Nein, es geht hier nicht um gender-ideologisiertes Schuhwerk. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 406
Zeitgeschehen

Frauengedöns

Von Gastautorin Susanne Maurer
Datum: 09.01.2019
Vor hundert Jahren wählten Frauen in Deutschland zum ersten Mal. Der Landtag feiert das mit der Festveranstaltung "Herrengedeck und Frauengedöns". Unsere Autorin moderiert dort einen Arbeitskreis. Einige Gedanken zu einer Jahrhundertfeier.

"Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen": So lautete das Motto der von Louise Peters 1849 herausgegebenen "Frauen-Zeitung". Im Zuge historischer Befreiungskämpfe erhoben auch Frauen den Anspruch auf eine umfassende(re) Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen, den Anspruch auf volle Entfaltung ihrer Möglichkeiten in allen Lebensbereichen, auf ihre Gleichberechtigung als Menschen. Frei atmen, sich frei bewegen, als Freie sprechen und handeln zu können – das verstehen wir heute als ein allgemeines Menschenrecht. Menschen dieses Recht zu verweigern, wurde historisch immer wieder damit gerechtfertigt (ob im Kontext von Sexismus oder Rassismus), dass diese Menschen gar nicht wirklich "Menschen" seien. Das Radikale an den historisch formulierten Menschen- und Bürgerrechten war und ist ja, dass sich alle Menschen auf sie berufen können.

Das zeigt sich beispielsweise in der "Declaration of Sentiments" von 1848, einem Manifest, das vor dem Hintergrund der Anti-Sklaverei-Bewegung und im Kontext der frühen Frauenrechtsbewegung in den USA formuliert wurde:

"Wir halten folgende Wahrheiten für keines Beweises bedürftig: dass alle Männer und Frauen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt sind; dass zu diesen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen eingesetzt werden, die den Rechtsgrund ihrer Macht aus der Zustimmung der Regierten ableiten. Sobald eine Regierungsform für diese Zwecke verderblich wird, so ist es das Recht derjenigen, die darunter leiden, ihr den Gehorsam zu verweigern und auf der Einsetzung einer neuen Regierung zu bestehen, die sie auf solche Prinzipien begründen und mit solchen Machtbefugnissen ausstatten werden, die ihnen die größte Gewissheit und Sicherheit für ihr Glück zu geben scheint." Declaration of Sentiments, Seneca Falls/USA, 1848

Der Anspruch darauf, als Mensch wahrgenommen, anerkannt und respektiert zu werden, war in den historischen Frauenbewegungen immer auch mit dem Interesse verbunden, Einsichten in die Mechanismen von Herrschaft und Ausschluss zu gewinnen. Das machte sie zu einer (herrschafts-)kritischen Kraft, und damit wurden sie für die vorherrschenden Ordnungen auch gefährlich.

Antifeministische Attacken heute – es geht ums Ganze der Demokratie

Es ist bemerkenswert, wie heftig – und auch hasserfüllt – das Bemühen um Gleichberechtigung heute erneut attackiert wird. Von so etwas wie "Gender-Ideologie" (oder "Frauengedöns"!) zu sprechen, bedeutet, die Fragen nicht anzuerkennen, die sich auf Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Herrschaft in den Geschlechterverhältnissen beziehen. Sie vielmehr entweder zu verzerren, zu dämonisieren, oder auch zu verharmlosen und zu verniedlichen.

Vieles an den heutigen Debatten erinnert auf beunruhigende Weise an die Verachtung demokratischer Prozesse zur Zeit der Weimarer Republik. Eins ist für mich klar: Das Eintreten für (mehr) Freiheit und Gerechtigkeit in den Geschlechterverhältnissen bedeutet auch ein Eintreten für (mehr) Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen. Es geht ums Ganze der Herrschaftskritik. Vielleicht nerven Feminismus und an Vielfalt und Pluralität orientierte Positionen deshalb so, vielleicht fallen die Attacken deshalb so hässlich aus? In aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen scheint die Bereitschaft zur respektvollen politischen Auseinandersetzung zu schrumpfen, der Raum des Demokratischen sich zusammenzuziehen.

