Die Frauen vom Feministischen Frauen-Gesundheitszentrum Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Frauen vom Feministischen Frauen-Gesundheitszentrum Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 392
Gesellschaft

Die Lüge vom Jungfernhäutchen

Von Dietrich Heißenbüttel (Interview)
Datum: 03.10.2018
Mehr als dreißig junge Frauen sind vor Kurzem in das Feministische Frauen-Gesundheitszentrum Stuttgart eingetreten. Beim Esslinger Festival "Stadt der Frauen*", das am Samstag zu Ende ging, haben sie Auskunft gegeben über den weiblichen Körper, Geschlechterzuschreibungen und Feminismus.

Frau Braune, warum hat sich 1986 das Feministische Frauen-Gesundheitszentrum (FFGZ) Stuttgart gegründet?

Doris Braune: Ich gehöre bereits zur zweiten Generation. In den Achtzigerjahren haben sich überall in Deutschland Frauen-Gesundheitszentren gegründet. Ausgangspunkt war, selber über den eigenen Körper Bescheid zu wissen. Das Stuttgarter FFGZ hat zum Beispiel Informationen angeboten zum Thema: Wie verhalte ich mich bei einer Vaginalinfektion? Wenn man zum Arzt gegangen ist, hat man ein Pilzmittel bekommen, nichts weiter. Es gibt heute noch ungefähr zwanzig Frauengesundheitszentren in Deutschland, die eine ziemlich wichtige Rolle einnehmen als Struktur, die etwas zu gynäkologischen Themen aus einer anderen Warte sagt.

Sind Frauenärzte meistens Männer?

Doris Braune
Doris Braune.

Braune: Das hat sich verbessert. Als ich eine junge Frau war, gab es ausschließlich Männer, die auch viel Schwachsinn erzählt haben. Ich kann mich noch an eine Geschichte erinnern: Wenn die inneren Schamlippen viel länger waren als die äußeren, was ziemlich häufig der Fall ist, galt dies als Abweichung. Es gab dann eine große Gruppe junger Frauen, die Medizin studiert haben und Gynäkologinnen wurden, darunter auch Gründungsfrauen des FFGZ. Aber zum Teil folgen sie trotzdem dem gesellschaftlich postulierten Frauenbild, wie man an der Debatte um die Wechseljahr-Hormone gesehen hat.

Paula Kohlmann: Als eine Freundin von mir zum ersten Mal bei einer Frauenärztin war, hat die zu ihr gesagt: Ach, Sie haben aber große Schamlippen. Da denkt man dann ein Leben lang, die sind zu groß.

Die Frauengesundheitszentren haben vor allem beraten?

Braune: Je nach Stadt – die Berlinerinnen geben auch eine eigene Zeitung heraus, beraten bei gynäkologischen Erkrankungen oder Essstörungen und bieten Kurse an. Wenn Heilpraktikerinnen im Team sind, wird auch behandelt.

Und in Stuttgart?

Braune: In Stuttgart bestand die zweite Generation fast ausschließlich aus Heilpraktikerinnen. Daher ging es ganz stark in Richtung Behandlung. Wir haben in der Zeit, in der ich aktiv war, auch zwei Broschüren herausgegeben, über Brustkrebs und ungewollte Kinderlosigkeit.

Kohlmann: Und wie war das mit den Abtreibungsbussen?

Braune: Das war im Frauenzentrum Stuttgart, das sich in unseren Räumen bereits in den Siebzigerjahren gebildet hat, die haben Abtreibungsfahrten organisiert. Das Stuttgarter Frauenzentrum hatte viele Töchter: Frauen helfen Frauen, Wildwasser und andere, die haben irgendwann alle die Räumlichkeiten verlassen. Nur wir sind in dem historischen Frauenzentrum geblieben.

Neue Generation, neue Schreibweise

Mit der Veranstaltung "We All Came out of a Pussy" im Theater Rampe hat eine junge Generation im FFGZ erstmals auf sich aufmerksam gemacht. Seitdem schreibt sich das ff*gz auch klein und mit Sternchen, und es gibt jeden Dienstag um 19 Uhr in den Räumen des Zentrums in der Kernerstraße 31 die "Tender Tuesdays": Diskussionen, Vorträge und Workshops, die sich von Fall zu Fall entweder nur an Frauen oder an beide Geschlechter wenden. Zur Website geht es per Klick hier. (dh)

Wie kam nun die jüngere Generation dazu?

Mona Krieger: Mund-zu-Mund-Propaganda, so hat es eigentlich angefangen. Es war klar, dass Doris jüngere, neue Frauen in Stuttgart braucht. Step by Step.

