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Kino Metropol

"Machen Sie's zur Chefsache!"

Kino Metropol: "Machen Sie's zur Chefsache!"
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Die Regisseurin kann es nicht fassen: Das altehrwürdige Metropol-Kino in Stuttgarts Innenstadt soll zur Kletterhalle werden? Ihre letzte Hoffnung, sagt sie, ruht nun auf einem, der die Landeshauptstadt jüngst gespalten hat: dem neuen Oberbürgermeister Frank Nopper.

"Stuttgarter Kulturdenkmal Metropol-Kino soll zur Boulderhalle werden." Ich glaube, selten blieb mir so der Mund offen stehen wie bei dieser Schlagzeile. Erst mal denke ich, das ist doch nur irgendein blöder Aufreger – Hauptsache Schlagzeile! Aber irgendwann begreife ich: Das sind keine Fake News, da geht's um ganz viel. 

Typisch ich, schieben sich schnell zuversichtliche Gedanken dazwischen: Da ist sicher nicht das letzte Wort gesprochen! Das lässt die Stadt niemals zu, schon gar nicht die Denkmalschutzbehörde. Und man wird doch sicher einen Weg finden, nicht mehr lange und es gibt ein alles klärendes Gespräch. Aber alles, was ich lese, belehrt mich schnell eines Besseren: Aussagen stehen gegen Aussagen, es wird behauptet ... vielleicht gelogen? ... es wird dementiert, es gibt Schuldzuweisungen – die ganze Zutaten-Palette schlechter Drehbücher.

Sigrid Klausmann-Sittler, Jahrgang 1955, hat nichts gegen Sport. Im Gegenteil, sie ist gelernte Sportlehrerin. Später arbeitete sie als Choreografin und Lehrerin für Modern Dance, dann begann sie, eigene Filme zu drehen. Einer der bekanntesten ist die mehrfach preisgekrönte Doku "Nicht ohne uns", Teil des Langzeitprojekts "199 kleine Helden" unter der Schirmherrschaft der Unesco Deutschland, das Kinder rund um den Globus portraitiert, ihre Wünsche und Träume einfängt und ihre oft beschwerlichen und gefährlichen Schulwegen mit der Kamera begleitet. Sigrid Klausmann-Sittler ist mit dem Schauspieler Walter Sittler verheiratet und lebt in Stuttgart. (ana)

Coronamüde, mit chronischen Theater-, Konzert- und Kinoentzugserscheinungen überdenke ich die Konsequenzen der Kinoschließung. Es breitet sich ein Gefühl in mir aus, eine Mischung aus Trauer, aus Frust. Ratlosigkeit! Ich spreche mit KollegInnen, die sind maßlos enttäuscht und zornig. Mitten hinein in diese Pandemie, in der manche von ihnen nicht mehr wissen, wie sie die Miete zahlen sollen – wo jegliches Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit für die Zukunft schwindet –, platzt die Nachricht von der Schließung eines Kinos, das hier in Stuttgart seinesgleichen sucht. Es ist so falsch wie es nur sein kann.

Wir müssen erfahren, dass die Befriedigung von Anlegern, sprich das Anhäufen von Geld, dass Rendite mal wieder wichtiger sind. Erinnerungen werden wach: Es ist 2007. Ich sitze im großen, vollen Saal im Metropol bei der Preisverleihung der Filmschau Baden-Württemberg. Mein Debütfilm "Fliegen wirst du noch!" lief auf dem Festival. Und plötzlich fällt mein Name. Eine lobende Erwähnung für meinen ersten Film! Hilfe! Ich bin im Kinosessel versunken vor Aufregung, denn ich war ja vollkommen unvorbereitet. Oder meine Erinnerung an das ausverkaufte Haus und die wunderbare Stimmung bei der Premiere meines Dokumentarfilms "Nicht ohne uns!" über kleine Helden dieser Welt, zehn Jahre später. Wie meine Protagonistin, die fast blinde Rebekka aus der Schweiz ohne ihren Blindenstock auf die Bühne findet. Wie die Menschen nicht nach Hause gehen wollen. Diese Erlebnisse in den geschichtsträchtigen, großzügigen Räumen des Metropol sind unvergesslich.

Und natürlich denke ich an die Festivals wie die Filmschau Baden-Württemberg, wo die Talente der Filmakademie Ludwigsburg, der international renommierten Kaderschmiede um die Ecke, ihre ersten Werke einem Publikum präsentieren, mit ihm ins Gespräch kommen.

Ich denke an das noch junge SWR Doku Festival, 2017 neu gegründet, mit seinen großartigen Filmen, das hier sein Zuhause fand. Ich denke an die Begegnungen im Foyer, die Gespräche mit KollegInnen, den so wichtigen Austausch, an das gemeinsame Schauen und Fachsimpeln und Mitfiebern bei der Preisverleihung.

Wo um alles in der Welt soll das in der Zukunft stattfinden? Ich sehe in Stuttgart keinen vergleichbaren Ort ... keinen. Das Metropol ist weit und breit das einzige Kino, das solchen Festivals eine adäquate Bühne bietet. Welche Großstadt würde denn freiwillig auf so etwas verzichten? Aber gut, es wäre nicht das erste Mal, dass Menschen von außerhalb über Vorgänge in dieser Stadt die Hände überm Kopf zusammenschlagen und sagen: Wie könnt Ihr nur! Eine Stadt wie Stuttgart, die sich die Kultur auf jede ihrer Fahnen schreibt, kann und darf auf ein solches Haus nicht verzichten!

Gestern fuhren wir auf dem Weg zum Park am Ufa-Palast vorbei. Das wäre doch ein wunderbarer Ort für eine Kletterhalle! Großzügig, in urbaner Kulisse. Zum Soundtrack all der Filme, die auch dort einst gelaufen sind, ließe sich doch trefflich klettern.

Mein Appell richtet sich an unseren frisch gekürten Oberbürgermeister, an Sie, Herr Nopper (falls Sie da sind): Unsere letzte Hoffnung liegt auf Ihnen! Wer sonst soll jetzt noch den Karren aus diesem Dreck ziehen. Machen Sie es zur Chefsache! Sie können punkten auch bei all denen, die Sie nicht gewählt haben, und das ist die Mehrheit. Was für ein Einstand wäre das! Besser können Sie Ihre Image-Kampagne für Stuttgart gar nicht starten.

Aber noch viel wichtiger ist und darum geht es: Wir alle, die für und in der Kultur arbeiten, wir Filmschaffenden, die die Kinosäle mit Inhalt füllen, und nicht zuletzt unser Publikum, wir brauchen hier dringend ein positives Signal, ein Signal der Hoffnung und der Zuversicht in schweren Zeiten. Wir wollen unser Metropol Kino mit seinen tollen Sälen behalten!


Der Text wurde von Sigrid Klausmann-Sittler als Rede gehalten auf der Demonstration gegen die Boulderhallen-Pläne am Montag, 1. Februar.


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3 Kommentare verfügbar

  • M. Stocker
    am 03.02.2021
    Antworten
    Ach Frau Klausmann-Sittler, es gäbe noch eine zusätzliche Einstiegsmöglichkeit für Nopper. Wenn wir schon bei den alten Bahnhöfen sind: dann soll er sich doch gleich auch für den Erhalt des Kopfbahnhofes einsetzen. Es wäre das Ende einer strunzdummen, ultrareaktionären, für Stuttgart auf Jahrzehnte…
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