Sexuelle Übergriffe und Misshandlungen: das Hoffmannhaus der Brüdergemeinde in Korntal. Foto: Benny Ulmer

Sexuelle Übergriffe und Misshandlungen: das Hoffmannhaus der Brüdergemeinde in Korntal. Foto: Benny Ulmer

Ausgabe 183
Gesellschaft

Korntal-Leugner

Von Susanne Stiefel
Datum: 01.10.2014
Der Fall Korntal ist jetzt beim Deutschen Evangelischen Kirchentag angekommen. Christine Bergmann, die ehemalige Bundesfamilienministerin und Mitglied des Präsidiums, sieht die württembergische Landeskirche im Zugzwang.

Die württembergische Landeskirche müsse "deutlich machen, wie sie ihrer Verantwortung den Betroffenen gegenüber gerecht wird", sagt die ehemalige Bundesfamilienministerin. Eineinhalb Jahre lang war die SPD-Politikerin Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, in 3000 Briefen und über 15 000 Anrufen hat Christine Bergmann nicht nur das Leid ehemaliger Heimkinder und Betroffener sexuellen Missbrauchs hautnah erlebt. Die 75-Jährige kennt auch die üblichen Vermeidungsstrategien der verantwortlichen Träger, seien sie weltliche, wie in der Odenwaldschule, oder kirchliche, wie im Aloisius-Kolleg in Bonn, die da heißen: verzögern, verleugnen, Klagen abwehren.

Christine Bergmann. Foto: Deutscher Evangelischer Kirchentag
Christine Bergmann. Foto: Deutscher Evangelischer Kirchentag

Jetzt hat sich Bergmann mit den Missbrauchs-Vorwürfen ehemaliger Heimkinder gegen die Evangelischen Brüdergemeinde beschäftigt. "Wir haben uns bereits bei den vergangenen Kirchentagen mit dem Missbrauchs-Thema auseinandergesetzt, und angesichts der Korntaler Fälle sollten wir es auch in Stuttgart im Juni nächsten Jahres tun", sagt Bergmann gegenüber Kontext, "denn unabhängig von der anhängigen Klage ist die Landeskirche in der Verantwortung, aufzuarbeiten."

Dabei geht es um die Vorwürfe ehemaliger Heimkinder an die Adresse der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal. Im April dieses Jahres hat Detlev Zander mit seiner Klageandrohung auf Schadensersatz nicht nur die Korntaler Brüder aufgeschreckt, sondern auch den Blick der Öffentlichkeit auf die schlimmen Heimzustände in den 60er- und 70er-Jahren gelenkt. Von sexuellem Missbrauch ist die Rede, davon, dass die Kinder Erbrochenes essen mussten, geschlagen und gedemütigt wurden. Bis heute leiden viele unter den Folgen der körperlichen und seelischen Misshandlungen, sie wollen, dass man ihnen zuhört, sie verlangen eine Entschuldigung der Verantwortlichen und schonungslose Aufklärung.

Über die Homepage der Selbsthilfegruppe Heimopfer Korntal, die seit Juli online ist, hätten sich, so Detlev Zander, über 60 weitere Betroffene gemeldet und ihre persönliche Geschichte erzählt. Sie alle kämpfen darum, dass man ihnen endlich glaubt und ihr Leid anerkennt. Viele sind heute in therapeutischer Behandlung, um mit ihren Kindheitserlebnissen im Korntaler Flattich- und Hoffmannhaus fertig zu werden.

Unterdessen läuft die juristische Auseinandersetzung weiter. Um die Prozesskosten aufbringen zu können, hat Detlev Zander einen Antrag auf Prozesskostenhilfe gestellt. Der wurde am 10. September vom Landgericht Stuttgart abgelehnt mit der Begründung, dass ein Prozess um Schadensersatz wenig Aussicht auf Erfolg habe. Dagegen hat Zanders Anwalt Christian Sailer, der schon österreichische Heimopfer vertreten hat, vor zwei Tagen beim Oberlandesgericht (OLG) Beschwerde eingelegt. Sailer rechnet mit mehreren Wochen, bis das OLG die Entscheidung fällt.

Ehemaliges Heimkind Detlev Zander. Foto: Kontext
Ehemaliges Heimkind Detlev Zander. Foto: Kontext

Unabhängig davon arbeitet die Opferhilfe Korntal, ein Zusammenschluss engagierter UnterstützerInnen, daran, einen Rechtshilfefonds aufzulegen, wie Uli Scheuffele im Namen der Opferhilfe sagt. "Es kann doch nicht sein, dass die juristische Klärung am Geld scheitert", so Scheuffele, der in den 70er-Jahren als Zivildienstleistender bei der Evangelischen Brüdergemeinde gearbeitet hat und die damaligen Zustände aus eigener Anschauung kennt.

Über der juristischen Auseinandersetzung scheint die dringend notwendige inhaltliche Aufarbeitung bei der Evangelischen Brüdergemeinde weiter in den Hintergrund gedrängt zu werden. Schon vor mehr als drei Monaten erklärte der Pressesprecher der Evangelischen Brüdergemeinde, dass ein Konzept für die wissenschaftliche Aufarbeitung in der Schublade liege. Viel weiter scheint man heute noch nicht zu sein. Auf Nachfrage von Kontext, welche unabhängige Institution sich nun an die Arbeit gemacht habe, erklärt Manuel Liesenfeld schriftlich, dass "das Landeskirchliche Archiv wohl einen großen Teil dazu beitragen" wird. Ebenso schon seit Monaten ist von einer Projektgruppe die Rede, die die Heimvergangenheit aufarbeiten soll. Kontext wollte wissen, wer denn nun in dieser Projektgruppe sitzt und wie oft sie schon getagt hat. "Die Projektgruppe Aufarbeitung ist gegründet", schreibt Manuel Liesenfeld, "noch stehen jedoch nicht alle Mitglieder fest. Auch die Mitwirkung von ehemaligen Heimkindern und ehemaligen Erzieherinnen und Erzieher daran ist bereits geplant." Konkreter mag der Pressesprecher nicht werden.

Christine Bergmann hat als Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung immer wieder erlebt, wie die Sorge um das Ansehen der Institution das Urteilsvermögen für Recht und Unrecht überlagert. Verzögern und verschleppen der Aufarbeitung ist häufig die Folge. "Die Betroffenen wollen die Anerkennung, dass ihnen Unrecht geschehen ist", sagt die ehemalige Bundesfamilienministerin gegenüber Kontext, "der erste Schritt dazu ist die schnelle, unabhängige und transparente Aufarbeitung unter Einbeziehung der Betroffenen." Darauf warten die Heimopfer des Hoffmann- und Flattichhauses der Evangelischen Brüdergemeinde immer noch.


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