KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Der Handel zwischen Europa und Afrika ist weniger ausgewogen. Foto: Joachim E. Röttgers

Der Handel zwischen Europa und Afrika ist weniger ausgewogen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 236
Überm Kesselrand

Ungleiche Partner

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 07.10.2015
Mit der Unterzeichnung des TPP-Abkommens vor einigen Tagen haben die USA und elf Pazifikanrainer eine riesige Freihandelszone geschaffen. In Europa streitet man weiter über TTIP. Über die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA) der EU vor allem mit afrikanischen Staaten wird hier kaum berichtet. Die Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Europa und diesen Ländern ist eine Geschichte der Ausbeutung. Wenn die neuen Abkommen in Europa ratifiziert werden, wird dies weitere Flüchtlingsströme in Gang setzen.

Zehn Jahre lang haben sich die afrikanischen Staaten und Staatenbünde gewehrt, dann sind sie einer nach dem anderen eingeknickt. Seit dem Cotonou-Abkommen von 2000 sollen sogenannte Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (Economic Partnership Agreements, EPA) die bestehenden Handelsvergünstigungen für die ehemaligen Kolonialländer ersetzen. Unterzeichner des Cotonou-Abkommens sind die EU-Mitgliedsstaaten und 79 Länder aus Afrika, der Karibik und dem pazifischem Raum (die sogenannten AKP-Länder). Seit 2004 laufen die Verhandlungen. Vor allem Organisationen der Zivilgesellschaft wie das Third World Network in Ghana oder die im Senegal beheimatete Plattform der zivilgesellschaftlichen Organisationen Westafrikas gegen das Cotonou-Abkommen (Poscao) schlugen Alarm.

Da setzte die EU die Daumenschrauben an: Wenn sie die Abkommen nicht unterzeichnen, die afrikanische Märkte für europäische Produkte öffnen sollen, würde Europa umgekehrt die Zollvergünstigungen streichen, von denen die afrikanischen Länder seit dem Lomé-Abkommen profitieren, das bis 2000 die Handelsbeziehungen regelte.

Wichtiger Hafen Durban, Südafrika. Foto: Joachim E. Röttgers
Wichtiger Hafen Durban, Südafrika. Foto: Joachim E. Röttgers

Der EU stand ein reiches Instrumentarium zur Verfügung: Sie konnte lateinamerikanische Länder, mit denen sie eigene Freihandelsabkommen abschloss, gegen die Afrikaner ausspielen. Oder die Importzölle auf die wichtigsten Exportprodukte Kenias wie Schnittblumen, Bohnen oder Kaffee von 8,5 auf mehr als 30 Prozent anheben, wie am 1. Oktober 2014 geschehen. Einen Monat später hatte die EU auch Ostafrika in der Tasche. Die westafrikanische Währungsgemeinschaft, die südafrikanischen Länder und Kamerun hatten bereits im Juli unterzeichnet.

"Knallharte Erpressung"

Ökonomische Partnerschaft: Das klingt nach Austausch auf Augenhöhe in beidseitigem Interesse. Von nachhaltiger Entwicklung, Partnerschaft auf Augenhöhe, gerechten Handelsregelungen und fairen Absatzchancen fabulierte etwa der CDU-Abgeordnete und Theologe Frank Heinrich in einer Bundestagsdebatte im September 2014. Uwe Kekeritz vom Bündnis 90/Die Grünen sprach dagegen, einig mit den Linken, von "knallharter Erpressung".

Partnerschaft und Zusammenarbeit haben den Begriff der Entwicklungshilfe abgelöst. So entstand die heutige Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (giz) 2011 aus dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) und der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), die wiederum 1975 aus der Fördergesellschaft für die Entwicklungsländer und der Bundesstelle für Entwicklungshilfe (BfE) hervorgegangen war.

Kinder auf der größten Mülldeponie von Mosambik. Foto: www.amundzukukahina.org
Kinder auf der größten Mülldeponie von Mosambik. Foto: www.amundzukukahina.org

Die Entwicklungshilfe war damals in die Kritik geraten. Der Begriff suggerierte Abhängigkeit und Ungleichheit: einen Gegensatz zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern, in dem ältere Vorstellungen von der Zivilisation und den Wilden fortlebten. Bundespräsident Heinrich Lübke hatte noch verkündet: "Die Entwicklungshilfe ist im besten Sinne ein Werk weltumspannender Nächstenliebe." Hans-Jürgen Wischnewski, 1966 bis 1968 Entwicklungsminister, schränkte ein: "Natürlich spielen unsere ökonomischen, aber auch unsere politischen Interessen eine Rolle."

Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung war 1961 gegründet worden, kurz nach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Zwei Jahre später schloss die damalige EWG mit den französischsprachigen afrikanischen Staaten das Yaoundé-Abkommen. Es war die Zeit der Dekolonisierung: Ein Land nach dem anderen erkämpfte seine Unabhängigkeit. Frankreich und Europa wollten ihren Rohstoffnachschub sichern. 

Auf Yaoundé folgte 1975 Lomé: Großbritannien war der EG beigetreten. Und die Ölkrise hatte die Gefahr plastisch vor Augen geführt, dass sich die Länder der Dritten Welt gegen die Erste verbündeten. Es galt, Entgegenkommen zu zeigen. Die ehemaligen Kolonialländer durften ihre Produkte zollfrei nach Europa einführen. Darüber hinaus sollten ihnen Fonds zum Erhalt der Bergbaukapazitäten und zur Stabilisierung der Exporterlöse (Stabex) bei schwankenden Weltmarktpreisen Planungssicherheit geben.

Hilfe beim Aufbau einer eigenen Industrie lag nicht im europäischen Interesse

Dies hatte aber den Effekt, dass sich ihre wirtschaftlichen Aktivitäten ganz auf Landwirtschaft und Rohstoffe konzentrierten. Hilfe beim Aufbau einer eigenen Industrie – und was kann mit Entwicklung sonst gemeint sein? – lag nicht im europäischen Interesse. Um hier weiterzukommen, mussten die afrikanischen Länder Schulden aufnehmen. Dann allerdings kam es Ende der 70er-Jahre zu einem dramatischen Einbruch der Weltmarktpreise für Lebensmittel und Landwirtschaftsprodukte. Der Verlust an Exporterlösen, verbunden mit einer einseitigen Zinserhöhung der USA, führte die Länder um 1980 geradewegs in die Schuldenfalle.

"Verlängerte Werkbank": Viele Autohersteller lassen ihre Produkte in Afrika endmontieren, um Zölle zu sparen. Foto: Joachim E. Röttgers
"Verlängerte Werkbank": Viele Autohersteller lassen ihre Produkte in Afrika endmontieren, um Zölle zu sparen. Foto: Joachim E. Röttgers

In den folgenden Jahren spitzte sich die Situation immer mehr zu. Die Schuldzinsen der ärmeren Länder überstiegen die Entwicklungshilfe. Um neue Kredite zu gewähren, verlangten Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) die Umsetzung von Strukturanpassungsprogrammen: Haushaltsdisziplin, umfassende Liberalisierungen, die Privatisierung von Staatsbetrieben. So wurde die staatliche Bergbaugesellschaft Gécamines, die früher den überwiegenden Teil der Exporterlöse der Demokratischen Republik Kongo erwirtschaftete, nach und nach privatisiert. Nun profitieren internationale Konzerne vom Rohstoffreichtum des Landes.

1987 hielt der damalige Präsident von Burkina Faso, Thomas Sankara, vor der Organisation afrikanischer Einheit (OAU) in Addis Abeba eine viel beachtete Rede, in der er dazu aufrief, die Schuldenrückzahlung zu verweigern. Drei Monate später wurde er ermordet. Der Fall bleibt bis heute ungeklärt, ebenso wie der Mord an Alfred Herrhausen, der sich als Vorstandssprecher der Deutschen Bank 1987 auf einer Weltbank-Tagung und erneut ein Jahr später im vornehmen Club der Bilderberg-Konferenz zum Entsetzen seiner Zuhörer ebenfalls für einen Schuldenschnitt aussprach. Zahlreiche Ungereimtheiten lassen die These, die RAF sei für den Anschlag verantwortlich gewesen, mehr als unwahrscheinlich erscheinen. Heute ermittelt das Bundeskriminalamt gegen unbekannt.

