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Oper im Gewächshaus

Auch Pflanzen haben Gefühle

Oper im Gewächshaus: Auch Pflanzen haben Gefühle
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Länger wollen die MacherInnen nicht mehr warten: Aus der Oper Tränen der Daphne wird, coronabedingt, ein Film. Im Projekt des Regisseurs Jeffrey Döring geht es um das Verhältnis des Menschen zu Pflanzen als empfindsame Wesen. Besuch bei den Dreharbeiten im Gewächshaus von Chloroplast in Weilimdorf.

"Guten Morgen. Da bist du also." Iris beugt sich hinab und sieht direkt in die Kamera. "Wie wundervoll du bist. Du weißt gar nicht wie sehr." Das Du ist ein Wesen, das Iris und ihre Brüder in die Erde gesetzt haben, auf mysteriöse Weise befruchtet mit menschlichem Blut. Es ist gekeimt und wird von nun an als Blick der Kamera den Darstellern folgen, ohne selbst ins Bild zu treten. "Wir haben lange auf dich gewartet, aber langsam keimt die Saat, die Früchte trägt. Komm. Komm nur. Ich zeige dir alles."

Die Szene muss zwei, drei Mal durchgespielt werden, um die beschützenden Gesten der Hände am besten zur Geltung zu bringen. Es ist der letzte Probentag vor Beginn der Dreharbeiten zum Opernprojekt "Tränen der Daphne" von Jeffrey Döring, aus dem nun ein Film werden soll. Anfang Mai hat Döring mit Hannah Gries (Iris), Benjamin Boresch (Phöbus) und Nikolaus Fluck (Somnus) auf der Stuttgarter Kulturinsel zu proben begonnen. Noch länger wollten und konnten sie nicht warten. Noch können die SängerInnen nicht auftreten. Deshalb die Idee mit dem Film.

Der Titel "Tränen der Daphne" bezieht sich auf einen Mythos aus den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid, in dem der griechisch-römischen Frühlingsgott Apollo der Nymphe Daphne nachstellt, die sich daraufhin in einen Lorbeerbaum verwandelt. "Mein Herz treibt mich dazu von den Dingen zu künden, die in neue Gestalten verwandelt wurden": so beginnt der Prolog zur Erschaffung oder Entstehung der Welt, mit der das Werk beginnt. Hier ist die Natur noch eins, alles ist in einem ständigen Wandlungsprozess begriffen. Daphne ist übrigens auch das griechische Wort für Lorbeer. Und Phöbus ein Beiname des Apollo.

Der Mensch ist von Pflanzen abhängig

Drehort sind die Gewächshäuser des Urban-Gardening-Projekts "Chloroplast" in Stuttgart-Weilimdorf. Auch die Kulturinsel spielt eine Rolle, weil die Ödnis ringsum in die Idee eingeflossen ist und auch in die Filmbilder eingehen soll. Eine Dystopie. Nach dem Klimawandel ist die Erde unbewohnbar geworden und die letzten Menschen haben sich ins Gewächshaus zurückgezogen. "Ich bin ein wenig aufgeregt", fährt Götterbotin Iris mit Blick in die Kamera fort, "ein neues Gesicht gibt es sonst hier nicht zu sehen, wie auch – es gibt nur uns Gärtnerinnen und sonst keine Menschen."

Somnus tritt auf, wendet sich einem Gesträuch zu, das an der gläsernen Außenwand des Gewächshauses in die Höhe wächst: "Ich kann gar nicht glauben, dass die Alten der Vorzeit in ihr und allen Pflanzen bloße Dinge sahen, ohne jedes Gefühl und Intelligenz." Ein Kerngedanke des Stücks: Hier spricht der Regisseur Döring selbst, der begreiflich machen will, dass Pflanzen als Lebewesen auch Empfindungen haben, dass der Mensch in vielerlei Hinsicht von Pflanzen abhängig ist. Dass er sich nicht über die Natur erheben kann, sondern Teil von ihr ist.

"Aristoteles war es, der meinte: alle Pflanzen hätten nur einen Splitter unserer Seele, ein Seelenteil, das sich ernährt", fügt Somnus hinzu und erklärt damit, was er mit den "Alten der Vorzeit" meint. "Pyramide des Lebens, Krone der Schöpfung", stößt er verächtlich hervor. "Schulmeisterst du?", neckt ihn Iris. "Hat es noch keinen Namen?", fragt Somnus nach dem neuen Wesen. "Cefalo. Das ist sein Name", schaltet sich Phöbus ein, der unbemerkt näher getreten ist. "Cefalo, den die Morgenröte raubte." Hier wird nun im Film ein Chor aus der im Jahr 1600 uraufgeführten Oper "Il rapimento di Cefalo" von Giulio Caccini zu hören sein, die eben die Entführung des Cephalus durch Aurora, die Göttin der Morgenröte zum Thema hat.

