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Fünf vor Krise

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Wenn es nicht so gefährlich wäre, könnte man drüber lachen: Beim „Ersten großen Kopp-Kongress“ versammelt der rechtspopulistische Kopp-Verlag aus Rottenburg seine Stars und Sternchen zu einem zweitägigen Rundumschlag.

Der Mensch, sagt Armin Risi gerade, stamme nicht vom Affen ab. Risi blendet eine Power-Point-Folie ein, links ein Affe, mittig diverse Zwischenstufen, rechts ein Mensch, der Mittelteil ist durchgeixt. Aber die Theorie, dass Außerirdische einmal auf die Erde kamen und dortige Wesen genmanipulierten, um die Menschheit als Sklavenrasse zu halten, sehe er auch kritisch. Risi, so steht es im Programm, lebte lange als Mönch in vedischen Klöstern, studierte westliche und östliche Mysterientraditionen und ist heute Sachbuchautor und spiritueller Berater. Außerdem ist er einer, der sicher ist, die Teufelszahl 666 komme in allen Produkt-Strichcodes vor.

Der Saal ist voll zum "Ersten großen Kopp-Kongress" in der Stuttgarter Messhalle: Hunderte Junge, Alte, ganz Alte, Pärchen, Herren mit Jackett, Damen in High Heels, rockerartige Langhaarträger, manche mit Hut, Frauen mit hennaroten Zöpfen.

Veranstaltet wird das zweitägige Treffen vom Kopp-Verlag aus Rottenburg (Kontext berichtete). Verleger Jochen Kopp bietet seit den Neunzigern all denjenigen Autoren eine Plattform, die in anderen Medien eher nicht mehr vorkommen: weil sie als Holocaust-Leugner verrufen sind, als Antisemiten, als Rassisten, als Schwindler, Spinner und Abgedriftete. Im Kopp-Verlag präsentieren sie sich als Opfer von staatlicher und medialer Unterdrückung, die den Menschen mit hochbrisanten Informationen die Augen öffnen. Und mit wachsendem Erfolg als Pegida-Support und AfD-Wahlkampfhelfer agieren mittels massiver Anti-Islam- und Anti-Flüchtlingshetze. Komplizierte Welt – einfach erklärt.

"Unbequeme Wahrheiten" seit den Neunzigern

"10 hochkarätige Referenten" wurden im Vorfeld angepriesen für den Samstag und Sonntag, "alle Autoren des Kopp Verlags und jeder ein Experte auf seinem Gebiet." Und tatsächlich fährt Verleger Jochen Kopp seine Stars auf: Udo Ulfkotte, Willy Wimmer, Gerhard Wisnewski, Erich von Däniken. Alles Männer, denn das bisher einzige weibliche Kopp-Starlet, Eva Hermann, ist schon seit Jahren nicht mehr an Bord. Möglicherweise liegt der Ursprung dieses Männerüberschusses in der Gleichung 26+19=45.

Armin Risi steht auf der Bühne und erklärt begeistert, dass allen hebräischen Buchstaben eine Zahl zugeordnet sei. Nimmt man das hebräische Wort für Gott, JHWH, und bildet die Quersumme der Buchstabenwerte, erhalte man 26. Die Zahl stehe für "Einheit". Adam habe den Zahlenwert 45. Wenn also Gott 26 ist und Eva 19, folgt daraus Gott + Eva = Adam. Risi strahlt. Der Mann als Summe aus Gott und Frau, das zählt an diesem Tag als verborgene Wahrheit. Und genau deshalb sind all diese Leute hier.

