In der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal wurden jahrelang Kinder misshandelt. Die Aufarbeitung kommt nur sehr schleppend voran. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 276
Gesellschaft

Voller Zorn und voller Scham

Von Susanne Stiefel
Datum: 13.07.2016
Jetzt soll es eine Mediatorin richten. Die Brüdergemeinde in Korntal hat eine Fachkraft gefunden, die den festgefahrenen Karren wieder flottmachen soll. Bis dahin ist weiter Stillstand, unter dem die ehemaligen Heimkinder leiden.

Veronika Unfried ist Korntalerin, engagiert in der Opferhilfe und seit den Unsäglichkeiten in der Brüdergemeinde so etwas wie der Schutzschild für ihre Freundin. Seit Jahrzehnten kennen sich die beiden Frauen. Erst als die Vorwürfe des seelischen und körperlichen Missbrauchs vor zwei Jahren öffentlich wurden, hat die Freundin von ihren eigenen Erfahrungen im Korntaler Kinderheim berichtet. Von den Demütigungen, der Kälte, der Gewalt. Von den vielen Therapien bis in die Gegenwart, um mit der Vergangenheit klarzukommen. Für Veronika Unfried war es die Erklärung für manche Verhaltensweisen der Freundin, "einer starken Frau, eine Kämpferin, aber eine hochkomplexe Persönlichkeit".

Nur der Therapeut und Veronika Unfried wissen von deren Vergangenheit im Korntaler Kinderheim. Voller Misstrauen sei die Freundin, voller Zorn und zugleich voller Scham. "Aber schämen sollten sich doch die anderen, die Verantwortlichen", sagt Unfried.

Eigentlich wollte die Freundin zu diesem Gespräch dazukommen, endlich reden, sich nicht nur der Veronika öffnen, aus der Anonymität treten. In letzter Minute hat sie der Mut verlassen. Zu sehr wühlt es sie auf, das nun schon zweijährige Tauziehen, die Gesprächsangebote der verantwortlichen Brüder, die ihr in E-Mails versprochen, die aber nie Wirklichkeit wurden. "Das ist wie früher in Korntal", schreibt sie in einer Mail, "außer leeren Versprechungen ist nichts gewesen." Die Freundin hat hier keinen Namen, sie will anonym bleiben. Aber sie gibt nicht auf.

Und sie hat Vertrauen zu Veronika Unfried. Sie darf ihre Mail weiterleiten, ohne Absender. Sie darf für sie sprechen, so wie sie ihrerseits auch ihr berichtet von den Treffen der Opferhilfe. Zu denen geht sie alleine hin, als engagiert Korntalerin, aber auch als Stellvertreterin. Sie will ihre Freundin schützen und unterstützen.

"Außer leeren Versprechungen nichts gewesen"

Veronika Unfried sitzt auf ihrer Terrasse mit Blick auf Korntal, rote Zehennägel, wache Augen, 74 Jahre alt, luftiger Sommerrock, Zigarettenspitze, "weil das gesünder ist", aufhören will sie nicht, der Mann raucht auch, sie lacht. Seit ihrer Kindheit lebt sie in Korntal, heute in dem Haus, in dem schon Hermann Hesse gewohnt hat, mit dem Türmchen, ein Kindheitstraum, der vor zehn Jahren Wirklichkeit geworden ist. Und erst, als Detlev Zander mit seiner Millionenklage gegen die Brüdergemeinde die Korntaler aufschreckte, hat sie vom Leid der ehemaligen Heimkinder direkt vor ihrer Haustür erfahren. "Ich wusste von nichts", sagt Unfried. Das hat sie beschämt.

Und manchmal hat sie ein schlechtes Gewissen, weil es ihr so gut ging, als sie klein war, und manchen Kindern in den Korntaler Kinderheimen so schlecht. Weil sie eine glückliche Kindheit hatte, und andere mit einer so drückenden Last ins Leben starten mussten, einer Hypothek, die viele von ihnen bis heute abzahlen. Weil sie als langjährige, leidenschaftliche Grundschullehrerin weiß, was Kinder brauchen: Aufmerksamkeit, Liebe, Zuwendung.

