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Rottenburg und seine Rechten

Rottenburg und seine Rechten
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Der rechte Kopp-Verlag hat seine Nachrichtenseite eingestellt, er wirbt nicht mehr mit Plakaten an Bahnsteigen, Zeitschriften lehnen seine Anzeigen ab, Starautor Udo Ulfkotte ist tot. Geblieben ist verbrannte Erde. Und eine Menge berechtigter Fragen. Am kommenden Mittwoch diskutiert Kontext in der Rottenburger Zehntscheuer mit den politischen AkteurInnen vor Ort und mit Ihnen.

Den weitesten Weg hat Hermann Josef Steur zurückgelegt. 2011 hatte der SPD-Stadtrat noch dafür gestimmt, dass Jochen Kopp, Chef des Kopp-Verlags in Rottenburg, ein großes Grundstück von der Stadt kaufen konnte, um zu expandieren. Er hat den Verleger und dessen Haus verteidigt, und das nicht nur einmal. Mittlerweile ist er einer, der vor ihm warnt.

Die meisten der Rottenburger Ratsmitglieder fanden Kopp damals ungefährlich. Und wer will es ihnen verdenken? Ein Verlag, der komische Bücher publiziert, über Ufos, Esoterikkram, historisch Seltsames, aber alles in allem Dinge, mit denen sich viele Menschen einfach nicht befassen. Der Verleger, den Steur beim Verlagsbesuch vor dem Grundstücksverkauf trifft, ist ein freundlicher Typ, zuvorkommend, einer, der seine Angestellten dem Vernehmen nach gut behandelt, was heute nicht mehr selbstverständlich ist, und sicher ein guter Nachbar.

Die Kopp-Kritiker dagegen: Linke, wie Albert Bodenmiller. Er ist unbequem, einer, der gern mal aus nichtöffentlichen Sitzungen plaudert, der sich laut als "Antifaschisten" bezeichnet, der anklagt und quengelt, nervt. Als Demokrat und Christ, sagte er immer wieder, könne er drei Dinge nicht vertragen: erstens Verschwörungstheorien gegen Juden und Freimaurer, zweitens Ausländer- und Islamfeindlichkeit, drittens Geschichtsrevisionismus. Ein solcher Verlag passe nicht in eine Bischofsstadt, sagte er auch im Mai 2011, als der Gemeinderat mehrheitlich für den Verkauf des Grundstücks an Kopp stimmte. "Dieses Geschäft ist eine Beleidigung des Märtyrers Eugen Bolz und des Bekennerbischofs Baptista Sproll", das sollte Bodenmillers Mantra werden. Steur sagte damals, so berichtet das "Schwäbische Tagblatt": "Sie suchen schon lange und haben immer noch keinen Beweis erbringen können, dass dieser Verlag wirklich Rechtsextremes vertreibt." Und weiter: "Sie hocken sonst so gern auf demokratische Grundsätze hinauf, können aber keine Mehrheitsentscheidungen akzeptieren." Damit begann die öffentliche Auseinandersetzung mit einem Verlag, der es zu fragwürdiger Bekanntheit bringen sollte.

Von linker Verbissenheit und rechtem Hass

Der Aufstieg des rechten Kopp-Verlags in Rottenburg ist die Geschichte des deutschlandweiten Aufstiegs der neuen Rechten, konzentriert auf eine Kleinstadt. Sie erzählt von Naivität. Vom Überdruss am politisch Korrekten, von linker Verbissenheit, rechtem Hass und politischer Gleichgültigkeit. Aber sie erzählt auch von Mut und dem Erwachen einer Zivilgesellschaft, die bereit ist, sich zu positionieren gegen Hass und Hetze. Kontext hat das Treiben des rechten Verlags seit 2011 kritisch beobachtet und darüber berichtet.

