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AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


Wiederentdeckung eines rebellischen Sozialisten

Das Waldheim in Gaisburg könnte schon bald "Fritz-Westmeyer-Haus" heißen. Das will zumindest eine Initiative von linken StuttgarterInnen erreichen. Damit soll der Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und Stuttgarter SPD- Vorsitzende Friedrich Westmeyer gewürdigt werden, der vor 100 Jahren, im November 1917, in einem Lazarett in Belgien gestorben ist. Ein Kontext-Artikel, der später auch in dem Buch "Der König weint" abgedruckt wurde, führte zur "Wiederentdeckung" des rebellischen Sozialisten. Er gilt nicht nur als Erfinder der Waldheime, sondern war auch von Beginn an als ein entschiedener Gegner des Weltkriegs weit über Deutschland hinaus bekannt. Sein Tod wurde selbst in der New York Times gemeldet: "Deutscher Kriegsgegner wurde zum Sterben an die Front geschickt." (1.5.2017)


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Friedenstaube Geißler? Karikatur von Kostas Koufogiorgos vom Oktober 2010.

Friedenstaube Geißler? Karikatur von Kostas Koufogiorgos vom Oktober 2010.

Ausgabe 239
Politik

In Geißlers Arena

Von Oliver Stenzel
Datum: 28.10.2015
Vor fünf Jahren begann der von Heiner Geißler geleitete Faktencheck zu Stuttgart 21. Schon der Begriff "Schlichtung" führte in die Irre, beeinflusste aber nachhaltig das Bild in der Öffentlichkeit. Ein Rückblick.

Es sind turbulente Tage in diesem Herbst 2010, Tage, an denen im baden-württembergischen Landtag auch mal ein Satz aus einem Mafiafilm fallen kann. In seiner Regierungserklärung am 6. Oktober zitiert der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) ausgerechnet Don Vito Corleone, den von Marlon Brando gespielten Mafiaboss in Francis Ford Coppolas "Der Pate": "Ich mache Ihnen ein Angebot, dass Sie nicht ablehnen können", so Mappus zur Opposition. Nicht ablehnen könne diese Heiner Geißler als Schlichter im Konflikt um Stuttgart 21.

Wenige Tage davor, am 30. September, hat der Streit mit einem brutalen Polizeieinsatz im Schlossgarten seinen Höhepunkt erreicht. Das Angebot ist nicht Mappus' originäre Idee: Schon am 4. Oktober hat Winfried Kretschmann, damals Grünen-Fraktionschef im Landtag, der Regierung Geißler als Schlichter vorgeschlagen.

Löschs Bürgerchor singt in Geißler-Masken. Foto: Joachim E. Röttgers
Volker Löschs Bürgerchor bei der Stresstest-Präsentation am 28. Juli 2011. Foto: Joachim E. Röttgers

Mappus ist in einer prekären Situation. Nach dem Schwarzen Donnerstag kritisieren ihn selbst konservative Medien, sein Rambo-Image ist zementierter denn je. Am 1. Oktober sind bis zu 100 000 Menschen aus Protest gegen die Polizeiaktion und Stuttgart 21 auf die Straße gegangen. Und die Werte der Landes-CDU drohen noch weiter in den Keller zu rutschen, eine Niederlage bei der Landtagswahl im kommenden März scheint in Aussicht. Mappus muss in die Offensive gehen. Von daher ist Kretschmanns Geißler-Vorschlag vor allem ein Angebot, das Mappus nicht ablehnen kann, will er sich noch eine Chance auf einen Wahlerfolg bewahren.

Und kann es für ihn eine bessere Wahl als Geißler geben? Ein CDU-Mitglied, das gerne und nicht uneitel das Image des Dissidenten pflegt, Globalisierungskritiker und Attac-Mitglied ist, immer wieder offen CDU-Politik kritisiert und daher auch bei Nicht-Unionswählern beliebt ist. Aber würde er tatsächlich einem Regierungschef aus seiner Partei so ernsthaft an den Karren fahren, dass dessen Wiederwahl gefährdet ist? Zweifel an so viel Dissidenz sind erlaubt. Um vorsorglich auszuschließen, von Geißler unter Druck gebracht werden zu können, betont Mappus schon früh, kein Schlichtungsergebnis zu akzeptieren, das eine Beendigung von S 21 fordere.

