Landesbischof Otfried July: "Es wäre schön, wenn man in Korntal die Kommunikation verbessern könnte." Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 195
Gesellschaft

Ein Herz für die Heimopfer

Von Susanne Stiefel (Interview)
Datum: 24.12.2014
Lange hat Bischof Otfried July geschwiegen. Kein Wort zum Leiden der ehemaligen Korntaler Heimkinder und den Missbrauchsvorwürfen gegen die Evangelische Brüdergemeinde. Jetzt spricht er in Kontext. "Für die Opfer bin ich voller Empathie", betont July, ihr Leiden müsse "gehört und gewürdigt" werden.

Herr Bischof, Sie brechen erstmals Ihr Schweigen und reden über die Missbrauchsvorwürfe gegen die Evangelische Brüdergemeinde in Korntal. Tun Sie das, weil Weihnachten vor der Tür oder die Sache kurz vor der Explosion steht?

Ob die Sache kurz vor der Explosion steht, kann ich nicht beurteilen. Aber mit der Zusage der Landshuter Professorin Mechthild Wolff, die Vorkommnisse wissenschaftlich aufzuarbeiten, ist Bewegung in diesen schwierigen Prozess gekommen, und darüber bin ich froh. Ich habe den Eindruck, dass die Korntaler sich mit dieser Ernennung sehr bemüht haben und die Opfer spüren, dass ihr Anliegen ernst genommen wird. Die Brüdergemeinde muss diesen Prozess gemeinsam mit den Betroffenen gut nach vorne bringen, damit ein wirklicher Dialog entsteht.

Was Sie als eine Art Befreiungsschlag sehen, betrachten die Heimopfer als Affront: Man habe sich auf Januar verabredet, um gemeinsam nach einer geeigneten Person zu suchen. Nun erfahren sie, dass die Brüdergemeinde schon jemanden bestimmt hat. Dieses Vorgehen ist bestenfalls dilettantisch, ganz sicher aber kein wirklicher Dialog.

Das bedaure ich auch. Doch in diese Verabredungen war und bin ich nicht mit einbezogen. Ich habe mit der Brüdergemeinde keinen täglichen Kontakt. Aber ich will nicht ausweichen: Es wäre schöner, wenn man in Korntal die Kommunikation so verbessern könnte, dass es nicht mehr zu solchen Missverständnissen kommt.

Wie konnte es zu diesem Fehlstart kommen?

Die Kommunikation ist in dieser Situation schwierig. Die Betroffenen sind durch das Leid, das sie erfahren haben, hoch sensibilisiert. Ganz deutlich will ich hier sagen, dass meine Sorge und die Sorge der Landeskirche den Opfern gilt. Aber so sehr man sich für die Heimopfer engagiert: Auch für die Brüdergemeinde ist das eine schwierige Situation. Sie waren überrascht von der Vielzahl der Opfer, die sich gemeldet haben, und brauchten Zeit, um Expertise und Strukturen aufzubauen. Ob dieser Prozess immer gut gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Zumindest sind nicht alle Gespräche gelungen, sonst stünden wir jetzt nicht vor der Situation, dass auf eine kompetente Frau wie Mechthild Wolff so ablehnend reagiert wird. Das spricht nicht für Vertrauen.

Das scheint die Brüdergemeinde aus eigener Kraft nicht zu schaffen, wie das jüngste Beispiel zeigt. Wie können Sie als Landesbischof, wie kann die Landeskirche dabei helfen?

Mein Augenmerk gilt der schonungslosen und transparenten Aufarbeitung. Das dient letztlich auch der Korntaler Brüdergemeinde, und das weiß man dort auch. Es ist noch zu früh, zu beurteilen, ob die Situation völlig verfahren ist. Ich hoffe jedenfalls, dass durch die jüngsten Kommunikationsschwierigkeiten nicht der ganze Prozess zum Stillstand kommt. Mit der Ernennung von Frau Wolff wurde eine Brücke gebaut, und wir werden sehen, ob es gelingt, diese Brücke zu beschreiten.

Nochmals: Warum haben Sie so lange geschwiegen zu Korntal und damit die Opfer allein gelassen, deren Glaubwürdigkeit immer wieder angezweifelt wurde? Und bitte nicht wieder das Argument hervorholen, die Brüdergemeinde sei eben eine eigenständige Körperschaft.

