KONTEXT Extra:
Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


So schnell kann's gehen: Grün-schwarzer Knatsch

Es war schon in trockenen Tüchern, dass die Landesregierung eine Sprungrevision gegen das zweite Stuttgarter Feinstaub-Urteil anstrengt. Fast. Die CDU-Fraktion hatte diesen Weg zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Dienstag einstimmig als Kompromiss eröffnet und tags darauf bestätigt. Und die Grünen, von denen viele in Fraktion und Partei zur Annahme des Richterspruchs vom Juli 2017 samt Fahrverboten neigte, wären auch einverstanden gewesen. Trotzdem platzten am Freitag die Verhandlungen der Koalittionsspitzen im Staatsministerium – völlig unerwartet. Denn: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollte längst im Flieger nach Berlin sitzen, als sich die Verhandlungsgruppen in Stuttgart, mal gemeinsam und mal getrennt, immer noch die Köpfe heiß debattierten.

Ein Knackpunkt klingt besonders absurd. Winfried Hermanns Verkehrsministerium hat ein Maßnahmenbündel zur Luftreinhaltung in Stuttgart erarbeitet, wonach das Land Geld aus dem mit einer Milliarde Euro für diesen Zweck gefüllten Topf des Bundes abrufen und eventuell auch selber Mittel in die Hand nehmen will, etwa um ÖPNV-Preise deutlich abzusenken. Die CDU-Fraktion formulierte am Dienstag ausdrücklich, es solle "jetzt schnell ein Bündel an verbindlichen, rechtlich zulässigen Maßnahmen als Alternative zu Fahrverboten beschlossen werden". Hier sei "in erster Linie das Ministerium für Verkehr gefordert, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten". Das Ministerium hat unterbreitet. Nun aber will die CDU plötzlich ein Gegengeschäft machen und diesen Maßnahmen nur dann zustimmen, wenn die Grünen ihrerseits damit einverstanden sind, dass gegen das Urteil berufen wird. Bis kommenden Mittwoch um 23.59 Uhr bleibt Zeit, einen Kompromiss zu finden. Andernfalls, die KlägerInnen würden jubeln, ist das Urteil angenommen. (29.09.2017)


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Grundlage schaffen im Cortijo mit Aperol Spritz und spanischem Essen.

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Rausgeputzt und schick bestiefelt: (v. l.) Claudia Crystal, Franzi Berner, Colette Lachat, Clio Cleo, Nana Vistor, Bianca Dorada und Arnika Sjelo.

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Lady in Red: Hübsche Nägel sind Pflicht.

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Steiles Schuhwerk will beherrscht sein: Nana Vistor und die anderen Mädels haben hart für einen grazilen Gang trainiert.

Steiles Schuhwerk will beherrscht sein: Nana Vistor und die anderen Mädels haben hart für einen grazilen Gang trainiert.

Stößchen, Mädels, Stößchen!

Stößchen, Mädels, Stößchen!

Wo bleibt mein Drink? Nana Vistor an der Bar im Perkins Park.

Wo bleibt mein Drink? Nana Vistor an der Bar im Perkins Park.

Noch kurz was trinken und dann ab auf die Tanzfläche!

Noch kurz was trinken und dann ab auf die Tanzfläche!

Hey, Sie da! Nicht glotzen – mitfeiern!

Hey, Sie da! Nicht glotzen – mitfeiern!

Bringen Schwung in die Kiste: Partygirl Arnika (li.) und ihre Mädels haben das Podest geentert.

Bringen Schwung in die Kiste: Partygirl Arnika (li.) und ihre Mädels haben das Podest geentert.

Feiern, bis die Hufe qualmen: Selbst Colette, Dritte von links, ist mit ihren 68 Jahren tief in der Nacht noch voll auf Disco eingestellt.

Feiern, bis die Hufe qualmen: Selbst Colette, Dritte von links, ist mit ihren 68 Jahren tief in der Nacht noch voll auf Disco eingestellt.

