KONTEXT:Wochenzeitung
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Im Silberwal

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Für Heinrich Steinfest, der nie den Führerschein besaß, ist nicht das einzelne Auto das Problem, sondern die ungesunde Menge seines Auftretens.

- Jeder fürchtet sich vor etwas, Kenny.

- Wovor haben Sie Angst?

- Autos.

- Wie kann man in L.A. leben und Angst vor Autos haben?

- Vielleicht kann man es nicht.

 

(Colin Firth und Nicholas Hoult in Tom Fords Film "A Single Man".)

 

Als mich die Kontext-Redaktion fragte, ob ich mit dem verehrten Kollegen Schorlau – er als Fahrer, ich als führerscheinloser Beisitzer – die neue S-Klasse testen würde, hatte ich gerade wieder einmal mein altes Problem mit dem Neinsagen, war aber gleichzeitig guter Hoffnung, mein Versprechen, mich an dem Projekt zu beteiligen, würde keinerlei Folgen haben, weil die Leute bei Daimler ganz sicher nicht eins ihrer schönen Autos ausgerechnet an eine Zeitung wie Kontext herleihen würden. Mein "Ja" war also begleitet vom Gefühl der Sicherheit – als der Autohasser, der ich bin –, mich niemals in diesen Wagen setzen und mich ebenso wenig den mir bis dato völlig unbekannten Fahrkünsten des Herrn Schorlau ausliefern zu müssen.

Zu meinem Autohass sei gesagt, dass er vergleichbar ist dem Hundehass mancher Menschen, die aber in Wirklichkeit ja nicht die Hunde hassen, sondern jene Besitzer, die irgendeine Art von Missbrauch treiben, ihre Hunde als Waffen gebrauchen, sie im Wald von der Leine lassen, damit sie Waldbewohner aufstöbern und Chaos stiften, oder seelenruhig zusehen, wie ihre Lieblinge mitten auf dem Gehweg kleine und große Haufen platzieren und diese Haufen dann der Betrachtung durch die Umwelt anheimstellen, als handle es sich hier um eine Art von Skulptur.

Nicht jedes Produkt moderner Kunst ist auf der Höhe der Zeit

Das Auto wiederum ist tatsächlich ein Produkt der Kunst, vor allem natürlich seine Hülle und seine Innenausstattung, und somit jeweils Ausdruck moderner Kunst. Was aber nicht automatisch bedeutet – wie bei anderer moderner Kunst auch –, auf der Höhe der Zeit zu sein. In jedem Fall ist nicht das einzelne Auto das Problem, sondern sein Gebrauch, und natürlich die ungesunde Menge seines Auftretens als Gruppe, quasi seine Überbevölkerung. Wir sind diese Überbevölkerung des Autos schon derart gewohnt, dass uns leere Straßen geradezu surreal anmuten.

Es ist ein strahlender Vormittag, als ich mich vor dem Verlagshaus von Kontext einfinde, dort, wo bereits der Mercedes wartet, silbern, mächtig, aber kein Pfeil, eher ein Rammbock, allerdings ein schlanker, denn bei aller Masse wirkt dieses Ding doch recht schmal und schnittig, das muss man ihm lassen. Besitzt die Anmutung eines Rammbocks, der nicht wirklich rammt, es einfach nur könnte, wenn er wollte. So wie diese Hunde, die angeblich nicht beißen, aber ein mächtiges Gebiss offerieren. Man sieht diesem Auto den Windkanal an, vor allem von der Seite her, als hätte der Wind geradezu eine elegante Furche in die Flanke des Wagens hineingeweht. Dennoch stellt sich später, als wir den Wagen vor dem Le-Corbusier-Haus in der Weißenhofsiedlung postieren und die beiden "Kunstwerke" vergleichen, die Frage, ob dieser Mercedes auch nach über achtzig Jahren noch eine ähnlich moderne und stilistisch überzeugende Wirkung haben wird wie dieses Gebäude (was ja beim legendären Silberpfeil der Fall ist, aber etwa auch bei dem so gar nicht eleganten VW Käfer). Ich muss das in diesem Fall doch sehr bezweifeln, zu sehr fehlt dieser Mercedeshülle – wie vielen Automobilen unserer Zeit – eine unverwechselbare Form, eine zeitlose Eleganz, ein genialer Duktus, eher scheint dieses Fahrzeug sehr fest in der Zeit einzusitzen, wie einige durchaus berühmte Schriftsteller und Maler, die aber sofort nach ihrem Tod in Vergessenheit gerieten. – Wann sterben Autos? Manche nie, wenn sie nämlich Oldtimer werden. Aber das werden ja nicht alle. Viele sterben praktisch bereits nach Jahren oder siechen zumindest dahin.

