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Krieg im Südlibanon

Bleiben oder zurück nach Deutschland?

Krieg im Südlibanon: Bleiben oder zurück nach Deutschland?
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Im libanesischen Grenzgebiet zu Israel sind die meisten Dörfer zerstört und verlassen. Nur in drei christlichen Orten leben noch Menschen. Aus einem von ihnen stammen die beiden Deutschlibanesen Rachad El Amil und Joseph Makhoul. Sie leben zwischen Unsicherheit und Verlust.

Bleiben oder gehen? Diese Frage stellten sich die Bewohner:innen des südlibanisischen Dorfes Rmeich Ende 2024 und erneut im März dieses Jahres. Hintergrund ist die Eskalation des Konflikts zwischen Hisbollah und Israel. Trotz Evakuierungsbefehlen und einer Bodenoffensive entschieden sich die meisten Bewohner:innen zu bleiben. Einer von ihnen ist Joseph Makhoul. Der 37-Jährige ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sein Vater, der aus Rmeich stammt, wanderte während des Bürgerkriegs in den 1980ern nach Deutschland aus. Seit 2008 betreibt die Familie in Bonn erfolgreich das Restaurant "Phoenicia Lounge" und einen Großhandel für Weine aus dem Libanon.

2018 beschlossen Makhouls Vater und Onkel, in ihrem Heimatdorf Rmeich ein Weingut aufzubauen unter der Marke "Domaine de Rmeich". Joseph Makhoul, der Betriebswirtschaft in Deutschland studiert hat, übernahm die Aufgabe, die Produktion vor Ort zu leiten. Trotz des aktuellen Krieges arbeitet er weiter. "Ich will nicht alles aufgeben, was ich und meine Familie aufgebaut haben. Die Zukunft ist nicht klar, und wir vertrauen keiner der beiden Seiten. Aber ich entscheide mich erst einmal zu bleiben", sagt er am Telefon.

Libanon und Israel

1948/49: nach der Gründung Israels erste Eskalation an der Grenze. Zehntausende Palästinenser:innen werden in den Libanon vertrieben. 1949 folgt ein Waffenstillstand.

1978: Israel marschiert in den Südlibanon ein, um die PLO zurückzudrängen. Die UN-Mission UNIFIL wird eingerichtet.

1982: Israel marschiert erneut ein, um die PLO aus dem Libanon zu vertreiben. Im Süden entsteht die Hisbollah.

1985 bis 2000: Israel kontrolliert mit der Pro-Israel-Miliz South Lebanon Army eine "Sicherheitszone" und erobert etwa ein Drittel des Landes. Die vom Iran unterstützte Hisbollah führt einen Guerillakrieg. 2000 zieht Israel ab.

2006: Nach der Entführung israelischer Soldaten folgt ein 34-tägiger Israel-Hisbollah-Krieg. Israel kann die Hisbollah nicht besiegen. UNIFIL verstärkt die Präsenz im Süden mit der libanesischen Armee.

Oktober 2023 bis 2024: Die Hisbollah eröffnet nach dem Massaker am 7. Oktober vom Südlibanon aus eine neue Front. Die Kämpfe eskalieren bis zur israelischen Bodenoffensive im Oktober 2024.

November 2024 bis März 2026: fragile Waffenruhe. Israel setzt Angriffe fort und hält Positionen im Grenzgebiet. Die Hisbollah lehnt ihre eigene Entwaffnung ab.

März 2026: Nach der Tötung des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei feuert die Hisbollah erneut Raketen auf Israel. Die Antwort ist eine Bodenoffensive im Südlibanon und eine Sicherheitszone, in der über 50 Dörfer im Grenzgebiet komplett zerstört wurden.

Juni 2026: Waffenstillstand, erste direkte Verhandlungen zwischen beiden Regierungen. In Washington unterzeichnen sie ein Rahmenabkommen.

September 2026: erneute Eskalation und stockende Verhandlungen. Die Hisbollah lehnt eine Entwaffnung weiterhin ab.  (ses)

Rmeich liegt im äußersten Süden des Libanon direkt an der Grenze zu Israel. Dort lebten vor dem Krieg schätzungsweise 7.000 Menschen ständig, etwa genauso viele pendelten am Wochenende aus Beirut her oder leben im Ausland. Die Häuser des Ortes stehen zwischen Weideflächen und Olivenhainen. Seit dem jetzigen Krieg liegt das Dorf zudem zwischen den Ruinen der umliegenden überwiegend schiitischen Dörfer. "Um uns herum ist alles plattgemacht worden mit Sprengstoff und Bulldozern", sagt Makhoul. Die Menschen in Rmeich und den beiden kleineren Nachbardörfern Debel und Ain Ebel leben in einem sicherheitspolitischen Vakuum, nachdem die libanesische Armee die Region Ende März verlassen hat, um eine direkte Konfrontation mit den israelischen Streitkräften zu vermeiden.

