Klischees satt. Mehr davon mit Klick auf den Pfeil. Fotos: Joachim E. Röttgers

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Schminkspiegel immer dabei.

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Auch Autorin Elena Wolf hat gefunden, was sie noch gebraucht hat zu ihrem Glück.

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Ausgabe 411
Schaubühne

Unfallbericht aus der Liederhalle

Von Elena Wolf
Datum: 13.02.2019
Generationenkonflikte über Trends, Styles und Lebensweisen sind die Kieselsteine, aus deren Reibung die Funken neuer Denk- und Lebensformen entspringen. Ein Besuch auf dem Stuttgarter "Beauty Jungle Mädelsflohmarkt" stellt dieses Gesellschaftsverständnis auf eine harte Probe.

Okay. Got it: Jede Generation an jungen Menschen muss der Generation davor hart auf die Eier gehen, um sich zu emanzipieren. Um bestehende Werte und Lebensformen zu hinterfragen und neue, hoffentlich bessere zu definieren. Der freudsche Vatermord als Urszene der Kultur und Notwendigkeit eigener Identität. Die langen Haare meines Vaters gingen seinem Vater gegen den Pelz. Die Musik meiner Mutter (Jimmy Hendrix) war ihrer Mutter ein Graus. Und was ich so toll an Black Metal und Memes finde, können beide bis heute nicht recht verstehen. Auch Adorno ging das "narkotische" Radiogedüdel der Jugendlichen im Freibad auf den Sack. Was für Marx die Religion war, mutierte bei Teddy Glatze zur "vulgären" Populärmusik, die die junge Generation einlulle und verblöde.

Der Hörfunk-Apparillo als Feind des wahren Bewusstseins und der Freiheit. Gemein ist diesen Anekdoten allen, dass 50 Jahre später darüber gelacht wird. Weil aus "daneben" normal geworden ist. Weil alle entweder tot oder senil sind, die sich aufgeregt haben. Unvorstellbar, dass sich heute noch jemand über die Beatles oder Frauen in Hosen echauffiert. Irgendwann sind sie alle tot. It's called Kulturevolution, bitch.

Doch die gefühlte Teleologie des Trends, die im Spannungsverhältnis zwischen Ablehnung und Affirmation Freiheit vergrößern und Fortschritt ermöglichen soll, fährt jetzt mit einem historischen Ereignis mit Warp-Geschwindigkeit gegen die Wand und widerlegt sich selbst innerhalb eines Nachmittags. Nach dem Besuch des "Beauty Jungle Mädelsflohmarkt" in der Liederhalle Stuttgart vergangenen Samstag muss die Menschheit aufrichtig in den Spiegel sehen und sich eingestehen: Das war's jetzt endgültig mit der next Generation. Wir sind alle im Arsch. Zu spät kommt die Erkenntnis, dass Mutti in der Schwangerschaft Zwölftonmusik auf LSD hätte hören sollen. Aber vielleicht haben die Eltern der folgenden Gegenwarts-Trendsetterinnen genau das getan. Man weiß es nicht. Möchte es glauben. Arsch ist jedenfalls ein gutes Stichwort, wie im Crescendo des folgenden Unfallberichts klar wird.

Es riecht nach Plastik und Füßen

Sie verramschen ihren Style und sind immer ehrlich ganz sie selbst. Hier "@Buonalima".
Sie verramschen ihren Style und sind immer ehrlich ganz sie selbst. Hier "@Buonalima".

Die Liederhalle brummt. Zwei Mädchen stopfen sich hastig Jeans und Oberteile in ihre pinken Beutel mit der Aufschrift "Beauty is an Attitude". Ein älterer Mann, Typ schwäbischer Mittelstand-Vadder mit Bierkugel, steht mit mehreren Jacken über dem Arm neben der Treppe und starrt leer gegen eine Wand. Eine Frau lässt sich an einem Produktstand die Beinhaare mit einem sonderbaren Schmirgelhandschuh zerreiben, während weiße Hautschuppen auf den Boden rieseln. Es riecht latent nach Plastik und Füßen. Eine große Frau mit platinblondem Lockenkopf, glossy-pinken Lippen und gegerbtem Dekolleté zerrt ihre kleine Tochter hinter sich her. Neben den etwa hundert Verkaufsständen von Mädchen und Frauen, an denen sich rund 4000 weitere Weiblichkeiten über Kleiderschrank-Inhalte zu Flohmarkt-Preisen stürzen, sind die Hauptattraktionen die Stände der sogenannten "Influencerinnen". Also Frauen, die in den Sozialen Medien Tausende bis Millionen Follower haben und sich dabei zuschauen lassen, wie sie einfach nur "immer ehrlich" ganz "sie selbst sind".

