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Frank Nopper im Amt

Wo steht er, der OB?

Frank Nopper im Amt: Wo steht er, der OB?
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Die Rede, die Frank Nopper zu seiner Inthronisierung gehalten hat, war nicht schlecht. Die Frage ist nur, wie ernst sie der neue Amtsverweser von Stuttgart meint.

Eilenden Schritts, als könne es nicht schnell genug gehen, strebt der Mann im blauen Anzug zum Tisch, auf dem das Schild für Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper steht. Kurz vorher verlangsamt er seine Geschwindigkeit, als würde ihm bewusst, dass man in einem solchen Augenblick nicht rennt. Es ist doch das "Hochamt kommunaler Demokratie", wie der Erste Bürgermeister Fabian Mayer meint, dieser Wechsel an der Spitze der Stadtverwaltung. Allerdings mit der kleinen Einschränkung, dass Nopper zunächst nur Amtsverweser ist, weil noch drei Klagen gegen seine Wahl anhängig sind, die einen Arbeitsbeginn am 7. Januar verhinderten. Die Amtskette und das Stimmrecht im Gemeinderat gibt es also erst, wenn die Gerichte gesprochen haben. Das kann dauern, gilt aber als Formsache. Den Titel Oberbürgermeister kann er führen. Auf jeden Fall.

Eine der Klagen stammt von dem parteilosen Mitbewerber Marco Völker. Er wirft dem CDU-Politiker vor, seinen Sieg mit einer sündhaft teuren "Werbe-Material-Schlacht" gekauft zu haben. Das "große Geld der Nopper-Clique" habe ihn zum Wahlgewinner gemacht, was schwierig zu belegen sein dürfte. Richtig ist, dass das schwarze Budget (450.000 Euro) mit Abstand das höchste war, und der frühere Volksbankchef Hans Rudolf Zeisl als Vorstandsmitglied des Nopperschen Wahlvereins tatkräftig mitgeholfen hat. Er gehört zum Netzwerk Noppers, das seinen Ursprung in der Murr-Metropole Backnang hat, wo der heute 59-Jährige von 2002 bis 2020 vergnügt regiert hat. Am liebsten waren ihm die Feste.

Schuster ist leibhaftig da, Kuhn zuhause am Computer

Aber das ist kein Thema mehr, an jenem Donnerstagabend (4. Februar) in der Stuttgarter Liederhalle, an dem der Gemeinderat vollzählig angetreten ist, seinen Vorsitzenden zu wählen. Unter den Augen von Alt-OB Professor Dr. Wolfgang Schuster, der es sich nicht hat nehmen lassen, auch in Corona-Zeiten zu erscheinen. Im Gegensatz zu Alt-OB Fritz Kuhn, der zuhause geblieben ist, und, so wird behauptet, der Veranstaltung am Computer beiwohne. Mag sein, dass ihn weniger das Virus als das Weihrauchfass mancher Pharisäer abgehalten hat.

Die physisch Anwesenden verhalten sich, so weit nicht gerade mit ihrem Smartphone beschäftigt, der Würde der Weihestunde angemessen. Neben aufmunternden Worten von allen Fraktionen bis hin zur AfD ("Wir verbinden sehr positive Erwartungen mit Ihnen"), erhält Nopper auch Geschenke. Von den Grünen, der stärksten Fraktion, einen Apfelbaum, von Martin Körner, dem Anführer der SPD, den höchsten aller Finger bei der Abstimmung, von Hannes Rockenbauch, dem Frontmann der Linksfraktion, ein Tuch von Fridays for Future sowie das Buch von Winfried Wolf: "Abgrundtief + Bodenlos. Stuttgart 21, sein absehbares Scheitern und die Kultur des Widerstands". Nopper nimmt alles, bedankt sich für alles, und sagt, er habe sich im Lob der RednerInnen zeitweise "nicht wiedererkannt", ja, manchmal gedacht, bei der Amtseinsetzung von jemand ganz anderem zu sein.

Gemeinderat ist jetzt eine Thursday-for-Future-Demo

Er macht das performencemäßig nicht schlecht, der ehemalige Schultes von Backnang. Manchmal witzig, manchmal staatstragend, manchmal so privat, dass man an die heilige Familie, das Erfolgsrezept der Neuzeit, glaubt. Manchmal so beknackt, dass man geneigt ist, Eduard Mörike ("Gesegnet sei des Rates Macht, der uns das Licht der Welt gebracht") vor dem Zitierenden zu schützen, oder ihn ins Kabarett zu schicken, wo er die donnerstäglichen Sitzungen des Gemeinderats zu einer "Thursday-for-Future-Demo" ausrufen kann.