Aber das ist doch ein wichtiger Punkt. Für die Opfer bin ich voller Empathie, da brauchen Sie bei mir keine Tür zu öffnen. Andererseits muss ich respektieren, dass die Evangelische Brüdergemeinde eine eigenständige Einrichtung ist. Anfang November habe ich ein Gespräch mit dem Vorstand der Brüdergemeinde geführt und darauf hingewiesen, wie wichtig die schnelle Aufarbeitung ist. Mit diesen Gesprächen konnte ich mehr erreichen, auch im Sinne der Opfer, als auf dem öffentlichen Markt. Das mögen Sie als Journalistin anders sehen.

Das sehen vor allem die Opfer anders. Die haben auf eine Wort von Ihnen, von der Landeskirche gewartet, ein Signal, dass ihr Anliegen ernst genommen wird.

Es gibt Situationen, in denen es hilfreicher ist, nichtöffentliche Gespräche zu führen. Das ist nach außen nicht so leicht zu vermitteln, aber darauf muss ich bestehen.

Und was ist mit der moralischen und theologischen Verpflichtung einer Landeskirche? Korntal liegt 13 Kilometer von Ihrem Amtssitz hier auf der Stuttgarter Gänsheide entfernt. Warum haben Sie nie gesagt: Es tut mir leid?

Wenn ich das sage, übernehme ich Verantwortung für dieses Heim in Korntal. Doch das kann ich nicht tun.

Die Brüdergemeinde ist nicht die Odenwaldschule, sondern mit der Landeskirche vertraglich verbunden. Ein Wort des Bedauerns des Landesbischofs wäre ein Signal gewesen.

Ich habe einem Heimopfer, das mir einen Brief geschrieben hat, geantwortet und sehr deutlich gemacht, wo mein Herz schlägt.

Im Juli sagten mir der Pressesprecher der Landeskirche und der Diakonie, sie stünden den Korntalern mit Rat und Hilfe zur Seite. Mitbekommen hat davon niemand etwas.

Das kann man nicht alles ins Schaufenster stellen, da muss man sich zunächst über die Abläufe verständigen. Ob das immer gleich gut gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Wann haben Sie die Brüdergemeinde zuletzt besucht?

Weil ich die Brüdergemeinde näher kennenlernen wollte, hab ich sie im Februar dieses Jahres zwei Tage lang besucht und geschaut, was sie heute machen. Zur Geschichte: Ein Teil der Pietisten wollte Anfang des 19. Jahrhunderts ja aus Württemberg wegziehen, weil es ihnen hier zu liberal und zu wenig fromm war. Damals hat der König ihnen zugesichert, dass sie mit der Landeskirche nichts zu tun haben und nur der König eine Besuchsbeziehung pflegen wollte.

Haben Sie die Verantwortlichen angesprochen?

Damals war mir der Fall nicht bekannt, sonst hätte ich das sicher angesprochen. Und danach war ich nicht mehr dort.

Herr July, haben Sie Fehler gemacht? Haben Sie zu lange geschwiegen?

Man kann das unterschiedlich bewerten, welcher Zeitpunkt richtig ist. Ich glaube, dass der jetzige der richtige ist.

Wie wird die Landeskirche den zukünftigen Prozess der Aufarbeitung unterstützen?

Ich finde es wichtig, dass Frau Wolff sowohl mit den Betroffenen als auch der Brüdergemeinde eine ordentliche Kommunikation hinbekommt. Es wird eine Mediation nötig sein, aber vor allem muss mit der Aufarbeitung begonnen werden. Den Opfern will ich deutlich sagen: Ihr habt unsere Empathie. Und jetzt müssen wir sehen, wie die nächsten Schritte von Frau Wolff organisiert werden.

Die Landeskirche benennt beim Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart drei regionale Themenfelder. Wird der aktuelle Fall vor der Haustür diskutiert werden?

Es gibt keinen Grund, sich diesem Thema zu verweigern. Und die Beauftragte für Chancengleichheit der Landeskirche ist deswegen schon mit dem Präsidium des Kirchentags im Gespräch, um das Vorgehen abzustimmen.

Bisher wurde das abgelehnt, mit dem Hinweis, dass man sich schon lange auf die Themen geeinigt habe und kein Platz mehr für neue sei.

