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Bäckereikette K&U

3.000 Frauen

Bäckereikette K&U: 3.000 Frauen
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 Fotos: Jens Volle 

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Edeka Südwest macht gute Geschäfte in der Pandemie. Doch ihre Bäckereikette K&U will sie an ihre Einzelhändler abgeben. Ohne Tarifvertrag. Dagegen wehren sich die K&Ulerinnen. Und das ist unter Coronabedingungen nicht eben einfach.

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"Das ist mein erstes Mal", sagt Andrea Goudas, als sie am Morgen mit ihren Kolleginnen zusammen aus der K&U-Filiale im Reutlinger Gewerbegebiet Betzingen kommt. Zum ersten Mal streift sie eine Streikweste über. Zum ersten Mal verteilt sie Flugblätter statt Brezeln an ihre Kunden und bittet sie um eine Unterschrift. Andrea Goudas arbeitet seit 30 Jahren bei der Bäckereikette K&U, einer Tochter von Edeka-Südwest. "Ich kann nichts Negatives gegen K&U sagen", meint die 56-Jährige. Bisher jedenfalls. Seitdem Edeka aber verkündet hat, die Kette mit ihren 3.000 Mitarbeiterinnen – Männer sind hier rar – zu zerschlagen, ist Goudas enttäuscht von ihrem Arbeitgeber.

Also ist sie dabei an diesem etwas trüben Samstagvormittag, an dem die Gewerkschaft NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten) sieben Filialen zum Warnstreik aufgerufen hat. Auch wenn sie nervös ist. Zumal jetzt auch noch ein Polizeiwagen anrollt, um die Corona-Abstände zu überprüfen. "Alles okay", beruhigt Ramona Treut die Kolleginnen. Die Betriebsratsvorsitzende vom K&U-Bezirk Reutlingen vertritt 1.000 Frauen in Filialen von Heilbronn bis Ulm. "Die Aktion ist angemeldet." Keine Gefahr also, Goudas atmet durch. "Das ist schon aufregend. Und traurig, dass es soweit kommen muss." Ähnlich geht es ihrer Kollegin Petra Letsche, auch sie Mitte 50. Als sie am Tag zuvor erfahren hat, dass ihre Filiale streiken soll, habe sie zuerst gedacht: "Oh Gott, oh Gott. Aber gut. Ich bin seit 31 Jahren im Betrieb, wollte eigentlich die 40 voll machen. Das langt nun wohl nicht mehr. Da kommt man schon ins Grübeln." Die schlanke Frau ist verunsichert. "Wir wissen ja gar nichts Konkretes. Soll ich mich jetzt nach einer anderen Arbeit umschauen oder noch abwarten?" Gerade für die langjährigen MitarbeiterInnen ist diese Unsicherheit besonders schlimm.

"Das können die doch nicht machen"

Goudas ist eine von ihnen. Gelernt hat sie Konditoreifachverkäuferin, nach der Geburt ihrer Tochter ging sie zu K&U. "Warum, weiß ich gar nicht mehr. Jemand erzählte, dass die Leute suchen." Seitdem arbeitet sie dort und zwar gerne. "Ich war Springerin, später Filialleiterin, aber irgendwann merkt man, dass die Kräfte weniger werden." Da hat sie Verantwortung abgegeben. Die Arbeit ist körperlich anstrengend. Viele von den Älteren haben vom Blecheschleppen Probleme mit den Schultern und den Gelenken. Goudas sitzt auf ihrem grauen Sofa in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Bad Urach. Auf den Fensterbänken stehen rosa Orchideen – "Pink ist meine Lieblingsfarbe" –, vom Balkon aus sieht man auf die Burgruine Hohenurach.