Man müsse ihn ja nicht mögen, den Kopp-Verlag, aber es herrsche ja immerhin Meinungsfreiheit in Deutschland, sagte 2011 auch der Oberbürgermeister Stephan Neher (CDU). Damals war Thilo Sarrazin mit "Deutschland schafft sich ab" noch eine Art rechter Ausrutscher. Ebenfalls Udo Ulfkotte, der im Januar dieses Jahres verstorbene ehemalige FAZ-Autor, ein passionierter Islamkritiker, der seit 2010 von Kopp verlegt wurde. Streitbare Leute, die extrem steile, aber öffentlichkeitswirksame Thesen zur Zuwanderung vertraten.

Der Verfassungsschutz hatte den Verlag nach Anfrage des Rottenburger Gemeinderats nicht auf dem Schirm. 2011 waren die Schlapphüte noch nicht so umstritten, denn erst im Winter flog der NSU auf. Die morastigen Verstrickungen des Dienstes in die rechtsextreme Ecke der Gesellschaft kamen erst nach und nach ans Licht. Es kamen noch nicht so viele Flüchtlinge ins Land, Medienhass und politischer Verdruss schlummerte noch unter der Oberfläche und Angela Merkel war zwar schon "Mutti", aber noch keine "Volksverräterin".

Rechte und Neonazis gab es auch in Rottenburg, doch die sind vermeintlich eindeutig zu identifizieren. Das Dagegensein ist da einfach. Aber gegen den Kopp? Der tritt immer wieder als Sponsor auf für lokale Veranstaltungen, Vereine, Organisationen, Feste. Der Verlag wirbt in unverdächtigen Magazinen, in Fernsehzeitschriften. Seine Bücher können über normale Buchhandlungen bestellt werden, einige standen auf diversen "Spiegel"-Bestsellerlisten. Die Lokalzeitungen berichten zwar kritisch, aber es las sich damals noch eher nett: Eva Hermann, die abgehobene ehemalige Tagesschau-Sprecherin, moderiert die Kopp-Nachrichten. Ojemine.

Die AfD kommt und gedeiht prächtig

Im September 2011 klagen Wilhelm Hankel, Karl Albrecht Schachtschneider, Wilhelm Nölling und Joachim Starbatty vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Milliardenkredit für die Griechenland-Hilfe und die Ausweitung des Euro-Rettungsschirms. Ihr Buch "Das Euro-Abenteuer geht zu Ende" erscheint bei Kopp. Zwei Jahre später gründet sich die AfD als eine irgendwie seltsam rückwärtsgewandte Anti-Euro-Partei, die keiner richtig ernst nimmt. Oliver Welke von der Heute-Show macht sich noch lustig über diesen neuen Verein alter Männer.

Ende 2014 kommt die erste größere Menge Geflüchteter in Deutschland an. Und die AfD nimmt Fahrt auf, vor allem in Sachen Islamkritik und damit, Ängste vor Flüchtlingen zu schüren. Der Kopp-Verlag hatte da mit Ulfkotte bereits einen fruchtbaren Boden bereitet. Und die Saat gedeiht prächtig. 

Wer an wem mehr gewachsen ist, ist schwer zu sagen. Am Aufsteigen der Rechtspopulisten, die sich bis heute fast wöchentlich immer radikaler zeigen, hatte der Verlag einen großen Anteil. Die "Wirtschaftswoche" hat das einmal schön formuliert: "Mit dem Aufstieg der Partei und ihrer besorgtbürgerlichen Beiboote entsteht auch Platz für Profite." Der Kopp-Verlag in Rottenburg ist einer der großen Profiteure der Angst, die die AfD in die Gesellschaft gepflanzt hat.

Kurz vor Weihnachten 2014 werden in Rottenburg zwei Frauen aus Gambia von einem Rechtsextremisten verprügelt und getreten. Wenige Tage später demonstrieren 2000 Menschen mit Kerzen und Schildern gegen Rassismus. Oberbürgermeister Stephan Neher schreibt in der Einladung an die Bevölkerung "Fremdenfeindlichkeit hat in unserer Stadt keinen Platz".

