Heimkinder klagen an: Die Lehrerin Heide Scherer hat sich ihrer Erinnerung gestellt. Foto: Susanne Filz

Heimkinder klagen an: Die Lehrerin Heide Scherer hat sich ihrer Erinnerung gestellt. Foto: Susanne Filz

Ausgabe 176
Gesellschaft

Korntal: die Lehrerin und der Fahrradkeller

Von Susanne Stiefel
Datum: 13.08.2014
Sie war eine gute Lehrerin. Das sagen nicht nur die traumatisierten Heimkinder von Korntal, die um Anerkennung kämpfen und darum, endlich gehört zu werden. Heide Scherer hat Ende der 60er-Jahre diese Heimkinder unterrichtet. Sie stellt sich ihrer Verantwortung, und das erwartet sie auch von der Evangelischen Brüdergemeinde.

Reißerisch. Das war ihr erster Gedanke, als sie zum ersten Mal von der leidvollen Geschichte der ehemaligen Heimkinder in Korntal bei Stuttgart las. Von den Schlägen und der seelischen Grausamkeit im dortigen Hoffmann- und Flattichhaus in den 60er- und 70er-Jahren, vom sexuellen Missbrauch in den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde, den Demütigungen und den Angst einflößenden Strafen, unter denen die Kinder von damals als Erwachsene noch heute leiden (wir berichteten). Kinderhölle Korntal, dachte die Lehrerin empört, die in genau dieser Zeit drei Jahre an der dortigen Schule für schwer erziehbare Kinder unterrichtete, ich war doch da, so war das nicht.

Oder doch?

Reißerisch – ein Wort wie ein Schutzschild, um die Fragen nicht zuzulassen und die Zweifel, die Heide Scherer schon bald nach der ersten Empörung quälten: Und was ist, wenn es doch so war? Welche Schuld trifft mich? Warum habe ich nichts bemerkt? Oder wollte ich es nur nicht wahrhaben wie alle anderen auch? Die 71-Jährige Lehrerin hat sich den Fragen gestellt. Sie hat das Gespräch gesucht, mit Freunden, ehemaligen Kolleginnen, mit ihren damaligen Schülern, und dabei ihre Erinnerungen gefunden an die Zeit vor 45 Jahren in Korntal. "Es kostet mich viel Kraft", sagt sie.

Der Fahrradkeller – eine Erinnerung, die sie besonders quält

Heide Scherer ist eine engagierte Bürgerin, eine, die es sich auch im Ruhestand im badischen Schopfheim nicht bequem macht, die aufmerksam ihre Zeitung liest, die alles genau wissen will. An diesem Sommertag sitzt sie auf ihrem Balkon, der das Eigenheim umrahmt wie ein grüner Schal. Drinnen stehen der Flügel und die Bücherwände, draußen zwitschern die Vögel, und eine nachdenkliche Frau ist auf der Suche nach der Wahrheit. Auch, wenn es weh tut. "Ich lerne viel", sagt sie, "auch, meinen ganzen Mut zusammen und meine Erinnerungen ernst zu nehmen." Die Bilder etwa, die sie vor dem Einschlafen überfallen, von ihrem damaligen Klassenzimmer in Korntal, vom Schulhaus, vom Fahrradkeller. Der Fahrradkeller - eine Erinnerung, die sie besonders quält.

Die 26-jährige Junglehrerin unterrichtet in ihrem Korntaler Klassenzimmer, es ist ein ganz normaler Schultag im Jahr 1968. Ein kleiner Junge mit dicker Brille sitzt in ihrer Klasse, "eher hinten, am Schrank", erinnert sie sich. Der Hausmeister kommt herein. Ob der Detlev mitkommen könne? Er wolle ihm helfen, sein Fahrrad reparieren. "Das ist doch nett", dachte sie damals und ermunterte ihren Schüler, mitzugehen. Es war Detlev Zander, der heute eine Klage gegen die Diakonie Evangelische Brüdergemeinde anstrebt, der ebendiesem Hausmeister vorwirft, ihn über Jahre sexuell missbraucht zu haben und der Evangelischen Brüdergemeinde, sich ihrer Vergangenheit nicht zu stellen.

