Man darf männerpolitische Anliegen nicht den Rechten überlassen. Foto: Joachim E. Röttgers

Man darf männerpolitische Anliegen nicht den Rechten überlassen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 362
Politik

Antifeministen auf neuen Bühnen

Von Thomas Gesterkamp
Datum: 07.03.2018
Männeranliegen kommen in gleichstellungspolitischen Debatten oft nur am Rande vor. Diese Leerstelle füllen aggressiv auftretende Männerrechtler, die sich als Opfer des Feminismus betrachten. Lange überwiegend ein Netzphänomen, erhalten solche Strömungen mit der Etablierung der AfD Auftrieb.

Männerpolitik ist ein Begriff, der oft missverstanden wird. Ist der herkömmliche Politikbetrieb nicht stets Männerpolitik gewesen, im Sinne der selbstverständlichen "geschlechtsblinden" Besitzstandswahrung männlicher Privilegien? "Emanzipatorische" oder "kritische" Männerpolitik, wie sie in der Fachliteratur genannt wird, meint hingegen den Versuch, männliche Interessen, Bedürfnisse und auch Diskriminierungen unter Genderaspekten zu betrachten und entsprechend Einfluss zu nehmen – in einem eigenständigen Politikfeld, nicht als bloßes Anhängsel von Frauenförderung.

Diese Deutung hat sich noch nicht überall durchgesetzt. Geschlechterpolitik war lange Zeit, historisch durchaus verständlich, ausschließlich Frauensache. Sie wurde von den Akteurinnen auch so definiert: als Gleichstellungsstrategie "von und für Frauen", als Ausgleichspolitik, bei der Frauen gewinnen und Männer auf Privilegien und Vorrechte verzichten sollten. Selbst Männer, die mit feministischen Zielen im Grundsatz sympathisierten, hatten in diesem Umfeld kaum Gelegenheit, eigene Perspektiven einzubringen. Männer waren bei der Institutionalisierung von Frauenanliegen seit den 1980er Jahren, als in Behörden und Unternehmen die ersten Frauenbeauftragten ihr Amt übernahmen, schlicht keine Adressaten von Gleichstellungspolitik. Sie galten nicht als hilfsbedürftig und damit auch nicht als förderungswürdig.

Männer, Migration, Milieus – klingt nach Gedöns

Erst vor ein paar Jahren ist Männerpolitik in Deutschland zu einem öffentlich sichtbaren Thema geworden. Im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend entstand 2010 unter der damaligen Amtsinhaberin Kristina Schröder (CDU) das Referat "Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer", allerdings nur gering budgetiert und mit wenigen Planstellen ausgestattet. Abgesehen von dem ausgelagerten Projekt "Neue Wege für Jungs", das männlichen Jugendlichen Perspektiven in erzieherischen und pflegerischen Berufen ermöglichen wollte, wurden zuvor keine männerpolitischen Akzente gesetzt. Ein einziger Mitarbeiter im Ministerium war einst für "Männer, Migration, Milieus" zuständig – die Aufzählung klang eher nach Kabarett und Gedöns. Die wenigen parlamentarischen Anfragen zum Thema Männer und Jungen hatten einen arbeitsmarktpolitischen Hintergrund: Unternehmer machten sich Sorgen um das schwache Qualifikationsniveau männlicher Schulabgänger. Es drohe ein vorwiegend "männliches Proletariat", warnte Mitte der Nullerjahre der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Ähnlich argumentierte ein Gutachten des Aktionsrates Bildung im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Die damalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) 2011 beim ersten Boys Day.
Die damalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) 2011 beim ersten Boys Day. Foto: Boys Day

Im Gegensatz zur Situation in Österreich, wo schon 2001 eine "männerpolitische Grundsatzabteilung" isoliert im Sozialministerium platziert wurde, ist das deutsche Männerreferat fest integriert in die Abteilung Gleichstellungspolitik im Familienministerium. Auch Schröders sozialdemokratische Nachfolgerinnen Manuela Schwesig und Katarina Barley hielten an dieser Konstruktion fest. Die Voraussetzungen für einen geschlechterpolitischer Dialog sind also gegeben, ein produktiver Austausch mit der Frauenpolitik könnte beginnen. Doch gibt es dafür genügend Spielräume in einer eher unbeweglichen Behörde? Auf jeden Fall brauchen interessierte Akteurinnen und Akteure in den Institutionen zivilgesellschaftliche Unterstützung von außen. Bleiben Männeranliegen aber eine Leerstelle, droht diese von rechten Antifeministen gefüllt zu werden.

