Annemarie Engelhardt hofft, dass ihrer Schulterschnecke Flügel wachsen. Mehr Bilder mit Klick auf den Pfeil. Fotos: Joachim E. Röttgers

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Bundesverfassungsrichterin Doris König: "Bravsein ist untauglich.""

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Sylvia Schraut, Vorsitzende Frauen und Geschichte: "Schluss mit den Platzhirschen".

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Wie rum ist's richtig? Kleine Schilderverwirrung bei Unmutsbekundungen zu Fiechtner-Einwürfen.

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Zustimmung im "Club der unmöglichen Fragen".

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Extreme Frauenknappheit bei der FDP-Fraktion: Der frauenpolitische Sprecher ist ein Mann, sitzt in der Mitte und heißt Jochen Haussmann.

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Allein, aber in der 1. Reihe: Heinrich Fiechtner fühlt sich an diesem Tag "besonders feminin".

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Ziemlich neue Freundinnen: Ulrike Thomann und Marion Gerster (v.l.)

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Charlotte Schneidewind-Hartnagel, Vorsitzende des Landesfrauenrats: "Frauenrechte und Demokratie sind unteilbar miteinander verbunden."

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Kopfsache? Denkanstöße der Studierenden der Hochschue der Medien.

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"Verkehrte" Welt: Für einen Abend ist der Landtag farbig und weiblich.

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Ausgabe 407
Schaubühne

Flügel für die Schnecke

Von Susanne Stiefel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 16.01.2019
Feiern und kämpfen – geht das zusammen? Eine Veranstaltung im Landtag zu 100 Jahren Frauenwahlrecht zeigt: passt schon. Mehr noch. In Zeiten von Genderbashing und Rollback in Sachen Feminismus ist Dagegenhalten wichtiger denn je. Von Platzhirschen und Weichtieren.

Die Frau mit der Schnecke auf der Schulter ist auch da. Das Schmuckstück ist das Markenzeichen von Annemarie Engelhardt, 77, von 1994 bis 1999 Vorsitzende des Landesfrauenrats, und schon deshalb darin geübt, dass es in Sachen Gleichstellung von Frauen nur langsam voran geht. "Die hab' ich mir in Pforzheim machen lassen", erzählt Engelhardt über ihre Schnecke, "und ich hoffe immer noch, dass ihr irgendwann Flügel wachsen." Doch bis heute hat der entschleunigte Schulterschmuck nur ein Häuschen.

"Seit 100 Jahren ist kein Landesparlament paritätisch besetzt": Landtagspräsidentin Muhterem Aras begrüßt die Festfrauen.
"Seit 100 Jahren ist kein Landesparlament paritätisch besetzt": Landtagspräsidentin Muhterem Aras begrüßt die Festfrauen.

An diesem Samstag ist der Landtag fest in Frauenhand, rund 500 sind gekommen und sie sind in kämpferischer Festlaune. Landesfrauenrat und der Verein Frauen und Geschichte haben eingeladen zu "Herrengedeck und Frauengedöns – 100 Jahre Frauenwahlrecht". Frau feiert sich bei Häppchen und Wein, schließlich wurde dieses Recht hart erkämpft. Doch die Festrednerinnen sparen auch nicht mit Kritik. "Seit 100 Jahren ist kein Landesparlament paritätisch besetzt", sagt Landtagspräsidentin Muhterem Aras. "Frauenfeindliche Kräfte gewinnen an Einfluss", mahnt die Vorsitzende des Landesfrauenrats, Charlotte Schneidewind-Hartnagel. "Schluss mit den Platzhirschen, kämpft für ein neues Landtagswahlrecht", fordert die Vorsitzende des Vereins Frauen und Geschichte, Sylvia Schraut.

