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Tarifrunde Metall

Sichere Zukunft für Dualis

Tarifrunde Metall: Sichere Zukunft für Dualis
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Er ist einer von Tausenden: Max Naujokat ist ein Duali, also einer, der abwechselnd im Betrieb und an der Dualen Hochschule lernt. Der 21-Jährige wird ordentlich bezahlt, andere nicht, und deshalb will die IG Metall einen Tarifvertrag. Eine Besonderheit in Baden-Württemberg.

Duales Studium, das soll an die Duale Berufsausbildung erinnern, also Theorie und betriebliche Praxis kombinieren. 2009 wurde im Südwesten die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) gegründet. In einer Zeit, als die Forderungen aus der Wirtschaft nach betriebskompatiblem jungen Nachwuchs sehr laut waren. Dual studiert werden kann fast alles. Rund 100 Studienrichtungen gibt es in den Bereichen Wirtschaft, Technik, Sozialwesen und Gesundheit. Nach drei Jahren wird der Bachelor gemacht, wer will kann den Master anschließen; promovieren oder habilitieren allerdings kann an der Dualen Hochschule nicht.

Das Besondere für die Studierenden: Wie Azubis sind sie in einem Betrieb angestellt, werden also durchgängig bezahlt. Mal sind sie drei Monate an der Hochschule, mal drei Monate im Betrieb, am Ende hat das Unternehmen hoch qualifizierten Nachwuchs. So weit, so gut. Allerdings sind die Ausbildungsbedingungen fast gar nicht geregelt. Die Folge: In manchen Betrieben werden die Dualis ordentlich bezahlt, in anderen nicht. In manchen Betrieben werden Fahrtkosten übernommen, in anderen nicht. In einigen Betrieben zahlt die Firma die Verwaltungsgebühren für die Hochschule, in anderen nicht. Einige Betriebe übernehmen die fertig Studierten, andere nicht. Im Vergleich: Für Azubis gibt es einen Manteltarifvertrag, in dem die Arbeitszeit geregt ist, Fahrtgeld, Urlaub, Urlaubsgeld, Haftung, Freistellungen für Prüfungsvorbereitung, Arbeitskleidung, die Übernahme für ein Jahr und einiges mehr. Die Ausbildungsvergütung klärt ein gesonderter Tarifvertrag. Für Dualis gibt es das alles nicht. In der laufenden Tarifrunde will die IG Metall Baden-Württemberg das ändern.

Ein Tarifvertrag ist besser, weil sicherer

Vier Prozent contra Nullrunde

Die Arbeitgeber wollen in diesem Jahr eine Nullrunde und Lohnerhöhungen frühestens 2022 – je nach Konjunktur. Zudem fordern sie automatische Abweichungen vom Tarifniveau für schwächere Betriebe. Südwestmetall verlangt zudem, die Arbeitskosten zu senken, indem tarifliche Sonderleistungen,  die es nur in Baden-Württemberg gibt, gestrichen werden.

Die IG Metall will vier Prozent mehr Lohn. Angesichts von Corona-Konjunkturkrise und Transformation steht allerdings die Arbeitsplatzsicherung im Mittelpunkt. So kann man sich in schlecht laufenden Betrieben auch Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich vorstellen. Einzig die IG Metall Baden-Württemberg fordert zudem einen Tarifvertrag für die Dualis, deren Zahl in den hiesigen Metall- und Elektrobetrieben auf deutlich über 10.000 geschätzt wird.

Die Tarifverhandlungen werden regional für die jeweiligen Tarifbezirke geführt, bundesweit geht es um 3,8 Millionen Beschäftigte. (lee)

Der angehende Informationstechniker Max Naujokat will das auch. "Vor allem die Übernahme finde ich wichtig. Das gibt einfach Sicherheit", sagt er. Dabei hat er selbst nicht zu klagen, um die 1.300 Euro bekommt er monatlich. Sein Ausbildungsbetrieb Tesat in Backnang gehört zu Airbus und dort hat der Betriebsrat nahezu alles über Betriebsvereinbarungen geregelt. Max Naujokat weiß jetzt schon, dass er nach einem erfolgreichen  Abschluss im kommenden September übernommen wird, er weiß sogar schon, was er dann verdient. Dem jungen Mann ist es fast peinlich, das zu sagen: "Bei uns werden alle Dualis anschließend nach EG 12 bezahlt." Bedeutet "Entgeltgruppe 12", sprich ein Grundgehalt von derzeit 4.488 Euro brutto. Er findet, das sei ganz schön viel, will sich aber nicht über gute Tariflöhne beklagen.

Ähnlich geht es Julian Hinsenkamp. Er ist Mechatronik-Duali bei Festo in Esslingen, im September beendet er sein Studium, wird dann ebenfalls übernommen und sich auf die EG 12 freuen. "Das ist bei uns über eine Betriebsvereinbarung gut geregelt", lobt er. Ein Tarifvertrag wäre allerdings besser, weil sicherer. Eine Betriebsvereinbarung kann der Arbeitgeber jederzeit kündigen. Außerdem wäre ein Tarifvertrag gerechter, sagt der 23-Jährige. "Ich weiß von Kommilitonen, dass Porsche und Trumpf deutlich mehr zahlen." Aber er kenne auch Dualis, denen die Firma das Weihnachtsgeld gestrichen hat. Und solche, die nicht übernommen wurden.

