Verrückt: Männer. Foto: Joachim E. Röttgers

Verrückt: Männer. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 362
Debatte

Die Hinkelsteine stehen lassen

Von Gastautor Heinrich Steinfest
Datum: 07.03.2018
Ein Mann muss nicht schneller schießen als sein Schatten, keine obelixhafte Übermenschlichkeit beweisen und deshalb auch keine Hinkelsteine schleppen. Er muss nicht einmal ein Frauenversteher werden. Sich selbst zu verstehen reiche ja schon, empfiehlt uns Schriftsteller Heinrich Steinfest und erläutert, wie das geht. Mit einem klugen Gedanken im Moment des Ausruhens zum Beispiel.

In seiner Funktion als amerikanischer Vizepräsident erklärt der tolldreist lügende, intrigierende und einen famosen politischen Zynismus offenbarende Darsteller einer TV-Serie einmal: "Die Notwendigkeit zu schlafen habe ich schon immer verabscheut. Wie der Tod verdammt sie selbst die mächtigsten Männer zum Nichtstun." 

In Bezug auf den Tod bin ich mir nicht so sicher. Es ist nämlich eine erschreckende Vorstellung, dass der Tod auch die mächtigsten Männer nicht zur Ruhe kommen lässt und sie auch jenseits unserer Welt und unserer Tage sich zum andauernden Handeln und Entscheiden und Kämpfen verpflichtet fühlen. Dass sie einfach nicht aufhören können, gleich wie sehr das Universum sich auch ausdehnen mag und gleich, wie sehr es irgendwann erkaltet und selbst dem Nordpol frieren würde. Nein, dass sie auch dann noch, in kältester Kälte, ihr "Theater der Verhandlungen" inszenieren. Und verhandelt wird ja immer, im Krieg, im Frieden, vielleicht eben auch im Jenseits.

Glücklicher Orpheus: Seit 1927 schlägt er in Stuttgart und aller Gemütsruhe seine Laute.
Orpheus kann sich zufrieden schätzen: Seit 1927 schlägt er in Stuttgart und aller Gemütsruhe seine Laute.

Es ist eigentümlich, wie sehr wir einen gewissen Schwachsinn in der Parodie und der Satire erkennen, ihn aber in der Praxis wirklichen Lebens ungeniert vorantreiben. Wozu ganz sicher das "Arbeitstheater" gehört. Und das ist nun mal eine männliche Erfindung, gleich, wie viele Frauen sich daran beteiligen mögen. Es geht darum, einen Vorgang möglichst ausufernd zu gestalten und alles, was dieser Ausuferung widerspricht, der Faulheit zuzuordnen, einer Faulheit, die im Schlaf und im Tod kulminiert. Was ja auch ein Grund in unserer Gesellschaft dafür sein dürfte, dass das "Ausschlafen" derart verpönt ist, so als sei um neun Uhr morgens das Leben schon halb vorbei.

Das Ausschlafen erscheint als Einflüsterung des Teufels

Wenn in Wintertagen kleine Kinder mit riesigen Schultaschen auf dem Rücken durch die Dunkelheit marschieren, um rechtzeitig verschlafene Schulautobusse oder verträumte erste U-Bahnen zu erreichen, ist dies ein Bild des Elends unseres Fleißes. Das Ausschlafen – wie der Mittagsschlaf auch – erscheinen als Einflüsterungen des Teufels, so effektiv sie biochemisch gesehen auch sein mögen. Lieber ein "rotes Auge" von all der Übernachtigkeit als der Eindruck von Ausgeruhtheit, so sehr wohl mancher kluge Gedanke einem Moment des Ausruhens zu verdanken wäre und einem so manches Dumme erspart bliebe, hätte man es verschlafen.

Es gehört zu den wiederkehrenden Ritualen des Arbeitstheaters, wenn mächtige Männer und die ihnen in die Macht gefolgten mächtigen Frauen Verhandlungen führen, die sich über Tage und Wochen ziehen und vor allem mit Bedingungslosigkeit auch in den Nachtstunden geführt werden. Gleich ob es um eine Koalition, einen Lohnabschluss oder das Weltklima und das Weltganze geht. Wenn all die Verhandler und Verhandlerinnen nach Ewigkeiten vor die Kameras und Mikrophone treten, suggerieren sie vor allem eines: Übermenschliches vollbracht zu haben. Quadraturen von Kreisen. Und dass all diese aus Kreisen geschöpften Quadrate nur möglich waren, weil die Verhandler und Verhandlerinnen größenwahnsinnigerweise die Nacht zum Tag gemacht haben, etwas, das eigentlich Göttern vorbehalten sein sollte.

Das Übel der solcherart von Männern generierten Welt ist ihre Verkomplizierung. Was überhaupt nur geht, weil die männliche Welt über genügend Zeit verfügt, um etwa Dinge, die gar nicht breit angelegt sind, breit zu machen. Paradoxerweise dort eine Enge entstehen zu lassen, wo eigentlich genügend Platz wäre. Dort drei Termine anzusetzen, wo einer völlig ausreichend wäre.