"Was man hier erfährt, das soll alles unterdrückt werden. Hochbrisant, was hier passiert", sagt ein Mann in weißem Hemd am Kaffeestand und schiebt kämpferisch das Kinn vor. "Diese Leute sind so mutig, so einen Kongress zu veranstalten." Im Ernstfall seien das nämlich – er deutet in Richtung Saal – diejenigen, die sofort weg wären von der Bildfläche. Und um den Ernstfall geht es in nahezu jedem Vortrag. Ernstfall Bürgerkrieg, Ernstfall kollektive Gehirnwäsche, Ernstfall Krise, Ernstfall Außerirdische. Aber die, wird der altgediente Alien-Experte Erich von Däniken am Sonntagnachmittag zu guter Letzt berichten, seien uns Erdlingen freundlich gesinnt. Däniken muss es wissen, denn er hat schon welche getroffen.

In einer Reihe rechts hinten sitzt ein Mann mit Pferdeschwanz und futtert etwas Aliengraues. "Notnahrung", sagt er, NRG 5, als 500-Gramm-Packung zu haben am Messestand im Foyer zwischen einem Buch-Safe und einem Dosenversteck für 13 Euro 90, das täuschend echt wie Ravioli mit Hackfleischsoße aussieht. Die Notnahrung soll alle Nährstoffe und Vitamine enthalten, die Mensch so braucht, wenn die Normalnahrung tot, verstrahlt oder sonst wie nicht mehr verfügbar ist. Ob das Zeug satt macht? "Keine Ahnung", sagt der Mann, "Ich krieg es nicht runter. Man muss schon sehr verzweifelt sein, wenn man das isst." Aber in der großen Krise frisst ja sogar der Teufel Fliegen.

Udo Ulfkotte, der rechte Chef-Hetzer des Kopp-Verlags, ist schon auf die Krise vorbereitet. Der ehemalige FAZ-Autor und lautstarke Warner vor der Islamisierung Europas, hat sein Häuschen verkauft und sich für den Erlös einen Bauernhof rausgelassen. Für die kreative Phrasen-Schöpfung "unsere geliebte Führerin Angela Merkel" erntet er Gejohle und Applaus. Ebenfalls für die Analyse, SPD-Chef Sigmar Gabriel bediene mit seiner Politik nur seine Klientel: die AWO. Die betreue Flüchtlingsheime – und je mehr Flüchtlinge, desto mehr AWO-Filialen, die alle einen Geschäftsführer brauchen: "Wissen Sie, was so ein Geschäftsführer verdient?" Früher gab es Kohle und Stahlfabriken, sagt Ulfkotte, heute boome die Sozialindustrie. Vor allem – ja natürlich – durch die Flüchtlinge, die von finstren Eliten und diversen Lobbygruppen nach Deutschland gelenkt werden und Krankheiten wie Hepatitis einschleppen.

Impfen: "staatlich sanktionierter Massenmord"

Wer mehr Ulfkotte will, bekommt mit den Kongressunterlagen ein Gratis-Exemplar von "Kopp-Exklusiv", als Appetithappen für das 250 Euro teure Jahres-Abo des "wöchentlichen Informationsdiensts des Kopp Verlags mit brisanten Hintergrundanalysen". Über das "Tabuthema der Woche" zum Beispiel: "Sexueller Kindesmissbrauch durch Asylbewerber". Oder Kampfsportunterricht für Geflüchtete, "damit sie sich besser gegen unsere Willkommenskultur wehren können". Er habe einen große Bitte, sagt Ulfkotte am Ende seines Vortrags: Alle, die hier seien, sollten "sich wehren, sonst wird aus Völkerwanderung Bürgerkrieg."

Nahezu jeder Vortrag endet mit dem Aufruf, sich mutig zu erheben gegen die Verblendung durch Politiker und Medien und gegen die Eliten aufzustehen, die die Weltherrschaft anstreben. "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten andere Dinge tun, wird sich die Welt verändern", sagt auch Hans Tolzin. Bei ihm geht es ums Impfen. Das sei "staatlich sanktionierter Massenmord", sagt er und blendet teils in Eigenempirie erhobene Daten ein, nach denen zehntausende Kinder an Impfunfällen sterben, die nicht gemeldet würden.