Ungleiche Bedingungen sind normal

Das kennt auch Max Czipf, Jugendsekretär bei der IG Metall Esslingen. "In unserem Bereich übernehmen die Firmen Balluff und Heller ihre Dualis derzeit nicht", berichtet er, "da gibt es jetzt eine Regelung, dass sie ein Stipendium für den Master bekommen können. Aber das wollen die meisten gar nicht, die wollen arbeiten." Ein weiteres Beispiel für die ungeregelten Verhältnisse für Dualis seien die Verwaltungsgebühren. Pro Semester müssen die Studierenden 140 Euro an die DHBW in Stuttgart zahlen. "Das ist eigentlich eine Frechheit. Bei Azubis käme ja auch niemand auf die Idee, dass sie sich an den Verwaltungskosten für die Berufsschule beteiligen müssen", sagt Czipf. Sein Kollege von der IG Metall Ludwigsburg, Christian Thym, regt sich über die Möglichkeit auf, dass Dualis ihrem Betrieb Geld zurückzahlen müssen, wenn sie ihren Abschluss nicht schaffen oder vorzeitig abbrechen. Das schließt der Rahmenvertrag der DHBW nicht aus. Im schlechtesten Fall könnten da bis zu 40.000 Euro zusammenkommen, betont Thym.

In dem Vertrag von Max Naujokat steht so etwas nicht. Doch als politischer Mensch weiß er, dass gute Bedingungen kein Glück sind, sondern das Ergebnis von engagierten Betriebsräten und einer aktiven Gewerkschaftsarbeit. Er arbeitet in der Jugend- und Auszubildendenvertretung mit, und steht mit 40 anderen Dualis in Bietigheim-Bissingen vor Ellringklinger, dem Unternehmen von Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf. Der hat erst kürzlich in der verbandseigenen Zeitschrift ME erklärt: "Eines ist klar: Wir können 2021 wirklich nichts geben. ...Von dieser Haltung können wir nicht abrücken." Die jungen Leuten beeindruckt das nicht. "Wer hat Angst vor Dr. Wolf? Keiner!" haben sie auf ein Transparent gemalt, und auf die Anfeuerungsrufe von Gewerkschaftssekretär Thym "Was wollen wir?" antworten sie routiniert im Chor: "Übernahme!"

Die IG Metall ist wieder im Kampfmodus

Es ist eine von mittlerweile unzähligen Protestaktionen und Warnstreiks, zu denen die IG Metall seit drei Wochen aufruft. 155.500 Beteiligte hat die Gewerkschaft in dieser Zeit gezählt und hofft, dass das den Arbeitgeberverband Südwestmetall in Verhandlungsbereitschaft versetzt. Bereits viermal haben die Tarifparteien offiziell verhandelt, nach der Verhandlungsrunde vor einer Woche erklärte Roman Zitzelsberger, Chef der IG Metall Baden-Württemberg: "Momentan sind wir noch weit von einer Lösung entfernt." Sein Gegenpart Wilfried Porth von Südwestmetall, Personalvorstand bei Daimler und VfB-Aufsichtsrat,  blies ins ähnliche Horn. "Wir haben sehr früh unsere Forderungen formuliert und werden sehr genau darauf achten, dass sie bis zum Schluss auf der Agenda bleiben und im Tarifabschluss substanziell berücksichtigt werden", lässt sich Porth per Pressemitteilung zitieren.

Nun gibt es in Tarifrunden immer viel Rhetorik. Was nach offiziellen Verhandlungen nach außen kommuniziert wird, muss nicht zwangsläufig mit dem übereinstimmen, was tatsächlich besprochen wird. Dazu kommt, dass nicht nur im Südwesten verhandelt wird. Auch in Norddeutschland, in Bayern und im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen sitzen die Tarifparteien zusammen. Wer zuerst abschließt, kann sich den Pilotabschluss ans Revers heften. Das bringt innerhalb der jeweiligen Organisation durchaus Renommee, schließlich dient der Pilot als Vorbild für die anderen Tarifbezirke. Häufig konnte sich der IG-Metall-starke Südwesten damit profilieren. Ob das auch diesmal klappt? In NRW scheint es aktuell mehr Bewegung zu geben. Der dortige Arbeitgeber-Chefverhandler Arndt Kirchhoff kündigte via FAZ eine Einmalzahlung von "mehr als 100 Euro" in diesem Jahr an sowie die Bereitschaft, für 2022 eine reguläre Tariferhöhung auszuhandeln. Ob er das auch am Verhandlungstisch anbietet, bleibt abzuwarten.

Für die Tarifparteien im Südwesten wäre ein schneller Abschluss in einem anderen Tarifgebiet schwierig. Denn hier wollen beide mehr: die IG Metall den Tarifvertrag für die Dualis, Südwestmetall die Streichung hiesiger Tarifbesonderheiten. Selbst wenn also NRW plötzlich einen Abschluss hinbekäme, würde in Baden-Württemberg weiter verhandelt und wohl auch gewarnstreikt werden. In NRW treffen sich die Verhandlungsparteien an diesem Donnerstag wieder, in Baden-Württemberg bereits am heutigen Mittwoch.


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1 Kommentar verfügbar

  • Dr. Diethelm Gscheidle
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich verstehe die Aufregung nicht. Wenn freundliche Betriebe es den dualen Lehrlingen ermöglichen, etwas zu lernen und ihnen damit künftig höhere Einkommensaussichten ermöglichen, ist es eine bodenlose Frechheit, dafür auch noch Geld von diesen Betrieben zu fordern -…
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