Isolierter Maskulinismus

In den Onlineforen und Kommentarspalten des Netzes treten verstärkt aggressive Männerrechtler auf. Sie fürchten um ihre Privilegien, wollen die männliche Herrschaft in den Geschlechterbeziehungen erhalten oder wiederherstellen. Die Kernthese der Maskulinisten, die sich teilweise (grammatikalisch falsch) auch "Maskulisten" nennen, lautet: Die Gleichstellung sei längst erreicht, die Emanzipation der Frauen abgeschlossen, nunmehr würden die Männer diskriminiert. Einige der skandalisierten Themen enthalten einen wahren Kern - auch wenn die maskulinistische Interpretation, schuld an der Misere sei ein "feministischer Gouvernantenstaat", alles andere als dialogisch daherkommt.

Ein paar Beispiele: Nicht alle Jungen, aber besonders Schüler aus bildungsfernen Schichten und Migranten haben mehr Schwierigkeiten als Schülerinnen. Erst in jüngster Zeit hat sich auch für Männer eine spezifische und vom Staat finanziell unterstützte Gesundheitsberichterstattung etabliert - angesichts der über ein halbes Jahrzehnt geringeren Lebenserwartung des angeblich "starken Geschlechts" war das überfällig. Dass Gewalt nicht nur von Männern ausgeht, sondern sich (im öffentlichen Raum) auch häufig gegen sie richtet, ist ein unterbelichtetes Thema. Und bei so mancher Scheidung werden Kinder zum Faustpfand in Beziehungskonflikten instrumentalisiert, das Nachsehen hat dabei meist der Vater. Ein vorbehaltloser Blick auf mögliche Nachteile männlicher Lebensentwürfe ist also sinnvoll.

Jungs haben in der Schule größere Probleme als Mädchen. Foto: Joachim E. Röttgers
Jungs haben in der Schule größere Probleme als Mädchen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ein moderat auftretender Akteur ist das Bundesforum Männer, das Ende 2010 als Pendant zum Deutschen Frauenrat gegründet wurde. Dort arbeiten neben kirchlichen Gruppen, Gewerkschaften und Sozialverbänden auch Jungenarbeiter, Väterinitiativen und Wissenschaftler mit. In zehn Grundsätzen einer programmatischen Plattform wird der "konstruktive Dialog zwischen den Geschlechtern" befürwortet. Männeranliegen müssten mehr politische Beachtung finden, neue Impulse gesetzt werden - so kommentierte der Dachverband von inzwischen über 30 Organisationen den aktuellen Koalitionsvertrag. Zu antifeministischen Strömungen ging das Forum schon früh ausdrücklich auf Distanz, die Zusammenarbeit mit Maskulinisten-Vereinen wie MANNdat oder Agens wird abgelehnt.

Auch internationale Tagungen diskutieren inzwischen Männerpolitik als Teil von Gleichstellungspolitik. Die erste Veranstaltung dieser Art fand 2012 in Berlin statt, 2014 folgte ein Kongress in Wien, 2016 ein Treffen in Luxemburg; Schauplatz des vierten Versuchs eines Geschlechterdialoges wird im Mai 2018 Stockholm sein. In der Förderpraxis der Europäischen Union überwiegt allerdings immer noch ein Denken, das Geschlechterpolitik nahezu mit Frauenpolitik gleichsetzt. Ebenso einseitig konzentrierten sich die beiden 2012 und 2017 vorgelegten Gleichstellungsberichte der Bundesregierung auf Frauenbelange. Sie benannten völlig zu Recht zahlreiche "Gender Gaps", weibliche Benachteiligungen am Arbeitsmarkt, in der Sozialpolitik und im Recht. Sie vermieden aber weitgehend Themen wie Gesundheit oder Gewalt, bei denen auch männliche Probleme hätten sichtbar werden können.

AfD Baden-Württemberg ist Vorreiter*in des Rückständigen

Dass das Wort "Männer" in den Titeln und Bezeichnungen für Ministerien, Kommissionen oder Expertisen meist fehlt, ist keine Formalie. Darin drückt sich, bei allem gutem Willen einzelner, inhaltliche Nachrangigkeit und strukturelle Missachtung aus. Die gern bemühte rhetorische Formel, Männeranliegen würden "mitgedacht" oder "einbezogen", kann die offensichtlichen Defizite bei der Schaffung einer vielseitigen Perspektive auf Geschlechterfragen nicht kaschieren. Notwendig ist diese Erweiterung des Blickfeldes auch deshalb, weil nur so der selbsternannten "Männerrechtsbewegung" Paroli geboten werden kann.

