Die Brüdergemeinde tut auch viel Gutes, sagen Elisabeth und Dietrich Schuldt. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Brüdergemeinde tut auch viel Gutes, sagen Elisabeth und Dietrich Schuldt. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 290
Gesellschaft

Die Grenzen christlicher Liebe

Von Susanne Stiefel
Datum: 19.10.2016
Wie lebt es sich in der Evangelischen Brüdergemeinde, als Teil einer verschwiegenen Gemeinschaft? Der Missbrauch in den Korntaler Kinderheimen ist nicht wegzudrücken. Die Vergangenheit bleibt im Kopf. Nach langem Zögern haben Elisabeth und Dietrich Schuldt geredet. Über Schuld, Misstrauen und die Grenzen christlicher Nächstenliebe.

Die Schuldts sind engagierte Mitglieder der Korntaler Brüdergemeinde. Sie zögern, zu reden, wollen sich nicht in den Vordergrund spielen, nicht als Helden darstellen. Eitelkeit ist schließlich eine Todsünde und Demut erste Christenpflicht. Doch vor allem trauen sie Journalisten nicht über den Weg, die immer nur über Verfehlungen berichten, wo in ihrer Brüdergemeinde doch so viel Gutes passiere.

Sie haben dennoch in ihren Garten eingeladen, weil sie an Lösungen interessiert sind. Kekse und Kaffee stehen auf dem Tisch und eine schriftliche Erklärung, die zu unterschreiben ist: "Zitate werden Herrn und Frau Schuldt zur Autorisierung geschickt."

Unter Christen ist die Gefahr groß, nur lieb zu sein

Auch wichtig für ihre Bereitschaft, zu reden, ist das Quentchen Wut: "Ich streite gern", sagt Dietrich Schuldt und blickt angriffslustig durch die braune Nickelbrille. Immer diese Vorwürfe, dass es mit der Aufarbeitung so schleppend vorangehe, ein schwieriger Job sei das schließlich, und die Wahrheit schwer zu ermitteln nach all den Jahrzehnten. Am Pranger zu stehen, das ärgert ihn. Unter Christen sei die Gefahr groß, nur lieb zu sein. Schuldt ist seit 14 Jahren Brüdergemeinderat und er ist nicht lieb. "Es ist schwer, all diese Dinge zu schlucken", versucht seine Frau zu beschwichtigen.

Elisabeth und Dietrich Schuldt auf dem Marsch für das Leben in Berlin. Foto: Kontext
Elisabeth und Dietrich Schuldt auf dem Marsch für das Leben in Berlin. Foto: Kontext

Die Schuldts sind überzeugte Christen. "Sie versuchen, das zu leben, woran sie glauben", sagt Peter Meincke, engagierter Streiter für das Recht der Korntaler Heimkinder und Leiter des Kammerchors der örtlichen Musikschule. Dort singt Elisabeth Schuldt seit vielen Jahren. Sie singt außerdem im Kirchenchor der Brüdergemeinde, hilft in der Begegnungsstätte "Café am Türmle", betreut Hauskreise, eine indische Familie.

Elisabeth Schuldt, 60 Jahre, kurze, graue Haare, ungeschminkt, flottes Ringelkleid, Perlenohrringe. Sieben Kinder hat die gelernte Krankenschwester groß gezogen, Bundespräsident Richard von Weizsäcker übernahm die Patenschaft beim jüngsten, und die Landesregierung die Einladung in den Freizeitpark Rust, zusammen mit anderen kinderreichen Familien Baden-Württembergs. Vor allem engagiert sich die vielfache Mutter für das ungeborene Leben. Kürzlich war sie mit ihrem Mann wieder in Berlin beim Marsch für das Leben. Die Radikalität mancher MitkämpferInnen, die selbst den Mord an Abtreibungsärzten gutheißen, verurteilt sie. Doch auf die Gegendemonstranten schaut sie mit Unverständnis. Kinder liegen ihr am Herzen.