Kohlmann: Die meisten von uns kannten sich schon, von der Arbeit, als Freundinnen – wir sind ein loses Netzwerk, zum Teil auch mit der Tochter von Doris befreundet.

Louise Ego: Es gab ein erstes offenes Treffen in den Räumlichkeiten des FFGZ in der Kernerstraße, da waren wir schon richtig viele: etwa zwanzig bis dreißig Frauen, aus ganz verschiedenen Beweggründen.

Kohlmann: Von uns jüngeren ist aber niemand Heilpraktikerin. Es gibt Sozialarbeiterinnen, andere kommen aus dem kulturellen Bereich. Am Anfang haben wir gedacht: wir können das Gesundheitszentrum ja gar nicht weiter führen, weil wir dafür nicht ausgebildet sind. Aber dann haben wir gemerkt, es geht eigentlich darum, sich über seinen Körper zu unterhalten und auszutauschen: Wie lange nehmen wir eigentlich schon die Pille? Haben wir uns schon mal im Spiegel selbst angeschaut? Dass es das Jungfernhäutchen nicht gibt, ist einer der Punkte, die wir immer aufzählen. Vielleicht der Initialmoment, in dem wir gedacht haben: Krass, wir kennen unsere Körper gar nicht. Welche Mythen werden über den Frauenkörper erzählt? Das können wir auch leisten, ohne Medizinerinnen zu sein: viele junge Frauen abholen und gemeinsam darüber reden.

Helena Dadakou: Es fängt schon damit an, darüber zu sprechen, wie überhaupt der sichtbare Teil unseres Geschlechts heißt. Das ist nämlich die Vulva – das ist ein Wort, das habe ich erst mit 27 Jahren gehört. Oder wie sieht die Klitoris aus und was ist ihre Funktion? Wir sind dankbar, dass wir diese Rolle jetzt haben und möchten das mit allen Frauen teilen, damit alle so viel wie möglich über ihren Körper Bescheid wissen und eine selbstbewusstere Sexualität leben können, keine unterdrückte, beherrschte.

Wie kommt es, dass die Geschichte vom Jungfernhäutchen so lange wie eine Wahrheit in der Welt steht?

Ego: Weil Mythen sich lange halten.

Krieger: Weil das weibliche Geschlecht und alles, was damit zusammenhängt, immer noch extrem tabuisiert ist.

Louise Ego (links) und Mona Krieger.

Kohlmann: Und weil man sich fragen muss: Wer erzählt diese Geschichten? Das ist ein patriarchales System, und so ein Mythos hilft, dieses System an der Macht zu halten.

Dadakou: ... und natürlich auch Geld zu verdienen. Gerade zum Thema Jungfernhäutchen oder auch Schönheitsideale der Vulva entstehen auch Märkte.

Braune: Leider erzählen Frauenärzte, aber auch -ärztinnen, was Standard-Leitlinie ist. Und die ist ziemlich oft ein Produkt dessen, was die Industrie will. Wir haben vorher eine Veranstaltung gemacht zum Thema Risiken der hormonellen Verhütung. Man riskiert Jahr für Jahr die Gesundheit vieler junger Frauen – beispielsweise gibt es eine Pille der vierten Generation, die zieht ein vierfach höheres Thrombose-Risiko nach sich. Daran sind schon Frauen gestorben. Sie hat aber den Vorteil, dass die Frauen, die sie einnehmen, schlank bleiben und eine schöne Haut behalten. Frauen sind heute emanzipierter, sie haben mehr Rechte, aber sie müssen tunlichst den Schönheitsidealen entsprechen, sonst ist es mit ihrer Freiheit schnell vorbei. Das ist patriarchale Unterdrückung, nur auf ziemlich subtile Weise, es wird Vielen gar nicht bewusst.

Helena Dadakou.
Helena Dadakou.

Ego: Zu dem Jungfernhäutchen möchte ich noch sagen: Es ist nicht so, dass es das überhaupt nicht gibt, sondern ...

Kohlmann: ... eine vulvinale Korona: Das ist der Vorschlag, es so zu nennen. Also ein Schleimhaut-Saum, der aber sehr dehnbar ist und bei jeder Frau anders aussieht. Das heißt, niemand kann nachweisen, ob jemand Jungfrau ist oder nicht, das ist reine Fiktion. Es kann schon sein, dass da etwas reißt oder blutet, aber bei mehr als der Hälfte ist das nicht der Fall. Es gibt sogar viele Frauenärztinnen, die Frauen bestätigen, dass sie noch Jungfrau sind, obwohl sie wissen, sie können das gar nicht. Die aber das Spiel mitspielen, weil es für manche Frauen lebensgefährlich ist, wenn sie ohne einen "Nachweis" nach Hause kommen, dass sie noch "Jungfrau" sind.

