Ausgabe 362
Editorial

Männer zum Frauentag

Von unserer Redaktion
Datum: 07.03.2018

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Sie sehen vor sich, passend zum Frauentag, die männlichste Kontext-Ausgabe aller Zeiten. Mit Beiträgen über Männer, geschrieben von Männern, gezeichnet, fotografiert und gefilmt von Männern. Die Autorinnen, die für gewöhnlich das Blatt mit Beiträgen bestücken, haben diese Woche Pause. Da liegt die Frage nahe: Was zur Hölle soll das? Ist Kontext zur mansplainenden Bastion des Patriarchats mutiert?

Gemach. Die Idee, erstmals in der Kontext-Geschichte eine reine Männerausgabe zu machen, entstand im Januar bei unserer Jahresplanung. Wie jedes Mal kamen wir irgendwann zur Frage, was wir zum Frauentag machen sollten. Klar, MeToo sollte ein Thema sein, auch der Stand der Geschlechtergerechtigkeit in einer Zeit, in der Rechte gerne einen Genderwahnsinn herbeiphantasieren. Dann kam, von den Frauen in der Redaktion, die Idee, dem eine reine Männerausgabe entgegenzusetzen. Weil viele Herren in diesen Debatten auffällig ruhig bleiben, und auch als Gegenstück zur Kontext-Frauenausgabe, die vor genau fünf Jahren veröffentlicht worden ist.

Trotzdem gab es erstmal große Skepsis bei den Herren der Schöpfung: Sollte es nicht lieber um das Geschlecht gehen, das nach wie vor in der Gesellschaft mit mehr Nachteilen zu kämpfen hat? Wäre es nicht besser, die geschlechterspezifische Perspektive ganz außen vor zu lassen, weil das meiste ja eh sozial konstruiert ist?

Nun, unsere Frauen ließen nicht locker. Und überzeugten. Also setzten sich feste und freie Kontext-Autoren zusammen, reflektierten und beratschlagten. Ein paar Sachen waren schnell klar: Niemand braucht Listen, was echten Männern Spaß macht, bitte keine Klischee-Themen. Keine Motoren, Models oder Anleitungen, wie ein improvisiertes Lagerfeuer zum perfekten gegrillten T-Bone-Steak verhilft, das am besten mit exzellent dekantiertem 200 Jahre altem schottischem Whiskey kredenzt wird. Langweilig!

Aber was stattdessen? Großes Lavieren. Doch die Diskussionen haben Früchte getragen. Schriftsteller Heinrich Steinfest steuert einen exklusiven Essay bei, warum der Feminismus auch für Männer ein großes Glück ist. Sein Kollege Wolfgang Schorlau freut sich im Gespräch mit Stefan Siller über den Segen der MeToo-Debatte. Kontext-Gründungsmitglied Sandro Mattioli schreibt in einem meinungsstarken Beitrag darüber, welche Konsequenzen aus MeToo zu ziehen sein sollten. Und kommt zu einem radikalen Schluss, werden manche finden – er findet ihn einfach nur logisch.

Der Männerforscher Thomas Gesterkamp macht deutlich, dass es bei Gleichstellungsfragen durchaus auch wichtige Männeranliegen gebe, die Linke nicht brachliegen lassen sollten, da sie sonst leicht von Rechten gekapert werden können. Und Minh Schredle aus der chronisch unterbesetzten Kontext-Wissenschaftsredaktion straft die Behauptung, Männer seien Frauen genetisch überlegen ein für alle Mal Lügen. Das Gegenteil ist der Fall, zeigt unter anderem der Marmorkrebs.

Der Kunsthistoriker Dietrich Heißenbüttel weist darauf hin, wie sehr unsere Vorstellungen von der Rollenverteilung in der Steinzeit – die ja in der heutigen Ratgeberpest immer wieder zitiert werden – vor allem Projektionen längst überkommener Geschlechterstereotypen sind und tatsächliche Steinzeit-Gesellschaften in vielen Punkten progressiver waren als die Postmoderne. Der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller, selbst ein begeisterter Bodybuilder, schafft es in einem Beitrag über Körperkulturen im Wandel Immanuel Kant, David Beckham, Klaus Theweleit und den Berliner Elektropunk-Musiker Rummelsnuff schlüssig zu verknüpfen. Und Oliver Stenzel begibt sich auf die Suche nach der Krise der Männlichkeit.

Die seichtjournalistische Frage, wie Männer im Allgemeinen so ticken, ticken sollten oder ticken müssten haben wir indessen gar nicht zu beantworten versucht. Denn dafür ticken, wie bei den Frauen, einfach zu viele verschiedene. Gelernt haben wir über Männer trotzdem ziemlich viel. Wie sagte schon Loriot so treffend: "Männer sind … und Frauen auch … überleg dir das mal!"