Nicht fehlen darf der Verweis auf die Mutter, eine Düsseldorferin, die ihm die rheinische Fröhlichkeit mitgegeben habe, auf den Vater, der es eher mit dem württembergischen Pietismus gehalten habe. Aber es könnte tatsächlich eine Erklärung sein für die Mixtur aus scheinbarer Demut, "keine Wunder bewirken" zu können, und der Großmäuligkeit, das Stuttgarter Rössle auf "Galopp-Geschwindigkeit" bringen und die Stadt zum "leuchtenden Stern des Südens" machen zu wollen.  

Das kommt an. Zumindest bei denen, die sprachliche Aufrüstung bereits für Fortschritt halten – oder auch nur einmal lachen wollen. Mit dieser Form der Unterhaltung ist die Stadt unter der Kuhnschen Ägide nicht verwöhnt worden, woraus die "Stuttgarter Zeitung" flink den Schluss zieht, der Mann sei ein "Menschenfreund". Wer mag, kann das in der Noppersche Antrittsrede prüfen, oder sie als Dokument ins Archiv legen, aus dem es heraus zu holen ist, wenn die politische Praxis ansteht.

Auf 14 Seiten hat Nopper versammelt, wogegen weitgehend nichts einzuwenden ist. Gesunde Umwelt, starke Wirtschaft, Mobilität für alle, mehr preiswerte Wohnungen, ein Herz für Kinder, Alte und Arme; Vernunft, Gemeinsinn und Solidarität als "Gebot der Stunde" – und Stuttgart 21, das die Stadt "nicht länger spalten" darf. Vor allem Letzteres wird spannend werden.

Besonders spannend wird das S-21-Versöhnungsfest

Ein großes Versöhnungsfest will der bekennende Fan des Tiefbahnhofs feiern, zur Eröffnung des Jahrhundertprojekts, das ihm "riesige städtebauliche und verkehrliche Chancen" zu bieten scheint. Da wird's schon verdammt schwierig. Das Aktionsbündnis gegen S 21 hat ihn bereits wissen lassen, dass er dafür wohl eine zweite Amtszeit einplanen müsse, sollte er je in den zweifelhaften Genuss dieser Festivität kommen wollen. Vorher müsse er seinen BürgerInnen allerdings erklären, was es sie kostet, warum es immer länger dauert, wie er mit den "CO2-intensiven Betonexzessen" umzugehen denke, vor dem Hintergrund der Klimaneutralität 2030. Seine Freunde von der Bau- und Immo-Branche werden hier voraussichtlich andere Vorstellungen haben als Eisenhart von Loeper, Norbert Bongartz, Martin Poguntke, Werner Sauerborn und Hannes Rockenbauch. Als Argumentationshilfe dürfte sein viel zitierter Spickzettel, mit dem er seinem S-21-kritischen Vater entgegengetreten ist, nicht reichen.

Stuttgart 21 ist das wohl sinnfälligste Beispiel dafür, dass die Frage immer noch die gleiche ist: Wem gehört die Stadt? Die CDU, der Nopper angehört, hat sie immer gleich beantwortet: ihr und ihren Seilschaften. Die Grünen, die ihr folgten, haben gesagt, sie würden schwarze Zahlen mit ihren Ideen schreiben, was insoweit stimmt, dass die Stadt schuldenfrei ist und das historische Kino Metropol demnächst eine Kletterhalle. Oder hat jemand gehört, dass Kuhn und seine Fraktion den Privatisierungswahn stoppen wollten?

Das wird neu sein für den Neu-OB aus Backnang: In Stuttgart werden noch Fragen gestellt. Wie er sie beantwortet, beim Metropol, beim Verbleib des Lenk-Denkmals und bei Stuttgart 21 generell, wird ein erster Hinweis darauf sein, wo er künftig steht. Bei den alten Kameraden, die ihn tragen, oder beim "engagierten Bürgertum", auf das Stuttgart zu recht stolz sei, wie er sagt? Manche meinen, dass allein die Frage zu kleinen Hoffnungen Anlass gebe.


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2 Kommentare verfügbar

  • Frieder Schaefer
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Wenn es gar nichts zu berichten gibt, wäre es besser, gar nichts zu berichten. Ich habe mich nach der Lektüre geärgert über 3 Minuten verschwendete Lebenszeit.
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