Ausgabe 127
Debatte

Die Treue zum Verlorenen

Von Gastautor Heinrich Steinfest
Datum: 04.09.2013
Wenn Heinrich Steinfest auf die Kanzel steigt, ist das keine Bibelstunde. Aber auch keine Wahlrede. Dem Stuttgarter Schriftsteller ist der Mensch wichtig, dem er empfiehlt, nicht auf die Politik zu hören, die ihm sagt: Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Steinfest setzt die Treue zum Verlorenen dagegen, und Kontext veröffentlicht die Rede in zwei Teilen – als Gegenprogramm zum derzeit gesprochenen Wort. Untermalt durch Illustrationen von Tobias Greiner.

Kein Verlust ist größer als der, ein Kind zu verlieren. Und es ist erschütternd, zu erleben, wenn die Eltern sterbenskranker Kinder dem Schicksal ihr eigenes Leben anbieten, sofort bereit wären, ihre Gesundheit, ja, ihr ganzes Sein herzugeben, jede Qual zu ertragen, sich zu opfern, um dieses ihr Kind zu retten. "Lieber Gott, lass mich sterben anstelle meines Kindes." Doch solche Übereinkommen werden nicht abgeschlossen, Gott bleibt scheinbar stumm. – Aber stellen wir uns doch bitte einen Gott vor, mit dem sich "Geschäfte" machen ließen, der den bevorzugt, der inniger betet und inniger bittet oder mehr spendet als ein anderer oder intelligenter oder charmanter argumentiert, zu größeren Tränen rührt, mehr Pluspunkte gesammelt hat, ein ausgeglicheneres Konto besitzt. Ein solcher Gott wäre käuflich. Letztlich indiskutabel. Und genau darum schweigt er. Aber genau indem er schweigt, erklärt er sich. Das ist eben anders als im Fernsehen oder in der Schule oder bei der Lebensversicherung.

Was aber bleibt, ist eines: die Treue zum Verlorenen. Und keine Treue, die größer, keine Erinnerung, die stärker wäre als diese, wenn noch nach vielen Jahren die Erinnerung und der Gedanke an das verlorene Kind besteht. Einerseits die Frage danach, was aus diesem Kind geworden wäre, hätte es überlebt – verheiratet, mit eigenen Kindern, glücklich, unglücklich, berühmt, leidend, schwierig –, andererseits sehen wir diesen Menschen immer nur so, wie er gewesen ist, als er starb. Und unsere Liebe zu ihm verkümmert auch in Jahrzehnten nicht. Die Beziehung zwischen einem toten Kind und seinen lebenden Eltern ist eine geradezu symbiotische. Es ist ein "Sprechen" zwischen ihnen, ein ewiges Einverständnis, eine zärtliche Berührung und Bindung, die etwas von einer Skulptur besitzt, steinern, das ist richtig, und dennoch lebendig, wie alle Kunst das Lebendige widerspiegelt, ohne es aber nachzuäffen oder zu kopieren (außer wir haben es mit schlechter Kunst zu tun).

Die Politik ist eine Meisterin des Vergessens

Diese Treue zum Verlorenen, die an dieser Stelle in seiner fundamentalsten Ausformung wirkt, gilt aber für alles. Schopenhauer sagt: "Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge." Mitunter braucht es Jahre und diverse Niederlagen, sich dieses Wertes bewusst zu werden. Wir leben ja so gerne im Hier und Jetzt und bekommen ständig zu hören, dass man auch fähig sein muss loszulassen. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Ein trottelhafter Spruch, mit dessen Aussage wir aber dennoch unentwegt konfrontiert werden, gerne auch von der Politik, dieser Meisterin des Vergessens.