Lohn & Brot

Nach dem Tarifvertrag von K&U, der gerade neu verhandelt wird, verdienen ungelernte VerkäuferInnen in Vollzeit im ersten Jahr 1.777 Euro brutto, das ist ein Stundenlohn von 10,80 Euro. Der Lohn steigt mit Betriebszugehörigkeit bis zum sechsten Jahr auf 2.000 Euro (12,16 Euro pro Stunde). Gelernte VerkäuferInnen fangen bei 2.109 Euro (12,82) an, ab dem dritten Jahr gibt's 2.292 Euro (13,93), dann ist Schluss. Der aktuelle Mindestlohn in Deutschland beträgt 9,50 Euro pro Stunde. (lee)

Es ist Donnerstag, die Woche vor dem Warnstreik. Gerade ist Goudas von der Frühschicht nach Hause gekommen, macht sich erstmal einen Kaffee. Einmal durchatmen – und über die Arbeit reden. "Es ist wichtig, dass man die Arbeit gerne macht. Dass man nette Kolleginnen hat und Sicherheit", sagt Goudas und nippt am Kaffee. Sie weiß, dass es in der Branche nicht alltäglich ist, einen Tarifvertrag zu haben. "Der ist super", sagt sie. "30 Tage Urlaub, Fünf-Tage-Woche, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Und der Lohn ist auch okay." Mit diesen Sicherheiten soll jetzt Schluss sein, weil Edeka-Südwest die Bäckereifilialen bis Ende 2022 seinen Einzelhändlern anbieten will. Wenn die sie nehmen, können auch die bisherigen K&U-Mitarbeiterinnen bei den Einzelhändlern arbeiten. Ohne Tarifvertrag. Denn so etwas gibt es da nicht. Je nachdem, bei wem man landet, gilt dort die Fünf- oder die Sechs-Tage-Woche, mal sind es 38 Stunden, mal 40, mal gibt es 24 Tage Urlaub, mal 30. Bis Ende nächsten Jahres will Edeka-Südwest diesen Plan durchziehen. Manchmal wünschen sich die Frauen, dass der Slogan "Wir lieben Lebensmittel" auch für sie gelten würde.

Andrea Goudas' Blick schweift ins Irgendwo. "Ich schiebe das zur Seite. Das ist schrecklich. Das können die doch nicht machen. K&U ist doch unsere Mutter." Die Loyalität vieler Beschäftigter gegenüber ihrem Arbeitgeber ist groß. Die Frauen übernehmen spontan Dienste in anderen Filialen, wenn Not an der Frau ist. Besonders in kleineren Filialen kommen manche Verkäuferinnen eine Stunde vor Schichtbeginn – also unbezahlt –, damit sie die Arbeit schaffen. Goudas nicht. Ihre Schicht an diesem Donnerstag beginnt regulär um vier Uhr morgens. Sie ist pünktlich in ihrer Filiale in der Karl-Henschel-Straße in Reutlingen. Gleich daneben steht die Backfabrik Bäckerbub, die ebenfalls Edeka-Südwest gehört und sämtliche K&U-Filialen beliefert.

Stolz auf die Arbeit

Für Goudas und ihre Kollegin Vanessa Obersat, die an diesem Morgen in aller Herrgottsfrühe Dienst haben, ist das praktisch: Brot und Brötchenrohlinge werden direkt aus der Produktionshalle auf hohen Regal-Wagen durch die Tür gerollt. Obersat schiebt die Brötchenrohlinge vor Ort in den Ofen, Goudas bestückt die Theke und das rund sieben Meter lange Brotregal. Mit flotter Hand legt sie Laib für Laib an die richtigen Stellen. "Ich mag's", sagt sie, "wenn es ordentlich aussieht." Zwischendurch ertönt immer wieder ein "Ding, Dang, Dong" wie auf manchem Pausenhof. Der Ofen meldet sich, wenn die Brezeln raus müssen. Es duftet nach frischen Brötchen, der Magen beginnt zu knurren.

Draußen dämmert es. Mehr als hundert Brote haben die Frauen inzwischen eingeräumt und wohl genauso viele Brötchen. In der Theke fehlen noch die süßen Stückchen, ganz zum Schluss sind die Croissants und Brezeln dran. Oberflächen werden desinfiziert, die Frauen schwitzen in der Hitze der Öfen und die Corona-Masken machen das Arbeiten nicht angenehmer. Geredet wird nicht viel, die Arbeit läuft Hand in Hand. "Ja, wir sind ein eingespieltes Team", sagt Goudas. Und das klingt ein bisschen stolz.

