"Wie lange können Enten unter Wasser bleiben?" Schriftsteller Heinrich Steinfest im Stuttgarter Mineralbad Berg. Foto: Joachim E. Röttgers

"Wie lange können Enten unter Wasser bleiben?" Schriftsteller Heinrich Steinfest im Stuttgarter Mineralbad Berg. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 152
Debatte

Heinrich und die Ente Einauge

Von Heinrich Steinfest
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 26.02.2014
Heinrich Steinfests Welt ist voller Abenteuer. In seinem neuen Buch "Der Allesforscher" wird der Manager Sixten Braun von einem explodierenden Wal k. o. geschlagen. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen, stürzt er mit dem Flugzeug ab und überlebt wieder. Danach wird Braun zum Bademeister, der im Stuttgarter Mineralbad Berg die Ente Einauge rettet. Ein großes Lesevergnügen, dem Kontext mit dem folgenden Auszug vorab Vorschub leistet.

Es passierte an einem dieser ersten wirklich heißen Tage. Alle waren sie wieder da, die immer erst ins Bad gingen, wenn es richtig warm wurde: die Zuhältertypen, die Bodybuilder, die Schwulen, die Liegestuhlfetischisten, die dünnen Frauen in Bikinis, die dünner waren als der Lack auf ihren Nägeln, all die Eincremer und Einsprüher, die aus den Löchern der Sonnenstudios gekrabbelt kamen, und natürlich die Sixpackfanatiker, die aussahen, als schnitzten sie jeden Tag mit einem scharfen Messer feine Rillen in ihre Torsi.

Nirgends gab es dann so viele gut gebaute Männer wie im Bad Berg. Und nicht wenige, deren Haut den Farbton polierter Bronze besaß. Aus diesen Männern hätte man Kanonenkugeln gießen können. Was übrigens zu einer gewissen Wehrhaftigkeit der Stammgäste gut passte. Natürlich waren auch jene "älteren Damen" vertreten, die man das ganze Jahr über sehen konnte, aber auch jüngere Schönheiten, jedoch erstaunlich wenig Silikon. Zumindest im Vergleich. Etwa im Vergleich zu Wien, wo ich zur Fortbildung gewesen war und in den dortigen Schwimmbädern das Gefühl gehabt hatte, kaum jemand laufe noch ohne Implantat durch die Gegend. Ein Großteil der Wienerinnen schien nur noch partiell aus eigener Natur zu bestehen. Nicht so im Bad Berg, ohne dass dort die Flachbrüstigkeit regiert hätte, wirklich nicht.

Dennoch, bei aller Liebe zum neuen Ort, wurde ich weder ein Stuttgarter, noch wurde ich ein Bergianer (wie die Stammgäste dieses Bades sich selbst nennen), ich wurde nicht einmal politisch (wie die Hälfte der Menschen dort im Zuge eines geplanten Bahnprojekts). Aber ich wurde nach zwei Jahren Praxis tatsächlich "Meister", vor allem aber ein Teil dieser Badeanstalt, gewissermaßen ein Teil der Architektur, jemand, den die Leute mit "Herr Sixten" ansprachen, weil "Herr Braun" viel zu banal geklungen hätte. Eine besonders wohlmeinende ältere Dame erklärte einmal, sie fühle sich angesichts meiner Erscheinung an eine Figur aus der Sixtinischen Kapelle erinnert, weshalb mich "Herr Sixten" zu rufen ganz sicher nicht falsch sein könne.

Klar, dass ich mich erkundigte, an welche Figur sie dabei denke.

"Keine Angst, nicht an den Adam", gab sie zur Antwort.

"Wieso keine Angst?"

"Na, weil der doch nackt ist. Und das sind Sie ja nicht. Alle anderen hier so gut wie, Sie nicht."

Richtig, der Bademeister war der einzig wirklich Angezogene im Bad.

Die Dame sagte: "Nein, ich denke an den Daniel."

Ich fragte sie, wofür dieser Daniel denn stehe, weil ja in einer bemalten Kapelle jeder für etwas stehen würde.