"Der Hauptpunkt von Korntal sind für mich die unendlichen Demütigungen, Missachtung und Nichtbeachtung, das 'Nichtsehen' der Kinder. Du kennst ja als Mutter, wie das wichtig ist für die Kinder, dass sie den 'Glanz im Auge der Mutter' erfahren.Aber wenn ich an die 'Schwarzen Raben' (= schwarz gekleidete Diakonissen) im Kleinen Kinderheim denke, erinnere ich da nur Dunkles, Ungeduldiges und 'Schwarzes' in ihren Augen. Der seelische Missbrauch ist schon unerträglich. Wie schlimm ist dann erst der körperliche??!!!", schreibt die Freundin ihrer Mail.

Fünf Jahre saß Veronika Unfried für die SPD im Korntaler Gemeinderat, seit Jahrzehnten trifft sie sich mit ihrer Frauengruppe, ist aktiv im BUND, bei den Freunden der Stadtbibliothek, und alle drei Woche übernimmt sie eine Nachtschicht bei der S-21-Mahnwache am Stuttgarter Hauptbahnhof. Sie singt im Chor der örtlichen Musikschule und stellt immer wieder fest, dass viele Korntaler am liebsten nicht wissen wollen, was dort in den Kinderheimen in ihrer Nachbarschaft geschehen ist.

Sie will es wissen. Sie will Klarheit, will, dass jeder Täter zur Verantwortung gezogen, das Leid der Opfer anerkannt wird, sie entschädigt werden. Als Peter Meincke, der Leiter der Korntaler Musikschule, die Opferhilfe gründete, einen Zusammenschluss von Korntaler BürgerInnen, der für Aufklärung kämpft, war sie mit dabei – als Korntaler Bürgerin und als Freundin. "Es muss jetzt endlich weitergehen, die Brüdergemeinde muss sich rühren", sagt sie und schaut hinunter auf ihre Heimatstadt, "das ist wichtig für Korntal und für die betroffenen Heimkinder." Die Zeit des Wegsehens ist vorbei. Doch seit vier Monaten bewegt sich nichts in Korntal. Stillstand, mal wieder. Die erste Runde der Aufarbeitung ist im Februar dieses Jahres gründlich gescheitert.

"Du kannst Frau Stiefel gerne sagen, dass die Ehemaligen unbeschreiblich leiden unter dem Verhalten der Brüdergemeinde. Es ist feige und verantwortungslos, verlogen und rücksichtslos, demütigend und sogar erniedrigend. Durch Totschweigen!!! werden die Probleme nicht!!! bewältigt. Alle Opferverbände kümmern sich um die Opfer bzw. Opfergeschichten und -Schicksale. Nur nicht die Brüdergemeinde", schreibt die Freundin.

Traumatisierte Heimkinder agieren nicht immer freundlich

Ein Jahr lang hatte eine Steuerungsgruppe unter der Leitung der Landshuter Professorin Mechthild Wolff daran gearbeitet. Detlev Zander gehörte zu der sogenannten Steuerungsgruppe, als einer der Vertreter der Heimkinder, Klaus Andersen als Vorsteher der Brüdergemeinde. Nach einem Jahr waren die Betroffenen untereinander heillos zerstritten. Mechthild Wolff hatte viel für die Wissenschaft getan, aber die sich immer heftiger zoffenden Heimkinder sich selbst überlassen. Am Ende hatte sie deren Vertrauen verspielt, ihr Vertrag mit der Brüdergemeinde kam nicht zustande.

Zwei Jahre nachdem die Vorwürfe öffentlich wurden, fängt man jetzt wieder bei null an. Keine Entschädigung, kein Konzept, Streit. Immerhin hat die Brüdergemeinde inzwischen akzeptiert, dass sie in einer Bringschuld ist: Andersen sprach öffentlich von der Täterorganisation. Dahinter kann die Brüdergemeinde nicht zurück.

Zu viel Wissenschaft, zu wenig Bemühen um die traumatisierten Heimkinder. "Das lag wohl bei Frau Wolff nicht in den richtigen Händen", sagt Veronika Unfried. Sie hat inzwischen viele persönliche Tragödien gehört. Sie weiß, dass diese traumatisierten Menschen nicht immer freundlich agieren. Dass sie zornig sind, weil sie endlich gerecht behandelt werden wollen, sprunghaft, weil sie ein tiefes Misstrauen haben, nicht nur gegenüber den Tätern, gegenüber allen Menschen. Und sie wollen nicht mehr nett sein, sie wollen nicht mehr gefallen. "Genau das ist das Lernthema in meiner Therapie: dass ich lerne, mir einen Gefallen zu tun, nicht anderen", schreibt die Freundin. Gefallen wollen, auch wenn es Prügel gab – das war der Schlüssel fürs Überleben in den Kinderheimen.

