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Kulturbahnhof Aalen

"Die Menschen kommen langsam wieder hervor"

Kulturbahnhof Aalen: "Die Menschen kommen langsam wieder hervor"
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 Fotos: Jens Volle 

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Es war für das Theater Aalen ein herber Schlag, im März 2020, ein halbes Jahr vor Eröffnung des Kulturbahnhofs, den Betrieb einstellen zu müssen. Mit Witz und Kreativität hat die Spielstätte neue Wege gefunden. Schwierig bleibt es trotzdem.

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"Niemals werden wir euch verzeihen, dass ihr unsere Umwelt verschmutzt", schleudern Medina, Jasmin, Sonja und Johanna ihrem Publikum und der gesamten Erwachsenenwelt entgegen. "Warum denkt ihr nicht nach? Warum lügt ihr uns an?" Die vier Mädchen im Alter zwischen acht und zwölf sind die "Weltkinder vom Galgenberg".

In dem Viertel auf der anderen Seite des Bahnhofs, gegenüber der Aalener Innenstadt, gibt es mehrere Schulen. Dort lebt auch die freiberufliche Supervisorin Christine Class, die das Projekt angestoßen hat. An einem Schuppen auf ihrem Grundstück hatte sie ein Plakat zur Müllvermeidung angebracht. Kinder, die stehen blieben, sprach sie an. Sie sammelten Müll, bauten daraus eine Skulptur und überlegten gemeinsam, was man tun könnte. Vor der Landtagswahl sprachen sie Politiker auf dem Marktplatz an. "Die noch freundliche Aufforderung, Müll zu vermeiden" heißt nun das zehnminütige Stück, das sie mit Anne Klöcker vom Theater Aalen entwickelt haben und im Freigelände des neuen Kulturbahnhofs aufführen.

"220.000 Einmalbecher werden stündlich benutzt", deklamieren die Weltkinder, während von hinten Trompetentöne aus der Musikschule herüberwehen. "Eine Milliarde Plastiktüten nehmen wir jährlich aus den Geschäften mit. Aber das wissen Sie sicher schon." Sie spielen durch, welche Möglichkeiten der oder die Einzelne hat, Müll zu vermeiden, und gelangen schließlich zu dem Ergebnis: "Keiner macht alles richtig oder falsch."

Publikum im Homeschooling

Es war kein einfaches Jahr seit dem Lockdown im März 2020 für das Theater Aalen und die Weltkinder vom Galgenberg. Die Gruppe war ursprünglich größer. Einige mussten in Quarantäne. Die Proben fanden zeitweise nur über Zoom statt. "Ein großes Problem ist, dass wir den Hauptteil unseres Publikums nur über die Schulen erreichen, die seit März 2020 ja auch vor allem Homeschooling betrieben haben", erklärt Winfried Tobias, der mit Klöcker das Kinder- und Jugendprogramm des Theaters leitet. "Und auch jetzt, aufgrund der defensiven Vorschriften des Kultusministeriums zu 'außerunterrichtlichen Veranstaltungen', zögern die Schulklassen noch, Vorstellungen zu besuchen."

"Die Schließung hat uns hart getroffen", gesteht Tobias. Das bestätigt auch die Dramaturgin Tina Brüggemann: "Theater fußt auf der direkten Begegnung", betont sie, und "dass Menschen einander begegnen, die sich vorher nicht unbedingt kannten." Durch Livestreams sei das nicht zu ersetzen. "Die digitalen Angebote haben wir trotzdem genutzt", räumt sie ein, "als willkommene Möglichkeit, den Kontakt zum Publikum nicht abbrechen zu lassen."

Von "Alle außer das Einhorn", einem Stück über Mobbing, sowie von weiteren Programmen haben Tobias und Klöcker Versionen fürs Internet aufgezeichnet, die auf der Plattform "Theater Stream" der Kinder- und Jugendtheater des Landes gebucht, in der Schule oder zuhause angesehen werden und über das Schul-Konferenzsystem "Big Blue Button" mit den Theaterleuten nachbereitet werden können. Für Kleinere ab vier gibt es die "Kikerikiste", ein Kurzhörspiel von Paul Maar mit Bastelkiste. Für Kinder ab acht hat das Theater eine interaktive Version von Bruno Storis "Die große Erzählung" – gemeint ist die Odyssee – auf Big Blue Button erarbeitet.

"Was die Pandemie mit uns macht" schildern AutorInnen des Theaters in einer Reihe von Podcasts. "Vielleicht ist Freiheit nicht das Gegenteil von Unfreiheit", meint zum Beispiel Kerstin Fuchs, "sondern von Sicherheit." Olivier Garofalo fragt nach der Solidarität, Theresia Walser lässt als "Schaffnerin des Abends" die Theater-Einlassdame zu Wort kommen.

Die Reise nach Mosambik: abgesagt

Digitale Angebote gibt es auch für die ältere Generation: Sehr gut angekommen seien Lesungen auf Video für Altenheime, weiß Brüggemann zu berichten, auch nach Wunsch der Bewohner. Derzeit lesen die SchauspielerInnen einmal im Monat im Ostalb-Klinikum, die PatientInnen hören über Lautsprecher in ihren Zimmern zu.

