Ausgabe 442
Kolumne

Gequirlte Scheiße

Von Peter Grohmann
Datum: 18.09.2019

"Das sagt man nicht", mahnte mich meine Omi Glimbzsch aus Zittau immer wieder, denn "so spricht nur die Gosse oder bestenfalls der Herr von der Deutschen Bank." In diesen Zeiten, in denen sich der Frieden samt der guten Luft über der Ruhr quasi über Nacht verabschiedet hat, sind aber Ausnahmen erlaubt. Deutschland fragt: Kann man morgen noch preiswert tanken? Überall?

Auch Herbert Grönemeyer kann mal aus der Rolle fallen, wenn es um Zukunft geht, von Andreas Scheuer, dem SUV der großen Koalition, ganz zu schweigen. Dabei gab es auch gute Nachrichten: Merkel hat Orban gestreichelt, mit Gewalt, und Deutschland (West) nimmt 24 Flüchtlinge auf, die in Lampedusa gestrandet sind. Da jubelt die Fünf-Sterne-Bewegung: Das Gute hat letztlich doch gesiegt. Aber ehrlicherweise muss man halt sagen: Die 24 Flüchtlinge und ihre Schwestern und Brüder sind nur die Auguren aus dem Morgenland und weiter weg, gekommen, um zu warnen. Denn von allen Lebewesen sind die Vögel den Göttern am nächsten.

Wisse: In den letzten 30 Jahren ist die Zahl der Vögel in den Agrarlandschaften um 50 Prozent zurückgegangen – sie singen jetzt beim Daimler-Lichterfest in Untertürkheim vom Fließ-Band. Das Unternehmen poliert auf diese Weise seine auf der IAA ramponierten Schutzbleche auf, verzichtet auf Allradantrieb und erklärt den besorgten Bürgern das Märchen vom Klimawandel. Mal angenommen, dass Trampel Trump wahrmacht, was er twittert, dann gingen in Deutschland die Lichter aus – und wir haben nicht mal ordentliche Luftschutzkeller. Diese Glosse wäre also überholt, noch bevor sie gedruckt ist. Verzeihen Sie bitte, aber bin ich Hellseher?

Richtig ist, dass immer mehr Menschen ihren Regierenden immer weniger über den Weg trauen. Das geht sogar so weit, dass hier im Lande mehr als die Hälfte der zwischen 25- und 50-jährigen Leute keine Angst vor der Zukunft haben, aber die Wegwerf- und Ellenbogengesellschaft einfach schrecklich finden – das Leben macht kaum noch Sinn! – und gern mit Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind. Richtig ist auch, dass uns unser Lebensstil zu Fluchthelfern macht. Mit Fug und Recht ("Werbung darf alles") fragte daher Daimler seine Kundschaft in spe: "Sie jagen gern Abenteuer in der Großstadt?", zog aber den Slogan zurück, nachdem ein Pkw-Panzerwagen vier Menschen den Tod brachte. "Der Slogan war unglücklich", hieß es in der Konzernzentrale. Die Angehörigen bleiben es lebenslang.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.  Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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