Was bedeutet Feminismus für euch?

Melanie Werner: Das ist schwer zu beantworten, weil wir viele Frauen sind mit unterschiedlichen Auffassungen. Das führt innerhalb der Gruppe auch zu Gesprächen, was aber ganz gut ist, weil wir dann aneinander arbeiten.

Melanie Werner.
Melanie Werner.

Ego: Es gibt auch nicht den Feminismus. Mittlerweile kann man auch von Feminismen sprechen. Einig sind wir uns alle, dass der Feminismus da beginnt, wo wir anfangen, uns mit unserem Frau-Sein und unserem Körper zu beschäftigen, unser Handeln und unser Sein zu befragen und uns auszutauschen, über unser Empfinden und wie es uns geht in dieser Welt mit dem was wir sind oder sein wollen.

Kohlmann: Aber vielleicht eine allgemeine Definition, die auch auf dieses Offene passt: Feminismus ist eine Hinterfragung des bestehenden Systems und der Wusch, dieses zu ändern. Wie, darüber müssen wir diskutieren. Dazu gehört auch die Wirtschaft: Wenn wir alle die Pille verschrieben bekommen, dann verdient ja auch jemand daran.

Krieger: Kapitalismuskritik, stereotype Geschlechterbilder: das sind Unterbegriffe, die man in den Feminismus-Begriff mit reinholen kann. Ich finde es gut, dass wir nicht ein Statement haben. Feminismus ist etwas, was immer wieder neu diskutiert werden soll.

Seht ihr das als politische Aktivität?

Dadakou: Ich würde sagen ja. Das Private ist politisch.

Werner: Das Eine ist unser Körper: wie man sich als Frau begreift. Das Andere ist die politische Arbeit, Themen, die uns bewegen. Deshalb würde ich auf jeden Fall sagen ja.

Kohlmann: Was uns alle zusammenbringt ist, dass wir Erfahrungen gemacht haben in dieser Welt, die wir nicht schön finden: schlimmere oder auch ganz alltägliche. Wenn ich mich umgucke und sehe, wie viele meiner Freundinnen Mütter werden und zu Hause sitzen, weil die Männer arbeiten gehen, weil die Männer besser bezahlte Jobs haben und es ganz selbstverständlich ist, dass die Frau zu Hause bleibt mit dem Kind – immer noch, ich kann es nicht fassen!

Paula Kohlmann
Paula Kohlmann.

Werner: Beim Mutter-Sein ist es sogar noch abstrakter. Eigentlich wird von dir sogar noch erwartet, dass du trotzdem arbeiten gehst. Da muss man als Frau schon ziemlich viel leisten, mehr noch als in der Generation meiner Mutter.

Dadakou: Dass ich persönlich dazugekommen bin, hat damit zu tun, dass ich das System nicht nur hinterfragen möchte, sondern dazu beitragen, dass sich etwas ändert. Dass aufgeklärt wird: Was man seit den Siebzigern probiert oder seit Simone de Beauvoir.

Krieger: Etwa in unseren Abenden, den Tender Tuesdays. Wir haben auch die Idee, Aufklärungsarbeit in Schulen zu leisten, aber soweit sind wir noch nicht. Jedenfalls wollen wir etwas in die Gesellschaft hinein tragen.

Ist eine von euch auch parteipolitisch aktiv?

Kohlmann: Nicht mehr. Aber wir müssen uns jetzt ganz dringend an die Politik wenden, um eine langfristige Förderung zu bekommen für eine feste Stelle. Bis jetzt ist alles ehrenamtliche Arbeit.

Braune: Wir haben vor, zu unserer nächsten Großveranstaltung im Theater Rampe am 27. April Politiker*innen einzuladen. Die sollen mal was dazu sagen, wie sie eigentlich dazu stehen, dass eine so große Gruppe junger Frauen etwas auf die Beine stellt und wo da die finanzielle Unterstützung bleibt. Ich habe schon angefangen, Politiker*innen anzuschreiben. Bisher kommen eigentlich positive Reaktionen.

Kontext-Autor Dietrich Heißenbüttel und sieben Gesprächspartnerinnen.
Kontext-Autor Dietrich Heißenbüttel und die Gesprächspartnerinnen.

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