Nein, wir bemühen uns darum. Einer meiner Leitsätze war immer: Kirche nahe bei den Menschen. Deshalb bin ich viel unterwegs im Land, spreche mit den Leuten, gehe in die Gemeinden. Wenn Menschen in diesem Land geschädigt wurden, wenn sie Not und Leid auch durch Religion oder religiös geprägte Menschen erfahren haben, dann ist das ein Thema für die Landeskirche und auch für den Evangelischen Kirchentag.

Das Jahresende ist die Zeit der guten Wünsche. Sie sind zwar weder das Christkind noch der Weihnachtsmann, aber der Landesbischof. Was wünscht der den Korntaler Betroffenen zum neuen Jahr?

Ich wünsche den Heimopfern, dass sie erfahren und spüren, dass ihr Leiden gehört und gewürdigt wird, indem man ihnen zuhört. Und ich wünsche mir, dass eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre entsteht, dass das geschehen kann. Der Brüdergemeinde wünsche ich, dass sie auf dem jetzt eingeschlagenen Weg mutig weiterschreitet, offen und transparent und mit der Expertise, die dafür notwendig ist. Und Frau Wolff wünsche ich Standhaftigkeit, Empathie und vor allem gute Nerven.

Seit neun Jahren ist Frank Otfried July Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er zählt zum 40-köpfigen Zentralausschuss der Konferenz Europäischer Kirchen und ist außerdem Kuratoriumsmitglied des evangelikalen Vereins ProChrist. Im Juli 2010 wurde July neben sieben weiteren Geistlichen zum Vizepräsidenten im Lutherischen Weltbund gewählt. Der 60-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder.


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4 Kommentare verfügbar

  • D.G.L.
    am 30.12.2014
    Danke an By-the-way.

    Endlich jemand, der sich mit diesem Thema befaßt.

    Pro-Christ ist ein evangelikaler Verein, kommt aus AMERIKA ihr Prediger ist ULRICH PARZANY !!!

    In diesem Verein sollen Kinder gezüchtigt werden, schwul ist heilbar, hierfür gibt es Seminare. usw.
    Kann es sein, daß die ev. Kirche nur zum Schein so tut, als wolle sie sich in Korntal kümmern ???

    WARUM ist die ev. Kirche und viele Politiker mit diesem Verein verbandelt ?

    Ich wünschte mir, daß KONTEX diese Frage direkt an Frank Otfried July gestellt hätte.
    Mir stellt sich die Frage, ist dieses Thema zu heiß, oder gar gefährlich ? Man weiß es nicht in dieser Zeit.

    Es gibt einen Artikel 140 im Grundgesetz:
    VERFLECHTUNG von KIRCHE und STAAT ???

    im Internet unter : gbs giordano bruno stiftung
    gibt es auch Info und vieles mehr.
  • By-the-way
    am 28.12.2014
    Über die Verflechtung von Kirche und Politik

    Zitat:
    "Seit neun Jahren ist Frank Otfried July Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er zählt zum 40-köpfigen Zentralausschuss der Konferenz Europäischer Kirchen und ist außerdem Kuratoriumsmitglied des evangelikalen Vereins ProChrist."

    Dazu findet man in "Die Welt" am 11.08.2009
    (http://www.welt.de/politik/deutschland/article4302613/Evangelikale-als-eine-Macht-in-der-deutschen-Politik.html):

    "Evangelikale als eine Macht in der deutschen Politik

    Strenggläubige evangelische Christen, denen die Bibel als getreues Wort Gottes gilt, leben nicht nur in den USA. Auch in Deutschland gibt es sie. Mehrere Unionspolitiker, darunter CDU-Fraktionschef Volker Kauder, gehören dazu. Die Balance zwischen Glauben und realistischer Politik ist für sie oft schwierig."
    und:
    " Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und der Vorsitzende der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag, Steffen Flath, gehören zum Kuratorium des Evangelisten-Netzwerks "Pro Christ"."

