Benni (Helena Zingel) tobt. Filmausschnitte: Port au Prince Pictures

Benni (Helena Zingel) tobt. Filmausschnitte: Port au Prince Pictures

Ausgabe 442
Kultur

Laut wie Oskar

Von Rupert Koppold
Datum: 18.09.2019
In Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt "Systemsprenger" tobt ein traumatisiertes Mädchen über die Leinwand. Exzellente Schauspieler zeigen sensibel bis nervtötend, wie alle Pädagogik zu scheitern droht.

Dieses Schreien! Diese akustische Aggressivität!! Dieses hemmungslose Wutgebrüll!!! Können die Scheiben diesem Schalldruck standhalten oder werden sie zerspringen, so wie damals beim zornigen kleinen Oskar Matzerath, dem kleinen Blechtrommler und größten Schreier der deutschen Literatur- und Filmgeschichte? Die Betreuer und Erzieher hinter der Glasfront schauen fassungslos verängstigt zu, wie da draußen ein Kind (ebenso exzellent wie nervtötend: Helena Zingel) namens Benni tobt, ein neunjähriges Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen. Und tatsächlich, jetzt kriegt die dicke Scheibe Sprünge! Aber nicht wegen der Schreie, sondern weil Benni einen Bobby Car mit voller Wucht dagegen geworfen hat. Die vom Dokumentarfilm herkommende Regisseurin Nora Fingscheidt führt ihr Spielfilmdebüt nämlich nicht ins Metaphorische des magischen Realismus, sie erzählt schmerzhaft konkret.

Schmerzhaft ist das für alle. Für das traumatisierte Mädchen, das jederzeit außer sich geraten kann. Für die Helfer in den Institutionen, die mit diesem Kind überfordert sind. Und auch für die Zuschauer im Kinosaal, die sich vor Bennis Ausrastern zu fürchten beginnen. "Systemsprenger", so nennen manche Pädagogen hinter vorgehaltener Hand solche Kinder, und so nennt nun auch die Regisseurin ihren Film, für den sie lange und penibel recherchiert hat. Was sie zeigt, ist eine aus mehreren Fällen herausdestillierte und dann in einer Person konzentrierte Fallgeschichte. Doch, doch, das sei im Wesentlichen schon realistisch geschildert, so haben dies nach der Pressevorführung miteingeladene Fachpädagogen bestätigt. Ein Extremfall zwar, aber durchaus möglich. Dieser Schulbegleiter Micha allerdings (Albrecht Schuch), der habe sich unprofessionell verhalten. So etwas dürfe natürlich nicht passieren.

Überbordend, das Kind wie der Film

Dieser zunächst so selbstsicher-taff wirkende Micha bietet im Film an, als letzte Möglichkeit, sich drei Wochen lang in einer Eins-zu-Eins-Situation um Benni zu kümmern. Er zieht mit dem Mädchen, das schon so oft aus Schulen, Pflegefamilien und Heimen rausgeflogen ist, in eine Hütte im Wald, ohne Fernseher, ohne Strom und vor allem ohne andere Menschen. Ist er diesem Kind gewachsen, füllt er die im Kino so gern gesehene heldische Rolle des Erziehers aus, der die Geschichte zu einem guten Ende bringen wird? Eine Zeitlang sieht es so aus. Benni erkundet die neue Umgebung, lässt sich ein auf dieses Leben, ruft auch mal, um das von Micha versprochene Echo zu hören, in den Wald hinein: "Mama!" In Micha sieht sie bald einen Vater, den sie, als er schläft, liebevoll-neugierig begutachtet. Benni kann nämlich mit manchen Erwachsenen gut umgehen, sie hat ein Gespür dafür, wer sie mag. Deshalb schafft sie es auch, dass Micha eine Grenze überschreitet und sie "ausnahmsweise" in seinem Haus und bei seiner Familie übernachten lässt.

