Ausgabe 183
Medien

Wegschauen und weglesen

Von Gastautor Tilmann Moser
Datum: 01.10.2014
Wie lässt sich der tägliche Schrecken des Weltgeschehens ertragen? Kontext hat den Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser gebeten, sich dazu Gedanken zu machen. Sein Ratschlag: Er dosiert die Informationen, um nicht daran zu ersticken.

Wegschauen und weglesen: Goethe hat die Seelenruhe des Spießers auch in der damaligen Zeit von Kriegen und Katastrophen unnachahmlich im "Faust" in Worte gefasst: "Wenn hinten, weit, in der Türkei die Völker aufeinander schlagen ..." Das war die scheinbare Lösung, um sich damit abzufinden, wie geschützt sich viele Zeitgenossen fühlten in ihrer Bierruhe. Es kam noch hinzu, dass alle Nachrichten nur mit unterschiedlich großer Verzögerung in die Öffentlichkeit drangen, höchstens von fantasiereichen Zeichnungen oder Stichen untermalt. Das schonende Filter war also groß.

Das Ebolavirus breitet sich in Afrika aus. Screenshot
Das Ebolavirus breitet sich in Afrika aus. Screenshot

Heute stürzt uns alles von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute ins Haus, in vielen Fällen durch die aktuelle Fernsehberichterstattung vom Ort des Geschehens aus quasi zeitgleich, und wenn wir nicht sofort ausschalten, sind wir den Bildern ausgeliefert, auch wenn sie dadurch oft schon redaktionell "aufbereitet" erscheinen. Wer es nicht für sich selbst dosieren lernt, erliegt der Überschwemmung. 

Was dagegen tun?

Wegschauen und weghören, oder weglesen, auf Gleichgültigkeit schalten, immer wieder entsetzt sein oder empört, oder Partei ergreifen, als ein Wut und Ohnmacht kanalisierendes und entlastendes Scheinhandeln? Den Schrecken aufnehmen, ohne zu wissen, wo er in der Seele, wissend oder im Unbewussten, sich sammelt und häuft? Sich der Resignation ergeben, ihn in die Träume mitnehmen, diskutieren mit Freunden zur Entlastung? Aber auch: sich einer Schreckens- und Grausamkeits- und Zerstörungsneugier überlassen, ja sie sogar zu suchen, weil sie inneren Zuständen und Konflikten entsprechen? Mitleiden oder mitschauern, je nach der Perspektive oder Identifikation: Täter oder Opfer oder beides gleichzeitig?

Kiew im Frühjahr 2014. Screenshot
Kiew im Frühjahr 2014. Screenshot

Wie kann man, auch wenn man willens ist, laufend informiert zu sein, den täglichen Strom konsumieren, aushalten, verdauen, bewältigen, verdünnen, filtern? Welche Art von Interesse vermag man aufzubringen? Hilft die Haltung: Was geht mich das an, es gibt für mich und hier im Land genug Probleme? Und ist Ablenkung unmoralisch? Und nach welchen Maßstäben? Fragen über Fragen. Ja, die ethischen Maßstäbe geraten durcheinander, und zuletzt ist man ratlos obendrein, weil quer durch die unübersichtlich grausamen Fakten die Orientierung fehlt. Bei ungebremster Auslieferung drohen Abstumpfung oder Schlaflosigkeit, Dauererregung, schlichter Überdruss oder Lähmung.

Die psychologische Forschung über die Judenschlächter hinter der Front, die "ganz normalen Männer", wie ein Historiker sie nannte, die aus der heimischen Polizeiroutine unvorbereitet in die Ausrottung geschickt wurden, hat ergeben, dass die traumatischen Erinnerungen zum Teil behandelt wurden, als sei man nur in einem Horrorfilm gewesen und sei glücklicherweise wieder zu Hause. Man war außerdem noch durch den reichlich verabreichten Schnaps ziemlich angetrunken gewesen. Und Befehl war doch Befehl. Mitleid war nach Hitlers und Himmlers Reden schon Verrat am Vernichtungskrieg.

Propagandavideo von IS-Terroristen. Screenshot
Propagandavideo von IS-Terroristen. Screenshot

Also: Die Arten seelischer Gegenwehr sind vielfältig, eine haben die Mitscherlichs mit dem Ausdruck "Entwirklichung" benannt, das heißt, den affektiven Bezug auf beinahe null herunterschrauben, weil die eigene emotionale Kapazität nicht ausreicht zum Bewältigen. Ein Mechanismus, auf den man in vielen Psychotherapien stößt, wenn die Erlebnisse nicht aushaltbar waren. Alternativ: erstarren, depersonalisieren oder eben verrückt werden, wenn Abstumpfung nichts mehr nützt.

