artikels angerufen. Es gab aber auch Anrufe von der Frau eines damaligen Kriegsdienstverweigerers, die sagte, das könne gar nicht sein, ihr Mann habe nie etwas erzählt. Das war die Spanne der Anrufe.

Was hat sich für Sie dabei verändert?

Ich hatte das Gefühl, dass viele einfach froh waren, dass endlich jemand zuhört. Das hab ich gemacht, die Telefonate dauerten oft mehr als eine Stunde und das war nicht immer einfach für mich. Ich spürte auch bei mir, wie aus einem tiefen Brunnen etwas hochsteigt und man denkt: Oh, war das wirklich so, damals, Ende der 60er Jahre? Denn erst, wenn man sich wirklich darauf einlässt, können die Erinnerungen hochkommen. Auch bei mir selbst. Ich glaube, das haben die Anruferinnen und Anrufer gespürt. Deshalb schütteten mir viele ihr Herz aus. Damals vor vier Jahren gab es ja noch niemanden, der ihnen zuhörte.

Sie haben die Rolle angenommen. Warum?

Ich hatte keine Erfahrung mit Medien oder mit öffentlichen Auftritten. Ich wurde zu einer öffentlichen Figur, weil es mein Interesse war, dass den Kindern, wenn auch spät, Gerechtigkeit widerfährt. Das war mein persönlicher Impetus. Ich wusste ja, wie eng die Brüdergemeinde denkt und wie lange sie die Anklagen des Missbrauchs und der Demütigungen als Lügen abgetan haben. Deshalb war und ist es mir wichtig, dass alles aufgedeckt wird. Deshalb hab ich zugehört, immer wieder.

Haben Sie den Schritt bereut?

Nein, ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Das ist offenbar nicht selbstverständlich. Ich habe erst vor wenigen Tagen in der kirchlichen Fernsehsendung "Alpha & Omega" über den Albtraum Kinderheim gesprochen. Und eine ehemalige Kollegin aus Korntal, auch sie ist längst in Rente, sagt mir mal wieder, sie hätte den Mut nicht. Und ein anderer Kollege von damals klagt, er hätte keine Zeit, sich öffentlich zu äußern. Da gibt es doch die Geschichte von Jesus, der lädt die Leute ein zu einem Fest, und die sagen alle, keine Zeit. Dann geht er hin und holt sich Landstreicher. Das schoss mir durch den Kopf, dabei bin ich eigentlich nicht so religiös. Und diese Aufarbeitung ist sicher auch kein Fest. Aber über dieses Sich-angesprochen-Fühlen oder vielmehr Nicht-angesprochen-Fühlen, oder die Verweigerung, Verantwortung zu übernehmen, darüber hab ich viel nachgedacht.

Sie sprachen von einen dicken Ordner zu Korntal. Was haben Sie da gesammelt?

Fast alle Artikel. Und die ausgedruckten Mails, die mir geschrieben wurden. Und die Briefe. Das waren sehr verstörende und berührende Schicksale. Von Menschen etwa, die über drei Ehen mit fünf Kindern nie mit ihrer Familie darüber gesprochen haben, was ihnen im Heim angetan wurde an Demütigung und Missbrauch.

Hat sich in diesen Jahren Ihr Blick auf Ihren früheren Arbeitgeber verändert?

Mein Blick ist sicher schärfer geworden. Ich war noch einmal in Korntal, gleich 2014, eingeladen zu einem Treffen ehemaliger Mitarbeiter. Da wurde ich sofort gerügt vom früheren Schulleiter: Ich hätte die Kinder halt nicht mit dem Hausmeister gehen lassen sollen, dem jetzt Missbrauch vorgeworfen wird. Das hat mich geärgert, weil es das alte Muster ist, das ich von der Evangelischen Brüdergemeinde kenne: Die Schuld wird den anderen zugeschoben, statt dass die Verantwortlichen zugeben: Das ist eine große Tragik, was damals passiert ist und was wir versäumt haben.

Was erwarten Sie nun von der Evangelischen Brüdergemeinde?

Der Ort braucht eine Erinnerungsstätte, meint Scherer. Foto: Joachim E. Röttgers
Der Ort braucht eine Erinnerungsstätte, meint Scherer. Foto: Joachim E. Röttgers

Ich erwarte ein öffentliches Schuldbekenntnis und ein öffentliches Treffen mit den ehemaligen Heimkindern und Mitarbeitern. Und dass die Verantwortlichen der Brüdergemeinde die betroffenen Heimkinder dabei um Verzeihung bitten. Für einen Neuanfang ist das wichtig. Korntal ist jetzt ein angeschwärzter Ort. Aber die wohnen dort, die leben dort, die haben ihre Häuser dort, die müssen ja da weitermachen.

Und mit dem Erinnern leben.

Natürlich muss es in Korntal einen Ort des Erinnerns geben. Das müssen die Gemeinde und die evangelische Brüdergemeinde gemeinsam möglich machen. Dieser Ort muss gestaltet werden, vielleicht von den jetzigen oder den damaligen Heimkindern. Nur so kann Versöhnung möglich werden. Es braucht einen sichtbaren Ort, wo man die Trauer, die Demütigungen ablegen kann wie eine Art schweres Paket, und wo man auf der anderen Seite sagt: Das darf nie wieder passieren. Die Opfer zu entschädigen, das reicht ja nicht. Dort, wo tot geschwiegen und verdrängt wird, leidet die Gesundheit. Denn die Seele vergisst diese Bilder nie.

Das haben Sie auch bei Ihren Recherchen zu Fluchtgeschichten in der Nachkriegszeit erfahren.

Ja, da gab es viele Parallelen zum Verschweigen und Vertuschen in Korntal. Auch bei den Fluchtgeschichten hatte ich zunächst Zweifel, ob das stimmt, was mir die alten Menschen erzählten, die waren ja schon 96, 98 Jahre alt. Doch wenn ich nachrecherchierte, stellte ich fest: Das stimmt alles. Das hat mich erschüttert, denn es zeigt, dass die Erinnerung, auch wenn man sie ganz nach unten steckt, nicht einfach verschwindet mit der Zeit. Es hört nicht auf, wenn man nicht darüber redet. Erst wenn man Trauer zulässt, kann es für die Betroffenen einen Neuanfang geben.

Welche Chancen geben Sie einem Neuanfang in Korntal?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Man muss diesen Schnitt machen. Wir brauchen dieses Schuldbekenntnis, die Entschädigung für die Betroffenen, aber auch diesen Erinnerungsort, dieses Denkmal, um weitermachen zu können. Ich hoffe, dass der Aufarbeitungsprozess das gebracht hat. Und ich hoffe, dass die Verantwortlichen in der Brüdergemeinde im Laufe dieser vier Jahre eingesehen haben, dass sie von ihrem Fundamentalismus, von ihrer Abschottung nach außen wegkommen müssen.

 

Heide Scherer: Wer Beine hat, der laufe – Geschichten von deutscher Flucht und Vertreibung. Europa Verlag, München 2016, 182 Seiten, 18,99 Euro.

Missbrauchsskandal in Korntal

Ein Kontextartikel verschaffte den Missbrauchsvorwürfen ehemaliger Heimkinder Gehör. Doch die Evangelische Brüdergemeinde tut sich schwer mit der Aufarbeitung.

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