Dennoch kann all dies kein Ersatz für reale Aufführungen sein. Acht bis zehn neue Inszenierungen studiert das Theater Aalen normalerweise pro Spielzeit ein, zumeist zu aktuellen Themen. In den vergangenen 16 Monaten ist ein Großteil davon ausgefallen. "Afrika im Park" beispielsweise konnte im Juni 2020 auf Schloss Fachsenfeld zwar stattfinden mit Texten der Schriftstellerinnen Paulina Chiziane aus Mosambik und Chika Unigwe aus Nigeria. Aber eigentlich hätte dazu eine Gruppe aus dem mosambikanischen Vilankulo kommen und im Gegenzug der Aalener Spielclub dorthin reisen sollen. Die Flüge mussten storniert werden.

Aus Protest gegen die Einschränkungen hatten Intendant Tonio Kleinknecht und Brüggemann kurz zuvor auf Schloss Fachsenfeld eine Demonstration für die Freiheit der Kunst organisiert. Nun kann man fragen, was eine Demo mit 35 TeilnehmerInnen in einem 3.500-Einwohner-Ort fünf Kilometer außerhalb von Aalen bewirkt. Aber das Anliegen wurde wahrgenommen: Die Lokalpresse hat berichtet.

Eine besondere Dramatik ergab sich daraus, dass für Ende Oktober die Eröffnung des Aalener Kulturbahnhofs angesagt war: ein großes Ereignis, dem die Stadt seit Jahren entgegenfieberte. Das ehemalige Eisenbahn-Ausbesserungswerk hat vor 150 Jahren wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt beigetragen. Nach dem Ende der Dampflok-Ära schloss das Werk 1955 seine Pforten. Bis 2003 wurde hier Baustahlgewebe produziert. Der Gemeinderat hatte bereits eine neue Nutzung beschlossen, als 2014 ein Großbrand ausbrach.

"Ich kann mich noch gut erinnern, zu Beginn meiner Amtszeit", berichtet der Aalener OB Thilo Rentschler in einem sehenswerten kleinen Erklärvideo, das die heutigen Nutzer des Kulturbahnhofs zusammen produziert haben, "als wir auf dem Gelände standen, auf dieser Brachfläche und gesagt haben: Was können wir Gutes tun für die Region, aber auch für die gesamte Stadt. Die Verbindung von Kultur, von Freizeitmöglichkeiten und Wohnraum im Herzen der Stadt: Das liegt mir besonders am Herzen."

Ein Kulturbahnhof wie Phönix aus der Asche

Statt die Ruine abzureißen, wie das andere vielleicht getan hätten, beschloss Aalen zu retten, was zu retten war, um für sein Theater, die Musikschule und das genossenschaftlich betriebene Kino am Kocher ein neues, gemeinsames Domizil zu schaffen. Doch nachdem der Bau, dem man seine Geschichte ansieht, wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche auferstanden war, drohte das große Eröffnungsfest den Corona-Maßnahmen zum Opfer zu fallen. Das durfte nicht passieren.

Dass die Eröffnung mit "Romeo und Julia" dann doch zustande kam, verdankt sie nicht zuletzt der guten Zusammenarbeit mit dem Aalener Gesundheitsamt. Regelmäßige PCR-Tests – damals noch ziemlich teuer – ermöglichten die Proben. "Dafür wollte die Belegschaft des Gesundheitsamts in eine Vorstellung kommen", erzählt Brüggemann, "was dann aber wegen des zweiten Lockdowns nicht mehr stattfinden konnte. Es ist schon ein bisschen schmerzlich, dass wir im Herbst mit so viel Schwung gestartet sind und diesen Schwung jetzt quasi aus dem Stand erst wieder herstellen müssen."

Neun Mal kam "Romeo und Julia" bis Mitte November noch auf die Bühne. 19 Personen präsentierten eine Mischung aus Ballett, Modern Dance und Schauspiel. Die meisten Vorstellungen waren ausverkauft so wie jetzt auch die Premiere von "Let the Sun Shine", eine "Klimagroteske mit Musik" von Tina Brüggemann. Doch beim zweiten Termin am 30. Juni bleibt das Publikum überschaubar. Das ist das Problem nach mehr als einem Jahr Lockdown: "Die Menschen kommen erst langsam wieder hervor", so Brüggemann.

Klimawandel ist das Thema des Abends und des Sommerprogramms: zuerst mit den Weltkindern vom Galgenberg im Urban-Gardening-Projekt, das anschließend Studierende der Hochschule vorstellen, gefolgt von einem Vortrag von Günther Holzhofer, der sich gegen Lichtverschmutzung engagiert. Im Kino am Kocher ist der Film "The Great Green Wall" zu sehen. Den krönenden Abschluss bildet das Theaterstück: "Let the Sun Shine".

Aussterben für eine bessere Welt

Eine Art Matterhorn ist auf dem Bühnenvorhang zu sehen. Im Off erklingt ein Cello. Plötzlich ein ohrenbetäubender Schlag und der Berg fliegt in Stücke. Es sind die Sprengungen, die dem Klimawandel Einhalt gebieten sollen, während eine kreisrunde Hotelbar und ein spielender Barpianist in den Saal geschoben werden. Es geht nicht ganz so ernst, wissenschaftlich und apokalyptisch zu, wie das Thema befürchten lässt.

"Komm lass uns endlich aussterben", singt Julia Sylvester als Barkeeperin, "was Bess'res kann der Welt doch nicht passieren." Und während die vier Jugendlichen vom Klimaclub die Verantwortung von Wissenschaft, Politik und dem Einzelnen diskutieren, stimmen die acht Aktivistinnen vom Bürgerchor diesmal nicht nur Sprechchöre an, sondern schmettern fröhlich: "Geh aus mein Herz und suche Freud".


Mehr zum Kulturbahnhof KUBAA findet man auf der Website des Theaters Aalen.


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