Und immer wieder fragt sich Heide Scherer: Hätte ich etwas merken müssen von diesem Missbrauch? Von den Schlägen im Heim, wenn der Unterricht zu Ende war, von den Grausamkeiten in den Wohngruppen, die so hübsche Namen trugen wie Rotkehlchen, Leuchtkäfer und Dachschwalben? "Wir Lehrer haben nicht geschlagen", sagt Heide Scherer. Und kann doch nur sicher sagen, dass sie nicht geschlagen hat. Dass der Schulalltag hart war. Dass die Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen kamen und im Heim auch nicht die Zuwendung erhielten, die sie so dringend gebraucht hätten.

Der pädagogische Alltag war hart

Noch so ein Erinnerungsfetzen. Von einem anderen kleinen Jungen, einem, der den Unterricht störte, aus dem Fenster stieg und auf dem Sims balancierte. Den Heide Scherer mühsam hereinlockte, der sich wehrte, jähzornig, den sie so lange umarmte, bis er aufhörte, um sich zu schlagen. Ihre Arme waren zerkratzt, ihre Strümpfe hatten Laufmaschen, aber der Schüler hatte sich beruhigt. "Der Alltag war hart, auch für uns Lehrer", sagt sie heute, "aber wir haben versucht, pädagogisch wertvolle Arbeit zu leisten."

Sie hat den Jungen, sein Name war Uwe, erinnert sie sich jetzt, für ein Wochenende mitgenommen zu ihren Eltern nach Ulm, wo er zum ersten Mal an einem festlich gedeckten Tisch saß. Er war völlig erschreckt, als er den Kakao umstieß auf das weiße Tischtuch. Das Kind erwartete Schläge und böse Worte und war erstaunt, als die Mutter seiner Lehrerin nur lapidar sagte: "Kann schon mal passieren, nicht so schlimm."

Heide Scherer war eine Einzelkämpferin wie fast alle ihre Kollegen. Die Junglehrerin hat sich durch den Schulalltag gebissen, in ihren zwei Klassen, der 2. Und in der 3. waren 18 schwer erziehbare Kinder, so hieß das damals. Sie hat sich bemüht, ihre Kinder zu verstehen, sie war nicht angepasst und nicht brav, "ich denke, ich war eine Herausforderung für den Schulleiter". Ihre Abschlussarbeit hat sie über den Wortschatz der Heimkinder geschrieben.

Ausflug Ende der 60er-Jahre: Junglehrerin Heide Scherer mit Korntaler Schülerinnen und Schülern. Foto: privat
Ausflug Ende der 60er-Jahre: Junglehrerin Heide Scherer mit Korntaler Schülerinnen und Schülern. Foto: privat

"Sie war eine gute Lehrerin", sagt Detlev Zander, der vor wenigen Wochen mithilfe engagierter Korntaler Bürger eine Selbsthilfegruppe gegründet hat. Dort haben sich inzwischen, so die Organisatoren, 50 weitere Heimopfer gemeldet. Auch sie wollen endlich ihre Korntaler Leidensgeschichte erzählen, ringen verzweifelt um Anerkennung, kämpfen darum, dass man ihnen zuhört, ihnen glaubt. Es ist der Versuch, ihre Kindheit aufzuarbeiten, damit sie in ihrem Leben klarkommen. "Man sieht es uns ja nicht an", sagt Martina Poferl, die so patent und anpackend wirkt. Doch wem sieht man schon jahrelange Therapien oder Suizidversuche an?

Auch Martina Poferl erinnert sich gerne an ihre damalige Lehrerin Heide Scherer, die so jung war und so fröhlich. Es ist nicht der Unterricht, es sind die Schläge, die Kälte und der Missbrauch in den Heimgruppen, unter denen die ehemaligen Heimkinder bis heute leiden. "Seelenmord" nennt Detlev Zander das, was mit ihnen passiert ist. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", sagt Heide Scherer, "das gilt auch für damals, auch wenn der Erziehungsstil ein anderer war." Sie blickt über die Gärten und die Wiesen, die ihr Haus umgeben, es riecht nach Sommer und Leichtigkeit. Hier sind ihre drei Kinder aufgewachsen, die inzwischen längst erwachsen sind. Die Tochter durfte Musik studieren, was der Mutter verwehrt wurde. Brotlos sei das, sagte der Vater, und ein bisschen lästerlich auch. Musik, das war zu viel Freude und zu wenig Ernsthaftigkeit. Heute setzt sich Heide Scherer an ihren Flügel, wenn sie dunkle Gedanke verscheuchen will. In letzter Zeit spielt sie oft Klavier.