Das ist zum Beispiel das Erfolgsgeheimnis von "@Buonalima". Mit 28,5 "K", wie der Instagram-User für Tausend sagt, sei sie "noch eine Kleine", erzählt die 23-jährige Stuttgarterin fast beschämt. Mit ihren aufgepumpten beige-matten Lippen, den kolossalen Augenbrauen, den verlängerten Wimpern und dem teigigen Glanz (Highlighter!) auf Wangen und Nase hat sie exakt den gleichen Look wie der Rest der Frauen, die an diesem Tag ihre "Styles" verramschen. Also ihre ausgelatschten Schuhe, Oberteile, Schmuck und Bademode. "Microblading" nennt sich die Tätowier-Technik, mit der Augenbrauen aussehen wie aufgeklebte Nacktschnecken.

Weshalb sie ihr durchinszeniertes Leben mit Tausenden von Menschen teilt, beantwortet sie wie alle anderen der "VIP"-Pass-Trägerinnen in der Liederhalle: mit einem leeren Blick und hohlem Gefasel von "Inspiration sein". Ihre Follower schätzten sie besonders für ihre Reiseberichte. Von der Wahl eines Döners in Berlin zum Beispiel: "Also die Schlange ist schon lang, das heißt, der Döner muss richtig gut sein", erzählt die angehende Heilpraktikerin in einer ihrer "Insta-Stories", während sie sich in einem teuren Auto durch Berlin gurken lässt. Ehrensache, dass sie nur gratis zugeschickte Luxusartikel von Firmen auf ihrem Profil präsentiere, hinter denen sie selbst voll und ganz stehen kann.

Die Insta-Profile der beiden Influencerinnen.
Die Insta-Profile der beiden Influencerinnen.
Screenshots: Instagram
Screenshots: Instagram

Das würde "@aangelinaxoxo" bestimmt auch unterschreiben. Aber die 25-jährige Influencerin am Stand nebenan will vor allem "Leuten helfen" und "Vorbild sein", wie sie sagt. 230 000 Menschen schauen ihr täglich dabei zu, wie sie "Fashion und Fitness" propagiert und so ihrem Motto folgt: "Do what you love." Ihren Arsch präsentieren zum Beispiel. Oder so tun, als würde sie in eine Tüte mit "Super Foods" hineingreifen, um sie zu essen. "My hobbies include eating and also thinking about the next time I will be eating", postet sie zwischen unzähligen Fotos, die so weit weg von fettem Essen sind wie Heidi Klum von einer 20er-Box Chicken McNuggets mit Ketchup. Heidi Klum ist dabei das berühmteste Beispiel für einen bigotten Körperfetisch, der genussvolles, ungesundes Essen peinlich-inszenatorisch abfeiert, um sich gegen den Vorwurf eines schlechten Vorbilds für junge Menschen zu verwehren, das Essstörungen fördert.

Doch "@aangelinaxoxo" will ein ehrliches Vorbild sein. Für Nahrungsergänzungsmittelkauf zum Beispiel. Oder Zähne bleachen. "Nur 16 Minuten zum strahlenden Lächeln. Mit dem Code 'angelinaxoxo20' spart ihr 20 Prozent auf das Set", steht unter einem Bild, auf dem sich die Fitness-Influencerin eine leuchtende Zahnschiene an den Mund hält, die man direkt ans I-Phone kabeln kann. Auf weiteren Bildern des Herstellers sind unzählige Menschen zu sehen, die den Respekt vor sich selbst verloren zu haben scheinen und auch nicht vor "Couple Bleaching" zurückschrecken, wenn sie sich gemeinsam die ultraviolette Maulsperre in die Visage schieben. #couplegoals aus der Hölle. Do what you love, verdammtnochmal! Influencing is pain.

Der Schmerz sitzt tief

"@mrsgoodlifepani" in natura.
"@mrsgoodlifepani" in natura.

Das weiß "@sevdalove" am allerbesten. Die schwangere 30-Jährige aus dem Raum Esslingen hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten. Als sie vor etwa acht Jahren mit dem Influencen anfing, wurde ihr der Zirkus zu bunt. "Als ich 55 000 Follower hatte, habe ich meinen Account gelöscht, das war ganz schön blöd", sagt die Lifestyle-Expertin sichtlich gezeichnet. "Ich musste mir alles wieder hart erarbeiten." Der Schmerz sitzt tief. Doch mit 63 000 aktuellen Followern ist sie auf einem guten Weg aus der Krise, um eine gefragte "Inspo-Quelle" zu werden. "Inspo heißt Inspiration und Sevda heißt Liebe. Hihi." Für was genau sie eine Inspiration sein möchte, weiß sie auch nicht genau und reibt sich den Babybauch. "Fashion und so ein bisschen Lifestyle eben." Was sonst? Einfach das gute Leben feiern. No Politics. No Religion. Just das ganz normale #thegoodlife.

Von diesem besten aller Leben weiß "@mrsgoodlifepani" viel zu erzählen. Während sie erläutert, dass sie mit 260 000 Followern mittlerweile "sehr, sehr gut" vom Influencen leben kann, ist es schier unmöglich, nicht zu lachen. Mit jeder Sekunde wird es schwerer, dem Content aus ihrem Mund zu folgen, bis ihre Stimme vollkommen zu verstummen scheint, während sich ihre grotesken Lippen in gefühlter Slow Motion aufeinander reiben anstatt sich beim Reden zu öffnen und zu schließen. "Mit dem Haarefärben ging es damals los", erzähl die "Fashion & Beauty"-Influencerin. Ihre Insta-Stories sind voll von Filmchen, in denen sie sich selbst filmt, wie sie ihren Kopf zur Seite dreht, einen Schmollmund macht und sich mit langen Krallen durch die Haare fährt.

