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Tiefe Töne von der Ostalb

Bassvirus trotzt Corona

Tiefe Töne von der Ostalb: Bassvirus trotzt Corona
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Der Bassist Markus Braun hat der Pandemie seine Vielseitigkeit und sein Netzwerk entgegengestellt. Mit Erfolg. Ein Besuch in seinem Domizil im lauschigen Laubachtal.

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Fuchs und Hase sagen sich hier "Gute Nacht" – sofern sie dabei nicht vom Autolärm der dörflichen Durchgangsstraße gestört werden. Öffis bringen einen nicht bis ins Laubachtal auf der Schwäbischen Ostalb, man fährt Auto. Hier wohnt seit Langem der Bassist Markus Braun: im letzten Haus, das noch zu Aalen gehört, also jottwede. Zwei Etagen hat er gemietet in einem alten, holzverkleideten Bauernhof, der inmitten von saftigen Wildblumenwiesen zwischen Wäldern gelegen ist. "Hier im Wald", sagt er, "ist die Künstlerdichte recht hoch." Auf dem Nachbargrundstück weiden gerade die Schafe und zwei Ziegen seines Musikerkollegen Rolf Siedler, mit dem er in der Band "Unterbrechersyndikat" spielt. In der Nähe lebt auch Ernst Mantel, der schwäbische Mundartmusiker und Kabarettist.

Markus Braun ist ein unaufgeregter, sympathischer Kerl, der stets mit ruhiger Stimme spricht. Er ist auch cool geblieben, als im vergangenen Jahr der erste Lockdown sein freiberufliches Musikerleben zum Stillstand brachte. Hätte er nie gedacht, sagt er, dass ihm sowas mal passiere. Obwohl er sich bewusst für diesen unsicheren Job als freier Musiker entschieden habe. "Aber ich dachte insgeheim, dass es für mich immer irgendwie weitergeht, ich kann doch immer irgendwo mitspielen." Aber dann. Ihm ging's zunächst wie allen freien MusikerInnen: alles abgesagt, null Konzerte, keine Gagen mehr. Mit einem Schlag.

In einem kleinen Wandregal in der Küche liegen ein paar Golfbälle. Aber Markus Braun interessieren Golfplätze nicht, erst recht nicht in Hinsicht auf Beziehungspflege. Er ist nicht so der PR-Charakter. Hat nicht einmal eine Website. "Wozu?", fragt er. Die Bälle reizen ihn, weil er Klangsammler ist. "Knallhart" seien die, geben also spezielle Laute von sich, wenn man sie auf den Boden fallen lässt.

Lieber cool als Geigenkoffer

Oben, in seinem Mini-Aufnahmestudio unterm Dach, kuscheln sich diverse Instrumente aneinander: von der winzigen Bass-Ukulele über einen Nachbau des legendären Höfner-E-Basses, den einst Paul McCartney spielte, bis zum wuchtigen Kontrabass. Markus Braun wurde 1975 in Ellwangen geboren, hinein in eine musikaffine Familie, in der viel Hausmusik gemacht wurde. Die Eltern, gute HobbymusikerInnen, animierten beide Söhne und die Tochter zum Instrumentalunterricht. Sohn Markus fing mit der Geige an, erhielt zunächst Unterricht vom Vater. Später stieg er auf die coolere Gitarre um. "Naja", sagt er, "wenn man 14 ist und die anderen düsen mit dem Mofa rum, wird einem das ein bisschen peinlich: mit dem Geigenkoffer herumzulaufen."

Mit 16 entdeckte er den E-Bass für sich – liebäugelte auch schon mit dem charismatischen Kontrabass. "Ich habe damals die klassischen Rockbands geliebt: Pink Floyd, Led Zeppelin, Aerosmith. Mit dem Bassvirus hat mich aber vor allem Stuart Zender von Jamiroquai infiziert", einer britischen Acid-Jazz-Band. "Er hat unglaublich virtuos und funky gespielt. Ich hab das aufgesaugt, geübt, bis die Finger wund und voller Blasen waren." Heute verhindere eine "dünne, gepflegte Hornhaut" auf den Fingern größere Qualen. "Ich hab' das Ding ja täglich in der Hand. Wenn ich mal mit meiner Freundin zwei Wochen Urlaub am Meer mache, geht die Hornhaut weg. Aber sie kommt dann auch schnell wieder."