"Es gibt keine zwei gleichen Missbrauchserfahrungen und auch keine zwei gleichen Umgehensweisen der Betroffenen. Manche leiden nachhaltiger. Andere kommen mit ihrem Leben zurecht", sagte der ehemalige Stuttgarter Prälat Martin Klumpp vor einem Jahr im Interview mit Kontext. Auch Veronika Unfried hat eine Patentochter, die mit zwölf Jahren ins Korntaler Heim kam und ein fröhlicher Mensch geworden ist. "Aber es ist doch schlimm, dass ausgerechnet die Schwächsten lieblos behandelt wurden", sagt Unfried. Die als kleines Kind ins Heim kamen, wie ihre Freundin, die niemanden hatten, dem sie sich anvertrauen konnten.

Eine Mediatorin soll den Stillstand beenden

Nur selten kommt die Freundin noch nach Korntal. Schon die Fahrt dorthin ist für die Frau belastend. Doch sie stellt sich ihrer Angst immer wieder, will sich nicht unterkriegen lassen, betrachtet es als "Selbsttherapiemaßnahme". Ihr schwer verdientes Geld ist in die Psychotherapie geflossen, ab einer bestimmten Stundenzahl zahlt die Kasse nicht mehr.

"Es gibt Zeiten, da kannst du nicht mehr reden. Da liegst du auf der Couch und bist nur noch stumm. Schlimm war ja nicht nur die eigene Gewalterfahrung – sondern!!! auch das Miterleben und Zusehenmüssen, wie anderen Kindern Gewalt angetan wurde. Dazu kam immer das Gefühl der Schande und der Beschämung = sich schämen, einfach nur, weil es einen gibt", schreibt die Freundin.

Die Verantwortlichen führen ein gemütliches Rentnerdasein, während sie lebenslänglich leidet. Es ist eine Achterbahn zwischen Zorn und Hoffnung.

Jetzt rührt sich wieder etwas in Korntal. Die Brüdergemeinde hat sich auf die Suche nach einer Mediatorin gemacht und ist mithilfe von Johannes-Wilhelm Rörig, dem Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs, fündig geworden. Vorgeschlagen hat er Elisabeth Rohr, lange Jahre tätig als Professorin für interkulturelle Erziehung am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Marburg. Elisabeth Rohr hat mehr als 25 Jahren Erfahrung als Gruppenanalytikerin und Supervisorin.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Gerhart Bauz hat die Mediatorin mit den zerstrittenen Opfergruppen vor wenigen Tagen Kontakt aufgenommen und Sondierungsgespräche angeboten. Erste Reaktionen zeigen bereits, dass der Job nicht einfach sein wird. Die Aufarbeitung kann nur gelingen, wenn die Brüdergemeinde dazu bereit ist. Und wenn sich die betroffenen Heimkinder darauf besinnen, dass sie nur gemeinsam erfolgreich für Gerechtigkeit, Anerkennung und Entschädigung kämpfen können.

Veronika Unfried sitzt im Schatten ihrer Terrasse, nippt an ihrem Espresso, schaut über die Korntaler Dächer in den Sommerhimmel. Sie wünscht der Mediatorin starke Nerven, Empathie und Erfolg.


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15 Kommentare verfügbar

  • Ulrich Scheuffele
    am 18.07.2016
    Liebe Angelika,

    zum dem Thema AfD sollte man wissen, dass einer der führenden AfDler im Landkreis Ludwigsburg auch im Brüdergemeinderat in Korntal sitzt.
  • Angelika Oetken
    am 15.07.2016
    "Damit wollen wir die Zweifler, die es in Korntal immer noch gibt, überzeugen und den Heimkindern signalisieren, dass sie wahr und ernst genommen werden."

    Lieber Herr Pätzold,

    dass es in Korntal, das ja, wie wir hier wieder einmal lesen mussten, von Angehörigen der Brüdergemeinde dominiert wird, Menschen gibt, die Unglauben vorschützen, darf doch nicht überraschen. So ist das an allen anderen institutionellen Tatorten auch.
    Deren Opfer sollten deshalb keine besonderen Erwartungen an die Mitglieder der verantwortlichen Institutionen stellen. Die werden allenfalls enttäuscht. Besser ist es, sich um Unterstützung durch Behörden, NGOs, ExpertInnen, die Medien und die Öffentlichkeit zu bemühen. Ohne entsprechenden massiven äußeren Druck bewegen sich die "Täterinstitutionen" keinen Millimeter.

