Das Zusammenkommen in Korntal gestaltet sich immer schwieriger. Foto: Benjamin Ulmer

Das Zusammenkommen in Korntal gestaltet sich immer schwieriger. Foto: Benjamin Ulmer

Ausgabe 300
Gesellschaft

Bittere Pillen in Korntal

Von Susanne Stiefel
Datum: 28.12.2016
Die Aufarbeitung des Missbrauchskandals in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde ist im März gescheitert. Seit Oktober versucht sich ein Mediatorenduo am nächsten Anlauf. Ein neuer Aufklärer soll alsbald bestimmt werden.

Der Termin steht: Am 14. Januar soll der Mann oder die Frau ausgewählt werden. Ganz gleich, wer es wird – ihm oder ihr steht ein schwieriger Job bevor, an dem schon die Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff gescheitert ist. Die Vorwürfe von Missbrauch und Demütigungen in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde sind zusammenzutragen, zu prüfen und zu dokumentieren. "Wir sprechen von drei möglichen Aufklärern", sagt Wolfgang Schulz, ehemaliges Heimkind und Vertreter der AG Opferhilfe Korntal. Namen will der 72-Jährige nicht verraten, darauf habe man sich mit den Mediatoren geeinigt.

Kein Geheimnis ist es, dass Ulrich Weber und Christian Pfeiffer im Gespräch sind. Sowohl der Jurist als auch der Kriminologe sind Experten in diesem Feld. "Wir haben uns vorsichtig zusammengerauft und wir wollen vorankommen", versichert Schulz und spricht damit den Zwist mit der zweiten Opfergruppierung an, dem Netzwerk Betroffenenforum. 

Das sieht deren Vertreter weniger optimistisch. Detlev Zander, der mit seiner Klage gegen die Brüdergemeinde den Skandal öffentlich gemacht hat, hadert mit den Mediatoren ("brauchen wir nicht") und den Vertretern der AG Opferhilfe Korntal. Jene würden den "gleichen Fehler" wie sie selbst machen und sich von der Brüdergemeinde "über den Tisch ziehen" lassen. Sie würden bis zum 6. Januar entscheiden, ob sie an dem Treffen teilnehmen, kündigt er an. Eingeladen von den Mediatoren sind sie gleichwohl. "Wir wollen die Tür offen halten", haben die Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz in einer Pressemitteilung kundgetan. "Es spricht nichts dagegen, dass Herr Zander wieder dazu stößt", sagt auch Klaus Andersen, der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, gegenüber Kontext.

Zander und seine MitstreiterInnen hatten das erste Treffen Mitte Dezember im Streit verlassen. In der sogenannten Auftraggebergruppe (AGG) sitzen neben den Mediatoren je zwei Vertreter der beiden Opfergruppierungen und zwei Vertreter der Brüdergemeinde. Zwei Sitze sind noch frei, auf ihnen sollen zwei weitere ehemalige Heimkinder Platz nehmen, so Andersen, der sich zuversichtlich zeigt: "Die Mediation hat ihr Ziel erreicht, es besteht die berechtigte Hoffnung, dass nun alle an einem Strang ziehen." Im Januar wird sich das weisen.

Unterdessen sind neue Vorwürfe gegenüber der Brüdergemeinde laut geworden. Sie seien mit bunten Pillen und Tropfen ruhig gestellt worden, berichten ehemalige Heimkinder, die sich beim Betroffenenforum gemeldet haben. Auch dieser Medikamentenmissbrauch muss nun dokumentiert, geprüft und aufgearbeitet werden. Ob ein Aufklärer diese Mammutaufgabe in einem Jahr schaffen kann, ist fraglich. Wichtig ist allerdings, dass endlich wieder Bewegung in den Prozess kommt.

Bewegt haben sich auch Elisabeth und Dietrich Schuldt. Die engagierten Mitglieder der Brüdergemeinde hatten Anfang Oktober ihr Misstrauen gegenüber der Presse überwunden und mit Kontext geredet über Wagenburgmentalität, über Schuld und die Grenzen christlicher Nächstenliebe. Damals haben beide eingeräumt, dass sie noch nie persönlich mit einem der betroffenen ehemaligen Heimkinder gesprochen haben. Das habe sie inzwischen getan, sagt Elisabeth Schuldt.



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