KONTEXT:Wochenzeitung
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O du fröhliche

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Erfreulicherweise geht ja die Vorweihnachtszeit jetzt zu Ende. Man kann sich also endlich dem Fest als solchem widmen: Bei uns gibt's Gans. Begonnen hatte alles natürlich schon früher – mit dem Umschmelzen der Schoko-Osterhasen in Nikoläuse etwa oder ersten Weihnachts-Deko-Versuchen meines Möhringer Ökoladens Anfang Oktober: So schnell war sonst keiner! 

Zu Weihnachten überkommt die weihnachtsfeiernde Christenheit, zu der natürlicherweise auch Atheisten, Katholische und Ungläubige gehören, ja regelmäßig so was wie ein "Moralischer": Man könnt heulen und weiß nicht warum, obwohl es viele Gründe gäbe. Unmittelbar nach dem Heiligen Abend (bei uns gibt's Bratwürste, Kartoffelbrei, Sauerkraut und polnische Soße) halten wir nach guten Vorsätzen fürs nächste Jahr Ausschau: Rauchen haben wir schon aufgegeben, mehr Bewegung auch, 2015 also Fettes in Maßen meiden.

Zum Moralischen gehört das Gefühl, wir könnten ja eh nischt machen: Ohnmacht, Niedergeschlagenheit, Resignation machen sich breit, ja sogar Appetitlosigkeit! Vielleicht wäre es ja doch eine gute Idee, nächstes Jahr den Psychiater zu konsultieren oder nach Dresden zu laufen statt zu fliegen. Nachtzüge fahren schon lange nicht mehr in den deutschen Osten, aber die Bahn ist zuverlässig unpünktlich, freilich teurer als der Flieger. Dafür bist du aber dann auch acht, neun Stunden auf Achse. "Einer geht noch, einer geht noch rein", sang meine Omi Glimbzsch aus Zittau bei solchen Gelegenheiten und nahm sich noch einen Kumpeltod zur Brust: das Ost-Antidepressivum.

Die Medien haben's heute vergleichsweise leicht: Sie bringen Tipps für das Weihnachtsgeschenk in letzter Minute (<link http: www.kontextwochenzeitung.de extra die-kontextwochenzeitung werden-sie-kontextunterstuetzer.html _blank>ein Förderabo für Kontext?) oder erzählen vom Stall in Bethlehem, ohne Gaza zu erwähnen. Weglassen ist ein großes Kunststück. Heuer beklagen Betroffene auch die Lage der Christen in den Golfstaaten, und meine aktuelle Sonntagszeitung meint: "Weihnachten feiern – das bleibt für viele Christen ein unerfüllbarer Traum. Was für eine Schande." Darf ich ergänzen? Eine Schande auch für viele Hindus, Moslems, Juden, Buddhisten, Agnostiker, auch für viele Verfolgte, Flüchtlinge, Kinder, vergewaltigte Frauen, auch für viele ein Hauseck weiter. Zu genau hinschauen lohnt sich nicht – es verdirbt die Feierlaune. Aber schön wär's halt doch: allen Menschen ein Wohlgefallen.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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