    VG
    Angelika Oetken
  • Angelika Oetken
    am 15.07.2016
    @Warum,

    Danke für den wichtigen Hinweis.

    Fürs leichtere Auffinden: https://www.prochrist.org/prochrist-ev/prochrist/kuratorium

    Die Giordano-Bruno-Stiftung hat etwas zu den Christlichen Fundamentalisten eingestellt. Man beachte deren Schnittmenge mit der AfD: http://gbs-stuttgart.de/taxonomy/term/49

    Vor dem Hintergrund ist auch leicht nachvollziehbar, dass die AfD auf Polemik setzt, wo andere Argumente und konstruktive Vorschläge liefern müssen.

    VG
    Angelika Oetken
  • Detlev Zander Netzwerk Betroffenen Forum e.V.
    am 15.07.2016
    VOLLER ZORN UND VOLLER SCHAM

    Ich bin selbst Betroffener von sexualisierter, und psychischer Gewalt der Evangelikalen Brüdergemeinde Korntal.
    Voller Zorn und voller Scham bin ich in der Tat, wenn ich so manche Kommentare zu diesem Artikel lese.

    Wenn Betroffene, die sexualisierte Gewalt in Institutionen, Kirchen erlebt haben, und die Kraft, und den Mut haben an die Öffentlichkeit zu gehen, sind dieses Menschen sehr starke Persönlichkeiten! Alle haben Respekt, Achtung, Menschenwürde und Anerkennung verdient. Dies fordern auch uneingeschränkt von allen Seiten ein!

    Mach ein Schreiber hier meint, wir seinen der Täterorganisation Evangelische Brüdergemeinde Korntal nicht gewachsen. dem entgegne ich bei allem Respekt,sie haben keine Ahnung, was Betroffene von sexualisierter Gewalt für Kräfte, und Ausdauer haben. Den wir sind überlebende, an uns wurde Seelenmord begangen.

    Es ist ja nicht nur damit getan, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, um die Missstände in der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal öffentlich zu machen. Genau an diesem Punkt wir ja das erlebte nochmals Realität. Schauen wir uns doch einmal das Verfahren nach dem OEG an, zwei Jahre Kampf bis zur Anerkennung, zahlreiche medizinische, und psychologische Untersuchungen. Ich sage hier nochmal in aller Deutlichkeit, wer so einen Kampf gegen Behörden gewinnt, der ist sicherlich auch in der Lage es mit der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal aufzunehmen.

    Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen im Missbrauchsskandal der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal ihre Würde wieder erhalten, und eine angemessene Anerkenntniszahlung erhalten!

    Ich persönlich habe immer gesagt, der Aufbereitungsprozess, dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer....!
    Ich bin aber dennoch fest überzeugt, dass allen Betroffenen Gerechtigkeit wieder fahren wird, und für diese Gerechtigkeit kämpfe ich, und werde meine ganze Kraft, und mein ganzes Wissen dieser Aufgabe widmen.
  • WARUM
    am 15.07.2016
    Landesbischof July ist im Kuratorium Pro Christ jederzeit im Internet zu lesen. Erstaunlich wer dort noch vertreten ist . Pro Christ vertritt , Kinder sollen gezüchtet werden, schwul ist heilbar usw.
    Ist das der Grund warum der Landesbischof keine Antwort gibt?
  • Angelika Oetken
    am 15.07.2016
    Lieber Herr Pätzold,

    Ihre Kritik an dem, was die Brüdergemeinde in der Vergangenheit als "Aufarbeitung" bezeichnete, teile ich. Das Vorgehen ähnelt dem von anderen Institutionen aus dem katholischen, evangelischen und reformpädagogischen Milieu, dem Sport, dem Umfeld der Grünen und den Verantwortlichen für die Jugendwerkhöfe der DDR so frappant, dass man geneigt sein könnte, geheime Absprachen anzunehmen, was natürlich Unsinn ist. In Wirklichkeit finden Sie Anleitungen zu solcher Irreführung der Öffentlichkeit in jedem billigen Handbuch für Krisenmanagement.

    Ob die Ehemaligen Heimkinder den Funktionären der Brüdergemeinde wirklich unterlegen sind, ist von dem angelegten Wertmaßstäben abhängig. Bemisst man die Über-Lebensleistung allein, schlagen viele der Menschen, die ehemals als Heimkind in den Einrichtungen der Brüdergemeinde interniert waren, die Angehörigen dieser religiösen Gruppierung um Längen. Geht man von den Ressourcen aus, sind die Opfer natürlich im Nachteil. Es fehlt ihnen sowohl an Geld, als auch an der notwendigen politischen Lobby.

