Außen schnittig in der Kurve, innen sogar mit automatischer Luftbeduftung. Foto: Ingo Lazi

Außen schnittig in der Kurve, innen sogar mit automatischer Luftbeduftung. Foto: Ingo Lazi

Ausgabe 173
Gesellschaft

Niemand dreht sich um

Von Wolfgang Schorlau
Datum: 23.07.2014
In seinem früheren Leben fuhr Wolfgang Schorlau 30 000 Kilometer im Jahr. Heute kommt ihm die Vorstellung, ein eigenes Auto zu besitzen, absurd vor.

Das Auto fährt sich gut. Es liegt schwer auf der Straße, trotzdem – ein kleiner Druck auf das Gaspedal, und ich vergesse, dass der Wagen zwei Tonnen wiegt. Mein Fuß berührt sacht das Bremspedal, und er steht.

Dieses Auto hat alles, was ein Auto heute haben kann, Kamera vorne, Kamera hinten, Einparkhilfe – und Überraschungen: Heinrich, der hinten sitzt, stößt auf einmal einen verblüfften Schrei aus, als er versehentlich die Rückenmassage aktiviert. Ich versuche mich in der Menüführung des Bordcomputers, aber sie ist so verwirrend, dass mein Erkundungswille rasch erlahmt. Vieles haben ich an dem Wagen noch nicht entdeckt. Trotzdem: Superauto. Wirklich. Mit diesem Fazit könnte ich jetzt den Laptop zuklappen,wenn, ja wenn ich nicht mit Heinrich den Platz getauscht hätte und in den Fond geklettert wäre.

Wir sind ein eigentümliches Paar, Heinrich und ich, zumindest als Autotester. Niemand käme auf die Idee, dass wir uns einen S-Klasse-Mercedes kaufen würden. Schriftsteller sind eher die Anti-S-Klasse-Typen. Deshalb wurden wir wohl gebeten, dieses Auto zu testen. Allerdings: Heinrich Steinfest besitzt keinen Führerschein. Den habe ich immerhin, aber ein eigenes Auto besitze ich nicht und vermisse es auch nicht, obwohl ich ständig unterwegs bin. Da ich mitten im Stuttgarter Talkessel wohne, erreiche ich die meisten Ziele zu Fuß, die Geschäfte, in denen ich einkaufe, die Bibliothek, in deren Lesesaal ich häufig arbeite, bei gutem Wetter steige ich aufs Fahrrad, bei Regen fahre ich mit der Straßenbahn. Ist der Ort damit nicht zu erreichen, nehme ich in ein Taxi. An nahezu hundert Abenden im Jahr lese ich irgendwo in Deutschland. Kein Problem: Ich nutze Carsharing, die Bahn, im Ausland das Flugzeug.

In meinem Vor-Schriftstellerleben verbrachte ich unendlich viel Zeit im Auto, fuhr etwa 30 000 Kilometer im Jahr, um Kunden zu finden oder zu besuchen. Aber heute kommt mir die Vorstellung von einem eigenen Auto absurd vor.

Nun sitze ich am Steuer, Heinrich dehnt sich entspannt auf der Rückbank. Das Auto fährt gut. "Vision erfüllt", schreibt Daimler in der Werbung, etwas geschmacklos, finde ich, weil der Slogan an das "mission accomplished" von George W. Bush nach dem Ende des Irakkriegs erinnert. Vision erfüllt? Es gibt keine Vision. Es gibt auch keine Faszination. Ich habe darauf geachtet, niemand sieht sich nach diesem Wagen um, kein Junge dreht sich um, kein Mann bleibt stehen, keine einzige Frau hebt auch nur die Augenbraue.

Dieses Auto ist nicht für den Fahrer gebaut

Als wir eine Pause machen, nutze ich die Gelegenheit und setze mich nach hinten. Erst jetzt wird mir klar, dieses Auto ist nicht für den Fahrer gemacht. Hier hinten, eingebettet in beiges Leder, das fleckenfrei frisch riecht, fängt der Wagen an, mit mir zu reden: Für dich wurde ich gebaut. Für dich, der du im Fond sitzt, dich fahren lässt zum nächsten wichtigen Termin, für dich, der aus dem sanft abgetönten Seitenfenster schaut, der die maschinelle Rückenmassage genießt. Für dich, den vom Chauffeur Chauffierten.

Von außen sieht die S-Klasse gut aus, wirkt schnittig modern. Wir parken sie neben dem Le-Corbusier-Haus in der Weißenhof-Siedlung. Die beiden geben zusammen ein gutes Bild ab. Zeitlos wirkend das Haus, ganz heutig das Auto.