Ausgabe 260
Schaubühne

In High Heels auf die Herrentoilette

Von Elena Wolf (Text) und Annette Wandel (Fotos)
Datum: 23.03.2016
Bianca, Arnika, Nana, Franzi, Clio, Claudia und Colette haben sich mächtig rausgeputzt. Wie viele Frauen lassen sie den Alltag freitagabends auf der Couch und gehen aus, um Urlaub fürs Gehirn zu machen. Ein ganz normaler Mädelsabend. Doch diese Ladys haben ein Geheimnis. Bianca und ihre Freundinnen sind Männer.

Eigentlich. Aber eigentlich auch nicht. Denn nur, weil sie mit dem Y-Chromosom auf die Welt kamen, heißt das für sie nicht, keine Frau sein zu können. Wie jetzt? Transen? Transvestiten? Transsexuelle? Transgender? "Wir sind T-Girls mit Stil und Niveau", erklärt Bianca Dorada. Schubladen mag sie nicht. Wenn jemand aber eine braucht, findet sie "Transe" nicht schlimm. Zusammen mit "ihren Mädels" sitzt sie im Cortijo am Stuttgarter Hans-im-Glück-Brunnen. Nippt an ihrem Aperol Spritz, während sich Franzi Berner auf ihr Weizenbier freut und Nana Vistor einen "RST" bestellt – "rot, schwer, trocken". "Stößchen, Mädels!", sagt Arnika Sjelo fröhlich, als alle mit Getränken versorgt sind. Die bunten Gläser klirren "auf einen wunderschönen Abend". Ringsherum Familien und Pärchen, die an den Showeinlagen der Flamenco-Tänzerinnen mindestens so interessiert sind wie an den großen Frauen am T-Girl-Tisch. Doch das stört die Damen nicht. Gesehen werden ist Teil des Abendprogramms.

Rausgeputzt und schick bestiefelt: (v. l.) Claudia Crystal, Franzi Berner, Colette Lachat, Clio Cleo, Nana Vistor, Bianca Dorada und Arnika Sjelo.
Rausgeputzt und schick bestiefelt: (v. l.) Claudia Crystal, Franzi Berner, Colette Lachat, Clio Cleo, Nana Vistor, Bianca Dorada und Arnika Sjelo.

So vielfältig wie ihre Getränkevorlieben ist auch ihr Verhältnis zum Frausein. Während sich Bianca Dorada am liebsten mit Stumpf und Stiel von ihrer männlichen Seite verabschieden würde, genießen Arnika Sjelo, Nana Vistor und Claudia Crystal das Changieren zwischen Mann- und Frausein. Einen gemeinsamen Nenner haben sie jedoch alle. "Wir wollen nicht als schräge Paradiesvögel rüberkommen, sondern als Menschen, die eine starke weibliche Seite haben und diese stilvoll ausleben wollen", erklärt Bianca. Dabei geht es nicht nur ums Aussehen. "Wir sind nicht perfekt, aber das ist egal." Einfach Frau sein dürfen. Ich sein dürfen. Ganz normal. Doch für Abende wie diesen mussten die T-Girls kämpfen. Vor allem mit sich selbst.

"Wir sind nicht perfekt, aber das ist egal"

Bevor sich Bianca vor sechs Jahren vor ihrer Gattin und den beiden gemeinsamen Söhnen outet, weiß niemand von der Frau in ihm. Auch wenn sie schon als kleiner Junge fühlte, dass sie anders war. "Als Mann verkleidet" für einen Münchner Versicherungskonzern tätig, pendelt die 58-Jährige zwischen den Welten. Bei der Familie in Stuttgart als Mann, in der Münchner Zweitwohnung als Frau. Bevor die Bombe platzt, bunkert sie Frauenklamotten in Schließfächern am Stuttgarter Hauptbahnhof. So groß war die Angst, zu Hause mit Fummel erwischt zu werden. "Meine Frau wusste schon lange, dass irgendwas nicht stimmt", sagt die Frau mit dem sanften Blick und streicht sich mit hübsch manikürten Händen eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Die dachte, ich betrüge sie mit einer anderen Frau. Dabei war ich selbst die andere." Seit sie ihrer Familie vor sechs Jahren offenbarte, dass Papa eigentlich eine Frau ist, fühlt sie sich befreit. Frau und Söhne kommen bis heute nicht recht damit klar. Wollen ihren Papa wie früher. Rückblickend kann Bianca über vieles lachen – wenn auch mit einem weinenden Auge. Wie über den Besuch des Palma Aquariums auf Mallorca.