"Er ist der Prophet", verriet sie, "der, den man in die Löwengrube geworfen hat, die er aber ohne einen Kratzer wieder verlässt."

"Ach ja. Dann ist in meinem Fall Stuttgart die Löwengrube, oder was?"

"Stuttgart ist die Grube", bestätigte die Dame, "und wir, die Stammgäste, sind die Löwen, die Ihnen nichts antun." Sie lächelte verschmitzt und berührte sachte meinen Arm, wie das viele der älteren Damen hier zu tun pflegten: sehr dezent und dennoch vampirisch. Immer wenn sie mich kurz anfassten, meine Hand, meine Schulter, wenn sie ein Stück Hüfte erwischten oder ihre Fingerkuppen auf das V meines Hemdausschnitts legten, zogen sie etwas aus mir heraus. Was aber nicht schlimm war, weil ich genug zu geben hatte.

Als die Bergianerin wieder ihre Hand von mir genommen hatte, fragte ich sie: "Was hat dieser Daniel eigentlich prophezeit?"

"Den Tod des Messias, und zwar auf den Tag genau. Ein halbes Jahrtausend, bevor Christus dann tatsächlich gekreuzigt wurde."

Der Daniel-Vergleich verstörte mich ein wenig, nicht zuletzt, weil er völlig unpassend schien. Immerhin war ich überzeugt gewesen, Frau Dr. Senft würde ein langes Leben in anhaltender Schönheit beschieden sein. Und auch den Tod meines Sitznachbarn auf dem Flug nach Taiwan hatte ich nicht vorausgesehen. Nun gut, in erster Linie bezog sich der Vergleich natürlich auf die Art, wie Michelangelo diesen Daniel dargestellt hatte: das bademeisterartig weiße Obergewand und die ausgeprägten Muskeln des linken Arms. Ganz sicher aber nicht auf die wüste Beethovenfrisur, die der Prophet bei Michelangelo trug. Mein eigenes Haar hingegen war eine recht glatte, dunkelblonde Umrandung meiner Kopfform, und keine noch so wilde Nacht vermochte daran etwas zu ändern.

... Zu den Besonderheiten dieser Badeanstalt gehörte, dass ein Entenpaar mit großer Regelmäßigkeit das Außenbecken aufsuchte und in der Manier einer gewollten Bruchlandung auf der Wasseroberfläche aufkam, um dann eine Weile zwischen den Badegästen dahinzutreiben. Manche fanden das süß, andere wiederum versuchten, die beiden wegzujagen. Als Bademeister war ich eigentlich dazu angehalten, die zwei Stockenten zu verscheuchen, doch vom Beckenrand aus war das ziemlich unmöglich, und zu diesem Zweck ins Wasser zu steigen wäre absolut übertrieben gewesen. Zudem waren die Enten ein Beweis für die Qualität des Wassers. Denn das gleiche Paar besuchte auch das nahe gelegene Schwimmbad Leuze, um dort zwischen den Liegenden und in der Sonne Bratenden um Futter zu betteln oder verlorene Krumen aufzuklauben, doch soweit ich informiert war, gingen sie dort niemals zum Baden hin. Anders bei uns, wo weniger gebettelt und mehr geschwommen wurde.

Drei Tage stand ich nachmittags am Rande des mit Menschen locker bevölkerten Beckens und beobachtete die beiden Enten, wie sie auf der glatten Fläche des von mir kontrollierten Gewässers landeten. Ein älterer Mann mit blauer Badehaube beschwerte sich, hieb ins Wasser und spritzte die Tiere an. Wurde aber von anderen Badegästen aufgefordert, dies zu unterlassen. Es gab ein kleines verbales Hickhack, während die Enten in einen anderen Teil des Beckens wechselten und dort ruhig herumtrieben.

Der Enterich allerdings hatte plötzlich Schlagseite. Wie leicht betrunken. Er erinnerte mich an dieses Pferd aus dem Film Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming, auf welchem ... richtig, auf welchem der betrunkene Lee Marvin sitzt, und auch das Pferd ist betrunken und lehnt schief gegen die Wand und ... Der arme Enterich hier war aber ohne Wand, kippte um und geriet mit seiner Oberseite unter Wasser.

