Mammutprojekt Stuttgart 21 – und dann und wann ein aufblasbarer Elefant. Mehr Bilder mit klick auf den Pfeil.

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Die Kelchstütze als Akustikraum ...

Die Kelchstütze als Akustikraum ...

... im Spiegel der Tuba.

... im Spiegel der Tuba.

"Alles schon einmal erlebt", sinniert der Investor und denkt an Detroit.

"Alles schon einmal erlebt", sinniert der Investor und denkt an Detroit.

Weitläufiges Gelände für die Joggerin, hier beim Stretching.

Weitläufiges Gelände für die Joggerin, hier beim Stretching.

Die Chloroplasten, Urban-Gardening-Initiative aus Weilimdorf, beim Begrünen der Baugrube.

Die Chloroplasten, Urban-Gardening-Initiative aus Weilimdorf, beim Begrünen der Baugrube.

Die Katastrophentouristen, in echt vor allem Mitglieder des Stuttgarter Bürgerchors, entern die tiefsten Tiefen.

Die Katastrophentouristen, in echt vor allem Mitglieder des Stuttgarter Bürgerchors, entern die tiefsten Tiefen.

Mondlandschaft, wunderbare Spielwiese.

Mondlandschaft, wunderbare Spielwiese.

Öffentlicher Raum zum Lesen, Schlafen, für alles Erdenkliche.

Öffentlicher Raum zum Lesen, Schlafen, für alles Erdenkliche.

Ein Burlesque-Künstler entführt den Investor unter den Regenbogen, Züblin drängt sich ins romantische Bild.

Ein Burlesque-Künstler entführt den Investor unter den Regenbogen, Züblin drängt sich ins romantische Bild.

Von Züblin bleibt hier "BLBL", links tröpfelt silbern und singend der Rohrer Chor die Treppe hinab.

Von Züblin bleibt hier "BLBL", links tröpfelt silbern und singend der Rohrer Chor die Treppe hinab.

"Wir bauen eine neue Stadt!" Schorsch Kamerun und die Sopranistin Josefin Feiler.

"Wir bauen eine neue Stadt!" Schorsch Kamerun und die Sopranistin Josefin Feiler.

Ausgabe 442
Schaubühne

Sommernachtstraum in der Baugrube

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 18.09.2019
Die große Stuttgart-21-Baugrube im Herzen der Stadt ist eine gewaltige Herausforderung. Nicht nur für die Bahn und die Firma Züblin, sondern auch für Schorsch Kamerun, die Philharmoniker und alle Beteiligten des Projekts "Motor City Super Stuttgart".

Links ein von Hand in wenigen Strichen skizzierter Übersichtsplan. Rechts eine Art Tabelle mit ganz vielen Zetteln. In der Horizontale die einzelnen Szenen, 25 an der Zahl, von "Prelude" und "Begrüßung" bis "Das Bad der Giraffe Elefant" und "Konsole". In der Vertikale, in rosa, die auftretenden Personen und Gruppen, von Schorsch angefangen bis hin zu dem oder den Journalisten. Dazwischen verteilt jede Mange orangefarbene Zettel, auf denen steht, wer wann wo was macht.

Fünf Tage vor der Premiere von "Motor City Super Stuttgart" haben die wenigsten der Beteiligten den Aufführungsort gesehen, obwohl sicher alle eine ungefähre Vorstellung davon haben. Er liegt so zentral, wie er nur liegen kann. Es ist kaum möglich, nicht daran vorbeizukommen. Umbilicus Sueviae, der Nabel Schwabens, so nannte Paul Bonatz seinen Wettbewerbsentwurf für den Stuttgarter Hauptbahnhof, von dem nur noch ein Torso bleibt. Daneben das Loch, die Grube, die Baustelle: Das ist der Ort, wo Schorsch Kameruns Stück aufgeführt wird.