Schon vor Beginn steigen die Parkschützer aus

Tatsächlich weckt Geißler zunächst manche Hoffnungen der S-21-Gegner. Alle Fakten müssten auf den Tisch, alle Konfliktparteien an den Tisch, fordert er. Und kaum am 7. Oktober in Stuttgart angekommen, verlangt er als Voraussetzung für ernsthafte Gespräche einen Bau- und Vergabestopp, das gebiete ja, nicht wahr, der gesunde Menschenverstand. Bereits diese erste Pressekonferenz sorgt für Unruhe in der Villa Reitzenstein und im DB-Hochhaus, es folgen seltsame Tage, in denen über die genaue Bedeutung des Wortes "Baustopp" gefeilscht wird. Am Ende gibt es keinen generellen Baustopp, und aus Protest darüber sagt schon kurz vor Beginn der Gespräche eine Gruppe aus dem Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, die "Aktiven Parkschützer", ihre Teilnahme ab. Die übrigen Gruppen des Aktionsbündnisses bleiben, ihnen gegenüber sitzen in den kommenden Wochen Vertreter der Bahn, der Stadt und der Region Stuttgart sowie der Landesregierung.

Belagert von Kameras: Geißler im Schlossgarten, kurz vor Beginn des Faktenchecks. Foto: Joachim E. Röttgers
Belagert von Kameras: Geißler im Schlossgarten, kurz vor Beginn des Faktenchecks. Foto: Joachim E. Röttgers

Auch während der acht Runden des Faktenchecks, die am 22. Oktober unter enormem Medienrummel beginnen, erweckt Geißler immer wieder den Anschein, große Sympathie für die Positionen der Projektgegner zu haben. Am Ende lässt er es dennoch nicht darauf ankommen, eine Ablehnung der Landesregierung und der Bahn zu riskieren, und präsentiert am 30. November einen Schlichterspruch, in dem er für einen Weiterbau von Stuttgart 21 plädiert, allerdings mit einer Liste zahlreicher Verbesserungen, als "Stuttgart 21 plus".

Für das Gros der Kopfbahnhofbefürworter sind dies nicht mehr als kosmetische Korrekturen, die am Kern ihres Protests vorbeigehen und ihnen das Projekt keinen Deut erträglicher machen. Für die S-21-Betreiber bedeuten die geforderten Nachbesserungen indes keine völlig unerträglichen Zumutungen – zumal aus ihren Reihen schon unmittelbar im Anschluss an Geißlers Spruch zu hören ist, zunächst müsse die Durchsetzbarkeit und Finanzierbarkeit geprüft werden.

Vor Kurzem wurde Heiner Geißler vom SWR-Chefreporter Thomas Leif befragt, wie er denn seine Stuttgart-21-Schlichtung vor fünf Jahren beurteilt. Enttäuscht schien er unter anderem darüber, dass "Teile des Schlichterspruchs nicht oder noch nicht realisiert wurden". Was Geißler dabei freilich nicht sagte: dass dies zum einen auch daran liegt, dass Teile seines Spruchs von vornherein realitätsfern und nicht umsetzbar waren – etwa die Maßgabe, keinen Baum im Schlossgarten mehr zu fällen, sondern allenfalls zu verpflanzen, oder die Forderung nach einem neunten und zehnten Gleis für den Tiefbahnhof –, zum anderen daran, dass seine Forderungen nie rechtlich bindend waren. Was er im Übrigen selbst vor fünf Jahren in der Vorrede zu seinem Spruch betont hatte. War also, so betrachtet, alles für die Katz?

Die Ambivalenz der "Schlichtung"

Nicht erst heute, nach fünf Jahren, sondern schon kurz nach ihrem Abschluss am 30. November 2010 hatte die "Schlichtung" etwas höchst Ambivalentes. Auf der einen Seite machte sie zum ersten Mal eine große mediale Öffentlichkeit mit den eklatanten Mängeln in der Planung von Stuttgart 21 – ob bei Brandschutz und Betriebsqualität – sowie mit der Alternativmöglichkeit K 21 vertraut. Sie befreite S 21 von vielen Fortschrittsbehauptungen und platten Werbeslogans, indem sie selbst Vertreter der Projektbetreiber deren Irrelevanz einräumen ließ. Anbindung an eine Magistrale Paris–Bratislava? Engstes Nadelöhr auf dieser Strecke? Verlagerung des Güterverkehrs? Spielt alles keine Rolle.

Sie schuf damit einen Fundus an Fakten und Erkenntnissen, hinter den man im Grunde nicht mehr zurückkann. Und nicht vergessen darf man, dass Geißlers eigener Anspruch, "alle Fakten auf den Tisch" zu bringen, oft nicht erfüllt wurde. Die "Frankfurter Geheimkammer" mit den Dokumenten zur Geologie blieb de facto geheim. Viele geforderte Dokumente wurden nicht geliefert. Bei zweifelhaften Punkten, in denen es um schwer kalkulierbare Risiken ging – Kostensteigerungen, Geologie, Mineralwasser –, folgte Geißler im Zweifelsfall den Gutachtern der Projektbetreiber.