Boxenstop mit der Luxuskarosse im Weinberg. Foto: Ingo Lazi
Boxenstop mit der Luxuskarosse im Weinberg. Foto: Ingo Lazi

Doch sobald ich auf dem Rücksitz sitze, erzeugt der Wagen ein ambivalentes Gefühl. Es dauert, bis ich es verstehe. Einerseits ist es geräumig, Platz zum Arbeiten, Raum für die Beine und, wie bereits erwähnt, die Lehne kann den Rücken massieren, wahlweise kühlt oder wärmt sie auch, fährt man in die Kurve, blasen sich an der Seite kleine Polster auf, die den Körper aufrecht halten. Es ist ein Gefühl, als befänden sich dort kleine Tiere, die sich nach einem langen Schlaf plötzlich regen. Ich erschrecke jedes Mal. Selbstverständlich gibt es auch Folgendes: Die Perfektion der S-Klasse macht selbst vor der Luft nicht halt. Das optionale Air-Balance-Paket ionisiert die Luft, reinigt und beduftet sie mit einem von vier stimmungsvollen Düften. Das liest man in der Werbung, wir haben es, Heinrich sei Dank, nicht ausprobiert. Chefetage auf Reisen nennt Daimler den Wagen. Wir vermissen eine Espressomaschine.

Gelsenkirchener Barock in Leder

Dieser großzügige Innenraum, das feine Leder, die schwere Karosserie, der surrende Motor, die perfekte Technik, aber auch der teils überflüssige, teils lästige Schnickschnack – das alles vermittelt dem, der hinten sitzt, das Gefühl, bedeutend zu sein. Das ist der Grund, warum dieses Auto genau so gebaut wurde. Es ist ein Egokitzler für Rückbänkler. Vision erkannt. Aber da ist noch etwas, ein anderes Gefühl. Eins von früher. Ich komme mir vor, als würde ich in den schweren Lederklubsessel sitzen, in denen ich als Kind bei Sonntagsbesuchen versunken bin. Diese Ledergarnituren aus den frühen Sechzigerjahren, als man sich endlich etwas leisten konnte und es wichtig war, dass das auch jeder Besucher mitbekam. Altertümlich, Gelsenkirchener Barock in Leder – dieses Gefühl vermittelt die S-Klasse im Fond.

Und plötzlich verstehe ich viel klarer die strategischen Probleme der Daimler AG. Der Wagen schmeichelt der Person auf der Rückbank. Er strahlt demonstrativen Konsum aus. Unverstellt und direkt. Und das macht es unangenehm, darin zu sitzen, und in gewisser Weise peinlich.

Aus der möglichen Schar der Käufer selektiert Daimler mit diesem Fahrzeug einen bestimmten Typus heraus, der als Figur ziemlich einfach zu beschreiben ist: männlich, grauer Anzug, graue Haare (prüfen Sie es im Straßenbild nach), Krawatte, geringes gesellschaftliches Verantwortungsgefühl (der Wagen, den wir fuhren, pumpt Unmengen CO2 in die Umwelt). Diese Figur würde ich in einem Roman wählen, um jemanden zu beschreiben, der inneren Halt in der nach außen dokumentierten Zahlungsfähigkeit sucht.

Immer klarer wird mir die sonderbare Mischung aus innovativer Technik und konservativem Habitus. Dies ist ein Wagen für eine bröckelnde Zielgruppe. Einen modernen Manager würde ich in einen anderen Wagen setzen, in einer S-Klasse kann ich mir keinen Mark Zuckerberg vorstellen, keinen Bill Gates, keine Sheryl Sandberg. Erst recht keine Sheryl Sandberg. Das ist kein Auto für eine Frau. Der moderne Typus Manager, der oder die zunehmend Einzug in die Chefetagen hält, fühlt sich in der neuen S-Klasse vermutlich schlecht platziert. Daimler unterstreicht damit ein überkommenes Männerbild, das man mit dem Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger etwa so beschreiben könnte: "Das wirksame Auftreten des Mannes ist abhängig von der Verheißung der Kraft und Macht, die er verkörpert. Je mehr und je glaubwürdiger er etwas verheißt, desto eindrucksvoller ist sein Auftreten ... Auf jeden Fall aber liegt das Ziel, auf das (die Macht) sich richtet, außerhalb des Mannes. Sein Auftreten lässt darauf schließen, was er für dich oder dir zu tun imstande ist." Mit einer S-Klasse unterstreicht der Besitzer kein Persönlichkeitsmerkmal (sportlich = BMW, unkonventionell = Audi), sondern Status. Das macht diese S-Klasse unangenehm.

Demonstrativer Konsum und überkommenes Männerbild sind wohl auch der Grund, warum sich die S-Klasse so gut zum Lieblingswagen der Halb- und Unterwelt aller Ländern eignet.

Seltsamerweise habe ich bei Daimler immer wieder den Eindruck, diese Firma wolle aus der Schar der möglichen Käufer eine Negativauswahl treffen. Ich erinnere mich an die Werbung für einen CLS genannten Mercedes. Die Headline lautete: Ideallinie für Alphatiere. Ich fragte mich damals: Was kann jemand, der sich selbst für ein Alphatier hält, anderes sein als ein – entschuldigen Sie bitte – ziemliches Arschloch. Jeder halbwegs normale Mensch würde sich sofort eine solche Bezeichnung verbitten. Und wer als Alphatier die Ideallinie sucht, hat sowieso schon verloren. Oder habe ich wieder irgendeine Vision nicht verstanden?

 

Wolfgang Schorlau war früher mal Manager in der Computerindustrie. Er hat sich einen Traum erfüllt und lebt heute als freier Autor in Stuttgart.


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