Das Loslassenkönnen – so pädagogisch wertvoll und biomässig abbaubar es daherkommt – meint nichts anderes als Verdrängung. Wir verdrängen ja nicht nur die Vergangenheit, sondern im Grunde auch die Zukunft, zumindest jene Zukunft, die uns nicht süß und freundlich und verheißungsvoll erscheint. Oder würden wir denn sonst so ein Problem mit dem Altern haben? Anstatt unsere Intelligenz zu benutzen, diesem Zustand einer letzten Lebensphase mit Würde, ja, mit Leichtigkeit, zu begegnen, basteln wir an uns herum wie an einer Nudelsuppe, die wir mit allerlei Tricks in ein Wiener Schnitzel zu verwandeln versuchen. Die Nudelsuppe leugnend. Man will keine alten, kranken Menschen, sondern braun gebräunte, ewig junge Supersenioren, die noch neunzigjährig Golfschläger schwingen und auf Kreuzfahrtschiffen genauso elegant ihre Whiskygläser anheben wie in engen Badehosen in den Pool hüpfen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich habe nichts gegen die Verbindung von Whisky & Golf & Badehosen & Pensionisten, aber die Konzentration auf das Konsumpotenzial des länger als bislang lebenden Menschen verbietet diesem quasi, schwach zu werden. Müde und vergesslich, so vergesslich, dass er nicht mehr weiß, wo er seinen Golfschläger hingelegt hat. Eine solche Schwäche (auch wenn wir sie sehr gelehrt diskutieren) ist wie ein Vergehen, das bestraft gehört. Altersheime, auch wenn sie Seniorenresidenzen heißen, sind meiner Anschauung nach eine solche Strafe. Da können wir uns tausend Mal einreden, wie gut das auch ist, dass die Gleichaltrigen zusammen sind (so, als redeten wir von einer Kindergartengruppe) und dass die Großfamilie nicht mehr den heutigen Umständen gerecht wird.

Maschinen helfen nicht, wenn die Herzen aus Stein sind

Klar, die Alten können nervig sein, aber das Wetter ist auch nervig, und dass die Katzen im Sommer ihr Fell verlieren und der Aufzug schon wieder nicht funktioniert und der Papa beim Essen schmatzt – nein, der alte Mensch gehört dorthin, wo er sein Leben begann, nur so schließt sich der Kreis. Die Kinder heutzutage werden größer und die Alten älter und es wird bald Konzertkarten geben, die einen per GPS auf den richtigen Sitzplatz führen, aber der Sinn des Lebens besteht in sich schließenden Kreisen humaner Ausprägung.

Es gibt einen Satz des Philosophen Jean Baudrillard, den ich schon des Öfteren zitiert habe, von dem ich mich aber immer wieder dazu verführt sehe, ihn zu wiederholen. Denn man kann ja auch einem Satz treu sein. Baudrillard erklärt: "Die Maschine, die bisher so viele Menschen vernichtet hat, wird allmählich dem Menschen großmütig zu Hilfe kommen. Aber es genügt nicht, dass die Maschinen menschlich werden, wenn die Menschen ein Herz von Eisen behalten."

Unser Herz vom Eisen zu befreien wäre in der Tat die Aufgabe. So wichtig für viele Menschen die Fortschritte in der modernen Herzchirurgie sind – und ich will wahrlich nicht darüber spotten –, so scheint die Bildung und Ausbildung des Herzens doch auf der Strecke geblieben zu sein. Das ist einfach kein Schulfach. Und es ist darum mehr als nur eine Dystopie, sich vorzustellen, wie am Ende unserer Epoche die einzigen zu Gefühlen und Poesie und romantischen Empfindungen fähigen Wesen die Maschinen sein werden, Maschinen, denen wir gewissermaßen unser menschliches Erbe hinterlassen haben.

Das Matchboxauto ist die Brücke zur Kindheit

In einem der wegweisenden Werke der Filmgeschichte, Orson Welles' Darstellung des im Machbarkeitsrausch sich hochschraubenden und niederstürzenden Medienmoguls Charles Foster Kane – "Citizen Kane" –, geht es im Grunde ebenfalls um einen Verlust. Den Verlust der Unschuld, den Verlust der Kindheit. Und es ist ja mehr als eine pure Sentimentalität, wenn wir anhand von Fotos, alter Familienfilme, vor allem natürlich dank aufgehobener Kinderzeichnungen und niemals entsorgter Stoffbären und Puppen und zerkratzter Matchboxautos (denn nicht wenige Männer sind den Spielzeugautos ihrer Kindheit so viel treuer zugetan als den ausgewachsenen benzinbetriebenen Automobilen, die sie eins durchs andere ersetzen), dank all dieser Objekte also mit einer Zeit verbunden sind, die uns abhanden gekommen ist. Das mag im einen Fall tatsächlich eine freudvolle Kindheit gewesen sein, im anderen von Brüchen jeglicher Hinsicht durchsetzt. Aber es geht auch nicht darum, etwas schönzureden, sondern den Verlust zu definieren, den wir erfahren, indem wir erwachsen werden.