2015 berichten die "Rottenburger Post" und der "Schwarzwälder Bote" von mutmaßlichen NSU-Unterstützern und nachweislich szenebekannten, rechtsradikalen Handwerkern, die sich mit Baustellenfotos vom Verlag auf Facebook brüsten. Die SPD-Abgeordnete Rita Haller-Haid aus dem Wahlkreis Tübingen sitzt damals im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags. Die Diskussion in Rottenburg um den Verlag, der da langsam, aber merklich aus dem Ruder läuft, hat sie im Ohr, als sie eine Kleine Anfrage formuliert: Die Landesregierung möge prüfen, ob der Verlag nicht doch vom Verfassungsschutz beobachtet werden müsste.

2000 Rottenburger demonstrierten gegen Rassismus

Fast zeitgleich erscheint auf der Kopp-Nachrichtenseite ein Artikel, der die Flucht Hunderttausender vor dem Krieg in Syrien als "Migrationswaffe" bezeichnet. Hermann Josef Steur platzt der Kragen. Der ehemals arglose Stadtrat schreibt einen offenen Brief an den Verleger Jochen Kopp und erntet eine höhnische Antwort auf dessen Nachrichtenseite und in der Folge eine Menge Drohmails und Drohanrufe von Lesern und Fans des Verlags.

Unter dem Namen "Werner" kommentierte da einer: "Ich habe seit 03.09.2015 bis jetzt gut 25 mal die auf dem Kopfbogen dieser Kolonne angegebene MailAdresse bedient. Stets erhalte ich nach kurzer Zeit 'Fehlermeldung'. Ich habe diese lustige Familie STEUR,Herman angerufen; der Sohn war in einem Fall am Telefon und 'strotzte' voller Selbstwert. Den Vorsitzenden dieser Ortsgruppe gab er mir trotz tatsächlicher Stimmenvernahme (vom Handy wiedererkannt) nicht. Das Handy dieses von Gott bedienten Herrn STEUR war auf AB geschaltet. ..." "Das war schon bedrückend", sagt Steur heute.

Die Stadtverwaltung wacht zu dem Zeitpunkt langsam auf. "Ihren Brief habe ich zum Anlass genommen, mir die Internetseite des Kopp-Verlags anzusehen", schreibt OB Neher an die SPD. Die Texte nennt er "haarsträubend", die Wortwahl "erschreckend".

Der Kopp-Verlag verzeichnet unterdessen Rekordzugriffszahlen. Mittlerweile wirbt er auf Plakatwänden flächendeckend, er bietet Reisen an und empfiehlt Jürgen Elsässers Compact-Magazin. In Deutschland brennen fast jeden Tag Flüchtlingsheime und der Verlag flankiert auf seiner Online-Nachrichtenseite diese Feuer mit Hass gegen Flüchtlinge, schreibt Pegida hoch, erklärt die AfD zur einzig wählbaren Partei.

Wer beißt die Hand, die einen füttert?

Neben der "Rottenburger Post", dem "Schwarzwälder Boten" und Kontext werden nun auch andere Medien auf den Verlag aufmerksam. "Frontal 21" dreht eine Geschichte zum Aufstieg von Pegida und rechtspopulistischen Medien. Die "ARD" zieht nach, der "SWR", "Spiegel Online" und eine Menge mehr.

Immer wieder gerät der Rottenburger Sportverein in die Schlagzeilen, die Volleyballer, die mithilfe von Kopps Geldern und dessen Schriftzug auf den Trikots erste Bundesliga spielen. Und viele sind sauer über die schlechte Presse. Nicht nur der Sportverein, auch Menschen in der Stadt, die den netten Jochen Kopp kennen, die vielleicht für ihn arbeiten oder von seinem Geld und seiner Großzügigkeit profitieren.