Versuch eines Kompromisses: Baum umpflanzen. Foto: Joachim E. Röttgers
Versuch eines Kompromisses: Baum umpflanzen. Foto: Joachim E. Röttgers

Zum anderen sorgte schon die Bezeichnung der Veranstaltung für falsche Erwartungen, determinierte die öffentliche Wahrnehmung auf recht irreführende Weise. Denn eine Schlichtung, analog zu Tarifkonflikten, war dies nie, konnte dies nie sein. Am Ende eines Schlichtungsprozesses steht üblicherweise ein Kompromiss, der hier von vornherein unmöglich war. Entweder der neue Bahnhof wird gebaut, oder der alte bleibt oben.

Nein, die "Schlichtung" war nie mehr als eine nur sogenannte, und auch Geißler sprach korrekterweise bei den Sitzungen meist von einem "Faktencheck", gelegentlich aber auch, wieder verwirrender, von einer "Faktenschlichtung". Der Faktencheck war ein Versuch, Transparenz über ein umstrittenes Projekt herzustellen, was an vielen Stellen gelang; oft war er auch nur schlicht eine Gegenüberstellung von Positionen zu S 21, ein Schaulaufen der Konfliktparteien, die wie in einer Arena ihre Argumente austauschten. Am Ende standen dann Empfehlungen des "Schlichters", die nicht etwa aus Verhandlungen mit beiden Gruppen hervorgingen, sondern dessen eigener Interpretation entstammten. Bemerkenswerterweise gelangte in den Großteil der Berichterstattung die Interpretation, Geißlers Schlichterspruch sei aus zähen Verhandlungen mit beiden Seiten hervorgegangen, und beide hätten ihm letztlich zugestimmt. Das war nicht so.

Die S-21-Gegner akzeptierten den Spruch nicht – und keiner merkt's

Geißler hätte den Faktencheck auch ohne eine eigene Stellungnahme beenden können, hatte aber mehrmals angekündigt, sich äußern zu wollen. Was vonseiten des Aktionsbündnisses dabei erwartet wurde, formulierte der Architekt Peter Conradi am Ende seines Schlussplädoyers am 30. November so: "Nach der Faktenschlichtung ... sind wir gespannt auf Ihre Empfehlungen." Diese Empfehlungen wurden dann allgemein als Schlichterspruch bezeichnet, ein Begriff, der schon klanglich ein Element von Verbindlichkeit assoziiere, wie der ehemalige Stuttgarter Richter Christoph Strecker damals kritisierte. "Damit wird ihnen eine Bedeutung beigemessen, die denjenigen, der sie nicht akzeptiert, unter Rechtfertigungszwänge setzt." Eilfertig sagte denn auch kurz nach Geißlers Stellungnahme der nie am Faktencheck beteiligte Grüne Cem Özdemir, ehe er zurückgepfiffen wurde: "Die Grünen akzeptieren den Schlichterspruch." Und Grünen-Stadtrat Werner Wölfle schwang sich zu dem Kommentar auf, das Schlichtungsergebnis sei "besser wie nix". Wie allein der Begriff zu fehlgeleiteten Deutungen führte, offenbarte auch eine Äußerung des "Badische Zeitung"-Redakteurs Franz Schmider gegenüber einem Phoenix-Reporter: "Der Schlichterspruch muss, egal wie er ausfällt, akzeptiert werden."

So laut waren leider nicht alle und nicht zur rechten Zeit. Foto: Joachim E. Röttger
So laut waren leider nicht alle und nicht zur rechten Zeit. Foto: Joachim E. Röttger

Tatsächlich hatte das Aktionsbündnis Geißlers Spruch keineswegs akzeptiert. Das merkte nur niemand, weil es dummerweise versäumte, dies öffentlich zu erklären – dies wurde erst ein paar Tage später nachgeholt. Da waren die Kameras und Mikrofone der Journalisten schon wieder weg. "Niemand hat dem sogenannten Schlichterspruch zugestimmt", betonte Anfang Dezember 2010 Protest-Urgestein und SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker, der für das Aktionsbündnis am Faktencheck teilgenommen hatte. "Die Medien unterstellen uns jetzt diese Zustimmung, das ist eine bewusste Irreführung", so Stocker, "richtig ist aber auch: Wir hätten unsere Ablehnung viel deutlicher herausstellen müssen."

