Ausgabe 392
Kolumne

Kusch!

Von Peter Grohmann
Datum: 03.10.2018

Die fünf Leute stiegen an der Bushaltestelle am Wangener Marktplatz ein. Drei vorn, ein, zwei hinten. Einer bleibt beim Busfahrer stehen. Die anderen schauen sich um. Der Bus fährt an. Sie gehen langsam durch die Reihen, die einen von vorn, die anderen von hinten. Kontrolleure? Vermutlich werden sie gleich sagen: "Die Fahrausweise, bitte!" Sagen sie aber nicht. Sie fixieren lediglich die Fahrgäste, sehr langsam. Suchen die jemanden? Der eine der fünf nimmt sich die rechte Seite vor, ein anderer die linke. Die etwa 25 Fahrgäste werden aufmerksam, und jetzt spürt man förmlich, wie sich die Luft verändert, wie unbehaglich es den Leuten im Bus wird. Warum? Die Gespräche verstummen. Offenbar machen alle ihre Handys aus oder legen sie weg. Die fünf Jungs sind jung und muskulös und ernst. Manche Leute schauen angestrengt nach draußen. "Was gibt's denn da zu sehen?", fragt einer der fünf. Der Gefragte, 40, 45, sieht so aus, wie Südländer aussehen können. Er schüttelt unsicher den Kopf, sagt nichts. "Ich hab' dich was gefragt!" Er schaut sich um im Bus, will sich sicher sein, dass es alle gehört haben. Es haben alle. Ein Mann in der Mitte der Sitzreihen kramt sein Handy hervor. Der Fünfte geht jetzt auf seine Sitzreihe zu. "Wen willsch denn anrufen?" Der Mann mit dem Handy ist irritiert, schaut fragend auf. Er ist vielleicht 20, 22. "Steck's weg!" Die Botschaft ist nicht unfreundlich, laut genug für alle im Bus, und doch eher neutral. Mein Nachbar stupst mich unauffällig an, zeigt wortlos auf seine Brust und dann mit einem Kopfnicken in die Richtung des Mannes, der immer noch beim Busfahrer steht und alles im Blick hat. "Consdaple" steht auf seinem Pullover. Keine Ahnung. Bei dem hinten steht auf der Bommelmütze Pit Bull.

An der dritten Haltestelle steigen sie aus, niemand sonst. Sie grinsen. Der mit der Pit-Bull-Mütze kommt nochmal zurück, ruft durch die noch offene Bustür: "Kusch!"

Es klingt wie ein Bellen. Die Bustür geht zischend zu. Die fünf lachen und schauen dem Bus nach.

Der eine kuscht, sobald er eine Polizeiuniform sieht. Die andere kuscht, wenn ihr der Chef auf den Leib rückt. Der da wechselt die Straßenseite. Der eine kuscht bei den Autobauern, der dritte bei Glyphosat. Der eine kuscht bei der Bankenkrise, der andere beim Parteivorstand. Die eine kuscht bei der Arbeit, die andere an der Kasse. Das macht der Regelsatz im September 2018.

Die nächste Haltestelle. Alle steigen aus.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle "Wettern"-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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2 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 03.10.2018
    Kuscht! – Kuscher – kuscheln, ohne sich dabei auf „Kurs“ zu begeben. :-)

    Tja, das ist so eine Sache mit dem aufrechten Gang – wenn’s den ginge -einfach-, es würde ein jeder die Freude aus der eigenen Kindheit, die verspürt wird so die ersten Schritte alleine gegangen sind, sich erhalten! Die Erinnerung daran frisch -im Denken-, so Schritte zu gehen sind, die nicht die ausgetretenen von anderen sind.

    Mir selbst, mit meinem Fahrrad aus der Innenstadt über den Pragsattel und die Robinson Barracks, den Burgholzhof, auf der Fahrt zurück in den Freiberg, ist dieses Erlebnis in meiner Erinnerung geblieben:
    Zweite Hälfte der 60er Jahre war’s, noch der Schulpflicht unterworfen, begegnete mir kurz nach der Heizungsanlage -Roter Stich die Straße benannt- eine Gruppe Testosteron gesteuerter junger Ami’s.
    Einer von ihnen, mir die Fahrbahn versperrend, mich auffordernd von meinem Fahrrad zu steigen und an ihn zu übergeben. Am Fahrrad zerrend und auf mich einschreiend was er mit mir alles zu tun gedenkt, so von mir nicht losgelassen wird.

    Tja, das ist so eine Sache mit dem aufrechten Gang – nicht ganz 10 Minuten hat das Gezerre angedauert, dann lies der Testosteron-Ami von mir ab. Er erhielt keine Unterstützung von den 6 in seiner Begleitung.

    Das Fahrrad übrigens war es nicht wert, sich darum zu prügeln – Zusammenbau vom Alteisenhändler (aus 2. Hälfte der 50er Jahre).
  • Peter Meisel
    am 03.10.2018
    Danke für die aktuelle Beschreibung unserer real existierenden Demokratie:
    "Der eine kuscht, sobald er eine Polizeiuniform sieht. Die andere kuscht, wenn ihr der Chef auf den Leib rückt. Der da wechselt die Straßenseite. Der eine kuscht bei den Autobauern, der dritte bei Glyphosat. Der eine kuscht bei der Bankenkrise, der andere beim Parteivorstand. Die eine kuscht bei der Arbeit, die andere an der Kasse. Das macht der Regelsatz im September 2018."
    Wo bleibt der DEMOS (das Volk) und KRATEIN (seine Macht)?
    Haben wir den aufrechten Gang bereits verlernt? Wo bleibt unser Selbst-Bewusstsein? Mangelt es an demokratischer Bildung?
    Ich empfehle für jeden Haushalt das kleine gelbe Büchlein "Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 für nur 5,- Euro.
    In Artikel 3, Satz 3 wird u.a. die Rasse und nach Artikel 5, Satz 1 die Meinungsfreiheit geschützt!
    Damit wird ein persönliches "Kusch!" als "Machtmissbrauch" entlarvt. Der Souverän regiert sich selbst. Viel Err-Volk!

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