Damals habe er aber zunächst mal "was Ordentliches" gelernt. Dem Fachabi folgte die Ausbildung zum Elektroniker und dann Arbeit in München. "Aber dann habe ich den Beruf hingeschmissen." Der Bass rief und der Jazz und Pop. Er ist dann nach Dinkelsbühl an die Berufsfachschule für Musik gegangen, um sich zum "staatlich geprüften Ensembleleiter in der Fachrichtung Rock und Pop" ausbilden zu lassen. Nach zwei Jahren sagt er Dinkelsbühl aber Ade und bewirbt sich an diversen Musikhochschulen um ein künstlerisches Studium auf dem E- und Kontrabass, um endlich seiner wahren Berufung zu folgen – und wird in Stuttgart genommen. Studiert Jazz-Bass bei Mini Schulz, Hendrik Mumm, Günther Lenz. Sein "großer Held" wird Frank Sikora, selbst Jazz-Musiker, der damals in Stuttgart Gehörbildung unterrichtete. "Er hat mich sehr geprägt. Er hat uns klargemacht, wie wichtig das Hören, geschulte Ohren sind – nicht nur fürs Arrangieren". Letzteres ist heute ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit.

Am liebsten Jazz

Seit Markus Braun 2006 sein Studium abgeschlossen hat, bringt er seine Kontra- oder E-Bässe in den unterschiedlichsten Bands und Projekten Süddeutschlands zum groovenden Einsatz. Natürlich schlägt sein Herz für den Jazz. Für manchen sei das unverständlich, sagt er, "so viele Noten in so 'ner kurzen Zeit". Aber in keinem anderen Genre kommt der Bass – eigentlich ja ein Begleitinstrument – anspruchsvoller, wendiger, melodiöser zum Einsatz. "Der Bass ist ein geniales Bindeglied zwischen Rhythmus, Melodie und Harmonie, schafft groovende Verbindungslinien", sagt Braun. "Du spielst zwar das tiefe Fundament, aber ja nicht nur den Grundton, sondern sukzessiv die ganzen Harmonien." Und die sind im Jazz extrem reichhaltig und vielfältig. Wie gut das funktioniert, kann man hören, wenn Braun mit seinem Kollegen Christian Bolz im Duo "Zwiepack" auftritt. Da ist ein Akkordinstrument nicht nötig. Das erledigt Braun am Bass: wechselt zwischen weichem, groovendem "Durum dum, durum dum" und geschmeidigen, sonoren Linien als zweite Stimme zum Saxofon, das entspannt etwa über "Summertime" fantasiert.

Aber Jazz hin oder her, Markus Braun ist stilistisch breit aufgestellt. "Das war mir immer wichtig. Um in möglichst vielen Bands spielen zu können – ob Pop, Reggae, Rockabilly, Latin, Soul, R&B, Rock, Folk, Klassik oder Gypsy". Er jazzt sogar in einer Kinderkonzert-Formation. Seine Vielseitigkeit und seine Vernetzung haben ihn dann recht gut durch die Corona-Zeit gebracht. Eine staatliche Corona-Hilfe musste er nur am Anfang in Anspruch nehmen. "Zwei, drei Wochen lang war das echt 'ne trübe Zeit. Aber dann füllte sich die Zeit wieder schnell, zwar nicht besonders lukrativ, aber es gab immer was zu tun", sagt er.

90.000 Zugriffe in der Rätsche

Seine Arbeit als Bass-Lehrer an den Musikschulen in Ellwangen und Oberkochen, die immerhin 50 Prozent seines Einkommens ausmachen, lief als Fernunterricht weiter. Und zunächst konnte er in Ruhe einen Arrangement-Auftrag der Stadt Ellwangen erledigen: Für das pädagogische Projekt "Die größte Band, in der du jemals gespielt hast" hatte er Popsongs einzurichten – für eine Riesenbesetzung von fünfzehn E-Bässen, je zehn Schlagzeugen, Lead- und Rhythmusgitarren und SängerInnen sowie fünf Keyboards. Das Konzert auf dem Ellwanger Marktplatz wurde dann wie so vieles bis auf Weiteres verschoben.