    Dafür haben die Ehemaligen Heimkinder die Öffentlichkeit und die Medien hinter sich. Manche Leute werden mit ihnen aus echtem Mitgefühl heraus sympathisieren, andere froh sein, dass endlich mal jemanden diesen Evangelikalen und ihren UnterstützerInnen Grenzen setzt. So war das 2010, als der Missbrauchstsunami vielen Kirchenfunktionären der katholischen Seite das Wasser bis knapp unter Kinnlinie schwappen ließ. 50 Prozent der Aufmerksamkeit leitete sich daraus ab, dass so mancher Bürger froh war, dass dieser schein-heiligen Bande endlich mal ihr Image um die Ohren flog.

    Warten wir mal ab, was die Mediation bringt.

    VG
    Angelika Oetken
  • Angelika Oetken
    am 15.07.2016
    Zur Missbrauchskultur der Evangelikalen ist heute ein sehr guter Artikel in der Zeit erschienen http://www.zeit.de/2016/30/sexueller-missbrauch-evangelikale-christen
  • Ulrich Scheuffele
    am 15.07.2016
    Liebe Angelika,
    zum Ende meiner Dienstzeit musste ich in der Gärtnerei der Brüdergemeinde Dienst tun, einer eigenwirtschaftlichen Einrichtung der BG, die mit dem Kinderheim nichts zu tun hatte. Das dort produzierte, sehr hochwertige Gemüse, wurde auf dem Großmarkt, dem Wochenmarkt in Stuttgart und direkt an Feinkostläden vermarktet. Das Bundesverwaltungsamt in Bonn, das für uns Zivis zuständig war, hat sich nie darum gekümmert wie die Zivis eingesetzt werden. Die Brüdergemeinde ist mit ca. 500 Arbeitsplätzen einer der größten Arbeitgeber in Korntal. Die Bautätigkeiten, die du gesehen hast, waren teilweise Projekte der Brüdergemeinde. Vor diesem Hintergrund ist es klar, der der Bürgermeister sich zu den Vorfällen in den Kinderheimen nie geäußert hat.
  • Angelika Oetken
    am 14.07.2016
    Lieber Uli,

    du schreibst:
    "Bei einer der Fahrten bekam ich mit, dass die größeren Kinder zusammen mit dem technischen Personal des Kinderheims und einem Zivi an dem Neubau von Bizer Zwangsarbeit leisten mussten. "

    Damit weist du auf einen Punkt hin, den ich für ganz wesentlich halte, wenn man verstehen will, warum die zumeist kirchlichen Träger sich so verhalten wie die Brüdergemeinde Korntal. Die öffentliche Hand, also der Staat in Vertretung aller Bürger zahlte für das, was man früher "Jugendfürsorge" nannte und heute "Jugendhilfe" viel Geld. Gedacht dazu, Kindern und Jugendlichen, denen es an Halt und Unterstützung fehlte, ein Zuhause und eine Perspektive zu bieten. Statt dessen wurden diese oft ohnehin schon traumatisierten Heranwachsenden in mehrfacher Hinsicht ausgebeutet und misshandelt. Physisch, psychisch, sexuell, einige wurden, wie in dem von dir geschilderten Beispiel zur Zwangsarbeit eingesetzt.
    Kurzum: die - kirchlichen - Betreiber dieser Einrichtungen müssen an ihren Zöglingen sehr viel verdient haben. Platzgelder, die nur zu einem geringeren Teil für den Unterhalt der Insassen eingesetzt wurden. Und Gewinne durch eben diese Kinderarbeit.

    In anderen Zusammenhängen bezeichnet man so etwas als Menschenrechtsverletzungen und Veruntreuung öffentlicher Gelder. Aber wo eine Sekte politisch so gut verankert ist wie die Brüdergemeinde Korntal, wird an diese Sache wohl so schnell keiner rangehen. Abgesehen davon, dass das Hinterziehen der Finanzmittel verjährt sein dürfte, sind die Einrichtungen der Brüdergemeinde ja mittlerweile unter das Dach der Diakonie geschlüpft. Was sagt die eigentlich- immerhin einer der größten Anbieter von Sozialleistungen hierzulande - eigentlich zum Umgang der Brüdergemeinde Korntal mit seinen Missbrauchsfällen?