Draußen steht ein unauffälliges Pärchen, vertieft in intensive Unterhaltung darüber, wie es denn sein könne, dass aus Horst Mahler, dem ehemals radikal-linken RAF-Mitbegründer, plötzlich ein inhaftierter Holocaustleugner und Neonazi werden konnte? Ja, wie? Man weiß es nicht, man weiß es nicht, lautet die Antwort, über der ein immenses Fragezeichen schwebt, eingewebt in alle Möglichkeiten, die ein korrupter Staat so zu bieten hat. "Wir alle sind doch gehirngewaschen", sagt die Frau.

Gerhard Wisnewski kommt als vorletzter Redner und erklärt folienreich, wie die Uno die Weltherrschaft an sich reißen will, getarnt als Bemühen um den Weltfrieden. Irgendwie bekommt er über die Friedensfrage den Bogen zu John Lennon und dessen Song "Imagine". "Imagine there's no country", heißt es da in einer Strophe. Aber wenn man diese Zeilen vor der derzeitigen Migrationskrise anschaue, sagt Wisnewski, sei es ja kein so toller Traum, keine Grenzen mehr zu haben. Er lacht und erntet zustimmenden Applaus.

Letzter Gast des Kongresses: die Ufo-Ikone Erich von Däniken, einer der ersten, die Jochen Kopp aus dem Sumpf der Verschmähten gezogen hat. Ein unterhaltsamer Erzähler, aber vielleicht liegt es auch am Thema: Die Bibel sei falsch übersetzt, sagt er. Von wegen Gotteserfahrungen! Außerirdische seien da gewesen, vor Jahrtausenden schon, und hätten Sex gehabt mit den Erdenbewohnern. Däniken erzählt von einer Ufo-Sichtung, einem Dreieck mit Lichtern, von denen offizielle Stellen behaupteten, es seien die Lichter eines Leuchtturms gewesen. "Da kriegst du ja die Vögel!", sagt Däniken. "Wir werden alle verarscht!" Dann zeigt er Videoaufnahmen von einem kleinen Ball, der durch die Luft flitzt, Fotomontagen von einem riesigen Raumschiff, mit dem die Menschheit sich durchs All bewegen könnte, er rubbelt an seiner Hand, um zu verdeutlichen, wie einfach DNS in der Milchstraße verteilt werden kann. "Woher ich das alles weiß, fragen mich die Leute oft. Die Antwort: Ich bin ein Typ, der immer wieder Geheimnisse zugesteckt bekommt", sagt er. "Wir sollten aufstehen und unsere Sache verteidigen", beschwört er das Publikum zum Schluss. "Heute können wir das. Dank Jochen Kopp, der ein mutiger Mann ist." Und dann: "Wir werden beobachtet. Sie wollen uns nichts Böses. Sie warten, bis wir soweit sind. Aber verdammt nochmal, wir sind nicht allein!"

Erich von Däniken, der kleine Mann im blauen Jackett, verlässt den Saal und geht vorbei an den Kopp-Logos, die mannshoch an die Wand projiziert sind, zu seinem Signiertisch. "Die Götter lieben mich", sagt er und lächelt. Ein Kongress-Teilnehmer hetzt hinter ihm her. "Herr Däniken! Herr Däniken! Gestatten Sie mir eine Frage: Haben Sie sich schon mal ihr Palmblatt lesen lassen?"


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17 Kommentare verfügbar

  • Reinhard
    am 11.10.2016
    Antworten
    Mindestens ebenso beeindruckend, wie die Resonanz, die der Kopp Verlag findet, ist definitiv, dass sich hier erstmals seit fast 100 Jahren Rudolf Steiner zu Wort meldet. Rudolf, gibt es im Jenseits eine Tastatur?
    Spaß bei Seite, das Problem ist weniger der Verlag, als das Bedürfnis von uns…
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