In der Odenwaldschule hat's schließlich auch gedauert

Auch Detlev Zander, Martina Poferl oder Wolfgang Schulz, die heute für ihr Recht auf Entschädigung und Aufarbeitung streiten, waren einmal Kinder. Sie wurden in den 50er und 60er Jahren zu Opfern in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde. Auch viele andere ehemalige Korntaler Heimkinder berichten inzwischen von Demütigungen, Gewalt, häufig von sexuellem Missbrauch.

Lange hat es gedauert, bis die Brüdergemeinde sich den Vorwürfen stellte, noch länger, bis eine Aufarbeitung in Gang kam, die im März dieses Jahres gescheitert ist. Reden wir also über Schuld. "Das ist ja mein Name", sagt Herr Schuldt, "man kommt schuldig auf die Welt, das sagt schon die Bibel." Erbsünde ist ein zentraler Begriff für Christen. Er will sich den schrecklichen Vorwürfen stellen und damit umgehen. Und wer über Schuld rede, müsse auch über Vergebung reden.

Dietrich Schuldt, 68 Jahre, lange bei Bosch, zuletzt in führender Position. Ein tolles Unternehmen, die Menschen stünden im Mittelpunkt, er hat gerne dort gearbeitet, jetzt ist er in Rente. Natürlich müsse man die Vorwürfe aufarbeiten, natürlich sei es ärgerlich, dass die Professorin Mechthild Wolff das Handtuch geworfen habe und alles wieder von vorne beginnen müsse. Aber das sei schließlich ein komplexer Prozess, man müsse prüfen, was stimme, viele der Täter seien tot und die Aufarbeitung in der Odenwaldschule sei schließlich auch nicht in sieben Tagen erfolgt. 

Wie viel Wahrheit hält man aus?

Natürlich werde der Missbrauch in der Brüdergemeinde immer wieder thematisiert, nach den Gottesdiensten, im Kirchengemeinderat, wo der weltliche Vorsteher Klaus Andersen regelmäßig über den Stand der Aufarbeitung berichte, in den vielen Hauskreisen. 

Der Kaffee wird kalt, seine Stimme immer leiser, je mehr er sich in Rage redet. Was ist die Wahrheit und wie viel Wahrheit hält man aus? In der Brüdergemeinde hat sich eine Wagenburgmentalität entwickelt. "Dort hat man den Eindruck, die Presse und manche Korntaler sind gegen uns", sagt er. Die Schuldts wollen verhärtete Haltung aufbrechen, zur Versöhnung beitragen.

Man spürt Dietrich Schuldts Unmut, sich immer wieder öffentlich vorhalten zu lassen, man tue nichts. "Wissen Sie, das liest doch keiner mehr", sagt er, "die Leute schalten ab." Wer auch immer das sein soll, die betroffenen Heimkinder gehören sicher nicht zu diesen Leuten. Sie haben lebenslang unter den Folgen zu leiden, sie können nicht abschalten, viele sind bis heute in Therapie. "Kannst du etwas lauter reden", sagt sie, "ich versteh dich kaum."

In der Brüdergemeinde hat man den Eindruck, dass die Presse gegen uns ist, sagt Schuldt.
In der Brüdergemeinde hat man den Eindruck, dass die Presse gegen uns ist, sagt Schuldt. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Rollen sind traditionell verteilt bei den Schuldts. Er ist der Mann im Haus, streitlustig, direkt, offensiv. Sie hat die Kinder großgezogen, ist zurückhaltend, empathisch, beschwichtigend. Beim Offenen Abend in Stuttgart haben sie sich gefunden, in den 80er Jahren sind sie zur Brüdergemeinde nach Korntal gezogen. Sie haben von den Missbrauchsfällen in den 1980er und 2000er Jahren gewusst. Doch sie waren geschockt, als sie von den Vorwürfen der ehemaligen Heimkinder aus den 50er und 60er Jahren lasen. Furchtbar, sei das, ein Verbrechen, wenn das alles stimme, eine Riesensauerei. Und doch werde darüber der engagierte Einsatz für die Alten, Kranken, die Schwachen vergessen.