Die treibende Kraft hinter dem Cotonou-Abkommen war die 1995 gegründete Welthandelsorganisation (WTO), die als wichtiges Mittel zur Streitschlichtung Schiedsgerichte einführte. Gegen die Begünstigung afrikanischer Bananenexporteure klagten dann allerdings nicht etwa karibische Staaten, sondern die USA.

Die neoliberale Logik des freien Welthandels bedeutet, dass sich das Recht des Stärkeren durchsetzt. China und Indien konnten nur aufholen, indem sie ihre Wirtschaft durch Zölle und Subventionen schützten. Wenn die afrikanischen Länder nun auf Importzölle verzichten sollen, wird ihnen ein Großteil ihrer Staatseinnahmen verloren gehen. Hoch subventionierte europäische Fabrikhühnchen machen die einheimischen Märkte kaputt. Supermärkte befinden sich auf dem Vormarsch. Kleinbauern geraten ins Hintertreffen.

Es ist ein weiterer Schritt in einer langen Kette von Maßnahmen, die angeblich Abhilfe schaffen sollen und alles nur noch schlimmer machen: Kleiderspenden führen die lokale Textilproduktion in den Ruin. Weltweit agierende Konzerne wie Monsanto machen Kleinbauern mit manipuliertem Saatgut von Importen abhängig, die sie nicht bezahlen können. Subventionierte europäische Fabrikschiffe fischen die Meere vor der senegalesischen Küste leer und bringen die einheimischen Fischer um ihren Ertrag.

Die heimischen Märkte werden kaputtgemacht

Dem Senegal geht damit sein wichtigstes Grundnahrungsmittel und Exportgut verloren. Ein Fünftel aller afrikanischen Flüchtlinge kommen deshalb nach Europa. Fischer verkaufen ihre Pirogen, die bringen sie zu den Kanaren. Viele, auch in Afrika sagen, afrikanische Staatenlenker seien selbst für die Misere verantwortlich. Die Senegalesen haben sich gewehrt. Friedliche Proteste im Gefolge der tunesischen Revolution führten 2012 dazu, dass der langjährige Präsident Abdoulaye Wade abgewählt wurde. Doch sein Nachfolger Macky Sall hat sich mit dem EPA abgefunden.

Kleinbauerninitiative in Boke, Guinea. Foto: www.alanouwaly.com
Kleinbauerninitiative in Boke, Guinea. Foto: www.alanouwaly.com

Die Handelsbilanz des Landes fällt negativ aus. Was an Fischfang noch bleibt, reicht nicht für den Export. Die noch aus Kolonialzeiten stammende Erdnuss-Monokultur steht aufgrund von Klimawandel, Dürre und dem Verfall der Weltmarktpreise ebenfalls vor Problemen. Unverzichtbar sind daher die Einnahmen, die Migranten aus Europa und Amerika nach Hause schicken: zwei Milliarden Dollar im Jahr, doppelt so viel wie die gesamte Entwicklungshilfe.

Wenn nun subventionierte europäische Agrarprodukte den Markt überschwemmen, müssen Kleinbauern, die auch so schon unter Dürre und ausgelaugten Böden leiden, um ihre Existenz fürchten. Mehr noch als bisher werden sie versuchen, entweder in den Städten ein Auskommen zu finden oder sich auf den gefahrvollen Weg in wohlhabendere Länder machen. Und das beileibe nicht nur im Senegal.

Wer Margarine im Supermarkt kauft, sollte sich darüber im Klaren sein, dass sie Palmöl enthält, das wenn nicht durch Brandrodung in Indonesien, so vielleicht durch Land Grabbing in Liberia, Kamerun oder Tansania gewonnen wurde. Es geht nicht nur um Margarine, auch um Biodiesel. In zehn Jahren wurden in Afrika zwischen 100 und 200 Millionen Hektar Ackerland großen internationalen Konzernen überlassen. Die Kleinbauern mussten weichen.

Dabei sind Kleinbauern, wie das UN World Food Program betont, "der Schlüssel im Kampf gegen den Welthunger". So bearbeiten Kleinbauernfamilien und Kooperativen im wenig entwickelten Guinea, jahrzehntelang eher isoliert, weil es sich 1958 als einzige französische Kolonie vom Mutterland lossagte, bis heute weitgehend auf traditionelle Weise den Boden. Das bedeutet viel Arbeit und wenig Überschüsse. Doch vor Ort fehlt es an nichts.


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