Ist Benni berechnend, nutzt sie Menschen aus, gehört sie gar zu jenen fiesen Kindern, die der Horrorfilm dämonisiert? Nein, Nora Fingscheidt entzieht sich auch hier dem Genre-Kino, für sie bleibt Benni ein schwieriges Kind, das jede Aufmerksamkeit verdient. Auch die Aufmerksamkeit der Regisseurin, die immer ganz nah bei Benni ist und ihre Kamera dem Kind hinterherlaufen lässt, wenn es wieder mal abhaut. Oder sich in Benni hineinversetzt, wenn "es" wieder mal aus ihr herausbricht, sie obszöne Schimpfwörter brüllt, auf dem Spielplatz Kleinere umschubst oder ihnen beim Schlittschuhlaufen den Kopf wieder und wieder aufs Eis schlägt. Bennis rosaroter Anorak wird bald zum Signal für Gewalt. Und in ebenfalls rosarot eingefärbten und blitzlichtartig bebilderten Collagen führt der Film vor, wieviel auf Benni einstürzt, so dass sie gewissermaßen überläuft.

"Systemsprenger" wurde bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet, er geht auch als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen. Und doch soll hier ein Unbehagen nicht verschwiegen werden. Es ist sicher eine der Stärken dieses sehr gut besetzten und extrem intensiven Films, dass er keine persönlichen Schuldzuweisungen vornimmt, dass so viele hier ihr Bestes geben, etwa die sehr sympathisch-mütterliche Frau vom Jugendamt (Gabriela Maria Schmeide), und dass sogar die labile Mutter (Lisa Hagmeister) nicht als herzlos, sondern als schwer überfordert gezeigt wird. Dass jedoch alle wohlwollenden Versuche der Pädagogik, Benni ins Leben einer Gemeinschaft zu integrieren, letztlich scheitern, wirft Zweifel an diesen Versuchen auf. Zweifel, die von der Regisseurin wohl nicht beabsichtigt sind.

Keine Elternschule

Ein kleiner Exkurs. Im vergangenen Jahr kam der Dokumentarfilm "Elternschule" von Jörg Adolph und Ralf Bücheler, in die Kinos, der vor kurzem auch im Fernsehen gesendet wurde. Er beobachtet die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik einer Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik, in der es eher streng zugeht, in der schwierigen Kindern Grenzen gesetzt werden, in der Kinder auch schreien oder sich am Boden wälzen, ohne das sich sofort jemand um sie kümmert. Die meisten Kritiker haben den Film gelobt, von manchen Eltern und Erziehern kam dagegen der Vorwurf, hier würde "schwarze Pädagogik" und "erzieherische Gewalt" verherrlicht. Einer der Hauptkritiker war und ist Herbert Renz-Polster, ein Anhänger des so genannten "attachment parenting", bei uns als "bindungsorientierte Erziehung" bekannt. Der Erfinder dieser aus den USA stammenden Methode heißt William Sears, er ist ein evangelikaler Christ, der die Berufstätigkeit der Mütter ablehnt und sie zu jahrelangem Körperkontakt mit dem Kind auffordert.

Nein, es soll der "Systemsprenger"-Regisseurin Nora Fingscheidt hier keine Nähe zum "attachment parenting" unterstellt werden, zumal Benni schon lange von der Mutter getrennt lebt und eine solche Methode sowieso abhängig ist von der finanziellen und sozialen Klasse der Eltern. Doch die schon erwähnte große Aufmerksamkeit der Regisseurin und der Institutionen für Benni hat trotzdem eine Kehrseite: müssen hinter Benni alle anderen Kinder zurückstehen? Nun, diese anderen Kinder haben hier sowieso keine größere Präsenz, die Frage wird also nie gestellt, man muss sie aber wohl mitdenken. Genauso wie die Gefahren, die Bennis Verhalten für andere hat.

Es sieht im Kino immer gut aus, wenn Kinder in die "Freiheit" rennen, es schwingt in diesen Bildern – und eben auch in denen von "Systemsprenger" – eine anarchische Euphorie mit. Diese Szenen, in denen die Kamera "begleitet von treibender Musik" Benni hinterherjage, so der auch Kritiker der Fachzeitschrift "Variety", seien dazu da, den Drang eines Mädchens nach Befreiung zu unterstreichen. Aber, so fährt er nüchtern fort, "dieses Mädchen auf die Welt loszulassen ist wirklich nicht das Ende, das sich irgendjemand wünschen könnte."


Nora Finscheidts "Systemsprenger" ist ab Donnerstag, 19. September in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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