Die Vergegenwärtigung der Kämpfe um gleichberechtigte, gleichrangige und gleichermaßen anerkannte politische und gesellschaftliche Teilhabe zeigt uns, dass einmal errungene Rechte und Möglichkeiten nicht für alle Zeiten gesichert sind. Sie erscheinen gerade heute wieder gefährdet. Vor allem dann, wenn sie nicht bewusst gewürdigt und verteidigt werden; wenn sie nicht in – zugegeben, manchmal recht mühsamen und auch langwierigen – demokratischen Prozessen lebendig gehalten und weiterentwickelt werden. In diesem Jahr feiern wir auch 70 Jahre Grundgesetz, und doch scheint der Geist dieses Grundgesetzes vielen fremd geworden zu sein.

Eine radikal-demokratische Haltung zeichnet sich aus durch ein entschiedenes Bekenntnis zu Egalität und Pluralität. Dazu gehört die Bereitschaft zur gerechten Umverteilung – von Macht, materiellen wie immateriellen Ressourcen. Dazu gehört die Bereitschaft zur Anerkennung von Verschiedenheit und "Andersheit", mag das auch noch so irritierend sein. Hilfreich ist hier sicherlich ein leidenschaftliches Interesse an dem noch Unbekannten, noch Ungekannten (auch in uns selbst!); eine Neugier auf die mannigfaltigen Möglichkeiten des Menschlichen. Hilfreich ist die Liebe zur Frage, nicht zur schnellen Antwort. Unabdingbar auch: der Mut zum Dissens.

Demokratie in diesem Sinne, als gelebte Praxis, die wirklich alle meint und mit einbezieht, ist keine bequeme Sache. Sie verlangt uns Geduld ab und Durchhaltevermögen, einen langen Atem für die Klärung von komplexen Sachverhalten und Aufgabenstellungen, ein Aushalten von Widersprüchlichem, Mehrdeutigem, Konflikthaftem.

Die historischen Erfahrungen derjenigen, die nicht gemeint waren, die nicht teilhaben sollten, denen der Zugang zur Welt – mit all ihren immateriellen und materiellen Schätzen – nicht gewährt werden sollte, legen davon beredtes Zeugnis ab. Sie können uns auch heute als "Rohstoff der Erfahrung" dienen, uns ebenso beflügeln wie zaudern lassen. In jedem Fall fordern sie uns heraus, genau hinzuschauen, was gerade geschieht. Und zugleich laut und deutlich für das einzutreten, was erkämpft und erarbeitet worden ist, weil wir dessen Kostbarkeit plötzlich wieder besser wahrnehmen und spüren können.

 

Susanne Maurer ist Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft in Marburg und engagiert in der Frauen- und Geschlechterforschung. Bei der Veranstaltung "Herrengedeck und Frauengedöns" zu 100 Jahren Frauenwahlrecht am Samstag, den 12. Januar, im baden-württembergischen Landtag (ab 14 Uhr) moderiert sie einen von fünf Arbeitskreisen im Format "Club der unmöglichen Fragen". Ihre Diskussionsrunde hat den Schwerpunkt "Frauen sorgen, Männer verdienen".


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 11.01.2019
    Also ich habe erkannt, ohne meine Mutter wäre ich nicht auf dieser seltsamen Welt! Danke! Jetzt habe ich einen Kopf mit Augen zum sehen, mit Ohren zu hören, ein Hirn zum Denken und einen Mund meine Meinung zu äussern! Marx nannte das mein "Kaital" (lt. caput der Kopf). Ich habe als Souverän die Möglichkeit mich zu informieren, zu lernen, mir eine Meinung zu bilden und diese auch zu äussern!
    Gelesen habe ich: 1. Mose, 27 b "und Gott schuf den Menschen als Mann und Frau". ... "und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn bebaute und bewahrte (1 Mose 2,15).
    Daß es vor 100 Jahren ebenfalls die Frauen waren, die "Vor hundert Jahren wählten Frauen in Deutschland zum ersten Mal" empfinde ich als Geschenk wie mein Leben. Daß sie als erste den Mut zur Vernunft (ego cogito, ergo sum), d h. mit dem Denken und Sein begannen , kann ich nicht genug loben!
    Meine Mutter hat mich geboren! Im Alter von 2 Jahren ist mein Vater im Krieg erschossen worden und sie hat mich durchgebracht: DANKE!

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