Die Sonne scheint, der Rasen ist akkurat geschnitten, die herbstlichen Hortensien blühen gepflegt in ihren Töpfen. "Hier unten in unserem Haus wohnen junge Leute, die arbeiten in den Kinderheimen der Brüdergemeinde", sagt die Frau und zeigt auf die unteren Fenster in ihrem  Haus, "das ist Knochenarbeit, viele dieser Kinder sind traumatisiert." Keine Frage, diese Kinder sind nicht nur nett. Sie lachen auch schon mal, wenn sich ein Erwachsener bei einer gemeinsamen Tour mit dem Rad überschlägt und mit Schmerzen im Graben liegt. Zwei Jahre lang hat Dietrich Schuldt den Achtjährigen einmal die Woche im Heim abgeholt, hat ihn auf Radtouren mitgenommen, sich um ihn gekümmert und dann so was! Der Heimjunge hat sich auch die Zahlenkombination am Fahrradschloss gemerkt und stolz verkündet, dass er das leicht klauen könne. Das kennen die Schuldts nicht von den eigenen Kindern.

Keine Frage, die Kinder sind nicht nur nett

Die Kinder, die vom Jugendamt in die Heime der Brüdergemeinde überwiesen werden, haben schon einiges erlebt und weggesteckt, manche Enttäuschung, manche Schläge, haben wenig oder falsche Liebe erfahren. Sie sind nicht immer sonnige Wonneproppen. Doch damit wird die Verantwortung der Betreuer nicht etwa kleiner, sondern größer.

Erst über die Zeitung, sagen die Schuldts, hätten sie von den furchtbaren Vorwürfen erfahren. Das war im Frühjahr 2014. Davor hatte Detlev Zander, der als erstes Heimkind an die Öffentlichkeit gegangen ist, schon ein halbes Jahr mit verschiedenen Verantwortlichen der Brüdergemeinde gesprochen, unter anderem auch mit dem damaligen Pfarrer.

Infostand beim Stuttgarter Kirchentag. Foto: Joachim E. Röttgers
Infostand beim Stuttgarter Kirchentag. Foto: Joachim E. Röttgers

In der Brüdergemeinde selbst kamen diese Informationen offensichtlich nicht an. Der Schock kam mit der Schadenersatzklage des Detlev Zander und mit der Erkenntnis, dass es nicht nur einen gab, der unter den Erziehungsmethoden der pietistischen Brüder und Schwestern gelitten hat. "Das tut mir so leid", sagt Frau Schuldt. Doch bis heute hat sie mit keinem der Betroffenen gesprochen.

Einer, sie kennt seinen Namen nicht, hat vergangene Weihnachten vor dem Gemeindesaal demonstriert. Es war Werner Hoeckh, der mit einer Ein-Mann-Aktion und Plakaten auf sein Leid aufmerksam machte. Sie hat ihn eingeladen, ins Warme zu kommen, in den Gottesdienst mit den Brüdern und Schwestern. Sie hat es gut gemeint. Doch für den Mann draußen war dieses Drinnen Symbol für Kälte. Er hat abgelehnt. Mehr geredet hat sie nicht mit ihm. Mit keinem der betroffenen Heimkinder. Genauso wenig wie ihr Mann. Da bleibt der Wunsch nach Versöhnung, aber auch eine große Hilflosigkeit. Und der Unwillen, sich einmal persönlich anzuhören, was die betroffenen Heimkinder erzählen. "Vielleicht auch", sagt er, "weil viele von ihnen so schroff sind." 

In drei Jahren, 2019, feiert die Evangelische Brüdergemeinde Jubiläum. Dann gibt es die pietistische Glaubensgemeinschaft seit 200 Jahren. Das ist Geschichte. Das Leid der ehemaligen Heimkinder ist es nicht.


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