"Der Schlaf der Blätter ist eine so augenfällige Erscheinung", deklamiert Somnus in der nächsten Szene und räkelt sich auf einem ramponierten Sofa. "Selbst die Menschen der Vorzeit konnte er in seinen Bann schlagen: Plinius, später Linné mit 'Somnus Plantarum'". Das stammt von Charles Darwin, der in erster Linie eigentlich Botaniker war, wie Döring hervorhebt. Somnus heißt in der Tat Schlaf, und das Stück aus der Cavalli-Oper, das zu der Szene erklingt auch, nur eben auf Italienisch, "Sonno". Zwei lange Kapitel seines Buchs "The Power of Movement in Plants" (Das Bewegungsvermögen der Pflanzen) hat Darwin dem Schlaf – oder den "nyctitropischen Bewegungen" – der Pflanzen gewidmet.

Eigentlich müsste zu Somnus' Auftritt ein Chor zu hören sein. Wenn die drei SängerInnen Gries, Boresch und Fluck hier im Gewächshaus nur sprechen, liegt das daran, dass es zu aufwendig gewesen wäre, die Singstimmen zu synchronisieren. Aufnahmen in dieser Umgebung wiederum wären in der Klangqualität unbefriedigend geblieben. Aber im Soundtrack sind die drei durchaus auch singend zu hören.

Passt auch zu einer Aktion von Extinction Rebellion

"Fuggi fuggi fuggi", singen sie: ein in der Renaissancezeit in ganz Europa weit verbreitetes Lied, das noch ins Thema von Bedřich Smetanas "Die Moldau" eingegangen ist. Im Film werden sie dazu im Aquaponik-Wasserbecken des Chloroplast-Gewächshauses tanzen, zwischen Tilapia-Fischen, deren Ausscheidungen die Pflanzen düngen, die gleich daneben aus grauen Kunststoffröhren hervorwachsen.

Die frühbarocke Musik bot sich aus mehreren Gründen an. Zum einen reicht der Etat für ein größeres Ensemble nicht aus. Aber vor allem will Döring beweglich bleiben. Er hat Freunde, die bei Greenpeace aktiv sind und könnte sich vorstellen, einmal für eine Aktion im öffentlichen Raum zu inszenieren. Allerdings ist Greenpeace straff organisiert, die Kommandostrukturen passen nicht so richtig zu seiner Arbeitsweise. "Aber vielleicht mal für Fridays for Future oder Extinction Rebellion", überlegt er.

Für die "Tränen der Daphne" reichen die drei SängerInnen, zwei Theorben oder Barockgitarren und zwei Violinen völlig aus. Döring gefällt die Musik dieser Epoche, die noch ein Konzept von Magie kannte. In der Natur waren nach damaligen Vorstellungen geheime Kräfte am Werk, die der Mythos in Bilder und Handlungen überträgt. In Musik gesetzt und bei festlichen Gelegenheiten vorgetragen, waren solche Geschichten damals noch in der Lage, die ZuhörerInnen zu bannen. So die Erzählung von Apoll und Daphne, vertont von Francesco Cavalli, auf die sich Döring vor allem stützt.

Zurück ins Urban-Gardening-Projekt Chloroplast. "Schlägt nicht ein Herz in allen Tieren?", rezitiert Götterbotin Iris vor einer Schautafel, die unter der Überschrift "Métamorphose de Daphne. Femme Laurier" einen angeschnittenen weiblichen Kopf zeigt. Im Gehirn wurzeln Lorbeerzweige, die aus den Haaren hervorbrechen. Es sind die Ideen, die im Hirn keimen und aus ihm herauswachsen, steht auf Französisch darunter. "Doch was ist es, das die Pflanze belebt, so wie uns das Herz?" Der Text stammt aus dem Traktat "L’homme-plante" (Der Mensch als Pflanze) des radikalen Aufklärers Julien Offray de La Mettrie.

Döring hat einmal Philosophie studiert, dann Theater und Film in Ludwigsburg. Das kommt ihm nun alles zugute – auch wenn er für einen Film mit sehr bescheidenen Mitteln auskommen muss. Seine Oper, sein Film, sein Werk – wie immer man das Kind nennt – ist nicht einfach eine Inszenierung von Cavallis Daphne-Stoff, vielmehr hat er quer durch die Geschichte, nicht nur in Renaissance und Antike, nach Aussagen gesucht, die sich mit dem Seelenleben der Pflanzen und dem Verhältnis des Menschen zur Pflanze beschäftigen. Diese untermalt er mit passenden Stücken aus der Oper und anderer Musik jener Zeit.

Von der Sprache und der Erotik der Pflanzen, von ihrer Sehnsucht, ihrem Liebesleben und ihrem Seelenleben ist in den Texten die Rede. Am Ende pflanzt sich Iris selbst einen Lorbeerzweig in den Arm ("Keine Sorge, es tut gar nicht weh"). Sie versucht Cefalo nahe zu kommen, der sich ihr aber entzieht und nach draußen entflieht – in die unwirtliche Welt um die Kulturinsel. "Vor den Meeren, dem Land und dem alles beschirmenden Himmel gab es auf der ganzen Welt nur eine Gestalt der Natur – das Chaos", ertönt aufs Neue der Prolog von der Entstehung der Welt. "Ein roher, ungeordneter Klumpen träger Masse, in dem zwieträchtige Samen schlummerten, von denen keiner keimte."

Info: Wenn alles gut geht, soll es am 30.7, 31.7. und 1.8. an der Kunsthalle Tübingen drei Vorführungen des Films mit Live-Musik geben und zuvor noch Vorführungen auf der Kulturinsel und bei Chloroplast.


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