    Und: als ich im vergangenen Jahr im Sommer gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen auf einer von euren Veranstaltungen war, fiel uns die rege Bautätigkeit im Ort auf. Wem gehören denn die Liegenschaften?

    VG
    Angelika Oetken
  • Ludwig Pätzold
    am 13.07.2016
    Die Brüdergemeinde hat bisher versucht, die Aufarbeitung des Missbrauchs in ihren Kinderheimen mit einer paritätischen „Steuerungsgruppe“ zu gestalten. Das konnte nicht gut gehen, weil die Opfervertreter in der „Steuerungsgruppe“ den Vertretern der Brüdergemeinde nicht gewachsen waren und die Brüdergemeinde bestimmte, wofür Geld ausgegeben wird. Frau Prof. Dr. Wolff hat sich darauf eingelassen und ist gescheitert.
    Die Aufarbeitung kann nur gelingen, wenn die Brüdergemeinde eine unabhängige Persönlichkeit beauftragt, die die Regeln bestimmt, über ein Budget verfügen kann und das Recht hat alle Akten einzusehen. Die Opferhilfe Korntal hatte dafür Herrn Prof. Dr. Christian Peiffer vom Kriminologischen Institut Hannover vorgeschlagen.
    Aus dem Artikel wird deutlich, dass die ehemaligen Heimkinder mehr brauchen als eine juristische Aufarbeitung und eine Anerkennungsleistung. Sie brauchen einen geschützten Raum, wo sie sich treffen und untereinander austauschen, über ihre Verletzungen reden können. So könnten die Scham und das Gefühl, nichts wert zu sein, zurückgedrängt und positive Erinnerungen hervorgeholt werden.
    Die Opferhilfe Korntal möchte Zeitzeugenberichte ehemaliger Heimkinder sammeln und veröffentlichen. Damit wollen wir die Zweifler, die es in Korntal immer noch gibt, überzeugen und den Heimkindern signalisieren, dass sie wahr und ernst genommen werden.
  • Angelika Oetken
    am 13.07.2016
    "Warum hat die Evangelische Kirche keinen Missbrauchsbeauftragten?
    Die Katholische Kirche bietet diesen schon jahrelang!"

    Lieber Uli,

    der Umgang des Klerus mit der von ihm zu verantwortenden Missbrauchskriminalität ist das beste Argument dafür, dass Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellen und in staatliche Hände gehören.

    VG
    Angelika Oetken
  • Angelika Oetken
    am 13.07.2016
    Anhand des fast drei Jahrzehnte währenden Kampfes um Aufklärung und Aufarbeitung den die Opfer der Odenwaldschule geführt haben, lässt sich gut ablesen, dass diese erst dann wirksam in Gang kommt, wenn sich staatliche Stellen einschalten. Von einer Institution deren Selbstverständnis, Haltungen und Menschenbild überhaupt erst dazu geführt haben, dass in ihr über einen langen Zeitraum hinweg systematisch Kinder und Jugendliche sexuell ausgebeutet und misshandelt wurden, kann niemand erwarten, dass sie ihre Paradigmen und Grundsätze von selbst anpasst. Wäre der Brüdergemeinde Korntal an effektiver und ehrlicher Aufklärung gelegen, dann befände sie sich in einem Zustand der Schizophrenie. Idealisten und Moralisten wie es Evangelikale nun mal sind, glauben an ihre ethische Überlegenheit, ohne sich je selbst kritisch zu überprüfen. Genau das macht ja Gemeinschaften wie diese interessant. Und da unterscheidet sich die Brüdergemeinde nicht von Reformpädagogen, extremen Linken, Leistungssportverbünden oder katholischen Ordensgemeinden oder dysfunktionalen Familien. Alle diese Gruppen fördern und vertuschen Missbrauch, weil es ihnen am notwendigen Regulativ von außen fehlt.

    Was den Umgang mit den Opfergruppen angeht, wurde eine bekannte Strategie gewählt: "Teile und Herrsche!"

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden
  • Ulrich Scheuffele
    am 13.07.2016
    der Landesbischof July schweigt zu dem ganzen Skandal und verschanzt sich hinter dubiosen Verträgen zwischen der Landeskirche und der Brüdergemeinde. Ich habe am 15.Juni einen Brief an July geschrieben. Heute haben wir Mitte Juli und ich habe keine Reaktion von July. Hier der Wortlaut meines Briefes:

    Sehr geehrter Herr Landesbischof July,

    mit diesem Schreiben möchte ich Ihnen die Vorgänge in den Kinderheimen Korntal ins Gedächtnis rufen.