Am Abend des Schlichterspruchs aber wurde vom Aktionsbündnis lediglich immer wieder betont, welche Schwachstellen und krassen Mängel von S 21 der Faktencheck erneut gezeigt habe. Vielleicht auch in der Hoffnung, dass die von Geißler geforderten Nachbesserungen das Projekt so teuer machen würden, dass es sich allein dadurch erledigen würde. Was vorausgesetzt hätte, dass die Projektbetreiber diese Forderungen für verbindlich erachtet hätten. Was wiederum, wenig überraschend, nicht der Fall war.

In die breite öffentliche Wahrnehmung, so schien es, gelangte dagegen am Ende des Faktenchecks vor allem: Nun ist alles geklärt, fertig geschlichtet, alle Beteiligten haben zugestimmt. Ergo, leicht zugespitzt: Ein weiterer Protest kann nur der von unverbesserlichen Betonköpfen sein, die das gerade beendete Verfahren nicht akzeptieren. Geißlers Spruch schien gewissermaßen weitere Proteste gegen Stuttgart 21 zu delegitimieren. "Warum wird denn noch demonstriert, es gab doch eine Schlichtung?" – diese Frage, so oder ähnlich gestellt, konnte man immer wieder hören, wenn man in den Wochen und Monaten danach Stuttgarts Stadtgrenzen etwas weiter hinter sich ließ. So verwundert es nicht, dass Ende 2010 die Umfragewerte für Stuttgart 21 wieder in die Höhe gingen. Der Protest hatte sich nach der sogenannten Schlichtung keineswegs erledigt, aber er hatte an – zumindest sichtbarer – Breite eingebüßt. Bei den Demonstrationen gegen das Projekt wurden die Teilnehmerzahlen des Septembers und Oktobers 2010 nie mehr erreicht, als mehrmals über 50 000, einmal sogar 125 000 Menschen auf die Straße gegangen waren.

Stefan Mappus und Heiner Geißler am 30. November 2010. Foto: Martin Storz.
Stefan Mappus und Heiner Geißler am 30. November 2010. Foto: Martin Storz.

War also die Einberufung eines Schlichters Geißler tatsächlich "das Schlaueste, was Mappus nach dem 30. September tun konnte", wie Maybrit Illner im "heute-journal" kurz nach dessen Regierungserklärung vom 6. Oktober formulierte? Für das Projekt Stuttgart 21 vermutlich schon, für Mappus aber reichte die befriedende Wirkung letztendlich nicht aus, um wiedergewählt zu werden – wobei man mutmaßen darf, wie groß hier der Anteil der Katastrophe von Fukushima war. Jedenfalls schien im Herbst 2010 der Zorn über die Polizeiaktion, der die Medien bundesweit beherrscht hatte, aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden zu sein. Die "Schlichtung", die ja direkte Konsequenz dieses Einsatzes war, hatte dazu geführt, dass sich die mediale Aufmerksamkeit schnell und nahezu umfassend von der skandalösen Polizeiaktion diesem neuen, spektakulären "Demokratieexperiment" zugewandt hatte.

Ein Muster für Bürgerbeteiligung?

Apropos "Demokratieexperiment", ein Begriff, den Geißler selbst ins Spiel brachte: War die sogenannte Schlichtung tatsächlich eines? Ein Muster, wie bei Großprojekten zukünftig verfahren und die Bürger beteiligt werden müssen? Sie mag eines von vielen denkbaren Mustern sein, aber auch das nur dann, wenn das von ihr verfolgte Ziel – die Herstellung von Transparenz unter Einbeziehung aller relevanter bürgerschaftlicher Akteure – demokratischen Entscheidungen vorgelagert ist und nicht wie in Stuttgart erst danach erfolgt. Und nur dann, wenn ein abschließender "Schlichterspruch" ausbleibt und die Meinungsbildung den Wählern selbst überlassen wird.

 

Info:

Eine Liste der Teilnehmer an der Geißler-Runde finden Sie in diesem PDF.

Eine umfassende Dokumentation des Faktenchecks (Wortprotokolle, Folien, Video-Mitschnitte aller Sitzungen) ist online abrufbar.

Die witzigste Folge des Faktenchecks: "Die Schlichtung – das Musical", von Christof Küster 2011 fürs Studio Theater Stuttgart inszeniert; komplette Aufzeichnung hier.


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Ich auch.....






Ausgabe 321 / Die Zukunft ist leider undicht / Peter Seeger / vor 2 Tagen 7 Stunden
Tränen gelacht! Danke!



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