Das kann der grünen Landtagspräsidentin nicht schmecken. Schließlich hat ihre Fraktion dem schwarzen Koalitionspartner nachgegeben und die Reform des Landtagswahlrechts um des lieben Koalitionsfriedens willen beerdigt (Kontext berichtete hier und hier). Wer brav ist, bleibt eine Schnecke. "Das Bravheitsgebot ist untauglich", sagt Doris König, groß, blond, unerschrocken. Die Verfassungsrichterin schenkt sich in aller Ruhe Wasser ein und bringt die Mikrofone auf die richtige Höhe, "so, jetzt bin ich bereit", bevor sie mit einem humorvollen Parforceritt in die Rechtsgeschichte aufbricht. Frauen nehmen sich den Raum und die Zeit. Und lassen sich auch durch Zwischenrufe nicht aus der Ruhe bringen. "Es gibt Männer, die können Frauen nicht eine halbe Stunde zuhören", kommentiert König gelassen die Störversuche des Landtagsabgeordneten Heinrich Fiechtner, ehemals AfD, inzwischen fraktionslos, der sich an diesem Abend "besonders feminin" fühlt.

Annemarie Engelhardt trinkt im Foyer ein Glas Sekt mit alten Bekannten und erklärt Unbekannten die Geschichte der Schnecke auf ihrer Schulter. Die Verdi-Frauen lassen ihre Landeskonferenz vom Vortag Revue passieren. Gendergap, ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen – auch einer der fünf "Clubs der unmöglichen Fragen" beschäftigt sich an diesem Tag mit Ungleichheiten in der Arbeitswelt. Und manche finden sich ganz neu, wie die zwei Frauen, die darum bitten, Fotos mit ihren Handys zu schießen, zur Erinnerung. Marion Gerster, im Landesvorstand des Bundes der Selbständigen, hat Ulrike Thomann angesprochen, weil deren Outfit ihr gut gefällt. Die trägt Mütze, Schärpe mit der Forderung Wahlrecht für alle, ein Lächeln, ist mit 41 Personen aus Freiburg angereist und will aufmerksam darauf machen, dass Menschen seit vielen Jahren in Deutschland leben und heute noch nicht wählen dürfen. Weil sie aus der Schweiz kommen. Oder aus Argentinien. Und dann lächeln die Frau vom Bund der Selbständigen und die Kämpferin aus Freiburg noch in die Kontext-Kamera.

Die beiden finden die Veranstaltung süß.
Die beiden finden die Veranstaltung süß.

Mit einem Selfie hätten die zwei jungen Frauen ("Wir sind nicht jung, wir sind 32 und 36 Jahre alt") das Erinnerungsfoto geschossen. Wie sie die Veranstaltung der alten Kämpferinnen finden? "Süß", sagen sie. Mandy Hildenbrand, gerader Blick, Tattoos am Arm, ist Lehrerin in den Mädchenklassen der Albert-Schweitzer-Schule, Jessica Wagner, kurze Haare, Piercing, arbeitet in der LAG Mädchen*politik im Sozialministerium. Ein bisschen sehen sie aus, als hätten sie sich auf diese Party verirrt. Wählen ist für die beiden U-40er Alltag, Queerfeminismus die Zukunft. Geschlecht und Rasse lassen sich nicht getrennt diskutieren, sind keine Randthemen, davon sind sie überzeugt.

Einen jungen Blick auf ein altes Thema werfen am Abend die 30 Studierenden der Hochschule der Medien mit ihrer Inszenierung einer parlamentarisch "verkehrten Welt". Das Plenum ist in violettes Licht getaucht, auf der Regierungsbank und im Plenum sitzen ausschließlich Frauen, ZeitzeugInnen kommen im Film zu Wort, während männliche Studierende nach und nach Frauen von ihren Sitzen nach außen geleiten, bis nur noch 37 Frauen im Plenum sitzen. Viele der Studierenden waren bei Beginn ihrer Recherche erstaunt, dass es in 26 Gemeinden im Land keine Gemeinderätin gibt, und nur sieben Oberbürgermeisterinnen. Dass im Landtag von Baden-Württemberg nur knapp ein Viertel der Abgeordneten weiblich ist, das ist der unrühmlich vorletzte Platz im Länderranking. Doch Platzhirsche lassen sich nur mit Hartnäckigkeit vertreiben. Denn die Gleichstellung ist eine Schnecke.


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