Wenn man mich fragt, was mir der Feminismus gebracht hat, dann zu erkennen, wo im Leben ich wirklich gebraucht werde und wo im Leben ich ein Theater spiele.

Der Akt des Staubwischens muss nicht halbiert werden

Ich will ein Beispiel bringen. Als ich von meiner präsenten Mutter und meinem absenten Vater ins Erwachsenenleben und also in eine erste eigene Wohnung entlassen wurde, da war ich in Bezug auf das Zubereiten von Speisen gerade mal in der Lage, eine Dose zu öffnen – und somit entwicklungstechnisch einen nur sehr kleinen Schritt von meiner Hauskatze entfernt. Meine erste Freundin war eine Emanze, wie das damals hieß, und hatte nicht die geringste Lust, dem Vorbild ihrer eigenen Mutter zu folgen und einen im Arbeitstheater vollständig aufgehenden Ehemann in einer Weise zu bekochen und zu ernähren, die eigentlich etwas Frankensteinhaftes besitzt.

Die Welt: eine weite, gefährliche Prärie.
Die Welt: eine weite, gefährliche Prärie.

Klar, ich hätte jetzt bis ans Ende meiner Tage – begleitet von einer Emanze nach der anderen – mein Leben der Dose oder bei höheren finanziellen Möglichkeiten dem Besuch von Restaurants widmen können, aber ich entdeckte für mich die weltliche Magie des Kochens. Nicht das männliche Kochen als männliche Kunstform (zu der auch gehört, ein kleines Schlachtfeld zu hinterlassen), sondern als alltägliche, von reiner, schöner Effizienz bestimmte lückenlose Handlung, die genau so viel Zeit und Mühe in Anspruch nimmt, um eine goldene Mitte herzustellen zwischen Starkochinszenierung und dem Entschälen einer Tiefkühlpizza aus Papier und Plastik. Stimmt, auch Frauen dürfen kochen, auch, wenn sie Emanzen sind. Und ganz sicher ist es Unsinn, eine Quote im Haushalt einzuführen. Wenn der eine oder die eine in einer Beziehung eine besondere Freude am Staubwischen empfindet, wäre es Unsinn, den Akt des Staubwischens zu halbieren und damit auch die Freude zu halbieren, umso mehr wenn der andere dem Staubwischen wenig abgewinnen kann. Allerdings kommt man zum Staubwischen nicht übers eigene Geschlecht. Staubwischen ist also nicht wie Kinderkriegen. Beziehungsweise ist der zur Empfängnis unfähige Mensch nicht automatisch der schlechtere Staubwischer. Es ist eine der großen Freiheiten, die der "moderne" Mensch entwickelt hat, sich jenseits geschlechtsspezifischer Einschränkungen die Welt zu erobern. Und die Welt ist eben nicht nur eine weite, gefährliche Prärie, sondern auch die nicht so weite, aber ebenfalls nicht ganz ungefährliche Sphäre von Mietwohnung oder Eigenheim.

Tragisch: Der Mann im Strudel der Grandiosität

Indem ich gezwungen war – um dem Diktat der Dose zu entkommen – das Kochen zu erlernen, zuerst für mich, später für andere, erlernte ich auch einen vernünftigen Umgang mit der Zeit. Wenn man nämlich nicht im Fernsehen kocht, wo dann immer schon die gefüllten Schälchen mit den Zutaten stehen, als hätte sie jemand "an Bord gebeamt", und wenn man nicht die Möglichkeit hat, den ganzen Tag am Herd zu stehen und auch keine Heinzelmännchen oder bezahltes Personal sich um verdreckte Pfannen kümmert, entwickelt man Systeme der Vernunft und Effizienz. Die auf vieles zu übertragen sind und jeglichem breitgetretenen "Verhandlungstheater" zuwiderlaufen. Um es ironisch zu sagen, man sollte nicht mit Erbsen verhandeln, vor allem nicht, wenn man eine Tomatensuppe herstellt. Tut man es doch, gibt man vor, in einer Weise beschäftigt zu sein, die keinen Platz zulässt für anderes.

Heinrich Steinfest

Foto: Joachim E. Röttgers

Bücher wie LSD

Die Bücher von Heinrich Steinfest machten süchtig, behauptet der Literaturkritiker Denis Scheck, sie erschienen ihm wie "LSD-Trips". So sprach der Mann vom Fernsehen ("Kunscht") am vergangenen Montag im Stuttgarter Literaturhaus, wo der preisgekrönte Autor sein neues Buch "Die Büglerin" vorgestellt hat. Wir in der Kontext-Redaktion sind nüchterner und drohen, beim Studium eines Steinfest-Manuskripts, das Wegwerfen des Griffels an. (jof)