Immer wieder die Frage: War ich damals zu naiv?

Noch so eine Erinnerung. Ein Zivi, wie die Kriegsdienstverweigerer damals hießen, ein Blonder, habe mal gesagt, der Hausmeister locke die Kinder ins Gebüsch. Da schwang so viel Ungesagtes mit, weil man über Sexualität sowieso nicht redete. "War ich naiv? Hätte ich zum Schulleiter gehen müssen?" Sie hat sich mit ihrer Freundin, die zur gleichen Zeit in Korntal unterrichtete, besprochen. "Du warst doch sowieso zu unangepasst", sagte die, "die hätten dir doch nur eine schmutzige Fantasie unterstellt."

Heide Scherer macht sich Vorwürfe. Doch sie stellt sich ihren Erinnerungen und ihrer Verantwortung. Sie hört genau hin und sie hört zu. Das Gleiche erwartet die Lehrerin auch von ihrem ehemaligen Arbeitgeber, über dessen Haltung sie erschüttert ist, weil sie unter dieser Wolke von Wohlanständigkeit und Frömmigkeit liege. "Man kann Fehler machen", sagt sie an die Adresse der Evangelischen Brüdergemeinde gerichtet, "aber man muss sich dazu bekennen. Sonst kann man keinen Neuanfang machen."

Heide Scherer ist selbst in einem pietistischen Haushalt groß geworden. Die Angst vor einem strafenden Gott bestimmte auch ihre Kindheit, doch ihre Eltern waren liebevolle Eltern, Schläge bekam sie nur einmal. Das war, als sie trotzig mit Kreide auf die familiäre Holztreppe schrieb: "Ich hab keine Angst vor dem Nikolaus." Sie hat in Tübingen studiert und kam vom Tübingen der 68er-Jahre, wo schon mal Tomaten flogen, ins heilige Korntal, um Geld zu verdienen; und weil sie die Aufgabe pädagogisch reizte. Es war die Zeit von Bambule, des Protestes gegen eine autoritäre Heimerziehung. In Korntal war davon nichts zu spüren.

Zucht und Ordnung: Die Rotkehlchengruppe war berüchtigt

Die Rotkehlchengruppe von Detlev Zander war besonders berüchtigt. Zucht und Ordnung herrschten dort, so erinnert sich Heide Scherer, die Hausaufgaben wurden ordentlich abgegeben, die Kinder waren altmodisch angezogen, immer sauber. Einmal war sie die Rotkehlchen besucht, saß bei Tante Gerda, "eine große, dragonerhafte Frau", die sie als streng, ja furchteinflößend in Erinnerung hat. Willkommen war die Lehrerin nicht, Besuche in den Wohngruppen wurde nicht gerne gesehen. Schule und Heim sollten fein säuberlich getrennt bleiben.

Heide Scherer taucht wieder auf aus der Vergangenheit, blickt auf die Balkonblumen statt auf die Erinnerungsbilder, hört wieder die Vögel in ihrem Garten statt des Kindergeschreis. "Ich prüfe mich ständig", sagt sie, "schließlich ist das alles schon 45 Jahre her." Heide Scherer weiß, dass das Gedächtnis aussiebt. Über lange Jahre hat sie die Erlebnisse von Flüchtlingsfrauen aufgeschrieben, hat Gespräche geführt, sie zum Erinnern verführt. Und war immer wieder erstaunt, wie klar und scharf manche Fluchterlebnisse waren.

Sie haben sich geschrieben, die Lehrerin Heide Scherer und ihr ehemaliger Schüler Detlev Zander, der Junge mit der dicken Brille, der hinten am Schrank saß. Ja, das sei er gewesen, bestätigt Zander in seinem Brief. "Sie waren eine moderne Lehrerin und Sie haben mich nie geschlagen", schreibt er, "dafür danke ich Ihnen." – "Ich finde es sehr mutig, dass Sie nicht länger schweigen und gratuliere zu Gründung einer Initiative Opferhilfe", antwortet Heide Scherer. Die überzeugte Pädagogin ist entschlossen, ihr Möglichstes beizutragen zur Aufklärung. "Es wird Zeit, die Krusten aufzubrechen."


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