Doch hier soll nicht vom Tod, sondern vom Leben die Rede sein. Vom Leben im Inneren eines Wagens, in einem Raum, den viele nach dem eigenen Hüllorgan sowie ihrer Kleidung als ihre dritte Haut bezeichnen oder empfinden. Oder als Rüstung. Wobei es freilich ein gravierender Unterschied ist, ob man, in dieser Haut einsitzend, das Vehikel auch lenkt oder nur darin sitzt. Viele Autos definieren sich natürlich in erster Linie über den Fahrer. Klar, da gibt es dann noch die Ehefrau oder den Ehemann als mehr oder weniger lästige Beifahrer, die Kinder auf dem Rücksitz, Speiseeis verteilend, sich übergebend, laut, im besten Fall schlafend, aber wie gesagt, der Wagen ist in erster Linie dem Fahrer verpflichtet, er ist es, mit dem die symbiotische Beziehung Maschine-Mensch möglich wird. Ähnlich wie bei Hunden und ihren Besitzern hat man das Gefühl, Auto und Fahrer würden sich immer ähnlicher werden.

Der Beifahrer ist die wichtigste Person in diesem Vehikel

Aber bei diesem Wagen hier liegen die Dinge doch anders, da es sich bei einem möglichen Beifahrer – vor allem auf einem der beiden Rücksitze – um die wahrscheinlich wichtigste Person in diesem Vehikel handelt. Einen Menschen, der soeben einen Termin bewältigt, wichtige Entscheidungen getroffen hat, anderen in den Hintern getreten hat oder mit allem Charme der Welt auch ohne Tritte zu überzeugen wusste, jedenfalls einiges in Schwung brachte. Und sich nun auf den Weg macht, um anderswo anderen Schwung zu bewerkstelligen. Sich vielleicht ausruhen mag, vielleicht Dokumente studieren möchte, Fakten ordnen, telefonieren, ein Brötchen verspeisen, an seinen Memoiren arbeiten, jedenfalls nicht auf einem Sitz sitzen will, der sich gegen seinen Benutzer sperrt. Oder zumindest recht gleichgültig gegen diesen Benutzer ist. Was man nun wirklich nicht von diesen S-Klasse-Sitzen behaupten kann. Eher wirken sie organisch, wie ein Partner, der sich von hinten anschmiegt. Und man per Knopfdruck auch bestimmen kann, ob dieser "Partner" eher warm oder gekühlt sich annähert, so wie man dank der schematisch die drei Sitzteile kopierenden Hebel an der Innentüre diesem Partner die absolut richtige Gestalt verleihen kann. Genau so, wie man ihn haben möchte, was man ja von anderen, weniger willfährigen Partnern nicht behaupten kann. Und nicht alle haben das Glück, von ihren Partnern massiert zu werden. Dieser Sitz aber tut es, wobei jedoch kein wildes Gerüttel erfolgt wie bei so vielen Massagegeräten, wo man sich dann fühlt wie im Inneren eines Staubsaugers, nein, diese Massage ist wohldosiert, einfühlsam, berücksichtigt verschiedene Partien von Rücken und Schulter und ist natürlich von jener Geduld und Ausdauer, die nun mal den Charakter von Maschinen bestimmt. Und gerät der Mercedes mal ein wenig in die Kurve, so bläst sich der Sitz rechts oder links etwas auf, um einen leichten Gegendruck zu erzeugen. Ein freundlicher Geist, der gar nicht erst zulässt, dass man aus der Idealposition gelangt. Klar, in diesem Auto gibt es keine Vorschriften, welche Musik gespielt werden darf, doch Kammermusik würde in solcher Umgebung sehr viel besser passen als irgendwelche schlagenden Töne.