Leben hinter Kontrollpunkten

Gerade hat Joseph Makhoul viel zu tun, sagt er am Telefon. Die Weinlese hat begonnen, wobei die Ernte sich halbieren wird. Denn seit der Eskalation des Konflikts im September 2024 darf Makhoul die Hälfte seiner Weinfelder in unmittelbarer Grenznähe in Rmeich nicht mehr betreten. Auch seine Mitarbeiterin, die Kellermeisterin, die die Weinproduktion eigentlich begleiten müsste, kann nur aus der Ferne am Telefon beraten. Sie kommt aus einer weiter nördlichen Region und darf nicht mehr in den Süden fahren. Israel hat hier eine "Sicherheitszone" eingerichtet, hinter einer gelben Linie, die etwa acht Kilometer parallel zur offiziellen libanesisch-israelischen Grenze verläuft. Niemand von außerhalb darf die Region betreten.

Inzwischen hat Israel den Bewohner:innen der drei Dörfer erlaubt, die Region zu verlassen. Dafür müssen sie einen Kontrollpunkt passieren, der bei der mittlerweile weitgehend zerstörten Küstenstadt Naqoura errichtet wurde – dort hat die UN-Friedensmission UNIFIL ihren Sitz. Alle anderen Wege und Brücken sind zerstört worden. Bevor die Einwohner:innen der drei christlichen Dörfer über den Checkpoint die Region verlassen können, müssen sie Fotos des Autos und eine Ausweiskopie über UNIFIL an die israelische Armee übermitteln. Das hat Makhoul vor Kurzem gemacht, um nach Beirut zu fahren. Die rund 100 Kilometer lange Fahrt in die libanesische Hauptstadt, die normalerweise etwa drei Stunden dauert, kann mittlerweile fünf bis sieben Stunden dauern. Die Wege seien sehr beschädigt, man müsse manchmal bis zu zwei Stunden am Kontrollpunkt warten, bis man weiterfahren dürfe, erzählt er.

Über die humanitäre Lage im Dorf will Makhoul nicht klagen. Während des Krieges von März bis Juni war die Versorgung der Dörfer durch christliche Hilfsorganisationen wie der Caritas nur unter Begleitung der UNIFIL und Vermittlungen des Vatikans möglich. Seit dem erklärten Waffenstillstand dürfen wieder Lastwagen mit Nahrungsmitteln in die Region fahren. Für Strom haben die meisten Solaranlagen installiert, auch Ölgeneratoren helfen.

Israel schürt das Misstrauen

Die Kontrollpunkte deuten darauf hin, dass ein schneller Rückzug der israelischen Armee nicht zu erwarten ist. Das hat die israelische Regierung auch mehrmals betont. Das verunsichert die Menschen in Rmeich und macht Makhoul Sorgen um die Zukunft seines Geschäfts. Container aus der Region zu verschicken, werde von libanesischer Seite aus unmöglich gemacht. "Sie vertrauen uns in unserem eigenen Land nicht mehr", sagt Makhoul.

Und das hat historische Gründe: Von 1983 bis 2000 war Südlibanon von Israel besetzt. Viele Schiiten schlossen sich daraufhin der Hisbollah an, um gegen die Besetzung zu kämpfen, viele Christen – aber auch Schiiten – gingen zur Pro-Israel-Miliz South Lebanon Army. Letztere gibt es schon 26 Jahre nicht mehr, doch der Vorwurf von Hochverrat taucht immer wieder auf. So kam es in den vergangenen drei Jahren mehrmals zu Konflikten, als die Hisbollah versuchte, gegen den Widerstand der Bewohner:innen Raketen in den christlichen Dörfern zu installieren.

Auch jetzt hat Israel das Misstrauen zwischen den Konfessionen geschürt, indem sein Militär Druck auf christliche und drusische Gemeinden ausübte, um die dorthin geflüchteten Schiiten bei ihnen zu vertreiben. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu behauptete im Juli sogar, einige christliche Dörfer hätten um eine Annexion durch Israel gebeten. Die Bürgermeister von Rmeich und anderen christlichen Dörfern wiesen diese Behauptungen zurück, berichtete unter anderem die "Zeit". "Wir wollen nur in unserem Land bleiben", sagt auch Makhoul.