Wer beißt schon gerne in die Hand, die einen füttert? Wer setzt sich schon gerne damit auseinander, dass der freundliche Mann von nebenan verantwortlich ist für krasse Hetze? Dass er die AfD groß macht? Und vielleicht, ja vielleicht hat die ja sogar recht in einer Zeit der Unsicherheit? Kopp stilisiert sich derweil zum Opfer von Grünen und Linken, von "Meinungsdiktatur" und dem "Kampagnenjournalismus aus dem Zwangsgebühren-Biotop".

Im März 2016 bezeichnet Verleger Kopp gegenüber der "Wirtschaftswoche" die Inhalte seiner Seite wie auch der Bücher, die er verlegt, noch als "geistiges Juckpulver". Aber je mehr über den Verlag berichtet wird, desto mehr schwinden seine Werbemöglichkeiten. Die Deutsche Bahn bekennt sich zu einer vielfältigen Gesellschaft und entfernt Kopp-Werbung von Bahnsteigen. Ladenbesitzer beschweren sich bei Plakatwand-Bestückern über Kopp-Werbung auf ihren Parkplätzen, Zeitschriften kündigen ihre Anzeigenplätze auf. Im Januar stirbt Kopps Starautor und Vielschreiber Udo Ulfkotte unerwartet. Die Kopp-Onlineseite wird eingestellt. Es ist ruhig geworden um den Verlag.

Was bleibt, sind viele wichtige Fragen

Hermann Josef Steur hat seine Geschichte mittlerweile mehreren Zeitungen erzählt. Wie er erst für den Kopp war und wie er das heute sieht. Er werde darauf auch angesprochen in Rottenburg, sagt er. Nicht immer sei das angenehm. "Einen Brief schreiben ist das eine. Aber danach muss man die Reaktionen aushalten. Man muss sich fragen, ob es das wert ist. Aber wenn man den Kopf einzieht, gewinnen diese Leute." Steur hat sich gegen das Kopfeinziehen entschieden und fürs Hinstehen. "Nach zwei Jahren", sagt er, "wird das Hinstehen zur Haltung."

Geblieben ist eine gespaltene Stadtgesellschaft in Rottenburg mit vielen berechtigten Fragen: Wie soll und kann eine Stadt mit Hass als Geschäftsmodell umgehen? Wie geht man um mit der AfD im Vorfeld der Bundestagswahl? Wie spricht man über Fehler in der Flüchtlingspolitik, wie über Faschismus im Islam? Wie spricht man über Themen, die von der Rechten besetzt und vergiftet wurden, über die zu sprechen aber für eine gesunde Gesellschaft unerlässlich ist? Diese Fragen diskutieren am kommenden Mittwoch die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid, Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher (CDU), der Rottenburger Stadtrat Hermann Josef Steur (SPD) sowie Albert Bodenmiller, Ex-Stadtrat (Die Linke/BfH) und Kopp-Kritiker der ersten Stunde, zusammen mit dem Publikum.

 

Info:

"Rottenburg - Umgang einer Stadt mit rechter Hetze", Diskussionsrunde am Mittwoch, 28. Juni 2017, von 19.30 Uhr an im Kulturzentrum Zehntscheuer in Rottenburg. Moderation: Kontext-Redakteurin Anna Hunger. Der Eintritt ist frei - Sie, liebe Leserinnen und Leser, laden wir herzlich ein.Mehr Infos finden Sie hier.


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10 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 28.06.2017
    Antworten
    Kopp samt seinem Verlag und dessen "Produktionen" nicht verharmlosen. Es herrscht jetzt schon genügend Unruhe im Land. Wir brauchen niemanden, der wie Kopp dauernd Öl, Benzin oder Napalm in die braunen Scheiterhaufen wirft, die von AfD, Pegida, NPD und sonstigen "Kameraden" aufgehäuft werden.…
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