Auch Kameruns Werk: Baustelle

Rund dreißig Frauen und Männer im Theater Rampe, dem Zahnradbahnhof, versuchen sich vorzustellen, wie das, worauf sie sich seit drei Wochen vorbereiten, vor Ort aussehen wird. Anaïs und Rafael haben den Szenenplan zusammengestellt. "Sie werden wahrscheinlich Mitarbeiter des Tages", sagt Kamerun. Er erklärt den Ablauf: Die Zuschauer bekommen Kopfhörer, schon am Turmforum, bevor sie das Gelände betreten. Die Philharmoniker spielen bereits, Kamerun vielleicht auch. Es gibt "ganz viel Security", Oberbauleiter Hauser von der Firma Züblin wird die Sicherheitshinweise geben. "Cool", sagt Kamerun immer wieder, und "entspannt", und wo etwas noch nicht ganz klar ist: "Das sehen wir dann noch."

Bisher hat es keine einzige Probe mit den Philharmonikern gegeben, dem Orchester der Stadt Stuttgart. Das wird am Montag in der Baugrube geschehen, die dann alle das erste Mal den Ort betreten. Die Musik soll durchgespielt werden, möglichst ohne Unterbrechungen. Wo noch etwas überlegt und geändert werden soll, kann das am Dienstag passieren, wenn das Stück noch einmal mit der Musikaufzeichnung vom Vortag durchgeprobt wird.

Wie ist das möglich, an einem solch unübersichtlichen Ort, den noch keiner kennt, Musik, Schauspieler und "ganz viele engagierte Stadtprofis (und solche die es extra nicht sein wollen)" auf Anhieb in Übereinstimmung zu bringen, so wie es im Szenenplan vorgesehen ist? Es kann nur deshalb funktionieren, weil sich die Handlung ziemlich unabhängig von der Musik abspielt.

Subversive Polit-Veranstaltung?

Was sind das für "engagierte Stadtprofis (und solche die es extra nicht sein wollen)" – ist das alles nur Klamauk? Oder eben eine etwas ungewöhnliche Theateraufführung an einem spektakulären Ort? Zunächst ist zu sagen, dass die Aufführung nicht nur in der Stuttgart-21-Baugrube stattfindet, sondern diesen Ort auch thematisiert, der für Kamerun ein Ort des Scheiterns ist: Das Projekt ist längst gescheitert, obwohl daran immer noch weiter gebaut wird. Denn die Stadt Stuttgart wird weder durch, noch mit, noch trotz Stuttgart 21 ihre Mobilitäts- und Umweltprobleme lösen können.

Handelt es sich also um eine subversive Polit-Veranstaltung, getarnt als Theater? Vielleicht. Aber Theater hat immer schon dazu gedient, politische und gesellschaftliche Themen durchzuspielen, schon bei William Shakespeare. Nur sind hier neben Schauspielern auch die Chloroplasten am Werk, von der Urban-Gardening-Initiative in Weilimdorf. Mitglieder des Bürgerchors. Ein Laienchor aus dem Stadtteil Rohr. Oder, ziemlich wichtig, die Initiative Interakt: Künstler verschiedener Sparten, die mit ihren Programmen gesellschaftliche Themen ansprechen und gern im öffentlichen Raum arbeiten.

Experten-Stück!

Und eben auch: die Experten. Richtige Experten, so am ersten Tag die Architekturprofessorin Martina Baum und der Architekturtheoretiker Stephan Trüby. Oder am zweiten Sylvia Winkler vom Kunstverein Wagenhalle und der IBA-Intendant Andreas Hofer. Also eine Art Neuauflage der Schlichtung? Das nun ganz gewiss auch nicht. Denn die Experten sind zwar die ganze Zeit da, treten aber nur kurzzeitig ins Rampenlicht, ebenso wie die Planer – momentan noch "Think Tank" oder auch "Planungsgruppe" genannt – oder die Investoren. Die ja in Realität auch immer da sind, aber eben nur hin und wieder in Erscheinung treten.

