Am Tatort Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers

Am Tatort Theresienwiese. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 236
Politik

Verräterische Pizzaschnitte

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 07.10.2015
Kann sich Martin Arnold an die Tat erinnern? Im NSU-Untersuchungsausschuss halten Gutachter es für ausgeschlossen, dass der damalige Kollege von Michèle Kiesewetter bei der Rekonstruktion des Mordes auf der Heilbronner Theresienwiese mithelfen kann. Aber ist das so?

Heinz-Dieter Wehner, emeritierter Direktor des Tübinger Instituts für Rechtsmedizin, war schon einmal Zeuge. Im März hatte er detailliert sein Vorgehen im Fall des in seinem Wagen verbrannten Rechtsaussteigers Florian Heilig zu Protokoll gegeben. Und seine Verwunderung darüber, dass nicht weiter untersucht worden war, "ob es ein Suizid oder ein Tötungsdelikt war". Jetzt erläutert er, dass die Heilbronner Täter Links- oder Rechtshänder hätten sein können und anhand einer anthropomorphen Puppe, wie der Kopf der Polizistin Kiesewetter so lange gedreht wurde, bis der Schusskanal und der Einschuss in der Trafohäuschenwand an der Theresienwiese eine Linie ergaben. Wehner wollte so rückschließen auf die Größe des Schützen.

Auf der Seite von Kiesewetters Kollegen Arnold erwies sich dieses Verfahren nach "einer Matrix aus Vorgaben" als schwieriger: Das Projektil prallte in seinem Kopf auf das besonders harte Felsenbein und trat deshalb in einem Winkel wieder aus. Ob die herausgefilterten Möglichkeiten und Hinweise auf den oder die Täter tatsächlich zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt passen, den beiden mutmaßlichen NSU-Tätern, die viereinhalb Jahre später in Eisenach tot in dem ausgebrannten Wohnwagen gefunden wurden, das weiß der Professor nicht: "Dazu sind wir nicht gefragt worden. Ich kenne die Maße überhaupt nicht und habe keine weiteren Aufträge bekommen."

Einen anderen Auftrag bekam er schon. Noch vom Tatort in Heilbronn wird der Professor per Hubschrauber an Arnolds Krankenbett geflogen. Im Ausschuss zeigt er ein Foto einer verbundenen, blutbespritzten Hand. Das Opfer habe sie in der Nähe des Einschusses gehabt, sagt er. Das sei für die Kriminalisten deshalb wichtig, "weil sie wissen möchten, ob er reagierte". Keiner der Abgeordnete fragt nach, wieso er überhaupt nach Ludwigsburg geflogen wurde, da er doch seine Patienten gut gelaunt im Allgemeinen als solche beschreibt, die "nicht mehr sprechen". Aber alle hören gebannt zu, als er erläutert, wie beim Eintritt der Kugel der Druck im Gehirn so drastisch ansteigt, dass es sofort seine Arbeit einstellt. Da spiele der Schusskanal keine Rolle: "Schon wenn ein Patient fällt, weiß er nichts mehr über das Fallen."

Erinnerungen seien unmöglich, sagt der Neurologe

Ein paar Stunden später wird sich auch der Neurologe, Psychiater und Psychologe Thomas Heinrich darauf festlegen, dass Arnold sich angesichts des "Schädel-Hirn-Traumas der schwersten Form" unmöglich an irgendetwas von der Bluttat erinnern könne. Heinrich hat mit dem Polizeibeamten gesprochen und hält in seinem Gutachten dessen Aussagen für unverwertbar, weil eine Amnesie vorliege, und zwar zeitlich "nach vorne und nach hinten". Diesen Zeugen allerdings wollen die Abgeordneten nicht so einfach davonkommen lassen. Was nicht zuletzt mit dem Auftritt der forensischen Hypnotherapeutin Andrea Beetz vor dem Ausschuss zusammenhängt.

Die hatte im Juli souverän und im Wissen, dass ihre Methoden umstritten sind, von einem Treffen mit Arnold vor sieben Jahren berichtet. Dabei hatte der sich sehr wohl erinnert, zum Beispiel an eine bis dahin noch nie erwähnte Pizzaschnitte als Pausenbrot, ferner an eine männliche Person mit dunklen Jeans, Kurzarmhemd, schwarzen Schuhen und kurzen, dunklen Haaren. Und, wiederum erstmals, an eine zweite Person, mit rot-weiß kariertem Hemd an der Beifahrerseite, deren Gesicht er aber nicht habe sehen können. Die Kollegen werden diese Erinnerungen als "glaubhaft" einstufen, weitere Ansätze erkennen sie aber nicht. Auch Beetz beschreibt als es ungewöhnlich, dass sich jemand nach einer derartig schweren Kopfverletzung detailliert erinnert.