Diese Sitze, wie auch die ganze Inneneinrichtung, stehen optisch in starkem Widerspruch zur schneidigen Außenhülle, hier drinnen herrscht der Biedermeier, herrschen Gemütlichkeit, konservative Werte, feine Verarbeitung, eher die rundliche Form als die eckige, und trotz Bordcomputer und durchtriebener Sitztechnik ereilt mich das Gefühl, in einer Kutsche zu sitzen, mich in einer – wie ich als Österreicher sagen würde - kaiserlich-königlichen Sphäre zu befinden. Sinn und Zweck dieses Ortes scheint mir auch zu sein, zu vergessen, was draußen so vor sich geht, wahrhaftig Ruhe zu finden im Inneren der Karosse. Wozu es keiner getönten Scheiben bedarf, die Einrichtung selbst vermittelt eine luxuriöse Abgeschiedenheit. Die Landschaft draußen, falls beachtet, andere Autos, Fassaden, auf Füßen sich bewegende Menschen, das alles mutet eher wie aus einem Film an, virtuell, unecht, ein Dekor. In so einem Auto wird man zum Solipsisten.

Was nun aber wirklich fehlt, ist eine Kaffeemaschine

Was hier – zumindest in dieser Version – nun aber wirklich fehlt, ist eine Kaffeemaschine. Welche ganz wunderbar zwischen die beiden Rücksitze passen würde, wo man zur Not zwar auch ein Kind unterbringen könnte oder einen Dackel oder so, aber ich denke, eine schöne, im Beige und Braun der Inneneinrichtung gehaltene Kaffeemaschine wäre die richtige Wahl.

Im Grunde ist dieser Wagen genau einer von denen, in denen man sich sehr gut auch aufhalten könnte, würde man nicht fahren oder gefahren werden. Und wäre das nicht eine schöne Idee, ein derartiges, nicht gerade billiges Auto sich anzueignen, um sich darin zurückzuziehen, ohne gleich an ferne Orte zu gelangen oder nicht so ferne zu verstopfen? Der Wagen als ein Ort der Ruhe und der Nachdenklichkeit? Wäre das nicht eine Lösung unseres Problems, indem wir zwar weiterhin viele Autos produzieren, aber nur einen Bruchteil davon auch fahren zu lassen? Etwa das Europäische Viertel einebnen, um dort Platz für viele dauerparkende Autos zu schaffen, Räume größter Intimität?

Es ist übrigens ganz richtig, wenn der Fahrer dieses Wagens, Wolfgang Schorlau, im Ton der Enttäuschung meint, niemand würde sich heutzutage mehr – nicht einmal die Kinder, von den Frauen ganz zu Schweigen – nach einem solchen Wagen umdrehen (und damit eben auch nach dem Fahrer desselben). So ist das leider. Da muss dann schon ein heulender Sportwagen her, samt Zuhälterattitüde, um ein Staunen zu bewirken. Quasi ein weißer Hai. Oder ein roter. Dieser Mercedes aber ... Gibt es das, Silberwale?

 

Heinrich Steinfest, geboren 1961, ist in Wien aufgewachsen. Er schreibt fantastische Kriminalromane, ist Maler und lebt vorwiegend in Stuttgart. In seinem  Roman "Der Umfang der Hölle" beschreibt er eine automobile Legende: den von 1955 bis 1975 gebauten Citroën DS.


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7 Kommentare verfügbar

  • Ralph Sobetz
    am 06.02.2017
    Antworten
    Nein, was hier wirklich fehlt, ist ein Foto in der klassischen Mercedes-Pose vor dem Gebäude. Gibt es das irgendwo? Wäre sehr verbunden!

    http://polpix.sueddeutsche.com/bild/1.3082333.1468829778/560x450/weissenhofsiedlung-weltkulturerbe.jpg
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