    Ich selbst war in den Jahren 1972/73 als Zivildienstleistender (habe aus Glaubensgründen verweigert) in dem Kinderheim Hoffmannhaus in Korntal. Das erste, was ich mir von dem Heimleiter Werner Bizer anhören musste war, „ich solle den Kindern nichts glauben, sie wären alle Lügner“. Irgendwann sprach mich Bizer auf dem Hof des Heims an und meinte: Ich solle doch die Kinder immer mal wieder verprügeln.,ich dürfte das, er nicht. Dies habe ich natürlich nicht getan. Ich bin aus christlicher Überzeugung nach Korntal gegangen, mit der Hoffnung, meine Erfahrung in der Jugendarbeit an die Kinder weitergeben zu können. Es dauerte nicht lange, bis ich merkte, welcher Geist in diesem Heim herrschte. Nicht wenige der Erzieher wurden alleine nach dem „Gesangbuch“ ausgewählt und nicht nach einer pädagogischen Qualifikation.

    Der Heimleiter selbst war ausgebildeter Landwirt. Einer der Erzieher, mit dem ich ein Zimmer teilen musste, war ein schwerer Psychopath, aber schon auf eine fast fanatische Weise fromm. Mein Einsatz als Zivi war nur im technischen Bereich und mit den Kindern hatten wir fast keinen Kontakt. Dies hat mich allerdings nicht davon abgehalten, doch den Kontakt zu den Kindern zu suchen. Nach kurzer Zeit konnte ich ein Vertrauensverhältnis mit den Kindern aufbauen und diese konnten ihre Sorgen bei mir abladen. Die Kinder hatten mich auch ins Herz geschlossen. Es dauerte nicht lange, bis der Heimleiter dies zu Ohren bekam und er verbot mir, weiter zu den Kindern Kontakt zu halten. Die Kinder „durften“ in den Ferien immer in das Freizeitlager nach Wilhelmsdorf fahren und ich war hier der Fahrer.

    Bei einer der Fahrten bekam ich mit, dass die größeren Kinder zusammen mit dem technischen Personal des Kinderheims und einem Zivi an dem Neubau von Bizer Zwangsarbeit leisten mussten. Einmal ist dabei ein Kind schwer verunglückt, worauf man den Jungen ins Lager geschafft und ihn von dort ins Krankenhaus gebracht hat. Man hat es dann als Unfall deklariert, in dem der Junge beim Spielen vom Dach gefallen ist. Auch die Missbrauchsfälle sind mir nicht verborgen geblieben. So hat mir ein Zivi erzählt, dass ein Mitarbeiter der BG immer wieder einzelne Kinder mit auf sein Zimmer genommen hat. Wir Zivis haben uns dann bei unserem Dienstherren, dem Bundesverwaltungsamt, über die Zustände in Korntal beschwert.

    Das Schreiben ist unbeantwortet an Bizer weitergeleitet worden mit der Aufforderung, uns zu sagen, dass solche Schreiben nur mit der Unterschrift des Heimleiters angenommen werden, was Bitzer uns dann scheinheilig mitgeteilt hat. Wir Zivis durften auch zu Freizeiten, die von dem für die Zivis zuständigen Pfarrer Schäuffele geleitet wurden. Neben den Korntaler Zivis waren auch Zivis aus Einrichtungen der Evangelischen Gesellschaft dort, mit denen wir unsere Erfahrungen austauschten. Diese sagten uns, dass Korntal innerhalb des Diakonischen Werkes einen ganz schlechten Ruf hat. Weshalb ist das Diakonische Werk bzw. die zuständigen Jugendämter nicht bereits damals aufmerksam geworden und hat diese Einrichtung etwas stärker unter die Lupe genommen? Mein Aufenthalt in Korntal hat bei mir bewirkt, dass aus einem Mitglied der Landeskirche ein Kirchenkritiker wurde.