Weil man von Enten ja kennt, wie sie mit dem Kopf unter Wasser und dem Schwanz in die Höhe gehen, schienen im ersten Moment alle einen normalen, bloß etwas ungeschickten Tauchgang zu vermuten. Aber es war eben doch ganz anders: Nicht der Schwanz war in der Höhe, sondern die Beine. Und dabei blieb es auch. Jemand meinte lachend, das sei wohl eine Zirkusente. Dann aber entwickelte sich eine gewisse Aufregung, die darin bestand, dass die Leute auf das Tier hinzeigten, diverse Rufe und Töne ausstießen, niemand aber es wagte, dem Umgekippten zu Hilfe zu eilen. Wer fasst schon eine Ente an? Und wer kann sich ernsthaft vorstellen, eine Ente könnte ertrinken?

"Herr Sixten!" riefen mehrere Damen.

Sollte ich das Hemd ausziehen? Tun das Bademeister, bevor sie ins Wasser springen? Oder eigentlich nur Männer in Filmen, die jede Situation ausnutzen, um ihre nackten Oberkörper zu zeigen? Und war es angesichts eines zu rettenden Entenvogels überhaupt angebracht zu springen, anstatt über eine der Treppen ins Becken zu steigen? Doch die Treppen waren zu weit weg, und jede Rettung verlangt auch eine gewisse Vehemenz.

Ich befreite mich mit einer einzigen zügigen Bewegung von meinem Leibchen und sprang mit einem sehr flachen Kopfsprung ins Wasser, tauchte mehrere Meter, brach kurz durch die Oberfläche, sank wieder tief ein und tauchte unter die Ente. Obgleich die Sichtverhältnisse in diesem Wasser eher dem eines natürlichen Sees entsprachen, fiel das Licht günstig genug, um klar zu erkennen, wie leblos der Kopf des Erpels "herunterbaumelte". Das war ganz sicher keine Tauchübung, die der kleine Kerl praktizierte. Ich griff mit einer Hand nach dem Körper, und indem ich hochkam, beförderte ich zugleich das Tier aus dem Wasser, fasste es nun auch mit der anderen Hand und marschierte mit dem regungslosen Wesen an Land. Hinter mir einerseits ein paar besorgte Badegäste, andererseits das Entenweibchen, welches aber nicht etwa drohende Laute von sich gab, sondern eher "vernünftig" schien, einfach nur in der Nähe blieb. Am Beckenrand legte ich den Enterich seitlich auf den warmen Beton.

Und was jetzt? Hat je ein Mensch versucht, eine Ente wiederzubeleben?

Ich stand hilflos vor dem flach dahingestreckten Körper.

"Tun Sie doch was!", mahnte jemand hinter mir.

Eine Dame aber fauchte: "Mein Gott, was soll er denn tun?"

Jemand dritter erkundigte sich allen Ernstes, ob nicht irgendwo ein Arzt sei.

"Man könnte einen ausrufen lassen", schlug eine vierte Person vor.

"Hat jemand Riechsalz?"

"Ein totes Tier ist verdammt noch mal ein totes Tier."

Andere sagten anderes. Hilfreiches hielt sich dabei in Grenzen.

Ich kniete mich hin, umfasste mit meinen Händen den Entenrumpf und massierte den Leib. Mir fiel einfach nichts Besseres ein, als gewissermaßen Bewegung in diesen bewegungslosen Körper hineinzutreiben. Wie man ein Rad dadurch in Gang bringt, daß man in die Pedale tritt. – Was ich tat, mochte lächerlich anmuten, aber esoterisch war es nicht.

Nun, es war nicht einmal lächerlich. Denn mit einem Mal  ...

Eines der beiden Augen des Tiers ging auf, nur eines, dann hob der Enterich den Kopf und schnappte nach mir. Ich zog meine Hände zurück und stand auf. Auch der Erpel rappelte sich hoch und geriet auf die Beine, auf denen er aber sehr unsicher stand, stark gespreizt. Ich sah, daß sein rechtes Auge noch immer geschlossen war. Er bewegte sich jetzt langsam nach vorn. Das Weibchen näherte sich ihm, allerdings zögerlich, mit vorgestrecktem Hals. Es schien, als sei sie nicht sicher, ob ihr Partner der war, der er gewesen war, bevor er umgekippt und für einige Zeit unter Wasser geraten war. Wobei Enten ja ...