Als sie nach ihrem Outing mit ihrer Frau in den Urlaub fliegt, beobachten sie dort Fische, die als Männchen auf die Welt kommen, im Laufe ihre Lebens aber zu Weibchen werden können. Goldbrasse heißt der Fisch, auf Spanisch Dorada. So fand Bianca ihren Nachnamen und ihre Frau einen weiteren Moment zum Heulen – und zum Lachen. Es sind Szenen wie diese, die der Familie trotz Endzeitstimmung deutlich machen: Transsein ist menschlich. Es ist niemand gestorben.

"Stößchen, Mädels!", ermuntert Arnika ihre Freundinnen im Zehn-Minuten-Takt. Für das gemeinsame Wochenende ist die 49-Jährige extra aus Graz eingeflogen – in High Heels versteht sich. Die Girls sind vors Rubens nach nebenan gezogen. Schlürfen ihre Cocktails draußen an einem Tisch. Drinnen ist es bombenvoll. Dann steht der quirlige Barbesitzer mit den Händen in die Hüften gestemmt am Tisch. Ist völlig aus dem Häuschen: "Mädels, was macht ihr denn hier draußen in der Kälte? Das geht ja mal gar nicht. Kommt sofort rein. Sofort!" Zwei Runden Birnen-Likör aufs Haus später ist ein Tisch im Innenbereich gekapert. Die schüchterne Stuttgarterin Clio Cleo zieht sich ihren Lippenstift nach, und Arnika juckt es in den Stöckelschuhen, Größe 46. "Sex Bomb, Sex Bomb, you're a Sex Bomb", dröhnt es aus den Boxen. Arnika tanzt, reißt die Arme in die Luft und überragt den Rest der Gäste um mindestens zwei Köpfe. Der Rest wippt vergnügt am Stehtisch. Singt mit. Checkt seine Facebook-Likes für die geposteten Fotos. "Transen sind bilder- und postingsüchtig", erklärt Arnika.

Kennengelernt haben sich die T-Girls auf der Suche nach schönen Fotos von sich. So sind sie im Internet auf die Fotografin Elli Hunter und ihren "Transgender Service" gestoßen. Sie pilgerten nach Sontheim, um sich und ihre Schokoladenseite ins perfekte Licht rücken zu lassen. Hier machen sie ihre ersten Gehversuche als Frau. Erleben den "Das-ist-es-Moment", der alles verändern wird. Auch heute noch sind regelmäßige Shootings enorm wichtig für das weibliche Selbstverständnis der T-Girls. Seit sie sich dort kennenlernten, treffen sie sich regelmäßig in Stuttgart, München, gehen zusammen essen, in die Oper, auf Konzerte oder stürzen sich ins Nachtleben. "Elli Hunter ist quasi unser Transenzentrum", sagt Rock-Musik-Fan und IT-Unternehmerin Nana. Die Regensburgerin lebt ihre weibliche Seite in der Freizeit mit Leidenschaft, mit dem Alltag als Mann hadert sie jedoch nicht. Auf ihren letzten Rockkonzerten war die 50-Jährige Single-Frau alleine unterwegs – "ganz normal".

Heute Frau, morgen Mann – na und?

Auch Franzi kann heute einfach Frau sein. Die 49-jährige kommt von der Schwäbischen Alb und ist seit 26 Jahren mit ihrer Frau zusammen. Kinder haben sie keine. Dass sie sich vor ein paar Jahren geoutet hat, ist für ihre Partnerin kein Problem. "Auf der Beziehungsebene bin ich trotzdem noch der Mann, kann aber meine weibliche Seite vollkommen ausleben, auch zu Hause", sagt die gebürtige Rheinländerin mit dem Celine-Dion-Lachen. Früher, als Mann, sei sie ein totales Ekel gewesen. Seit sie offen mit ihrer Transidentität umgehe, sei sie ein umgänglicher Mensch geworden. "Wenn sich meine Frau heute nicht um unsere vier Hunde kümmern müsste, wär sie beim Mädelsabend auch dabei", sagt Franzi stolz.