Die erste Probe vor Ort beginnt parallel zur Montagsdemo. Während rund dreißig Akteure am Eingang des Turmforums warten, kommt eine Frau mit einem Schild vorbei, auf dem steht etwas von zuschütten und "den Klombatsch braucht koiner meh". Doch, noch bis Sonntag für die Aufführung des Stücks, dann sehen wir weiter.

Eindrucksvoll die zwei fertigen Kelchstützen, eine fürs Publikum, die andere für das Orchester. Die Akustik scheint nicht schlecht zu sein – vielleicht eine neue Verwendung, falls das Projekt doch noch abgebrochen wird, worauf das Stück ja hinausläuft. Oben am Rand, wo bei der Aufführung die Zuschauer rund sechzig Stufen in die Baugrube hinab steigen werden, erscheint eine kleine aufblasbare romanische Kirche mit massivem Westwerk und verschwindet wieder. Dann heißt es kehrtum. Der Herr Hauser von der Firma Züblin will noch die Sicherheitshinweise geben. Das macht er im Sitzungsraum in seinem Container, also nochmal die 65 Stufen hinauf und zurück auf Los.

"Eigentlich sollten ja die Frau Jacob und der Herr Kamerun da sein", meint der Bauleiter der Bahnhofsbaustelle. Denn sie sollen unterschreiben, dass sie verantwortlich sind. "Ach, da ist ja die Frau Jacob" – die Dramaturgin und Projektleiterin Hannah Jacob, und der Herr Kamerun erscheint auch noch. Es gibt "provisorische Rampen mit Stolperfallen ohne Ende", meint Thomas Hauser. Kamerun hat andere Sorgen: "Wir haben nicht mal Licht." Aber: "Wir sind ja hier, weil wir alle hochgradig experimentierfreudige Leute sind."

Brüchige Stimme, Selbstironie

Die Rampe direkt unterhalb des neuen Stegs vom Bahnhofsgebäude zum Behelfsbahnhof ist noch in Arbeit. Laster laden Beton ab – eigentlich sollte auch sie bespielt werden. Die Darsteller sehen sich erstmal in aller Ruhe auf der Baustelle um, während die Philharmoniker noch auf sich warten lassen. Sie beginnen dann mit einem Lied von Kamerun, der aber nicht zu hören ist. Die Kopfhörer sind noch nicht da, das Orchester hört fast nichts vom Gesang, er muss also auf die Lautsprecher. Der Tontechniker bräuchte jetzt aber zuerst einmal vierzig Minuten, um das Orchester einzustellen. Dirigentin Viktoriia Vitrenko wird unruhig. Schließlich tauchen doch noch Kopfhörer auf.

"Es soll alles ordentlich vorangehen", singt Kamerun mit herrlich brüchiger Stimme, die perfekt zur Ironie und Selbstironie, zu den Zweifeln und Selbstzweifeln passt, die sich auch in den Texten mitteilen. Das Orchester klingt nach Punk, rhythmisch, repetitiv, schräg. Passende Punk-Klassiker kommen zum Einsatz: "Zurück zum Beton" von S.Y.P.H. und "Wir bauen eine neue Stadt", ursprünglich aus der Kinderoper von Paul Hindemith, hier aber nach der Version von Palais Schaumburg: "Gibst du mir Steine, geb ich dir Sand. Gibst du mir Wasser, rühr ich den Kalk." Das ist die Stunde des Rohrer Laienchors, der allerdings zuerst daran erinnert werden muss, die Mikrophone einzuschalten.

Investor 1 tritt auf: "Wir befinden uns hier im Bauabschnitt 16 zwischen den Kelchstützen des Bahnprojekts Stuttgart 21." Kamerun überlässt seine Darsteller den Regieassistenten, eilt aber zwischendurch hin und her, kontrolliert, ob wenigstens einer der Monitore läuft, den ein Kameramann laufend mit Ausschnitten aus dem Geschehen bespielen soll, die aus der Ferne sonst nicht so richtig erkennbar wären. Das Gelände ist reichlich groß. Selbst die Sopranistin Josefin Feiler im goldenen Gewand ist mit ihrer Händel-Arie ohne Kopfhörer nur leise zu vernehmen. Vielleicht ist die Akustik doch nicht so gut.