Im öffentlichen Diskurs bleiben die Maskulinisten zwar eine isolierte und weitgehend auf virtuelle Plattformen beschränkte Minderheit. Doch ihre Positionen finden mit der Etablierung der AfD in den Parlamenten eine neue Bühne. Überwunden geglaubte Kontroversen brechen wieder auf, rückwärts gewandte Geschlechterbilder werden propagiert, gleichstellungspolitische Konzepte wie die Frauenquote vehement abgelehnt. Im Bündnis mit fundamentalistischen christlichen Kreisen wendet sich die AfD gegen Abtreibung und schürt Homophobie. Über die Zivile Koalition von Beatrix von Storch beteiligt sie sich auch an den "Demos für Alle", die die Behandlung des Themas sexuelle Vielfalt an den Schulen stoppen wollen. Der Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke polemisiert besonders drastisch gegen jede Gleichstellungspolitik. Er fordert, die "Geisteskrankheit Gendermainstreaming" aus den Schulen und Universitäten zu "vertreiben", die Sexualpädagogik des "roten Blocks" sei "pervers". Homosexuelle definieren sich seiner Meinung nach in erster Linie über Sexualität; heterosexuelle Verbindungen dagegen stünden für die "erlebte Polarität des Lebens", seien die "Keimzelle der Höherentwicklung des Menschen".

"Demo für alle"-Terror 2015 in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers
"Demo für Alle" terrorisiert Gleichberechtigung, Stuttgart 2015. Foto: Joachim E. Röttgers

Eine AfD-Landeskonferenz in Baden-Württemberg nahm 2015 die heutigen geschlechterpolitischen Positionen der Partei vorweg. Gender Mainstreaming sei "als durchgängiges politisches Leitprinzip in Form einer Querschnittsaufgabe staatlichen Handelns auf allen Ebenen unverzüglich und ersatzlos zu beenden". Die Delegierten forderten die "Rücknahme aller Vorschriften im Sinne der Gender-Ideologie". Das Bundesgleichstellungsgesetz und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz seien ebenso zu streichen wie "sämtliche Steuer- und Fördermittel für gender-ideologische Maßnahmen". Zudem verlangt der Beschluss die Abschaffung aller Stellen für Gleichstellungsbeauftragte, die Schließung von "Diversity Offices in allen öffentlich- und privat-rechtlichen Institutionen" und den sofortigen "Förderstopp für die sogenannten 'Gender Studies' an Hochschulen und Universitäten" inklusive der Auflösung der entsprechenden Lehrstühle. Diese Inhalte hat das AfD-Programm zur Bundestagswahl weitgehend übernommen.

Nicht überall ist der reaktionäre Charakter von gegen Feminismus und Gleichstellung agierenden Strömungen so leicht auf den ersten Blick erkennbar. So verstecken sich männerrechtliche Vereine gerne hinter unverfänglichen Namen wie etwa "Forum Soziale Inklusion" – gemeint ist damit aber nicht die Aufnahme von Kindern mit Handikap in den regulären Schulbetrieb, sondern die Forderung nach mehr Rechten für Trennungsväter. Im ständigen Trommeln gegen den angeblichen "Genderwahn" gehen auch sinnvolle männerpolitische Vorschläge unter – etwa die Idee der paritätischen Doppelresidenz, ein wechselndes Betreuungsmodell in Scheidungsfamilien. Wenn andere Parteien solche Inhalte der AfD überlassen, besteht die Gefahr einer weiteren Radikalisierung. Das gilt auch für andere Politikfelder: Denn Förderprogramme für Jungen an den Schulen oder Gelder für mehr Männerforschung an den Universitäten müssen keineswegs automatisch zu Lasten der weiterhin notwendigen Frauenförderung gehen. Angesichts von Etatkürzungen und Sparprogrammen überwiegt die Befürchtung, der zu verteilende Kuchen werde nicht größer, sondern eher kleiner. Eine produktive Zusammenarbeit in Geschlechterfragen setzt aber voraus, dass männerpolitische Anliegen von aufgeschlossenen Frauen und ihren Organisationen unterstützt werden.

 

Thomas Gesterkamp (Jahrgang 1957) ist Publizist in Köln und in mehreren männerpolitischen Initiativen aktiv. Zuletzt erschienen seine Bücher "Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere" (Budrich 2010) sowie "Jenseits von Feminismus und Antifeminismus" (Springer VS 2014).


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