"Paranza" heißt übersetzt Schleppnetz. Keine kleinen Fische, Köder, Strippenzieher: diese Jungs, gespielt von Laien. Fotos: Prokino

"Paranza" heißt übersetzt Schleppnetz. Keine kleinen Fische, Köder, Strippenzieher: diese Jungs, gespielt von Laien. Fotos: Prokino

Ausgabe 438
Kultur

Kinder an die Macht ...

Von Rupert Koppold
Datum: 21.08.2019
In dem Thriller "Paranza" versuchen kriminelle Jugendliche, das Vakuum zu füllen, das nach dem Zerfall der neapolitanischen Mafia entstanden ist. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Roberto Saviano ("Gomorrha") lässt die Nachwuchspaten zu gut wegkommen.

Weihnachtszeit in Neapel. Aber keine stille Nacht. Denn in der gerade noch leeren Passage, einem alt-vornehmen Einkaufstempel aus Marmor, tauchen nun ein paar agile Jungs in Bomberjacken auf. Und gleich noch ein paar mehr, nämlich die feindliche Konkurrenz. Sie gehen aufeinander los, die einen klettern auf den großen Christbaum, die anderen ziehen diesen nach unten, so wie dies bei Revolutionen mit Statuen der alten Herrschaft passiert. Dann schleifen sie den Baum hinaus, schleppen ihn in ihr Viertel, zünden ihn an. Mit glühenden Augen und rußverschmierten Gesichtern starren die Halbwüchsigen jetzt ins Feuer, es sieht aus, als würden sich Indianer in Kriegsbemalung versammeln. Diese Aktion war ja auch nicht nur ein Jungenstreich, sie hat vielmehr ein bürgerliches Fest zerstört und ersetzt durch ein anarchisches Stammesritual.

In Claudio Giovannesis Verfilmung des Romans "Paranza – Der Clan der Kinder", an dessen Drehbuch auch der Autor Roberto Saviano beteiligt war, haben sich alte Strukturen aufgelöst. Die Bosse der Mafia, die sich zumindest nach außen hin noch an christlich-bürgerlichen Bräuchen orientiert haben, sind tot, im Gefängnis oder unter Hausarrest. Ihre Vasallen führen zwar die Geschäfte weiter, aber sie haben viel an Macht verloren und sind angreifbar geworden. Noch dient sich Nicola (Francesco di Napoli), fünfzehn Jahre alt und arbeitslos, denjenigen an, die Drogen verticken oder von seiner Mutter, die eine Wäscherei betreibt, Schutzgeld erpressen. Aber seine Ambitionen sind andere: Er will ganz nach oben. Und dann so etwas wie der gute Pate des Viertels werden.

"Kriminelle Organisationen lieben Mafia-Filme, weil sie für sie ein Kommunikations-Tool sind. Sie können sich in Szene setzen." So hat Saviano im Jahr 2008 anlässlich der Premiere von Matteo Garrones Adaption seines Romans "Gomorrha" erklärt. Der Autor, der nach der Veröffentlichung von der Mafia mit dem Tode bedroht wurde und immer noch im Verborgenen leben muss, wollte dieser Gefahr vorbeugen: "Meine Obsession ist es, diesen Dingen das Geheimnisvolle zu nehmen. In 'Der Pate' oder 'Goodfellas' wird nie gezeigt, wie die Mafia an das Geld kommt. Für mich war wichtig, die wirtschaftlichen Mechanismen aufzudecken." In der exzellenten Adaption "Gomorrha", in der die Geschäfte genau und deren Umfeld als unglamourös bis schäbig geschildert werden, ist dies gelungen. In der Verfilmung von "Paranza" leider nur bedingt.

Posen von Macht und Größenwahn

Nach dem ebenso furiosen wie symbolisch verdichteten Auftakt versucht der Regisseur zwar, das soziale Milieu seiner Geschichte zu schildern und auch den ökonomischen Aspekten nachzugehen, viel mehr aber ist er interessiert am selbstbewusst-attraktiven Nicola und seinen Freunden. Wenn diese Clique in schwerer Macho-Manier, aber zunächst noch mit leichten Mopeds, durch die Gassen knattert, wenn diese jungen (und von Laien verkörperten) Kerle sich puffen, sich raufen und sich dabei anfeuern, wenn sie Ego-Shooter spielen oder in trunkener Ausgelassenheit auf einem Dach mit Schnellfeuerwaffen Satellitenschüsseln durchlöchern, dann ist der Grat zwischen der Beobachtung pubertärer Euphorie und dem Anbieten eines Forums für Posen von Macht und Größenwahn sehr schmal.

Wie aber kommt ein Fünfzehnjähriger an Ak-47-Gewehre? Nun, der clevere Nicola ist zu Don Vito gegangen, der nicht mehr aus seiner Wohnung raus darf, und hat ihm ein Angebot gemacht: "Sie haben Waffen, aber keine Männer, ich habe Männer, aber keine Waffen." So steigt Nicola also auf, und wenn er und seine Gang zu Beginn noch vom Türsteher einer Disco abgewiesen wurden, so können sie sich nun die 500 Euro für einen Tisch leisten, ja, nicht nur das: Sie saufen Champagner, ziehen sich Kokslinien rein, bauen sich schließlich auf der Empore auf und demütigen die da unten: "Wir sind die Nummer eins!" Den einstigen Vorsatz, ein "anständiger" Boss zu werden, also nicht zu dem zu werden, was die vor ihm waren, kann Nicolas dann doch nicht realisieren. Es bahnt sich eine ganz gewöhnliche Verbrecherkarriere an.

Dass in diesen Jugendlichen noch kindliche Naivität steckt, dass sie viele falsche Ziele, aber noch wenig eigene Erfahrung haben und dass sie, auch mangels Reflexionsvermögen, bemerkenswert skrupellos vorgehen, das deutet dieser Film allenfalls an. Gemessen an "Gomorrha" oder anderen italienischen Mafia-Filmen und -Serien wie "Romanzo Criminale" oder "Suburra" aber bleiben die Charaktere flach und statt einer wirklichen Durchdringung der Verhältnisse begnügt sich "Paranza" allzu oft mit deren Bebilderung. Immerhin: Den spießigen Wohnungseinrichtungs-Protz der alten Mafiosi kann der Film in einigen Sequenzen treffend denunzieren. Dass Nicolas diesen Samt-und-Plüsch-und-Gold-Verhau-Geschmack schließlich übernimmt und die enge Wohnung seiner Mutter entsprechend "veredelt", zeigt sehr gut, dass zumindest die "kulturelle" Revolution im Mafia-Wesen bald scheitern wird. Auch wenn in diesem im Jahr 2015 spielenden Film die Kleinen übernehmen.


Claudio Giovannesis "Paranza" ist ab Donnerstag, 22. August in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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