Verschont wurden die christlichen Gemeinden von Israel letztendlich nicht. In Rmeich, Debel und Ain Ebel wurden Häuser bombardiert. Mehrere Bewohner:innen starben. Darunter ein Mann und sein Sohn, die Ende März Brot von Debel nach Rmeich lieferten und dabei von israelischen Soldaten erschossen wurden. Seit März sind nach offiziellen Angaben mindestens 4.300 Menschen durch den Krieg im Libanon gestorben und 12.000 verletzt worden.

Kein Zuhause mehr

Die Hälfte der Bevölkerung von Rmeich lebt schon lange im Ausland oder in Beirut. Sie bauen aber trotzdem Häuser in der Heimat, wollen den Kontakt halten. Vor sieben Jahren tat genau das auch der Deutschlibanese Rachad El Amil. Jetzt hat er alles verloren. Der 55-jährige Familienvater lebte zwischen 1988 und 2003 in Deutschland, wo er eine Ausbildung absolvierte und in der Gastronomie arbeitete.

Nach mehreren erfolgreichen Stationen in der Gastronomie in Beirut verwirklichte er 2019 seinen Lebenstraum: In Rmeich baute er mit seinen gesamten Ersparnissen ein traditionelles Steinhaus sowie eine Veranstaltungsstätte für Hochzeiten mit Platz für bis zu 700 Gäste. Als der Krieg im Herbst 2024 eskalierte, erreichte ihn die Nachricht, dass sein Haus beschädigt und die Veranstaltungsstätte abgebrannt sei. Die Gebäude lagen am Rand des Dorfes, wo Hisbollah-Kämpfer und israelische Soldaten sich ein Gefecht geliefert hatten.

Seine deutsche Staatsbürgerschaft und frühere Kontakte und Erfahrungen ermöglichten ihm einen schnellen Neuanfang in Süddeutschland. Er ging nach Karlsruhe, wo er vor zwei Jahren das Restaurant "Tyros" eröffnete. Drei seiner vier Kinder, die noch studieren, muss er unterstützen. Auf seinem Handy scrollt El Amil durch Bilder seines zerstörten Hauses, das er 2025 während einer Feuerpause besucht hat. Heute ist genau dieses Gelände unter israelischer Kontrolle, er kann es nicht mehr erreichen. In seiner Stimme liegen Wut und Trauer. "Für mich gibt es kein Zuhause mehr."

Europa muss Druck ausüben

Mit seinen Verwandten im Dorf steht El Amil ständig in Kontakt. Alle beschäftigt vor allem die Frage, wie es in den kommenden Monaten weitergeht. Ende 2026 läuft das Mandat der UNIFIL aus, nachdem Israel und USA darauf drängten, nach fast 50 Jahren den Einsatz nicht mehr zu verlängern. Als Folge müssen mehr als 10.000 Soldaten aus rund 50 Ländern den Südlibanon verlassen, darunter die deutsche Marine, die vor der Küste stationiert ist. Für Rmeich ist das von großer Bedeutung. Seit rund 20 Jahren arbeiten einige Hundert Bewohner:innen für die UN-Mission. Damit trugen die Friedenstruppen seit dem letzten Krieg 2006 nicht nur zu einer – fragilen – Sicherheit, sondern auch zur wirtschaftlichen Belebung der Region bei.

Warum bleiben die Menschen trotzdem? "Sie wollen nicht dasselbe Schicksal haben wie die Menschen in ihren Nachbardörfern, die entweder auf der Straße gelandet sind oder sehr hohe Mieten zahlen müssen, um in Würde zu leben", sagt El Amil. Was er fürchtet, ist eine Entwicklung wie auf den syrischen Golanhöhen, die 1981 von Israel annektiert wurden. Wie schon dort, rufen israelische Siedlergruppen dazu auf, auch im Südlibanon Dörfer zu gründen.

Die beiden Deutschlibanesen Rachad El Amil und Joseph Makhoul hoffen auf mehr politischen Druck aus Europa. Mehr als zehn EU-Mitgliedsstaaten haben sich bereit erklärt, eine gemeinsame Mission im Libanon zu unterstützen, darunter auch Deutschland. Laut EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas soll bis Ende Oktober ein Beschluss gefasst werden.


Transparenzhinweis: Kontext-Autorin Silvana El Sayegh stammt aus der Region Jezzin (80 Kilometer entfernt von Rmeich) und war zuletzt im vergangenen August im Libanon.

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