Mit Stil und Niveau die weibliche Seite ausleben – das ist das Credo von Bianca (re.), Claudia und den anderen T-Girls.
Mit Stil und Niveau die weibliche Seite ausleben – das ist das Credo von Bianca (re.), Claudia und den anderen T-Girls.

Sich locker machen, auch wenn es manchmal unangenehm wird. Ist Arnika die Schlange vor der Damentoilette zu lang, stöckelt sie einfach zu den Männern. "Da fängt Flexibilität an, Baby", zwinkert die Riesin. Auch als die Truppe durch den Affenkäfig der Stuttgarter Amüsiermeile muss, zeigen die Ladys Coolness auf Profiniveau. Zeigefinger. Große Augen. Gekicher. Gekonnt ignorieren die Zwei-Meter-Frauen das Getuschel und stolzieren erhobenen Hauptes durch glotzende Menschenmassen, die von Arnikas langen Schritten geteilt werden wie das Rote Meer. Mit dieser Amazone und ihren Gender-Benderinnen will sich an diesem Abend niemand anlegen. Zum Perkins Park in den Stuttgarter Norden geht es dann mit dem Taxi.

"Jetzt hol'n wir uns alle'n Armbändchen und dann mach'n wir 'nen riesen Aufriss!", motiviert Arnika im Eingangsbereich des Killesberger Schicki-Micki-Clubs ihre Freundinnen und tippelt aufgeregt auf der Stelle. "Bevor ich es durchgezogen habe, hatte ich immer den Traum, einmal eine Nacht auf High Heels durchzutanzen", erzählt Arnika von der Zeit, bevor sie ernst machte. Seit drei Jahren ist die studierte Luft- und Raumfahrttechnikerin als Frau unterwegs, bezeichnet ihre Geschlechteridentität als "binär": "Ich bin gerne Mann und gerne Frau." Im Gegensatz zu Bianca oder Franzi weiß in Arnikas privatem Umfeld jedoch niemand von ihrer weiblichen Seite. Das soll auch so bleiben.

Schnell die bunten Neon-Bändchen ans Handgelenk gemacht, die signalisieren, ob frau "vergeben", "verwitwet", oder "für alles offen" ist. Dann ab an die Bar und auf die Tanzfläche. Während Arnika ("für alles offen") zielstrebig in Richtung Dancefloor steuert, checken die anderen zunächst vom Rand die Lage und nippen an Pils und Gin Tonic. "Als sozialer Solist trink ich halt immer. Da bin ich trainiert, solang's mir den Lippenstift nicht wegschwappt", sagt Colette mit Schweizer Akzent stoisch. Lacht über sich selbst und nimmt ihre Brille ab. Fotos gibt's heute nämlich nur ohne. "Meine schöne Brille ist grad in der Reparatur", erklärt die 68-jährige Pensionärin. Nach einer kurzen Aufwärmphase an der Bar und ein paar Fotos für Facebook haben sich Bianca und Franzi ein Herz gefasst und entern mit Arnika das Podest mitten im Club. Als der DJ "Schwung in die Kiste" von den Orsons spielt, kennt dann auch Nana kein Halten mehr und kraxelt die Stufen hoch zu den anderen.

Die Frauen strahlen mit der Discokugel um die Wette, tanzen, und werden später auf Facebook unzählige Likes für ein Bild auf dem Podest ernten, das Nana mit der Überschrift "Höhepunkte" posten wird. "Ihr seht so glücklich aus", schreibt eine Freundin dort neben vielen andere begeisterten UserInnen.

Bis in den frühen Morgen bringen die T-Girls Schwung in die Kiste. Lassen sich selbstbewusst so lange anstarren, bis auch der Letzte im Club sich irgendwann sattgesehen hat. Dann verschmelzen die Grenzen zwischen Mann und Frau im bunten Discolicht zur Einsicht, dass es letzten Endes egal ist, was man unterm Rock hat. Was zählt, ist, was man fühlt. Und wem's nicht passt, den soll die Dorade beißen.


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