In der Stuttgarter Charlottenstraße findet man einen der ältesten Läden für Sportlernahrung in Deutschland. Große runde Kanister, gestapelt als Proteinpyramiden, schmücken den Ladeninnenraum. In Regalen prangen Packungen von Whey-Produkten über High-Protein-Pancakes bis zu proteinreicher Dubai-Schokolade.
Matthias Epple, Mitte 50, ist Besitzer dieses Ladens. Würde man ihn im Fitnessstudio treffen, wäre er definitiv nicht fehl am Platz. Muskulös und mit breitem Grinsen ist er das Gesicht des Geschäfts. Seine Eltern betrieben einen Edeka-Laden, sodass er von klein auf einen Bezug zu Lebensmitteln und Ernährung hatte.
Schon früh trainierte er regelmäßig Kraftsport und wurde später, neben anderen Erfolgen, auch zweimal Deutscher Meister im Bankdrücken. Durch den Extremsport setzte er sich zwangsläufig mit gesunder Ernährung auseinander, und heute ist er Ernährungsberater.
Ernährung zählt zu den wichtigsten Stützen unseres Lebens. Und gerade in den vergangenen Jahren wächst der Hype um gesunde Lebensmittel unermüdlich. Ganz vorne: Proteine. Viele Menschen geben viel Geld aus, um sich die im Supermarkt angepriesenen High-Protein-Produkte leisten zu können, denn diese suggerieren einen gesunden, sportlichen Lebensstil. Über die Wirkung, die Qualität und die Konsequenzen eines übermäßigen Proteinkonsums sind viele Menschen jedoch zu unaufgeklärt, sodass sie ahnungslose Opfer einer Trendbewegung werden.
Proteinprodukte versprechen einen schönen Körper
Wenn man sich auf Instagram, Tiktok und so weiter bewegt, wie es viele jüngere Menschen machen, kann man die Sportinfluencer-Bubble eigentlich nicht mehr ignorieren. Große Unternehmen, gestützt von Hunderten YouTubern und Instagrammerinnen werben für Proteinprodukte. Das Ziel: So viel davon auf den Teller packen wie nur möglich.
Matcha, Salted-Caramell, Vanille-Sahne – für jeden Geschmack ist was dabei. Egal ob für Profisportler oder zum Abnehmen. Von allen Seiten wird suggeriert: Proteine nehmen heißt, gesund zu sein, einen hübscheren Körper zu haben und besser zu leben.
Manche treiben das Spiel ins Absurde. So probieren mehrere Fitness-Influencer sogar Hundefutter, weil dieses angeblich viele Proteine beinhalten soll. "Henry.fit" veröffentlichte ein Video, bei dem er Trockenfutter probierte. Sein angeekeltes Gesicht und die Worte "It's not worth it, I promise you guys!", lassen uns den Geschmack dieser Delikatesse erahnen.
ESN, Bodylab, HSN, ja sogar der backaffine traditionelle Dr. Oetker verkauft nun Proteinshakes. Doch vor allem eine Marke gewinnt immer größere Reichweite, hat aber auch mit wachsendem Gegenwind zu kämpfen: More Nutrition, auch kurz More – eine Marke, die 2017 von Christian Wolf "heraufbeschworen" wurde. Nicht nur er, auch seine Produkte scheinen Zauberkräfte zu haben. So erzählt eine Kundin, ihre ausbleibende Menstruation sei nach Einnehmen dieser Produkte zurückgekommen und sie habe zudem 17 Kilo abgenommen. Wegen solcher "irreführender Gesundheitsversprechen" hat die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch More Nutrition im vergangenen Jahr verklagt – und gewonnen.
Anhänger:innen von More dagegen verteidigen ihre "Protein-Mythen" als eingeschworene Community bitter gegen ihre Feinde – also gegen diejenigen, die nicht auf irreführende Werbung reinfallen. Aber More-Proteinen folgen leider nicht immer automatisch More Muskeln und vor allem nicht immer More Geld in der Tasche.
Frage: Sind Sie Leistungssportler?
Von dem Prinzip "je mehr Proteine, desto besser" ist auch Heike Silber nicht überzeugt. Sie ist Abteilungsleiterin im Bereich Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Sie sagt, Proteinshakes machen nur für Leistungssportler Sinn. Andere sagen, eine grobe Richtlinie wäre auch die Fünfmal-pro-Woche-Sport-Grenze, erst dann könnten Proteinshakes und -pulver wirklich wirken. Heike Silber erklärt, dass eine ausgewogene Ernährung genug Proteine liefert, um den Körper ausreichend zu versorgen, da in vielen Lebensmitteln wie Quark, Eiern, Fleisch oder Hülsenfrüchten bereits Proteine enthalten sind. Um herauszufinden, ob Proteinpulver für einen selbst nötig wäre, kann man sich also die simple Frage stellen: Bin ich Leistungssportler? Beantwortet man die Frage mit Nein, sollte man die Finger von diesem pulverförmigen, oft süßstoffverseuchten Zeug lassen.




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