Wenn jemand sagt "Ich kann jetzt nicht!", ist es immer interessant sich anzusehen, warum er jetzt nicht kann. Ich denke umgekehrt, dass eine große Freiheit darin besteht, jetzt zu können. Wenn man nämlich frei ist vom Theater, das die "mächtige Männerwelt" vorexerziert und das den Eindruck vermittelt, diese Leute befänden sich gleichzeitig an drei verschiedenen Orten. Es ist die tiefe Tragödie des Mannes, in den Strudel der Grandiosität zu geraten, schier unmögliche Spagate im Kampf gegen das vom oben erwähnten TV-Serien-Politiker angesprochene "Nichtstun" zu entwickeln, schneller als der eigene Schatten zu schießen (während man mit der anderen Hand eine Zigarette dreht, selbst dann, wenn man sie gar nicht rauchen wird) oder Hinkelsteine durch die Gegend zu schleppen, Hinkelsteine, die dann irgendwie die Immobilienpreise beeinflussen und das Wohnen als eine Varietät des Kriegs erscheinen lassen.

Der Feminismus ist ein großes Glück für die Männer. Er könnte ihnen helfen, sich endlich frei zu machen von absurden Anforderungen an die eigene obelixhafte Übermenschlichkeit. Wenn man sich etwa gegen die pornographische Abbildung der Geschlechter wendet, dann geht es ja nicht allein um das dort präsentierte surreal verzerrte Frauenbild, sondern ebenso um das Männerbild, um das Bild einer gleichsam auf sein Geschlecht zusammengeschrumpften Maschine von göttlichem Zorn und gottgleicher Ausdauer. Einer Pornographie, die sich noch in jeder dummen, kleinen Werbung wiederfindet.

Männer, schlaft doch einfach mal aus

Wer aber weder schneller als sein Schatten schießt, noch Hinkelsteine trägt, noch alles fickt, was ihm in den Weg kommt, braucht noch lange nicht zum Softie zu verkümmern. Er muss nicht einmal ein Frauenversteher werden. Sich selbst zu verstehen reicht ja schon. Sich jene Vernunft zu erlauben, in der die Handlungen auf eine Zweckmäßigkeit ausgerichtet sind und nicht auf die Erhöhung einer Phantasie, die etwas Comichaftes besitzt. Wie man das von diesen Figuren kennt, die von einer Brücke springen, unten aufkommen und dann eine riesenhafte Beule davontragen, die freilich Sekunden später völlig verschwunden ist. Der Feminismus könnte dem Mann helfen, sich einzugestehen, dass man von Stürzen in die Tiefe Beulen davonträgt, die im nächsten Bild keineswegs sogleich verschwunden sind. Beulen, die Heilung benötigen. Beulen, derer es freilich gar nicht bedarf. Weil es gut und richtig wäre, zu vermeiden, von Brücken zu springen.

Heinrich Steinfest

Die neue Heldin heißt Tonia Schreiber und bügelt die Wäsche einer vermögenden Heidelberger Kundschaft. Bügeln ist ihre Form der Buße für den Tod ihrer Nichte Emilie, für den sie sich verantwortlich fühlt. Die ersten Kritiken loben Steinfest für seine Einfühlsamkeit, mit der er eine "weibliche Weltsicht" eingefangen habe. Das Buch ist erschienen im Piper Verlag, München, hat 288 Seiten und kostet 20 Euro. (jof)

Natürlich, wir leben in der Überforderung, die darin kulminiert, dass jemand einen Job macht und dann einen zweiten annimmt, um über die Runden zu kommen. Wie leicht doch eine gerechte Bezahlung und ein bedingungsloses Grundeinkommen in die richtige Richtung weisen würden, überall, wahrhaftige Globalisierung, und trotzdem gebe es immer noch T-Shirts und Restaurants und Joghurts in allen möglichen Geschmacksrichtungen.

Wäre es nicht traumhaft schön, sich vorzustellen, wie eine spätere Geschichtsschreibung davon spricht, wie der Feminismus ehedem dazu beitrug, dass die Dinge in Bewegung gerieten und zum Schluss die dumme Not aus der Welt verschwand? Weil stattdessen eine tiefe Einsicht ist das Praktische und Vernünftige stattfand, das aus dem Fairen erwächst (und aus dem das Faire erwächst). Und sich dann Männer im Vollbesitz ihrer Männlichkeit fragen, wie das überhaupt einmal anders hatte sein können.

Der französische Philosoph Jean Baudrillard behauptete einmal, wir würden ohnehin nur im Schlaf, im Tod und in der Bewusstlosigkeit in Echtzeit existieren. Klar, man kann nicht immer nur schlafen und man kann vor allem nicht hin und wieder tot sein, aber es wäre doch ein Segen für die Menschheit, würden die tatsächlich Mächtigen – und noch mehr die bloß gefühlt Mächtigen – ihr Termintheater und Verhandlungstheater und das Jetzt-nicht!-Theater einschränken und sich mittels diverser Nischen ein Leben in Echtzeit verschaffen. Ich denke, Nachdenklichkeit ist so eine Nische. Und ein ausgeschlafener Alltag ist es auch.


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