"Wer will da Waffen liefern, die irgendwann auf uns schießen?" Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 183
Gesellschaft

"In Frieden mit der Ukraine und mit Russland!"

Von Leni Breymaier
Datum: 01.10.2014
Mitte September verknüpfte der Verband deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg seine Jahrestagung in Konstanz mit einem Internationalen Literaturfestival. Unter dem Titel "Aufs Äußerste Europa" luden Autoren dazu ein, den Dialog zu wagen: Wo verorten wir uns im krisengeschüttelten Europa – künstlerisch, gesellschaftlich, menschlich? Der Debattenbeitrag der Verdi-Landesvorsitzenden Leni Breymaier, ein aufrüttelnder Friedensappell, zum Nachlesen.

In Konstanz, einem der Ausgangspunkte der 1848er-Revolution, spreche ich als Bürgerin in diesem Lande. Das ist meine Welt. Als Gewerkschafterin und natürlich als Hüterin der Arbeitnehmerinteressen und damit auch der Literatinnen und Literaten in unserer Gewerkschaft Verdi. Arbeiter und Angestellte kämpften und kämpfen täglich für ihr Brot und auch für das freie Wort – für alle in der Gesellschaft! Im Sinne der Gleichheit, Freiheit und Schwesterlichkeit.

Weilte ich zu den Tagen des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418 in den Mauern dieser Stadt, hätte aus der Sicht meines Standes wohl meine vornehmste Pflicht dem täglichen Wohl der Päpste, Könige und Kardinäle und ihrer Entourage gelten müssen. Wer kochte die Suppe, machte den Käse, buk das Brot und schaffte das Fleisch herbei, fragt die Köchin, die Bäuerin? Da hat sich vier Jahre die Machtelite Europas aus allen kirchlichen und weltlichen Domänen in dieser Stadt versammelt, hat gefeilscht, gelogen, intrigiert, bestochen, gemauschelt, um die Macht über die Welt zu erlangen, den Reichtum der Arbeitenden aufzuteilen, zu stehlen, künftige Kriege vorzubereiten und um den Besitz der Völker und der Bodenschätze zu schachern.

Politik ohne uns!

Und wer sich gegen diese Mächte und Mächtigen stellte, so wie der Jan Hus, der wurde dann am 6. Juli 1415, bei freiem Geleit, in ebendieser Stadt verbrannt. Oder, wie in den Bauernkriegen niedergemetzelt. Glaubenskriege sind letztlich Wirtschaftskriege. Ich denke, Jan Hus wusste, was er tat, als er hier den Mächtigen widersprach und für eine bessere und gerechtere Welt warb. Wie Thomas Müntzer, Kurt Eisner und so viele Ungenannte, die für Reform und Demokratie ihr Leben einsetzten. Der Frage "Ist der Aufstand Opfer wert?" müssen wir uns alle täglich – in sehr unterschiedlicher Form – stellen und gemeinsam beantworten.

Das Motto "Aufs Äußerte, ... Europa – Ja! Aufs Äußerte gemeinsam reden, gemeinsame Annäherung und Lösungen finden. Aber nicht Krieg, sondern im Frieden mit der Ukraine und mit Russland – und der ganzen Welt." Um kein geringeres Ziel kann es gehen — ohne Waffen. Denn Kriege dürfen nur die Völker ausbaden, nicht die Besitzenden.

Wir haben Zungen. Wir haben Verstand. Wir haben die Freiheiten der Französischen Revolution und die unserer 48er-Revolution, und wir haben die bitteren Lehren des Nazismus — und unsere demokratische Geschichte als Gewerkschaften. Wer wollte da noch Krieg? Wer will da Waffen liefern? Die irgendwann auf uns schießen? Bleiben wir bei den Wörtern und schmähen wir alle Ideologien, die unter dem Mantel der marktwirtschaftlichen Liberalität uns entmündigen, die Märkte in der Welt aufteilen wollen, die Bodenschätze für die Stärkeren reklamieren.

Vier Stationen, vier Augenblicke, in denen Freiheit ihren Lauf nahm, aber auch schon kurz darauf wieder wegen unserer aller Unachtsamkeit sich nicht entfalten konnten, wie es den Opfern und der Demokratie wegen notwendig gewesen wäre.

