Ein Bild aus besseren Tagen: Werner Hoeckh, Uli Scheuffele, Michael Spreng, Alfred Wieland und Detlev Zander (von links) im Juli 2014. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ein Bild aus besseren Tagen: Werner Hoeckh, Uli Scheuffele, Michael Spreng, Alfred Wieland und Detlev Zander (von links) im Juli 2014. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 239
Gesellschaft

Ringen um Vertrauen

Von Susanne Stiefel
Datum: 28.10.2015
Die Korntaler Heimopfer sind heillos zerstritten. Das macht die Klärung der Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde nicht einfacher. Bei ihrem Treffen am kommenden Samstag soll der Streit beigelegt und das wissenschaftliche Aufarbeitungskonzept vorgestellt werden.

Die Korntaler Heimkinder haben dafür gekämpft, dass ihr Leid beim Evangelischen Kirchentag in Stuttgart im Juni zum Thema wurde. Das ist ihnen gelungen. Sie kamen mit einem eigenen Stand und bei einer zentralen Podiumsdiskussion zu Wort. Doch seitdem fliegen die Fetzen. Es geht um den richtigen Weg der Aufarbeitung, die Rolle der Steuerungsgruppe unter der Leitung der Landshuter Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff und der darin sitzenden OpfervertreterInnen. Es geht um deren demokratische Legitimation, Transparenz und nicht zuletzt um den Umgang mit Spendengeldern. Etwa um die Bezahlung des Kirchentagstands.

Uli Scheuffele.
Uli Scheuffele.

Auf der einen Seite steht eine Gruppe Betroffener und die Opferhilfe, ein Unterstützerkreis Korntaler Bürger, darunter Uli Scheuffele, der in den 70er-Jahren als Zivildienstleistender in Korntal arbeitete. Auf der anderen Seite die drei Opfervertreter in der Steuerungsgruppe, darunter der inzwischen heftig umstrittene Detlev Zander, der mit seiner Klageandrohung den Stein ins Rollen gebracht hat, und deren Unterstützer. Und dazwischen ein tiefer Graben voll zerschlagenem Porzellan.

In den vergangenen fünf Monaten hat sich der Streit verselbstständigt, orchestriert durch emotionale Facebook-Ausfälle. Persönliche Scharmützel wurden zu Beleidigungen, führten zu Anzeigen und Denunziation. Der eine wurde beim Jobcenter angeschwärzt, der andere bei seinem Arbeitgeber. Opfertreffen wurde von der einen Gruppe anberaumt, von der anderen abgesagt oder nicht anerkannt, unliebsame Personen ausgeschlossen. Gemeinsame Beschlüsse gab es nicht mehr. Das muss geklärt werden. Schließlich wollte man einmal gemeinsam den Missbrauchsskandal in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal aufarbeiten.

Opferschlachten

Es ist nicht einzigartig, was derzeit in Korntal passiert. Auch in der Odenwaldschule haben sich die Opfer Schlachten geliefert. Und auch Matthias Katsch, der die sexuellen Übergriffe am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich gemacht hat, weiß, wie belastend die Diskussion solch traumatischer Heimerlebnisse ist. "Es ist wichtig, dass die Institution den Betroffenen hilft, ihre Rolle wahrzunehmen", so Katsch bereits im Juni im Kontext-Interview. "Wenn nötig, brauchen wir eine weitere Person, die unter den Beteiligten schlichtet", greift Mechthild Wolff gegenüber Kontext diesen Gedanken auf, "mein Job ist es nicht, persönliche Fehden zu moderieren."

Die Erziehungswissenschaftlerin entwickelt seit Januar Kriterien für die Aufarbeitung in einer sogenannten Steuerungsgruppe. Die ist paritätisch besetzt mit drei Heimopfern und drei Vertretern der Brüdergemeinde. Am kommenden Samstag will sie mit allen Heimkindern ihr Konzept diskutieren. Dass dazu Transparenz, Einvernehmen und Vertrauen nötig sind, ist ihr bewusst. "Ich wünsche mir, dass sich die Gemüter beruhigen und die Betroffenen merken, dass es bei der Aufarbeitung um ihre Interessen geht." Für diesen Prozess braucht es das Vertrauen aller, auch wenn Misstrauen durch die erfahrenen Demütigungen der Heimkinder verständlich ist. "Misstrauen ist entstanden durch den Schlamassel, den die Brüdergemeinde ausgelöst hat", sagt Wolff. Das müsse auch die Brüdergemeinde verstehen. Doch um dieses Vertrauen auch innerhalb der zerstrittenen Parteien wieder herzustellen, muss beim nächsten Opfertreffen intern einiges geklärt werden.

Uli Scheuffele von der Korntaler Opferhilfe auf der einen Seite kritisiert vor allem mangelndes Demokratieverständnis der Opfervertreter in der Steuerungsgruppe, allen voran Detlev Zander, und mangelnde Transparenz. Er bemängelt, dass klare Absprachen fehlen und damit die Basis, auf der die Opfervertreter der Steuerungsgruppe arbeiten. Ungeklärt sei die Frage, in welchem Abstand über den Stand der internen Diskussionen informiert werde.

Inzwischen ist ein Mitglied der Steuerungsgruppe krankheitshalber ausgeschieden. Der bisherige Stellvertreter Wolfgang Schulz kann sich den Job vorstellen. "Aber es braucht eine demokratische Legitimation der Steuerungsmitglieder vonseiten der Opfer und eine Geschäftsgrundlage, die die Arbeit dort regelt", sagt Schulz, der viele Jahre für die Liste "Wir in Pforzheim" im dortigen Gemeinderat saß. Schulz, auch er ein ehemaliges Korntaler Heimkind, will, dass endlich wieder inhaltlich diskutiert wird.

Detlev Zander.
Detlev Zander.

Das will auch Detlev Zander. "Wir kämpfen schließlich für die gleichen Ziele", sagt er gegenüber Kontext. Zander ist sich sicher, dass auch die Betroffenen eine Supervision brauchen und hat sich schon auf die Suche nach einer geeigneten Person gemacht. "Ob ich beim Opfertreffen kommenden Samstag schon jemanden präsentieren kann, weiß ich nicht", räumt er ein. Präsentieren will er die Satzung eines noch zu gründenden Vereins der Heimkinder. Auch Zander beteuert, einen Schlussstrich ziehen zu wollen.

Die Aussprache soll im Anschluss an die Workshops bei einem internen Opfertreffen stattfinden. Verein, Supervision, die Besetzung der frei gewordenen Stelle in der Steuerungsgruppe und die Wahl eines Stellvertreters, so Zander, stünden auf seiner Tagesordnung.

"Ich will, dass der Streit beigelegt wird", sagt Wolfgang Schulz. "Ich werbe dafür, dass wir wieder eine Einheit werden", sagt Detlev Zander. Und auch Uli Scheuffele will lieber inhaltlich arbeiten als streiten. Man darf gespannt sein, ob das beim Opfertreffen gelingt. Sinnvoll wäre es allemal.


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