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Neue Erkenntnisse, neue Fragen

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Viele Gegentheorien zum offiziellen Ermittlungsergebnis im Fall Michele Kiesewetter ranken sich um die letzten 60 Stunden der ermordeten Polizistin. Die zuständige LKA-Kriminalhauptkommissarin geht nach akribischer Nacharbeit von einer Zufallstat aus. Weiter bringt das den NSU-Ausschuss nicht.

Die 31. Sitzung bringt erst einmal 15 Minuten Hass und Verhöhnung: Im abgedunkelten Plenarsaal wird die Bekenner-DVD des NSU vorgeführt, die unter dem Namen "Paulchen-Panther-Video" bekannt geworden ist. Vermutlich "post mortem", sagt BKA-Experte Harald Dern, habe der Clip die Täterschaft des NSU bei den Mordanschlägen in Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund und Kassel belegen sollen. Und so kam es auch. Im Brandschutt des von Beate Zschäpe angezündeten letzten Wohnsitzes in der Zwickauer Frühlingsstraße wurden 270 Gigabyte Videodaten gefunden. Anhand von 463 Dateien konnten die Auswerter den Prozess der Herstellung analysieren – am Kriminalistischen Institut, um die "Stimmigkeit der Konstruktion der kommunikativen Botschaft aus sich heraus bewerten zu können", wie der Zeuge erläutert.

In Sachen Kiesewetter erwies sich der Aufwand nicht als hilfreich. Hinweise auf die Theresienwiese gibt es nur am Ende des perfiden Machwerks, platt drangeklatscht. Ein Kontrast zu all den mühseligen Schnitt- und Synchronisierarbeiten, mit denen die Filmmacher Paulchen Panthers Wege durch den mörderischen NSU mit Originalmusik und -kommentaren unterlegt und nachgezeichnet haben. Eine Collage aus Fotos, unter anderem vom Trauerzug und einer Polizeiwaffe, ist abspanngleich nach den berühmten Worten "... ich komme wieder, keine Frage" eingeblendet.

BKA-Experte spricht von "schierer Mordlust"

Zuvor schiebt sich Paulchens rosa Schlangenarm einmal in den Cartoon, um auf einen Polizeibeamten anzulegen. Der BKA-Experte kann darin keine Signale auf ein gesteigertes Interesse an Anschlägen auf die Staatsmacht herauslesen. Allerdings kann er die allmähliche Veränderung weg von simplen rassistischen Parolen hin zu einer ziemlich detailverliebten Produktion nachvollziehen. Der Panther sei "ein Schelm", erläutert Dern, "ein Protagonist, der immer siegreich bleibt, der nicht wirklich böse ist, so zeitlos, dass man ihn in zehn Jahren auch noch cool finden wird, davon abgesehen, dass er jetzt durch das Video diskreditiert ist".

Angesichts der IT-Kenntnisse und des Engagements, ohne das die Macher, allen voran vermutlich Uwe Mundlos, die 15 Minuten nicht hätten gestalten könnte, verwundert nicht nur den Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) der Verzicht auf eine entsprechende Einarbeitung der Heilbronner Tat. Der Zeuge bietet eine einfache Erklärung an: Die Arbeit an dem Clip wurde vor der Tat abgeschlossen, danach hatte das Trio einen vierwöchigen Urlaub auf Fehmarn im Blick. In den vier Jahren bis zum mutmaßlichen Selbstmord der beiden Männer in Eisenach wäre jedoch reichlich Zeit gewesen, um Michèle Kiesewetter etwa in jener Szene einzuarbeiten, in der Paulchen von den anderen Taten träumt, Opferbilder mit zerschossenen Gesichtern inklusive. Drei dieser Aufnahmen müssen die Täter nach den Erkenntnissen der Ermittler übrigens selber gemacht haben. "Während ihre Opfer im Sterben lagen", sagt Dern und spricht von "kalter Mordlust", die durch die Comic-Figur abgemildert werden sollte.

Der 54-Jährige Kriminalhauptkommissar ist jedenfalls der Typ eines Beamten, wie ihn sich die Abgeordneten schon öfter gewünscht hätten. Gut informiert, sachlich, auskunftsbereit. "Erfreulich" nennt CDU-Obmann Matthias Pröfrock den Auftritt, "bei allem Abscheu über den Film". Als der Grüne Jürgen Filius sagt, ein Bekenntnis zu dem Verbrechen in Heilbronn könne er weder dem Clip noch den Auskünften des Zeugen entnehmen, bestätigt der: "Das ist eine sehr gute Feststellung."