Während die K&U-Frauen Brezeln verkaufen, Leberkäsbrötchen richten und Kaffee ausschenken, kommt die Betriebsratschefin Ramona Treut. "Guten Morgen", ruft sie munter in die Runde. Auch ihr sieht man die frühe Stunde, es ist jetzt 6 Uhr, nicht an. Die 49-Jährige hat mal Fotolaborantin gelernt, befand aber, dass mit der Digitalfotografie der Beruf keine Zukunft hat und kam 2008 zu K&U. Gemeinsam mit ihrer Stellvertreterin gehört sie zur Speerspitze der Kämpferinnen für den Tarifvertrag. Denn darum geht es gerade bei K&U.

Gewinnmaximierung bei Edeka

Edeka-Südwest ist Teil der Edeka-Gruppe und beschäftigt mehr als 44.000 Frauen und Männer. Zu den 1.200 Märkten in Süddeutschland gehören neben Edeka unter anderem auch Marktkauf und nah&gut. Wenn an einem Edeka-Markt auf dem Schild noch ein Name steht, betreibt diesen ein selbstständiger Kaufmann/-frau. Diese Kaufleute, intern Edekaner genannt, sind die Genossen des Edeka-Verbundes. Für Beschäftigte in den Edekaner-Märkten gelten keine Tarifverträge, auch Betriebsräte sind dort selten. (lee)

Dass die Zerschlagung von K&U noch aufgehalten werden kann, glaubt Ramona Treut nicht. "Das können die ja so entscheiden." Von wegen unternehmerische Freiheit. Also sitzt sie jetzt als Mitglied des Gesamtbetriebsrats in den Verhandlungen für einen Interessenausgleich und Sozialplan. Sie will, dass der Tarifvertrag für die Kolleginnen weiter gilt, die zu einem Edekaner wechseln. Ein Tarifvertrag über das eine Jahr hinaus, das gesetzlich vorgesehen ist. Und sie will eine ordentliche Abfindungsregelung für diejenigen, die nicht wechseln wollen. Bislang sei das Angebot noch zu gering.

Rekordumsatz in der Pandemie

Unterstützt werden die K&U-Beschäftigten und der Betriebsrat von der Gewerkschaft NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten). Gewerkschaftssekretär Alexander Münchow wird wütend, wenn er über Edeka redet. "Die haben im vorigen Jahr Rekordumsatz gemacht: 61 Milliarden Euro. Das sind Krisengewinnler so wie alle Lebensmittelmärkte." Edeka-Südwest aber erklärt, K&U mache schon lange keinen Gewinn mehr, deswegen wolle man sich von der Tochter trennen. "Die rechnen K&U arm", sagt Münchow, "indem die viel Miete, viel Energiekosten und sonst was an Edeka zahlen muss." Das glaubt auch Ramona Treut. Der Nachweis sei allerdings schwierig, weil Geschäftszahlen nur sehr widerwillig rausgegeben würden. Zudem sei es verwunderlich, dass K&U in den vergangenen zehn Jahren von 550 auf etwa 800 Filialen gewachsen sei, wenn es dem Unternehmen so schlecht gehe.

Das mit dem Armrechnen streitet die Pressestelle von Edeka-Südwest ab. "Der Vorwurf entbehrt jeglicher Grundlage. Richtig ist: Die Verkaufsstellen sind seit vielen Jahren defizitär", schreibt sie auf Kontext-Anfrage. Und über die K&U-Umsätze will das Unternehmen schon gar nicht reden. Warum aber gibt es bei den selbstständigen Edeka-Kaufleuten keine Tarifverträge? Diese würden "eigenverantwortlich handeln", heißt es. Und: "Für den gesamten Verbund gilt der Anspruch, ein Werteverständnis zu pflegen, das einen zuverlässigen, fairen und verantwortungsvollen Umgang mit Mitarbeitenden gewährleistet, wozu auch die Vergütung gehört." Schöne Worte. Aber im Ernstfall eben nicht so verlässlich wie ein Tarifvertrag mit seinen Sicherheiten in punkto Lohn, Arbeitszeit, Urlaubsregelungen. Werteverständnisse können sich zudem schnell ändern und die Einstellung eines Arbeitgebers à la "Ich bin immer gut zu meinen Leuten" erinnert doch stark an Kaiserzeiten, als Beschäftigte von Gnade abhingen und keine Rechte hatten.