Die Kugeln rollen, Schrägbahnhof

Graue Kugeln, eigentlich Sitzbälle, rollen immer wieder nach rechts aus dem Bild: ein dezenter Hinweis auf die starke Gleisneigung des kommenden Bahnhofs. "Schwere Bohrer sprengen den Berg, rund ist immer noch eckig", heißt es im Songtext. "Die es sich leisten können, haben sich längst aus dem Staub gemacht, nach Berlin oder so", sagt der Investor. Kamerun singt: "Ich rufe Mutter, bitte hilf mir. Wir werden alle sterben."

Doch Investor 2 erklärt: "Ich habe das alles schon einmal erlebt." Und nennt Detroit. Die Motor City ist gescheitert. Und heute? Eine hippe Gründerstadt. "Detroit steht wieder auf", schreibt das Magazin "National Geographic". Stuttgart könnte da abkürzen, so die Devise von Kameruns Werk: "Undenkbares denken können mitten in der Stadt." Palmen bevölkern die Baugrube, mit Schubkarren herangefahren. Badegäste tauchen auf. Später kommen Zitronenbäumchen dazu – keine echten, die hätten zurzeit keine Früchte. Soll das ein Verweis auf Schorsch Kameruns Band "Goldene Zitronen" sein?, fragen sich einige der Mitwirkenden.

Es ist ein Sommernachtstraum, der Hinweis auf Shakespeare fehlt nicht. Kamerun weiß schon, dass es die Firma Züblin wenig beeindrucken wird, wenn er alles noch einmal auf Anfang stellen will: "Wir machen jetzt das Kulturprogramm, denn wir sind so schön skurril."

"An dieser Stelle reden jetzt die Experten", unterbricht er das Konzert. "Das können wir zum Glück rausnehmen und gleich zu "Club of Rome" übergehen. Das muss auch sein, denn das Orchester hat nur noch fünf Minuten. Sagt die Dirigentin. Tatsächlich, bald nach der Szene mit Merlin, dem Burlesque-Clown, packen die Musiker die Instrumente ein. Die Gewerkschaft kontrolliert die Einhaltung der Arbeitszeiten. Dabei ist gerade mal die Mitte der Handlung erreicht. Ob bis zu Aufführung noch Zeit bleibt, den zweiten Teil zu proben?


Info:

Die vier  "Motor City Super Stuttgart"-Aufführungen von Donnerstag, 19. bis Sonntag, 22. September sind alle ausverkauft.


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3 Kommentare verfügbar

  • Gerhard D. Wulf
    am 19.09.2019
    Allerdings Martina, kann ich nur bestätigen, weil ich auch mitten drin bin in der dystopischen Sinfonie. Wir bleiben dran und lassen die tollen Stützen, die derzeit selbst noch viele Stützen benötigen, deshalb lieber mal stehen, wer weiß wozu sie mal gut sind ...
    • Martina Auer
      am 19.09.2019
      Man könnte den als "Bahnhof" geplanten Trog sogar nach einem möglichen Fertigbau komplett, mit Dach, als Philharmomie nutzen. So eine unterirdische, futuristische Durchgangsphilharmonie hätte meines Wissens keine andere Stadt auf dieser Welt.
  • Martina Auer
    am 18.09.2019
    Ich hätte da eine Idee.

    Könnte man Teile der zubetonierten Schlossgarten-Ruine nach der Kopfbahnhof-Modernsierung denn nicht als Neue Philharmonie nutzen? Die Akustik unter diesen lustigen Kelchen scheint ja nicht schlecht zu sein.

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