    Ursula von der Leven
    (http://www.heise.de/tp/artikel/32/32996/1.html)
    "So übernahm von der Leyen die Schirmherrschaft für das Christival 2008, das wie auch das umstrittene ProChrist ein selbständiges Werk der evangelikalen Evangelischen Allianz Deutschland (EAD) ist und ursprünglich auch einen Workshop zur Heilung von Homosexualität im Programm hatte"

    Interessant auch, wer aktuell noch im Kuratorium von Prochrist sitzt, hier kann man die Verflechtung von Kirche und Politik förmlich nachvollziehen!
    (http://www.prochrist.org/prochrist-ev/prochrist/kuratorium):

    Da findet man einen Erwin Teufel, Ministerpräsident a.D. und einen Michael Föll ...

    Seltsam, aber das riecht alles sehr nach Stuttgart 21...
  • Jon
    am 27.12.2014
    Achja und noch was zur Sprachkultur:
    Es ist bei Missbrauchten und Traumatisierten keine gute Idee von Opfern zu sprechen. Opfer sind hilflos, können nichts gegen ihr Schicksal tun, haben und hatten keine Handlungsoption. Opfersein bedeutet von der Gesellschaft kategorisiert und ausgeschlossen zu werden. Dabei ist das Wesentliche für die Betroffenen, dass ihr Schicksal als eine gesellschaftliche Frage und nicht als ihr persönliches Problem gesehen wird. Der Missbrauch ist ein Problem, dass die Gesellschaft angeht und so sind die Betroffenen als Zeugen Teil eines gesellschaftlichen Prozesses und nicht Opfer, die durch das Erlittene ein Problem haben. Deshalb geht es auch nicht um Mitleid oder Empathie, sondern um das Anerkennen von Missbrauchserfahrenen als wichtige Sachverständige in diesem Prozess. Mit dem Erlebten kann man umgehen, wenn es zum gesellschaftlichen Bewusstsein und der Betroffene damit in den gesellschaftlichen Prozess re-integriert wird.
  • Jon
    am 27.12.2014
    Was macht es eigentlich, dass man bei den Kirchenoberen und ihren Äusserungen in Konfliktfällen immer das Gefühl hat, klare Worte zu vermissen und das Drumherumreden erstes Gebot zu sein scheint. Was nützt einem Betroffenen die Empathie der Kirchenleitung. Genaugenommen garnichts, denn am Anfang steht, wie auch in diesem Fall, erstmal das Abwiegeln, Vertuschen und meist auch noch die erneute Beleidigung der Betroffenen. Alles was danach kommt ist alleine schon dadurch entwertet.
    Das Kurioseste scheint mir die Vorstellung einer Mediation. Mediation kann man in Konflikten anregen an denen zwei Parteien beteiligt sind, aber doch um Himmelswillen nicht in einem Fall mit Tätern und Betroffenen. Die Bringschuld liegt hier alleine bei der Täterorganisation. Die Betroffenen mittels einer Mediation sozusagen in ein Gespräch mit den Tätern zu nötigen kommt mir wie ein neuer Missbrauch vor. Eine Wahrheitskommission ähnlich derer in Südafrika könnte ich mir denken, denn an erster Stelle steht das Bekenntnis der Täter zu ihren Taten. Das ist absolut zwingend. Danach können Betroffene, sofern sie das wünschen von ihrem Erlebten berichten. Ob es dann eine Versöhnung geben kann steht am Ende des Prozesses und kann alleine und ausschliesslich von den Betroffenen angeboten werden. Auch trennen muss man davon völlig irgendwelche Entschädigungen oder gar Therapieangebote von Täterseite. Die Betroffenen, die für sich Therapie für sinnvoll halten müssen diese Kosten anstandslos und in vollem Umfang erstattet bekommen. Das kann nicht von der Täterorganisation "gewährt" werden, sondern das gehört zu ihren zwangsläufigen Pflichten in diesem Prozess. Weitergehende materielle Entschädigung könnte am Ende eines Prozesses festgelegt werden.
    Weitergehend, und das fehlt einfach in den Äusserungen des Herrn July, würde ich mir wünschen, dass geklärt wird inwieweit die Täterorganisation und ihr Umfeld auch in die Proteste gegen den Bildungsplan verstrickt ist. Verklemmte pietistische Sexulmoral gehört zwar zum Missbrauch, wie die Henne zum Ei, aber nun nach der Aufdeckung dieser Taten die mangelnde Aufklärung der Kinder weiter zu treiben ist genau die Voraussetzung für den nächsten Missbrauch. Auch hier muss die Kirche einen Zusammenhang herstellen und den gesellschaftlichen Diskurs fordern.

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