Das meiste lief online. So vernetzte sich Braun mit Kollegen aus Hannover und Hamburg für ein Stock-Musik-Projekt: Sie komponieren und produzieren Popmusik im Stil aller Dekaden, die sich MedienmacherInnen demnächst gegen Lizenzgebühren herunterladen können. Eine musikalische Zusammenarbeit, die trotz Corona möglich war. Denn die vier Musiker spielen ihre Stimmen jeweils zuhause in ihrer Heimatstadt ein und fügen sie dann über Software zusammen.

Hier und da gab es auch Live-Streaming-Konzerte, selten aber lukrative. Mit einer Ausnahme: An den Gig in der Rätsche in Geislingen mit "Julis Zappel Klatsch Sing Swing Tröt Bums Band", einer anspruchsvollen Kinderkonzert-Formation, die beliebte Kinderlieder im jazzigen Kleid aufführt, erinnert sich Braun gerne. 150 bis 300 ZuschauerInnen hatte die Rätsche erwartet. "Ne halbe Stunde vor Beginn verkündet der Techniker überrascht: 'Wir haben schon 400 wartende Geräte.' Und etwas später schreit er plötzlich: 'Wir haben 1.000 wartende Geräte.' Am Ende waren es 90.000 Zugriffe, davon 23.000 dauerhafte. Das war schon fett!" Eigentlich war das Streaming kostenlos. Aber der Spendenaufruf brachte am Ende 20.000 Euro. "Da wurde gagenmäßig noch mal nachverhandelt", lacht Braun. Sowas stehe und falle natürlich mit der Reichweite, sagt er. "Wenn's keiner weiß, kann's niemand klicken. Das war der Verdienst unserer Sängerin Julia Miller-Lissner. Sie hat einen sehr gut gepflegten Youtube-Kanal mit über 20.000 AbonnentInnen."

Wanderzirkus im Wald

Klar, Markus Braun hat seit dem ersten Corona-Lockdown wesentlich weniger verdient als sonst. Aber er hat die Zeit genutzt, um sich weiterzuentwickeln. Er ist in die Band Hackberry eingestiegen, in der er sich nun "endlich mal an das Singen heranwagt" – nicht solo, aber im Background. Das mache ihm Riesenspaß. Und um als Musiker in dieser auftrittslosen Zeit nicht einzurosten, hat Braun sich mit anderen Musikern ein privates Fitnessprogramm überlegt, das sie "Wanderzirkus" genannt haben und das dreimal stattfand. "Wir haben hier in den Wäldern einen Wanderweg ausgewiesen und an drei verschiedenen Stellen Bänkles und kleine Bretterbühnen platziert, auf denen dann Duos acht Stunden lang ein 20-Minuten-Programm spielten." Alles streng nach den Corona-Regeln, natürlich für umme und nicht öffentlich. "Wir haben unser Publikum aus persönlichen Kontakten zusammengetrommelt und dann getaktet im Abstand von 20 Minuten losgeschickt, mit Rucksack und Vesper. War eine Riesen-Orga, aber ein tolles Training!" Im Wald sei Flexibilität gefragt: "Einmal besuchte uns ein Eichen-Prozessionsspinner. Da haben wir die Bühne flugs ab- und woanders wieder aufgezimmert. Ein anderes Mal kam ein Jagdpächter und ermahnte uns, die Rehe im Gebiet fänden das gerade alles nicht so toll. Da haben wir den Weg kurzerhand umgeleitet."

Braun befürchtet zwar, dass die Konzertbranche auf "normale" Verhältnisse noch eine Weile warten müsse. Aber ein Anfang in Richtung Lockerungen sei ja gemacht. "Es stehen nun nicht mehr nur Canceltermine in meinem Kalender, sondern endlich auch wieder fixe." Etwa Konzerte mit dem Schlagerstar Giovanni Zarrella, dessen Tournee schon zweimal verschoben wurde. Das macht Markus Braun Hoffnung: Endlich wieder Publikumsnähe spüren!


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1 Kommentar verfügbar

  • Hendrik
    am 18.06.2021
    Antworten
    Wir waren bei zwei der drei Wanderzirkusse (?) dabei.
    Eine sehr geile Sache. Spaß, ein kleiner Spaziergang und handgemachte Musik.
    Da ziehe ich vor den Organisatoren den Hut, so was geniales, spaßiges auf die Beine gestellt zu haben.
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