Kiesewetter: auffällig viele SMS am Tag vor der Tat

Noch heikler stellt sich die Lage nach der zweiten Zeugin dar. Sabine Rieger, Kriminalhauptkommissarin im Landeskriminalamt, hat die Heilbronner Ermittlungen noch einmal nachgearbeitet, gerade jene zu Kiesewetters Umfeld. Immer wieder geben die Anlass zu Spekulationen, etwa, weil unterstellt wird, die Polizei habe sich damit nicht ausreichend befasst. Die Bundesanwaltschaft, kritisiert zum Beispiel Hajo Funke in seinem Buch "Staatsaffäre NSU", sei nie der Hypothese nachgegangen, dass eine weibliche Person "aus dem Heimatumfeld der getöteten Polizistin Mundlos und Uwe Böhnhardt nach Heilbronn begleitet" habe.

Unter anderem kursiert die These, die junge Frau könnte am Wochenende vor ihrer Ermordung daheim in Thüringen Informationen über die rechte Szene und den NSU erlangt haben, sodass ihre gezielte Ermordung beschlossen worden sei. Laut Rieger hatte sie in den Tagen vor der Tat immerhin 23 Mal per SMS Kontakt mit ihrem Kollegen Martin Arnold gehabt. "Das fand ich auffällig", sagt die Beamtin. Trotzdem sieht sie die Theorie von der Zufallstat nicht unterminiert. Im Gegenteil: Denn die Auswertung der Mitteilungen hat erbracht, dass Kiesewetter den Einsatztag gar nicht parat hatte, sondern von Donnerstag statt von Mittwoch schreibt. Und wie kurz sie beim Geburtstag ihrer Mutter in Thüringen gewesen sei. Aus Langeweile habe sie Oberweißbach schon am Samstag wieder verlassen, um nach Baden-Württemberg zurückzukehren.

Am Montag und Dienstag hat sie frei und hilft Kollegen beim Tapezieren der Wohnung. Sie übernachtet bei der Bereitschaftspolizei, bevor sie am Mittwoch nach Heilbronn aufbricht zu einem Einsatz, der überraschenderweise auch noch von 11.30 auf 9.30 Uhr vorgezogen wird. Die "unbeschwerte Art", in der sie kommuniziert, passe nicht zu einer Beziehungstat, meint Rieger und lässt die Abgeordneten einigermaßen verunsichert zurück. "Was passt wie zusammen?", fragt Drexler. Es sei Kiesewetter an jenem Wochenende gar nicht möglich gewesen zu sagen, dass sie am 25. April in Heilbronn Dienst haben würde.

Am Freitag wird Kiesewetters Onkel gehört

Für den Freitag erhoffen sich die Abgeordneten wieder einmal von neuen Zeugen neue Antworten. Der Onkel der Getöteten, selber Polizist, wird gehört. Der hat in einer Aussage bald nach der Tat von sich aus eine Verbindung zwischen den "bundesweiten Türken-Morden" und Heilbronn hergestellt. Bei weiteren Vernehmungen konnte er das aber nicht weiter ausführen. Rieger widerspricht Darstellungen, wonach dieser erstaunlichen Einlassung von Mike Wenzel nicht weiter nachgegangen worden sei. Sie selbst habe ihn am 14. Dezember 2011, gut fünf Wochen nach dem Auffliegen des NSU, damit konfrontiert "und er war überrascht, dass er das jemals gesagt hat".

Hajo Funke, der Rechtsextremismus-Experte, der sich mit dem Ausschuss über den Fall des toten Rechtsaussteigers Florian Heilig zerstritten hat, wirft in seinem Buch viele Fragen an Wenzel auf: "Wusste Kiesewetter zu viel (von ihrem Onkel)? Wusste der Onkel mehr – auch darüber, was seither geschah?" Die Abgeordneten werden ebendiese Fragen stellen. Und es gehört wenig Fantasie dazu sich vorzustellen, wie sich aus Wenzels Aussage abermals zusätzlicher Ermittlungsbedarf ergibt.


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9 Kommentare verfügbar

  • Kornelia
    am 03.11.2015
    Antworten
    @Renate Ziegler, danke für Ihren Beitrag....
    Es ging mir mal wie Sasha Lobo, ich sah das Internet als eine ur-demokratische Bereicherung!
    Heute denke ich es ist wie auf den Autobahnen, wo erwachsene Menschen drängelnd, unerbittlich und rechthaberisch nicht selten Verfolgungs-wahn-jagden…
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