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Kino Metropol

Ratlos im Rat

Kino Metropol: Ratlos im Rat
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Die Stadt Stuttgart behauptet, Bezirksbeiräte spielten eine bedeutende Rolle bei der Entscheidung wichtiger Angelegenheiten. Der Deal um das Kino Metropol zeigt, wie realitätsfern das ist.

Was ist, wenn man zum ersten Mal in einem Bezirksbeirat sitzt? Man wundert sich. Versammelt sind Menschen, die mit großem Ernst ernsthafte Themen behandeln, und am Ende Empfehlungen aussprechen, an die sich die Stadtverwaltung halten kann oder auch nicht. Zwei Beispiele aus dem Beirat Stuttgart-Mitte, einem von 23 in Stuttgart:

Das Modehaus Breitling am Marktplatz, dichtgemacht wegen schlechter Geschäfte, soll einer neuen Nutzung zugeführt werden. Als erstes streckt der Chef der Stuttgart Marketing GmbH, Armin Dellnitz, den Finger. Er erzählt den staunenden Räten, dass hier ein großartiger "i-punkt" entstehe, den die StZN bereits einen "Tourismus-Tempel" nennen, mit einer tollen Kulinarik, sprich Wein-Lounges bester regionaler Provenienzen, mit Markenbotschaftern von Daimler bis zu Ritter Sport und einem Dachgarten, von dem aus sich ein wundervoller Blick über Stuttgart eröffne. Dafür müsse das Gebäude, das im Besitz der Familie Breitling bleibt, natürlich umgebaut werden. Das koste etwa zehn Millionen Euro, im Grunde günstig, weil über die Pacht der solventen Mieter in rund 20 Jahren wieder einzuspielen.

Im Bezirksbeirat wird nun schüchtern nach der Sinnhaftigkeit des Unterfangens gefragt; es wäre doch auch an ein Haus der Kulturen zu denken, hier sei Bedarf schon lange bekannt, ob nicht wenigstens 30 Prozent der Fläche dafür zu haben wären. Immerhin ist Stuttgart die Stadt der vielen Nationen, die sich hier zusammenfinden könnten. Dellnitz will die Anregung mitnehmen, betont aber gleich, zunehmend mürrisch, dass 30 Prozent für migrantisches Beisammensein die ganze Finanzierung gefährden würden. Der Seufzer in der Runde der Räte, die sich beklagen, immer nur etwas "übergestülpt" zu bekommen, ist unüberhörbar.

Das zweite Beispiel wird ihnen optisch und akustisch vorgeführt. Vor ihnen sitzen die Geschäftsführer der Chemnitzer Element Boulders GmbH, Tom Petzold und Falk Zedler, die vortragen, dass dem Klettern die Zukunft gehört und sie sehr glücklich seien, dies bald an diesem historischen Ort anbieten zu können. Im Kino Metropol, von dem sie wüssten, dass es "keine Lagerhalle" sei, weshalb sie auch nichts "Knallbuntes" in das Gebäude "knallen" und "Fun, Fun, Fun" drüber schreiben würden. Sie würden auch nichts zerstören, sondern die Kletterwände so anbringen, dass sie ohne großen Aufwand wieder abzubauen wären. Die Eigentümerin des Metropol, die Union Investment AG der Genossenschaftsbanken, ist in ihrer Wortwahl etwas eleganter, sie spricht von "minimalinvasiven" Eingriffen.

Erst wird der Vertrag gezeichnet, dann der Rat gefragt

Wirklich überzeugt sind die Räte freilich nicht. Vorneweg ihre Vorsitzende Veronika Kienzle (Grüne), die bekennt, sich in einem "schwierigen Dilemma" zu befinden. Ihr muss man nicht verklickern, welche Bedeutung ein Kino wie das Metropol hat – und welche Macht privates Kapital. Sie fragt, was denn sei, wenn es sich ausgekraxelt habe, ob dann eine Spielhalle komme? Andererseits sei wohl nichts mehr zu machen, wenig Hoffnung in den Denkmalschutz zu setzen, der zu häufig einknicke. Ob es nicht wenigstens Alternativen gebe? Kaufhäuser stünden leer, der Ufa-Palast. Ihre Gremienmitglieder stimmen zu, von links bis rechts, die CDU heißt die Sachsen herzlich willkommen, "aber nicht im Metropol".

Die jungen Männer von der Boulders GmbH bedanken sich herzlich für die Einladung, geben jedoch zu bedenken, dass sie jetzt nicht zurück nach Chemnitz fahren und den unterschriebenen Mietvertrag vergessen würden. Vielmehr träumten sie davon, wie in 20 Jahren ihre Community sagen würde: Was für eine wunderbare Kletterhalle ist das Metropol. Sie rechnen mit 100.000 bis 150.000 BesucherInnen pro Jahr. Etwas aus dem verständnisvoll-resignativen Rahmen gefallen ist dann Andreas Nikakis, der sachkundige Einwohner für Migration und Integration. "Das ist eine Schande", schimpft er ins Mikrofon.

Er hätte sich drei Stockwerke tiefer einreihen können. Dort haben sich rund 100 Demonstranten versammelt, die angetreten sind, ein "Kulturdenkmal" zu retten. Die grüne Kienzle spricht oben von der "Crème de la Crème", die protestiere, unten wettert der Dokumentarfilmer Goggo Gensch gegen das "schmierige Schurkenstück", unterstützt von Joe Bauer, Sigrid Klausmann-Sittler und Ehemann Walter, Werner Schretzmeier, Oliver Mahn, Tom Adler, Hannes Rockenbauch und Johannes Rauschenberger. Es könne doch nicht sein, heißt es hier am Hintereingang des Rathauses, dass ein privater Investor die Geschicke der Stadt und der Allgemeinheit bestimme. Das müsse verhindert werden. Und jetzt warten alle auf Frank Nopper von der CDU.

Zur Petition "Rettet das Metropol" geht es unter diesem Link.


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4 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 03.02.2021
    Antworten
    Ja Josef-Otto Freudenreich,
    da ist wichtig festzustellen, dass die "Stadt Stuttgart" nichts behaupten kann!!!

    Behauptungen können allein die Vertreter*innen unserer Landeshauptstadt äußern, übereinstimmende Willenserklärungen abgeben, wie auch Verträge unterschreiben.
    Der Bezirksbeirat,…
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