"Er hat sich in der Hypnose etwas zusammengereimt", urteilt der Neurologe Heinrich kühl. Das aufgrund seiner Aussagen angefertigte Phantombild sei "Ausfluss versuchter Reflexion". Ganz aus sich heraus kommt der Gutachter freilich nicht zu diesem Schluss. Seltsamerweise hatte der Heilbronner Staatsanwalt Christoph Meyer-Manoras seine eigene Einschätzung, dass auf Arnolds Aussagen nichts zu geben sei, schon mal vorsorglich dem Auftrag angeheftet. Als der Grüne Alexander Salomon insistiert, wird der Neurologe unwirsch. Er habe sich die Meinung nicht von Herrn Meyer-Manoras vorgeben lassen: "Es ist mir völlig egal, was ein Auftraggeber will, wer ein Gefälligkeitsguten will, muss sich einen anderen Gutachter suchen." Am Ende nimmt der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) das bisher nicht bekannte Schreiben des Staatsanwalts an sich. Und der Gutachter kann sich vorstellen, dass Arnold doch so etwas wie "Erinnerungsfetzen" haben könnte.

Die sind eigentlich mit der Pizzaschnitte ohnehin belegt. Vor allem aber ist sicher, dass so manches an der bisherigen offiziellen Tatversion nicht stimmen kann. Jener Beamte, der den Kollegen in der Reha über viele Stunden ausgefragt hatte, berichtete dem Ausschuss im Juli ebenfalls von Erinnerungen im Jahr 2008, insbesondere vom entschiedenen Erinnerungswillen Arnolds. Das Phantombild wird gefertigt, das weder Mundlos noch Böhnhardt zeigt. Durchs Netz geistern Spekulationen, es könnte sich um einen Serben handeln, der am Tattag allerdings gar nicht in Heilbronn gewesen sein soll. Was die Bedeutung der Zeichnung aber nicht schmälert. Arnold habe "klare und konkrete Erinnerungen an die Situation, die er sich immer wieder vor seinem inneren Auge abrief und beschrieb", schreiben die Beamten ins Protokoll.

Ungewissheit über die Erinnerungsfetzen

Später widerruft er, ist selbst gegen die Veröffentlichung und will sich nach einem Gespräch mit Meyer-Manoras an nichts mehr erinnern. Im Münchener NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe und andere sagt der Polizist im Januar 2014: "Von dem Tag weiß ich nichts mehr." Das will nicht einmal Heinrich behaupten. Vielmehr berichtet der aus seinem von ihm handschriftlich protokollierten Gespräch, Arnold habe sich an den Tattag sehr wohl erinnern können, daran, mehrere Leute kontrolliert zu haben, an die Rauchpause auf der Theresienwiese und dass er sich von Michèle habe herumkutschieren lassen.

Matthias Pröfrock, der CDU-Obmann im Ausschuss, sieht am Ende des Sitzungstages die amtliche Tatversion bestätigt. Was allerdings nicht nur die Ungewissheit über die Erinnerungsfetzen ausblendet, sondern etliche andere wichtige Einzelheiten. Darunter Mitteilungen jener Molekularbiologin, die eine in der von Brand und Explosion zerstörten Zwickauer NSU-Wohnung entdeckte Jogginghose untersucht und die Blutspuren darauf Kiesewetter zugeordnet hatte. Unter geht, dass die Hose erstaunlicherweise unversehrt war. Und die beiden in dem ausgebrannten Wohnmobil aufgefundenen Dienstwaffen aus Heilbronn, berichtet die Wissenschaftlerin, seien "durch die Brandeinwirkung nicht wirklich stark beeinträchtigt".

Nachfragen der Angeordneten? Fehlanzeige. Stattdessen kommt SPD-Obmann Nik Sakellariou nicht darüber hinweg, dass die Jogginghose viereinhalb Jahre ungewaschen aufbewahrt worden sein soll, von wem auch immer. Kein schlechter Ansatz, um die offiziellen Darstellungen weiter abzuklopfen. Der Ausschuss wird die beteiligten Thüringer Beamten als Zeugen laden. Auch jene, die so gar kein Interesse hatten, sich wissenschaftlich belegen zu lassen, dass die Körpergröße von Mundlos und Böhnhardt wirklich zu der in Tübingen entwickelten "plausiblen Opfer-Täter-Position" passt.


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1 Kommentar verfügbar

  • Barolo
    am 07.10.2015
    Also mal abgesehen, daß es keine einzige Spur der Uwes am Heilbronner Tatort gibt, obwohl den beiden Polizisten die Waffen abgenommen wurden, wie wäre es dann mal mit Fingerabdrücken der beiden Polizisten (Arnold und Kiesewetter) aus dem Fahrzeug mit dem sie unterwegs waren?
    Kann es sein, daß die fehlen?
    Haben der/die Mörder etwa alles sorgfältig gereinigt?
    Hat man Prints genommen und verglichen?
    Mit wem? (Bei den Uwes hats ja mal nicht gepasst , gell?)
    Was ist mit den vielen BFE'lern die sich an dem Tag dort zufällig rumgetrieben haben?

    Oder darf so ein Ausschuss solche ketzerischen Fragen gar nicht stellen?

    Frau Johanna Henkel-Waidhofer, bitte weiterbohren und gerne noch deutlich tiefer.
    Wo Sie geeignetes Aktenmaterial und die entsprechenden Widersprüche finden ist ja bekannt.

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