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Das Schauspiel eines Stadtviertels

Das Schauspiel eines Stadtviertels
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Ein Theater für eine Person. Und die Stadt ist die Bühne. Ein Ensemble aus Laien und Profis am Theater Rampe macht die Vielschichtigkeit eines Viertels zum Erlebnis. Und die Besucher rund um den Stuttgarter Marienplatz sind dabei nicht nur Zuschauende, sondern wirken selbst mit.

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Ein bisschen Drama muss sein. Eine Tafel gibt Instruktionen: Hände desinfizieren. Einweg-Handschuhe anziehen. Auf grünes Licht warten. Treppe rauf, Formular ausfüllen: Datum, Uhrzeit, Name, Mobilnummer. Einen Schrank öffnen. Da finden sich: ein Briefschlitz, um den Zettel einzuwerfen; ein wenig Wegzehrung; Kreide. Bitte ein Stück abtrennen und mitnehmen und den Schrank wieder schließen. Auf der anderen Seite vor dem Eingang des Theaters Rampe geht es die Treppe wieder hinab. Roten Knopf drücken.

Das Telefon klingelt. "Sind Sie bereit?" Es kann losgehen. "Stellen Sie sich vor, der Saal ist dunkel, der Vorhang öffnet sich." Es ist ein etwas anderes Stück, das heute gegeben wird. Der Saal, zugleich Bühne und Protagonist, ist der Stadtraum, der vor einem liegt. Es gibt nur einen Zuschauer, jedenfalls einen zur Zeit, und der ist zugleich der Akteur, besser gesagt, er teilt sich die Rolle mit dem Anrufer. Der spricht, rezitiert, verwickelt den Zuhörer in Dialoge. Aber er ist nicht da. Auf der fiktiven Ebene des Stücks sitzt er in seiner Wohnung und traut sich nicht mehr heraus. Wegen Corona. "Leihen Sie mir Ihre Augen!"

"Wir haben uns einfach überlegt, was wir tun können", sagt Paula Kohlmann, die Dramaturgin des Theaters, "damit es nicht so unpersönlich wird." Wir: Das sind die Regisseurin Nina Gühlstorff, Kohlmann, ihre Mitarbeiterin Philine Pastenaci und das Volks*theater, ein 21-köpfiges Ensemble, das sich im Verlauf des zurückliegenden Jahres gegründet hat und nun eigentlich seine erste Aufführung auf die Bühne bringen wollte. Das geht im Moment nicht. Aber die Gruppe wollte auch nicht nur ein Programm streamen. Etwas von der persönlichen Ansprache, auf die es im Theater ankommt, sollte dabei sein.

Telefon-Theater in fünf Sprachen

Was bisher geschah: Vor ungefähr einem Jahr war das Theater Rampe mit einem Bauwagen auf den Marienplatz gezogen (Kontext berichtete). Getrieben von der Frage: Wie könnte heutzutage ein Volks*theater aussehen? Das Sternchen soll Inklusion andeuten: Nicht das dumpfe Volk im Sinne gemeinsamer Abstammung ist gemeint, sondern "alle, die hier sind", wie Kohlmann sagt. "Geht ihr überhaupt ins Theater?", wollten die Theaterleute von den Passant*innen wissen. Und wenn ja, welche Themen sie interessieren würden. "Es war ein Versuch, mit ein paar Menschen ins Gespräch zu kommen", erklärt sie. "Das hat ganz gut geklappt."

Am Ende hatten alle, die Lust hatten, Gelegenheit, auf der Bühne der Rampe zehn Minuten lang etwas vorzuführen. Und mit denen, die wollten, hat das Theater dann weitergearbeitet. Immer freitags gab es offene Recherchetreffen: zur Geschichte, zu den Besonderheiten des Quartiers rund um den Marienplatz. Gäste wurden eingeladen: die Initiative, die damals, als der Marienplatz mit der Kettensäge umgestaltet wurde, für den Erhalt der 80 Bäume gekämpft hat; der heute 87-jährige frühere Pfarrer, SPD-Fraktionsvorsitzende, Bezirksvorsteher und Stuttgart-21-Gegner Siegfried Bässler; die Stolperstein-Initiative; die 91-jährige Frau Fischer, die noch die ersten Gottesdienste in der Markuskirche nach dem Krieg miterlebt hat, als die meisten anderen Kirchen zerstört waren.

Gerade wollte das Volks*theater-Ensemble ein Stück auf die Bühne bringen, da hieß es: abgesagt. So kam die Idee mit dem Telefon-Theater zustande. Jeweils ein Akteur oder eine Akteurin spricht zu einer Theaterbesucherin oder einem Besucher, wahlweise auf Deutsch, Griechisch, Spanisch, Englisch oder Farsi. Denn das alles sind Sprachen, die Mitglieder aus dem Ensemble sprechen. In viertelstündigem Abstand starten die Besucher.

Ab durch die Bronx

"Sind Sie bereit?" Der Anrufer versucht, den Gesprächspartner auf die Situation einzustimmen. Die Stadt ist die Bühne. Alles ist die Bühne. "Wir überqueren jetzt die Straße – aber bitte: Gehen Sie über die Fußgängerampel!" Das könnte unangenehm werden, wenn der Teilnehmer, vom Telefon abgelenkt, einfach auf die vielbefahrene Filderstraße läuft. "Warten Sie, bis die Ampel grün wird! – Sind Sie schon drüben? Dann gehen Sie jetzt über die Lehenstraße. Aber passen Sie auf!"