Mehr Gerechtigkeit ist möglich

Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären, ist kompliziert. Denn beide Tarifpartner müssen zustimmen und die Arbeitgeberseite macht dabei immer seltener mit. Mitte April hat die Links-Fraktion einen Antrag gestellt, in dem sie von der Bundesregierung verlangt, dieses Verfahren zu vereinfachen. Der Antrag wird derzeit im Ausschuss für Arbeit und Soziales beraten. Dass er angenommen wird, ist angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Bundestag eher unwahrscheinlich. Die NGG hat in den vergangenen Wochen übrigens auch Abgeordnete der anderen Parteien angeschrieben. Reaktion? "Sozialdemokraten und Linke haben sich gemeldet", sagt NGG-Sekretär Alexander Münchow. "CDU, Grüne und FDP interessiert die Lage der Frauen bei K&U offenbar nicht." (lee)

Also versuchen Gewerkschaft und Betriebsräte, die K&U-Beschäftigten unter einen Hut zu bekommen. Das ist nicht einfach. Doch trotz der landesweiten Verteilung der Beschäftigten und den Einschränkungen durch Corona bewege sich einiges, sagt Münchow: "Ich mache Zoomkonferenzen mit unseren Mitgliedern. Das funktioniert überraschend gut." Viele Frauen seien wütend, weil sie sich von ihrem bislang so respektierten Arbeitgeber verraten fühlen. Und so gab es nun sogar den ersten Warnstreik bei K&U. Eine kleine Sensation, findet NGGler Münchow. "Ich glaube, im Bäckerhandwerk hatten wir das seit der Weimarer Republik nicht mehr."

Streiken konnten die Beschäftigten, weil K&U gerade eine reguläre Tarifrunde hat. Die Gewerkschaft fordert fünf Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeber haben bislang ein Prozent für 2021 und 1,2 Prozent für 2022 angeboten. Ein schmaler Dank für die Frauen, die während der Pandemie Tag für Tag hinter der Ladentheke standen und stehen und dafür sorgen, dass alle genug zu essen haben.

Die Politik könnte handeln

Während es in Reutlingen am Warnstreik-Samstag vor der K&U-Filiale im Gewerbegebiet ruhig bleibt, herrscht Aufregung vor der Filiale in der August-Lämmle-Straße. Die Einzelhändlerin Verena Schmid, die den Edeka-Laden betreibt, hat die Streikenden des Platzes verwiesen. Also ist der kleine Trupp mit Infotisch, Transparenten, Flugblättern und Fahnen auf den Bürgersteig umgezogen. Von der IG Metall Reutlingen ist Gewerkschaftssekretär Ralf Jaster gekommen, um die Frauen zu unterstützen. "Ich hab ja keinen Platzverweis", meint er, nimmt sich ein paar Flugblätter und steckt sie hinter die Scheibenwischer parkender Autos. Flugs stürzen aus der Edeka-Filiale zwei Mitarbeiter und sammeln die Flugblätter unter Beobachtung der Marktchefin Verena Schmid wieder ein. Die steht vor dem Eingang und telefoniert lautstark. "Die haben eine Fahne an meinen Laternenmast gebunden", erzählt sie aufgeregt ihrem Gesprächspartner. "Wo muss ich denn Anzeige erstatten?"

Zu den Warnstreikenden sind die beiden Bundestagsabgeordneten der Linken, Heike Hänsel aus Tübingen und Jessica Tatti aus Reutlingen, gestoßen. Für Tatti, die im Bundestag Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales ist, geht es bei der Auseinandersetzung der K&U-Beschäftigten um mehr als um K&U. Die Tarifbindung in Deutschland sinke kontinuierlich, sagt sie. "Gerade in Branchen, in denen sowieso nicht gut bezahlt wird und in denen meistens Frauen beschäftigt sind, werden die Bedingungen immer schlechter."

Andrea Goudas kennt die tarifpolitische Großwetterlage nicht. Sie hofft weiterhin, dass Edeka von seinen Zerschlagungsplänen ablässt. Wenn sie an die vergangenen 30 Jahre bei K&U denkt, was hat sich da am meisten verändert? Goudas muss nicht lange nachdenken: "Die Wertschätzung. Früher kam ein Chef mal vorbei und hat sich erkundigt, wie's so geht. Aber heutzutage?" Sie schüttelt den Kopf. "Dabei würde man gerne mal ein Lob hören, gerade jetzt in Corona." Am besten wäre eine Wertschätzung, der auch Taten folgen.


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