Unser Schriftsteller Volker Braun hat in seinen "Werktagen 1989 bis 2008" ein Zeitungsbild kopiert, dass lange Menschenschlangen in Südafrika zeigt, als die Schwarzen das erste Mal in ihrem Leben zu einer Wahl gehen durften und ihre eigene Regierung wählten. Nelson Mandela hat keinen Krieg gegen die Weißen begonnen, obwohl das, was ihm und so vielen seiner schwarzen Brüder und Schwestern angetan wurde, sehr leicht in ein Massaker an den Weißen hätte münden können.

Worte sind kostbar, wenn sie mit Wahrhaftigkeit gepaart sind. Das Wort und der Wille zum Frieden war und ist stärker als jede Waffe — auf lange Sicht! "Der Mensch ist immer so schlecht, wie man ihn sein lässt." Das sollte uns Ansporn sein bei unserem Literaten-Treffen: "Aufs Äußerste Europa."

Wer also glaubt, dass Präsident Poroschenko ein Brückenbauer für die Mündigkeit aller Bürger in der Ukraine sei, der irrt. Oligarchen, gleichviel wo sie leben – in West, Ost, China, Russland, in der westlichen Welt –, sie haben nur eines im Sinn, die Sozialsysteme der Arbeitenden ihrer Profitlage anzupassen. Demokratie ist ihnen fremd. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan schrieb dieser Tage: "Später wird es einmal Krieg heißen", über das, was wir alle mit unserer Sprachlosigkeit in der Ukraine und damit in Europa zulassen.

Nehmen wir behutsam unsere Worte und bauen Brücken!

Wenn wir in Europa, dem Teil, in dem wir als heute "Europäische Union" ein Stück mehr Freiheit und Demokratie haben, als Lohndiktat und Bankenrettungen, wenn wir ein bisschen mehr Bildung als nötig haben, dann liegt das an unseren Revolutionen und unserem täglichen Kampf heute, um Brot und Geist und Demokratie.

Wir streiken, streiten und kämpfen täglich dafür und haben dennoch noch keine ideale Demokratie. Aber sie ist die bisher Brauchbarste — und dennoch bedarf sie weiter unserer täglichen Arbeit — auch mit dem Wort.

1990, nach dem Fall der Berliner Mauer, schrieb Volker Braun in dem Gedicht "Das Eigentum" als einer, der sich bittere Vorwürfe machte: "Da bin ich noch, mein Land geht in den Westen. Krieg den Hütten, Friede den Palästen ... Ich selber habe ihm den Tritt versetzt. Es wirft sich weg und seine magre Zierde. Dem Winter folgt der Sommer der Begierde. Und ich kann bleiben, wo der Pfeffer wächst. Und unverständlich wird mein ganzer Text. Was ich niemals besaß, wird mir entrissen. Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen. Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle. Mein Eigentum, jetzt habt ihr's auf der Kralle. Wann sag ich wieder mein – und meine alle?" Diese Verse bringen es auf den Punkt. Die Widersprüche sind es, die uns voranbringen. Es gibt keine skandalösen Fragen, sondern nur skandalöse Zustände!

Der Maidan hat viele hungrige Menschen gesehen. Hungrig nach Freiheit, Demokratie, einem besseren Leben – auf Ukrainisch und auf Russisch! Wer ruft sie an einen Tisch mit einem Wort und nicht zu den Gewehren? Aber darüber schweben die Öl- und Gasmärkte, die Geheimdienste aus allen Ländern – aber nicht die Interessen der Völker! Wer spricht in ihrem Namen? Wer bringt das Wort? Wer redet mit allen und hat dabei keine Waffe in der Hand? Wer fragt das Volk nach seinem Willen?

Wir dürfen in unserem westlichen Freiheitsideal kein Wundermittel sehen, das wie von selbst bessere Verhältnisse schafft. Jede und jeder, die täglich um die Freiheit und für die Demokratie und den Frieden – wo auch immer – kämpfen, streiken, streiten, reden, hungern, werden dabei Leid erfahren. Das Leid ist die Forderung an uns, friedlich zu kämpfen für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Finden wir die Poesie in der Arbeit! Das ist ein sehr hohes Ziel.

Ihr Kolleginnen und Kollegen des Wortes, ich wünsche gute Zungen und Worte für "Europa aufs Äußerste – mit dem Wort!" Mit der Poesie, mit dem Gedicht, mit dem Pamphlet – was auch immer!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Hüter und Hüterinnen der Worte – ihr Literaten aus Europa – nehmt uns beim Wort – wir stehen auf eurer Seite.

 

Leni Breymaier ist die Leiterin des Verdi-Landesbezirks Baden-Württemberg und Politikerin der SPD.


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