Wie die heutigen Zeitgenossen auf den schrecklichen Dauer-Informationsfluss kollektiv reagieren, bedürfte noch gründlicher Erforschung. Noch ist nicht von massenhafter Angst die Rede, das Übel scheint eher schleichend. Die Konsumlaune schwankt nur geringfügig, der Ablenkungs- und Reisemarkt boomt, es gibt die neue Edelfresswelle und die unaufhörlichen Kochkurse im Fernsehen, das grüne Weltrettungsengagement. Und wer Aktien besitzt, der erlebt Aufregung und möglichen Schrecken beim Börsenbericht oder beim Lesen der täglich ins Haus flatternden Kurstabellen. Hier findet man eine ganz neue Form der besorgten Teilnahme an den Frontverläufen und der eher hilflosen Häufung der friedenssuchenden Tagungen der Außen- und Verteidigungsminister oder der Regierungschefs. Der Faszination des Schreckens steht das Auf und Ab der Hoffnungen oder der Verlautbarungen der hochrangigen Hoffnungssucher gegenüber.

Der Gazakrieg 2014 hat mehr als 2000 Menschen das Leben gekostet. Screenshot
Der Gazakrieg 2014 hat mehr als 2000 Menschen das Leben gekostet. Screenshot

Was die gegenwärtigen Dramatisierungen, Putin und die Ukraine, der vorwärtsstürmende Terrorismus der Islamistengruppen, die drohenden oder schon in Gang befindlichen Bürgerkriege, zusätzlich auslösen werden, ist noch weitgehend unbekannt, bis auf das zunehmende Kurzzittern der Börse kurz vor dem derzeitigen Hochstand. Volatil heißt der Fachausdruck. Das Geschachere um die Wirkung oder Erhöhung von Sanktionen gegen Putin bietet auch spannende Ablenkung und ausreichend Diskussionsstoff zwischen Hoffnung und Zynismus.

Apropos Zynismus: Für viele ist er bereits eine letzte Zuflucht geworden, als die bitterste Variante der Abkehr vom politischen Interesse. Und da über uns schon lange kein sorgender Gott waltet, der unsere Geschicke nach seinem uneinsehbaren Rat und Willen lenkt, neigen sogar zuletzt die Kirchen dazu, Waffen in bedrohliche Kriegsgebiete zu schicken, um ein wenig Hoffnung und verzweifelte Stärke gegen die Angst zu setzen.

Die Krisenherde auf der Welt treiben immer mehr Flüchtlinge nach Europa. Hier: gestrandet vor Zypern. Screenshot
Die Krisenherde auf der Welt treiben immer mehr Flüchtlinge nach Europa. Hier: gestrandet vor Zypern. Screenshot

Was ist gegen die Überflutung des Schreckens zu tun?

Das Wichtigste ist die Dosierung, verbunden mit der Frage: Wie viel an Information und Schrecken traue ich mir zu, wie viel brauche ich, um mich informiert zu fühlen, wie viel Lust am Grauen steckt in mir? Wahrlich keine überflüssige Frage, angesichts der massenhaft konsumierten Krimis (die auch wegen dem sicher zu erwartenden polizeilich guten Ende gesucht werden) und den immer grausamer werdenden Ballerspielen. Wie viel neurotische Anteile hindern mich, den Ausschaltknopf zu drücken oder die Zeitung in die Ecke zu schleudern?

Mir selbst helfen Gespräche, um den Irrsinn wenigstens zu verstehen. Um mich bitter damit zu trösten, wie hilflos und desorientiert derzeit die Staatsmänner erscheinen, die einen Ausweg finden oder wenigstens versprechen müssten. Lange habe ich das viele Lesen und Zuschauen für eine staatsbürgerliche Pflicht der Information gehalten. Ich schraube meine Pflicht herunter, was die öffentlichen Hinrichtungen angeht, die angedeuteten Folterszenen, die Einschläge von Granaten und Raketen, den Einsturz ganzer Stadtteile. Ich übe mich im Dosieren und im Diskutieren, um nüchtern zu bleiben, ohne zu ersticken.

 

Der Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut Tilmann Moser wurde 1938 geboren und praktiziert seit 1978 in Freiburg. Er ist spezialisiert auf seelische Spätfolgen von NS-Zeit und Krieg.


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