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Fußball

Alle bekloppt

Fußball: Alle bekloppt
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Zwei Jahrzehnte nach Klinsmann soll wieder ein aus Stuttgart stammender Jürgen Deutschland aus der Fußball-Depression führen. Für unseren Autor zwar durchaus folgerichtig, dennoch wundert er sich über die Einmütigkeit. Und wüsste auch Alternativen zu Klopp.

In den großen Fragen der Zukunft ist das Land heftig zerstritten. Fossil oder erneuerbar, abschieben oder "Wir schaffen das", gendern oder Hart-wie-Kruppstahl, kriegstüchtig oder verhandlungswillig – die Lager stehen beinhart wie Spaniens Abwehr. Doch urplötzlich sprechen alle mit einer Zunge. Nachdem Julian Nagelsmann den vierfachen Fußball-Weltmeister Deutschland bei der WM endgültig zu Schland geschrumpft hat, war bei der Suche nach einem Erlöser nur noch ein Name, dem Merkelschen Diktum folgend, alternativlos: Jürgen Klopp. Große Einigkeit von "Spiegel" über "Bild" und "Kicker" bis "Süddeutsche Zeitung". Nur Matthias Sammer dachte heimlich über Berti Vogts nach.

Tatsächlich zeigt sich "the normal one" (Klopp über Klopp) bei der aktuellen Drei-Länder-WM in blendender Verfassung. Wo sich einst unterm Hemd die Wampe wölbte, ist nunmehr: nichts. Wo einst auf dem Schädel das Nichts drohte, sprießt inzwischen das Haupthaar tropisch-üppig. Die Zähne strahlen weiß wie Tante Käthes frisch gestärkte Bettlaken, und wenn Klopp beim Lachen das Gebiss entblößt, wird jeder Königstiger neidisch. Derart fidel flachst sich der 59-Jährige als knusprig-brauner TV-Experte durch die Sendungen, als sei er ein mahnender Hinweis auf die Pläne der Bundesregierung: Die Rente vor 63 bringt's!

Ganz anders die Situation Anfang 2024. Da bekannte Klopp, er werde seinen Job als umjubelter Coach beim FC Liverpool zum Saisonende aufgeben: "I'm running out of energy." Obwohl sein Vertrag noch ein Jahr länger gehe, er sei eben in Hirn und Herz wie "Flasche leer" (G. Trapattoni) und habe fertig. Er könne sich durchaus vorstellen, tröstete er seine verzweifelten Verehrer:innen beim Abschied, nie, nie wieder als Trainer an der Linie zu stehen.

Sportromantiker murmelten: Verrat

Am 1. Januar 2025 heuerte er dann bei einem österreichischen Brausebetrieb an. Mangels sowjetischer Verdienstorden lockte ihn die Konzernzentrale mit einem phantasievollen Titel nach Salzburg: Head of Global Soccer. Neidhammel vermuten, auch das geschätzte Jahressalär von 10 Millionen ("Kicker") bis 15 Millionen Euro ("Süddeutsche Zeitung") Euro könnte bei der Entscheidung geholfen haben. Sportromantiker murmelten enttäuscht: Verrat.

Was Klopp seitdem als Globalkopf so treibt, hat das Fachmagazin "11Freunde" für eine Titelgeschichte sorgsam recherchiert. Demnach reise der nur kurzmonatige Pensionär, knapp zusammengefasst, per Flugzeug die sportlichen Dependancen in Asien, Südamerika, USA und Leipzig ab, lüfte die Umkleidekabinen und verschwinde wieder. Der Rastlose hinterlasse Ratlosigkeit. Und einen diabolischen ökologischen Fußabdruck.

Nun also: Bundestrainer. Retter. Versöhner. Kommunikator. Leuchtturm (191 cm) in fußballerischer Finsternis.

Dieses Ansinnen verkennt, dass Jürgen Klopp dafür eigentlich gar keine Zeit hat. Er ist ausreichend damit beschäftigt, sein Gesicht gegen Entgelt an Firmen zu verleihen. Im modernen Werbesprech: Er gibt den Markenbotschafter. Wer seinen vielfältigen Botschaften folgen möchte, kommt da schnell durcheinander. Soll ich nun Bitburger trinken, Budweiser oder doch Erdinger Weißbräu? Trage ich meine Spargroschen zur Deutschen Vermögensberatung, den Volksbanken Raiffeisenbanken oder doch zu MediaMarktSaturn für einen Flachbildschirm? Steige ich in einen Opel, VW, Mitsubushi oder Seat? Und für welche Treter soll ich mich entscheiden, wenn er für gleich drei verschiedene Sportschuhfirmen markenbotschaftet?

Selbst bei der FDP gab es eine Alternative

Das einmütige Votum für den Vielbeschäftigten verwundert schon. Bei der FDP wurde neben Wolfgang Kubicki immerhin Agnes Frau Strack-Zimmermann ins Spiel gebracht. Alternativlos? Was ist denn mit Peter Neururer? Der schraubt seit Jahren die Radkappen an seinem Porsche an und wieder ab, weil er sonst nichts zu tun hat. Oder Christian Streich. Dessen Kompetenz, aus mittelprächtigen Spielern ein formidables Team zu formen, ist so unstrittig wie seine Demut und sein Humor ("Ich bin nicht Kult, höchstens ein Kültle"). Streich könnte, nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum in einer Freiburger Fahrradwerkstatt, sicherlich bei Wirtz und Musiala die Scheibenbremsen lösen und die Bayern-Achse Urbig-Kimmich-Karl neu zentrieren.

Ja, spricht denn nun gar nichts für die so einmütige Idee: Jürgen Klopp? Oh doch. Seitdem er als strategischer Globalkopf aktiv ist, wurden in den diversen Konzernklubs fast ein Dutzend Trainer aus dem Amt gekegelt, darunter sogar getreue Kloppianer wie Marco Rose und Sandro Schwarz. Zuletzt erwischte es überraschend sogar Ole Werner bei RB Leipzig, der mutmaßlich übertrieben erfolgreich war.

Der finanziell marode Deutsche Fußballbund (DFB) ginge also mit der (gewiss teuren) Lösung Jürgen Klopp überhaupt kein Risiko ein. Anders als seine Vorgänger Löw, Flick und Nagelsmann könnte sich der Neue im Zweifel einfach selbst entlassen. Die nötige Expertise dafür hat von allen Trainern nur er.


Norbert Thomma, geboren 1951 in Heilbronn, war ab 1983 bei der taz Redakteur der Sportseite "Leibesübungen", die er auch mitbegründete, Mitte der 1990er Jahre dann taz-Chefredakteur. Später war er unter anderem Redakteur bei "Sports" und dem "Tagesspiegel". Heute lebt und arbeitet er als freier Publizist in Berlin. Während des Schreibens dieser Glosse hatte er immer eine Zeile aus dem Bob-Dylan-Song "Things have changed" im Kopf: "People are crazy and times are strange".

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