    Nach meinem Ausscheiden aus dem Zivildienst habe ich mich meinem Gemeindepfarrer und dem Dekan anvertraut. Beide waren erschüttert von meinem Bericht, aber Konsequenzen hat es nicht gegeben. Ich habe dann resigniert und bin einige Zeit später aus der Kirche ausgetreten. Meinen Schwur, keinen Fuß mehr auf Korntaler Boden zu setzen, habe ich jedoch nach vierzig Jahren gebrochen, als ehemalige Heimkinder mich gebeten haben, sie in ihrem Kampf um Anerkennung ihrer Leiden zu unterstützen. Diesem Wunsch bin ich gerne nachgekommen.
    Heute bin ich Pressesprecher der Arbeitsgemeinschaft Heimopfer Korntal und bringe mich in der Öffentlichkeitsarbeit ein.
    In den Gesprächen, die ich mit ehemaligen Heimkindern führte, hat sich eine Horrorwelt aufgetan, die mir teilweise schlaflose Nächte bereitet hat. Neben der psychischen Gewalt mit Folter und körperlichen Misshandlungen hat in diesem Heim ein pädophiles Netzwerk bestanden, in dem die Kinder systematisch missbraucht und gegen Spenden an Pädophile ausgeliehen wurden. Eine Frau, die damals als vierzehnjährige Praktikantin im Heim war hat mir erzählt, dass sie vom Landwirtschaftsleiter zuerst betrunken gemacht und dann im Stall vergewaltigt wurde.
    Anfang 2015 wurde mit einem großen Presserummel angekündigt, dass nun endlich eine Aufarbeitung stattfinden soll, einzigartig in ganz Deutschland. Dieser laut aufgestiegene Luftballon ist Anfang 2016 leise geplatzt. Seither hat sich nichts getan und die Heimopfer werden immer mehr hingehalten. Die einzigen Reaktionen sind, dass der ehemalige Heimleiter Walter Link versucht, über die Presse zu vermitteln, dass die Heimopfer Lügner sind.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Landeskirche und die Diakonie von den Zuständen in Korntal, die sich über Jahrzehnte hingezogen haben, nichts mitbekommen hat.

    Nur wer bewusst wegschaute, konnte das menschenverachtende Treiben in Korntal nicht mitbekommen.
    Fakt ist, dass die Brüdergemeinde, auch wenn sie vertragliche Sonderrechte hat, ein Mitglied der Landeskirche ist und sie über die Lebendige Gemeinde in der Synode sitzt. Es geht nicht, dass sich die Leitung der Landeskirche aus ihrer Verantwortung stiehlt und sich hinter dubiosen Verträgen versteckt.

    Warum hat die Evangelische Kirche keinen Missbrauchsbeauftragten?
    Die Katholische Kirche bietet diesen schon jahrelang!

    Herr Landesbischof, viele der betroffenen Heimkinder leiden noch heute unter den Folgen der brüderlichen „christlichen Fürsorge“. Nachweislich haben viele ehemalige Korntaler Heimkinder schwere psychische Probleme, viele leiden unter Altersarmut.

    Unerwähnt darf auch nicht bleiben, dass man nicht auf das Leben nach Korntal vorbereitet wurde. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser.
    Alkohol- und Drogenmissbrauch mit anschließender Prostitution, sogar Selbstmord, waren die Folgen.

    Die Korntaler Fürsorge hat einen menschlichen Scherbenhaufen hinterlassen. Die Kirche ist mit in der Verantwortung und wenn sie als Oberhirte weiter schweigen, machen Sie sich persönlich schuldig. Die Heimopfer warten auf ein klärendes Wort von Ihnen.
  • Werner Hoeckh
    am 13.07.2016
    Recht herzlichen Dank Frau Stiefel, dass Sie uns Opfern/Betroffenen weiterhin in der Aufarbeitung des Korntaler Missbrauchs zur Seite stehen.
    Durch den Egoismus und vermeintlichen Alleinvertreteranspruch wurde viel unnötige Zeit vertan und somit viel "Porzellan" zerschlagen.
    Dass das von vielen "Jüngern" nicht erkannt wird, ist bedauerlich.

    Auch war es unserer Angelegenheit nicht dienlich, dass fast jeden zweiten Tag eine neue "Wahrheit" der Presse gepredigt wurde.

    Diese "Wahrheiten" können gerne unter der Mailadresse JugendamtsgeschaedigteEltern@web.de angefordert werden.
  • Heide Scherer
    am 13.07.2016
    Danke Frau Stiefel, dass Sie unsere Verantwortung als Mitmenschen in Worte fassen: auch bei vermeintlichem Stillstand der Aufarbeitung geht die Auseinandersetzung weiter. Ich wünsche allen Beteiligten, dass der Wille, eine Lösung zu finden immer stark bleibt. Und, das besonders, dass die Plattform der Vorwürfe verlassen wird, dass Trauer möglich wird.
    Ich wünsche mir, dass der zeitgeschichtliche Kontext bei der Aufarbeitung auch in der Korntal - Missbrauchsgeschichte innerlich präsent ist.

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