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5 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 12.03.2018
    Hier noch ein besonders krasses nationalistisches Beispiel von "Männer zum Frauentag"
    am Beispiel der amerikanischen Menschenrechtsaktivistin Hedy Epstein . Eine jüdische Holocaust-Überlebende , Mitarbeiterin bei den Nürnberger Prozessen gegen Mediziner im 3.Reich , Engagierte für die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA ( als Befreier des rassistischen Deutschlands selbst eine rassistische Nation ) und Aufklärerin über das 3.Reich an deutschen Schulen : www.hedyepstein.com

    Gerade weil sie Jüdin , Menschenrechtsaktivistin und Seniorin war wurde eine Veranstaltung auf betreiben m.E. nationalistischer und rassistischer Kreise verhindert .
    Dies unter den Augen von Politik und Medien (Der Standard/Wien :"Die Sache ist vom Tisch").
    Hier ein Interview mit ihr : www.silviacattori.net/article382.html
    Ein Zeitungsbericht aus D , ansonsten der Skandal nicht aufgegriffen : www.hrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22629 mit Unterschriftenliste von Noam Chomsky bis John Galtung , von Alice Walker bis Zucha.
    Weiter dazu :
    http://gruppe42,com/2016/04/12/neulich-in-wien-querfront-gegen-zwei-juedische-mitmenschen/
    https://www.nytimes.com/2016/05/29/us/hedy-epstein-rights-activist-and-holocaust-survivor-dies-at-91.html
    https://mondoweiss.net/2016/05/holocaust-survivor-activist/ uvm.
    Auch in D : Öffentliches Bekämpfen von Menschenrechten per Verleumdungskampagnen
    inzwischen wieder "Normal". Was heißt "inzwischen"?
    Erinnert sei an Heinrich Böll , Wulff oder den berühmtesten Journalisten Israels Gideon Levy/München. Postdemokratie par exellence , damals wie heute .
    Bei der taz gab es mal einen interessanten Artikel : Wir leben im smarten Totalitarismus.
    Ob beim Autor des taz-Artikels , ob NSU oder NSA , S21 oder sonstiges , es verifiziert sich.
    • Andromeda Müller
      am 14.03.2018
      "Die Sache ist vom Tisch"
      Pardon Tippfehler , der Link zum Skandal hier nochmal richtig:
      nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22629
      mit ewig langer Unterschriftenliste von Noam Chomsky bis John Galtung , von Alice Walker bis Zucha.
  • Kornelia E.
    am 08.03.2018
    Und in Spanien wird Vieles lahmgelegt.... Und wir DeutschInnen machen Laberveranstaltungen!
    Www.heise.de
    "Vom Teufel Besessene streiken am internationalen Frauentag" ....
    Ca 5 000 000 Frauen (und auch Männer) legten für 2- x Stunden Tätigkeiten nieder! Und machten eine Tupperparty (Essen, Trinken mitbringen, weil sie auch noch Konsumstreik wollten ;)
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 08.03.2018
    Sehr geehrte Herren in der Kontext-Redaktion,

    als ich las, dass KONTEXT diesen ganzen Emanzen-Unsinn rund um den sogenannten "Frauentag" nicht mitmachen möchte und daher eine komplette Ausgabe für Männer herausbringen wollte, war ich zunächst hocherfreut und expektierte eine redliche Berichterstattung über Männerthemen.

    Leider wurde ich grenzenlos enttäuscht: Nur weibischen bis gockeligen Körperkult, böse Hetze gegen die redliche "Demo für alle" und irgendwelche Frauenversteher-Themen konnte ich in dieser Ausgabe finden. Kein einziger Artikel über ein ordentliches Männerthema wie schnelle PKW, schöne Waffentechnik, löbliche Leibesertüchtigung oder redliche Wehrkunde! Von einem christlich-konservativen Magazin wie "Kontext" hätte ich hier deutlich mehr erwartet!

    Hochachtungsvoll

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
  • Fritz Meyer
    am 08.03.2018
    Und die bisherige Kommentarfreudigkeit der Leser zeigt auch deren besondere "Begeisterung" über die Wahl des Themas und der Artikel dazu.

    Also vielleicht doch lieber mal die Komplexe "MGTOW", "MRA", "male patriarchy", "toxic masculinity", "mansplaining" und - ganz besonders - "male patriarchy" konsequent abarbeiten? (Ja, wirklich alles auf Englisch, denn von dort kommen diese Begriffe her. Wozu eine lahme deutsche Übersetzung, wenn auch ein generischer Anglizismus geht?)

    Kontext könnte seinem gesellschaftskritischen Anspruch viel besser gerecht werden als mit diesem halbgaren und leider eher unlustigen Herumstochern im Gendern-Dunkel.

    Und, nein, nicht bloss wie mit Gesterkamps ebenso säuerlichem wie typisch-einseitigem Kommentar, dass sich *gerade* auch bei den Männeraktivisten viele "Rechte" und "Frauenhasser" herumtreiben. Inkl. dem obligatorischen und schon wirklich peinlichen Verweis auf die AfD am Anfang. Jede Form von politischer Abweichung ist vermutlich "AfD-Nähe"?

    Das *gerade* ist nämlich eine unmittelbare Konsequenz, auf welche Ein-Seite sich das politische Spektrum, aus dem dieser Kommentar stammt, offensichtlich gestellt hat. Das selbe Spektrum, das hingegen mit dem frauenfeindlichen und reaktionären Islam anscheinend gar kein Problem hat. Denn Totschweigen oder wieder immer nur die Rassistenkeule gegen Kritiker zu schwingen, sagt auch einiges aus.

    Gerade wenn man an einem Tag mal wirklich etwas über die - tatsächlich immer noch stattfindende - Unterdrückung der Frauen sagen wollte. Da könnten ein paar gute Beispiele nicht schaden.

    Wir Männer hingegen kommen auch so über die Runden. Und lieber keines als falsches Verständnis für unsere Lage.

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