Denn wer die Kindheit überlebt, verliert sie auch. Es ist dies gewissermaßen ein Tod mitten im Leben: Wir schauen auf unsere Kindheit, und es ist, als betrachteten wir unseren eigenen Grabstein. Wahrlich bezeichnend, wie sehr wir in unseren Träumen gerade diese "verlorene Zeit" immer wieder durchwühlen, den Schrecken wie die Idylle, die kafkaartigen Abgründe der Versagensangst genauso wie die nestartige Geborgenheit, die mit der elterlichen Liebe einhergeht oder einhergehen kann. Wobei es natürlich stimmt: Wir können uns unsere Eltern nicht aussuchen (aber bitte nicht vergessen, die Eltern auch die Kinder nicht, was einem klar wird, wenn die eigene Tochter plötzlich als Punk dasteht oder der eigene Sohn sich entschließt, Jura zu studieren, denn ob nun "Punk" oder "Jura" als schreckliche Nachricht erlebt wird, hängt ja vom Standpunkt des Betrachters ab), wir können einander also nicht aussuchen, doch die Liebe und Zuneigung (angefangen bei der Aufmerksamkeit, die wir bereits erfahren, wenn wir im Mutterleib sind) werden wir nie wieder in dieser Bedingungslosigkeit erfahren.

Lieber Gott, bewahre mich vor falschen Wertpapieren

Auf den Punkt gebracht: Auch das hässliche Baby ­– manche sehen ja wirklich aus wie zerdrückte Riesenchampignons ­– wird von seinen Eltern geliebt (die Hässlichkeit auch gar nicht als solche wahrgenommen), während wir später im Leben zumeist eine Liebe erfahren, die doch sehr von unseren Attraktionen abhängt, ja selbst der viel zitierte Satz "Es kommt auch auf innere Werte an!" bezieht sich immerhin auf die Attraktion einer moralisch hochwertigen Persönlichkeit, während die Liebe der Eltern einem auch dann begegnet, wenn man nicht zu den Allerbravsten gehört.

Ich denke, es ist genau dieses Moment der unbedingten und bedingungslosen elterlichen Liebe, die sich Menschen von Gott erwarten, die sich möglicherweise aber auch Gott von den Menschen erwartet. Somit keine an "Ergebnisse" gebundene Gegenliebe, etwa das Ergebnis, das sich aus einem erhörten Gebet ergibt. "Lieber Gott, mach mich fromm oder reich oder schön, bewahre mich vor Krankheiten oder wenigstens davor, die falschen Wertpapiere zu kaufen." Und dann kaufe ich doch die falschen und hole mir doch einen Schnupfen, mitunter Schlimmeres ­– und trotzdem bin ich Gott zugetan. Das ist nicht immer leicht, vor allem, wenn man sich vom Schicksal verfolgt fühlt und das Leben in seiner massiven Ungerechtigkeit erkennt (und wir erkennen natürlich eher, wenn wir uns in die falsche Schlange an der Supermarktkasse stellen). Man kann Gott verlieren. Und ich meine damit nicht einen Kirchenaustritt, sondern jene Distanz, die wir etwa auch erleben, wenn uns unsere Eltern gleichgültig oder zuwider werden und uns mitunter nichts bleibt als die Hoffnung, wenigstens mal eine Erbschaft antreten zu können.

Einsamkeit ist einer falschen Liebe vorzuziehen

All das schmerzt, denn die Lücke ist nicht wirklich zu füllen, die elterliche Liebe so wenig zu ersetzen wie die kindliche Liebe. Wie überhaupt eine Liebe nicht durch eine andere zu ersetzen ist. Wo es geschieht, ist es falsch. Einsamkeit ist einer falschen Liebe vorzuziehen. Eine wahrhaftige Lücke besser als eine trügerische Auffüllung derselben. Und in jeder Distanz die Möglichkeit der Überwindung. In jedem Weggehen das Potenzial der Rückkehr. In jedem Schmerz auch ein Keim des Trostes. Darum meint Fontane auch: "Wir hören gerne das Lob dessen, was uns verloren ging. Sonderbar, indem es uns das Gefühl des Verlustes steigert, tröstet es uns."

 

Heinrich Steinfest (52), Stuttgarter mit österreichischem Pass, gehört keiner Konfession an, ist ungetauft, aber nicht ungläubig. "Wenn ich nicht wählen darf, kann ich wenigstens reden", sagt er. Die Predigt hat er in der Stuttgarter Friedenskirche gehalten.


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