Kann man machen. Screenshot: Instagram
Kann man machen. Screenshot: Instagram

Als die kaum 1,60 Meter große Frau vor ihren Stand watschelt, um sich fotografieren zu lassen, wird der Kampf mit dem Lachen zu einem Stellungskrieg im eigenen Gesicht. Auf dem Hintern der 26-Jährigen könnte man bequem eine Dose Cola abstellen. "BBL" nennt sich das, was aussieht, als hätte sich jemand zwei Couchkissen in die Unterhose gestopft: "Brazilian Butt Lift". Eine Schönheitsoperation, bei der Eigenfett an Bauch, Rücken und Hüfte abgesaugt wird, um es dann in die Hinterbacken zu transferieren. Was klingt wie eine irre Cartoon-Szene aus einer "Ren & Stimpy"-Episode, beschreibt "@mrsgoodlifepani" ausführlich in zahlreichen Insta-Stories. Nachdem jahrelanges Training nichts gebracht hätte, musste sie den Entschluss fassen, nach einem Arzt zu suchen, der ihr die begehrte "Sanduhr-Figur" nach dem Vorbild der amerikanischen Medien-Ikone Kim Kardashian (127 000 000 Follower) ermöglicht. Drei von vier Ärzten hätten sie abgelehnt, weil sie mit nicht mal 50 Kilogramm Körpergewicht nicht für diese Operation geeignet sei.

Zarte Sanduhr mit Mega-Hintern

Als sie endlich auf einen Arzt gestoßen sei, der ihren Wunsch erfüllen will, kann sie ihr Glück in ihrer Insta-Story kaum fassen. Also schnell ein paar Kilo angefressen und zu "@dr_samary" nach Düsseldorf in den "Royal Center" gefahren für die XXL-Backen. In weiteren Insta-Stories sieht man "@mrsgoodlifepani" dann auf dem OP-Tisch liegen, während "@dr_samary" die tauben, freiliegenden Fettbacken streichelt und erzählt, wie er es angestellt hat. "Ich habe noch nie einen Arzt erlebt, der so begeistert von seiner Arbeit ist", schwärmt die frisch Gepolsterte von dem Mann, der "der Einzige" sei, der ihr "diese OP ermöglicht hat" – und damit mehr als 10 000 Euro kassiert. "Ein Künstler!", sagt die junge Frau in einem weiteren Video mit einem Instagram-Filter, der kleine gelbe Schmetterlinge über ihrem Kopf flattern lässt und die Frage aufwirft, ob wirklich nur an Bauch, Hüfte und Rücken Material entnommen wurde. Doch der Insta-Schein trügt.

Tut weniger weh. Screenshot: Instagram
Tut weniger weh. Screenshot: Instagram

In der Liederhalle wirkt die kleine, menschgewordene Sanduhr warm, freundlich und gebildet. Sogar schüchtern. Ihre extrovertierte, selbstbewusste Ich-Parade vor mehr als einer viertel Million Menschen im Netz steht plötzlich in diametralem Gegensatz zu einer sensiblen Frau mit Haselnussaugen, die zwischen dem ganzen Plastik im Gesicht melancholisch funkeln. Als hätte sie eine Karnevalsmaske auf, mit der sie ein Gesicht verstecken will, das nicht gut genug für die Welt da draußen ist. Man möchte sie an die Hand nehmen und ihr einen Erdbeer-Milchshake bei McDonald's kaufen.

Und so mutiert der Influencer-Bereich des "Beauty Jungle Mädelsflohmarkt" zu einem Zerrspiegel, in dem sich junge Menschen auf der verzweifelten Suche nach Liebe und Anerkennung in einer bizarren Ich-Scharade selbst verleugnen. Während die Trends der Eltern und Elterneltern die Funktion hatten, sich zu befreien, sich Zwängen und gesellschaftlichen Vorschriften zu widersetzen, entbehrt der erfolgreichste Teil des Inspo-Universums jeglicher emanzipativen Kraft. Was Adorno über diesen ganzen Wahnsinn geschrieben hätte, weiß der Teufel. Schwer vorzustellen, wie die Generation aussieht, die eines Tages müde darüber schmunzelt, dass es vor 50 Jahren mal Menschen gab, die Brazilian Butt Lifting für abartig hielten. Beruhigend ist die Einsicht, dass diese Menschen dann wahrscheinlich tot sind. In diesem Sinne ein fröhliches "Weitermachen!" – ein Lifehack auf dem Grabstein des fundamentalen Optimisten Herbert Marcuse.


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Ausgabe 411 / Wir freuen uns wie Bolle! / Harald Böhm / vor 1 Tag 2 Stunden
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