Gegenüber der Rampe gibt es einen kleinen, dreieckigen Platz mit Bäumen und einem Trampolin. Er hat sogar einen Namen, den aber die Wenigsten kennen. Denn er trägt ihn noch nicht lange, erst seit fünf Jahren. Wer aber war Karl Heinrich Ulrichs? Darüber informiert eine Stele, die dort seit zwei Jahren steht. Man muss sie aber zuerst einmal finden. Und der Anrufer kann einem auch einiges erzählen. In Ostfriesland geboren, lebte Ulrichs von 1870 an zehn Jahre lang in Stuttgart, wo er seine Schriften über den "Uranismus" verfasste. Was das sein soll, verrät einem der Anrufer ebenfalls.

Die "Telefonperformance" ist mehr als ein historischer Stadtrundgang auf den Spuren der Geschichte. Es geht auch um die Gegenwart. Um Gentrifizierung und Wohnungsnot etwa. Oder Verkehr: Ist es richtig, dass die Straßen für Autos reserviert sind? Wir nähern uns der B 14.

"Ich heiße Robert", sagt der Anrufer. "Können wir auch du zueinander sagen?" Er fragt: "Bist du aus Stuttgart?" Er selbst stammt aus – und dann folgt eine Liste von Orten, so lang, dass er kaum selbst überall dort gelebt haben kann. Vielleicht kombiniert er die Biografien aller Ensemble-Mitglieder. Es geht weiter. Durch die Bronx. So nannten Bewohner früher den Stadtteil. Die Trattoria von Loretta gibt es noch. Vor drei Jahren hatte der Hausbesitzer ihr gekündigt. Sie zahlt jetzt allerdings eine höhere Miete.

Flamingo und Krokodil laden zum Tanz

Es geht in Hinterhöfe, an versteckte Orte. An einer Stelle findet sich ein Stapel Schwarzweißfotos vom Marienplatz aus früheren Zeiten. Auf einem Balkon singt eine professionelle Sängerin ein melancholisches Lied. Natürlich hat nicht jedes Haus viel zu sagen. Damit der Gesprächsfaden nicht abreißt, erzählt entweder der Anrufer etwas oder er gibt dem Teilnehmer eine kleine Aufgabe. "Siehst du das Haus mit der Bäckerei?" Wie ein schemenhaftes Schwarzweißbild evoziert er die Erinnerung an einen Umzug der Handwerkerinnungen zum Platz der SA – so hieß der Marienplatz in der NS-Zeit.

Dann wird der Theaterbesucher vom Sog der Ereignisse mitgerissen, wie vom Strom des Nesenbachs, der unter dem Pflaster fließt. Denn in einem großen Zirkusbau auf dem Platz – in dem aber auch Gottesdienste stattfinden – spricht Rosa Luxemburg. Die Geschichte wird gegenwärtig, manche Probleme wie Wohnungsnot sind keineswegs verschwunden, und am Ende steht auch der Zirkus in neuer Form wieder auf: Als Flamingo und Krokodil, in den bunten Kostümen von Justyna Koeke, tanzen Rosa Elidjani und Amir Nathanael Saadat zur Musik von Farmullah Qalandari auf der Mitte des Platzes um den Besucher herum, während die Bewohner des Quartiers ringsherum in kleinen Grüppchen auf dem Pflaster sitzen.

Britta Wente hat als langjährige Bewohnerin des Stadtteils viele Kontakte vermitteln können. "Es ist wie wenn ein Dorf zusammenkommt und alle zusammen ein Stück entwickeln", so skizziert sie ihre Vorstellung von der Arbeit des Ensembles. Nicht um Utopie geht es ihr, sondern um die realen Verhältnisse in ihrem Quartier, über das sie viel gelernt habe. "Wer dabei sein will, hat seinen Platz", sagt Mehdi Tavakoli zur Atmosphäre im Ensemble, zu dem auch einige gehören, die nie vorher etwas mit Theater zu tun hatten.

Tavakoli stammt aus dem Iran. Er gehört aber nicht zu den drei Ensemblemitgliedern, die aus Afghanistan über den Iran nach Deutschland geflüchtet sind. Vielmehr ist er vor acht Jahren nach Deutschland gekommen, um Maschinenbau zu studieren. Magda Agudelo dagegen ist Schauspielerin und Germanistin. Sie stammt aus Kolumbien und hat sich in ihrer Abschlussarbeit an der Universität Augsburg mit der Arbeitsweise von Bertolt Brecht beschäftigt. "Wir haben uns durch die Arbeit in der Rampe und an diesem Stück kennengelernt", freut sie sich: "Leute, die sich alle bisher nicht kannten."


Die kommenden Termine für den Theater-Stadtrundgang: Donnerstag, 18.6., Samstag, 20.6., Sonntag, 21.6., jeweils ab 15 Uhr alle Viertelstunde, Anmeldung über karten--nospam@theaterrampe.de, Solidarpreis ab 1 Euro.


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1 Kommentar verfügbar

  • Jörg Armbruster
    am 17.06.2020
    Antworten
    Meine Empfehlung: Termin machen, hingehen und sich vom Lotsen oder der Lotsin durch das Viertel führen lassen. Es lohnt sich sehr. Ein Theater-Parcour der besonderen Art. Vielen Dank Rmpe!
    Jörg Armbruster
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