Wie lange konnten Enten unter Wasser bleiben? In der Tat wurde genau diese Frage von den Badegästen diskutiert. Jemand sprach von sechs Minuten, wurde aber darauf hingewiesen, dass so was zwar für irgendwelche Spezialenten gelten mochte, aber sicher nicht für Stockenten, bei denen sei es sehr viel kürzer.

Weniger als beim Menschen?

Ein kleiner Streit entspann sich, während das betroffene Tier noch immer im Stil des Angeknockten über den Weg torkelte, sein Weibchen in gebührendem Abstand hinter ihm. Nun bereits unbeachtet von den Badegästen, die fortgesetzt über Tauchzeiten bei Menschen und Tieren diskutierten oder sich wieder ihren Büchern und Cremes und Tageszeitungen und elektronischen Geräten zugewandt hatten (einige zum Thema des Luftanhaltens googelnd).

Als am nächsten Tag das Entenpaar in der bekannten Art auf dem Bergwasser landete, schien der Erpel vollständig hergestellt zu sein. Es war noch recht früh am Tag und nur wenige Leute im Wasser. Die zwei Tiere trieben auf den schwachen Wellen, die einige Dauerschwimmer verursachten (nie haben Menschen langsamer gekrault, ohne dabei unterzugehen).

Ich spazierte am Beckenrand entlang und beobachtete das Entenpaar. Dabei sah ich, dass das männliche Tier noch immer das eine Auge geschlossen hatte. Ich fragte mich, ob es möglich war, dass der kleine Kerl einen Schlaganfall erlitten hatte und sein rechtes Auge – besser gesagt, das schlaffe Lid – nun eine Folge davon war, so wie bei Menschen die herabhängenden Mundwinkel. Immerhin schien die Persönlichkeit des Enterichs sich nicht verändert zu haben. Er war nicht unverschämter als üblich, schwamm nicht näher als zuvor an die Badenden heran, wirkte aber auch nicht scheuer oder ängstlicher, zudem war seine Partnerin wieder in der gewohnten Weise an seiner Seite und er an der ihren. Nur das eine Auge war zu, und das würde auch in Zukunft so bleiben. Einige der Gäste tauften ihn darum Einauge. Sie schauten in den Himmel, und wenn zwei Punkte sich näherten, sagten sie: "Ah, da kommt schon wieder Einauge."

Das Weibchen aber blieb ohne Namen. Wie es schien, war es die Deformation, der Defekt, das Stigma, welches die Menschen animierte, Dingen Namen zu geben, die sonst keine besaßen. Oder sich Namen verunfallter Dinge besser zu merken als andere. Kein Schiffsname war so bekannt wie der eines untergegangenen Dampfers. Selbst die Queen Elizabeth konnte da nicht mithalten.

Jedenfalls rechnete man mir hoch an, Einauge gerettet zu haben. Obgleich ich eigentlich befürchtet hatte, einiges an Spott aushalten zu müssen. Aber nichts dergleichen geschah. Die meisten Leute betrachteten das Vorgefallene mit größtem Ernst. Selbst jene, die prinzipiell oder aus hygienischen Gründen gegen die Ente waren, begrüßten mein Einschreiten. Auch wenn der eine oder andere die Enten gerne tot gesehen hätte, nicht auf diese Weise, nicht durch einen Schlaganfall, der zum Ertrinken führte. Hätte die Stadt für die Rettung von Enten Medaillen vorgesehen, man hätte sie mir gegeben.

 

Seine Lesereise beginnt Heinrich Steinfest im Stuttgarter Literaturhaus am 10. März um 20 Uhr. Moderiert wird die Veranstaltung von Denis Scheck. Das im Münchner Piper Verlag erscheinende Buch ist danach im Handel.


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