Schuldgefühle plagen den Arzt Kaveh Nariman (Amir Aghaei). Filmstills: EclairPlay/Noori Pictures 2019

Schuldgefühle plagen den Arzt Kaveh Nariman (Amir Aghaei, rechts im Bild). Filmstills: EclairPlay/Noori Pictures 2019

Ausgabe 429
Kultur

Ist Doktor Kaveh schuldig?

Von Rupert Koppold
Datum: 19.06.2019
In dem iranischen Film „Eine moralische Entscheidung“ entwickelt sich aus einem zunächst harmlos wirkenden Unfall ein großes Drama. Und das komplexe Porträt einer Gesellschaft, die mit sich hadert.

Das Auto im iranischen Kino: Mit ihm und in ihm erfährt der Zuschauer ganz buchstäblich etwas über Land und Leute. In Abbas Kiarostamis Film "Der Geschmack der Kirsche" (1997) etwa kann sich der zum Suizid entschlossene Fahrer nicht in seiner Einsamkeit verschließen, er braucht Helfer, und so kommt es zu Begegnungen, er wird also, ob er will oder nicht, zum Teil einer Gesellschaft. Seinen Dokumentarfilm "Ten" (2006) hat der 2016 verstorbene Meisterregisseur dann ganz im Auto spielen lassen, mit sich selber als übers Kino sprechenden Fahrer. Ebenfalls als Fahrer ist 2015 Kiarostamis Kollege Jafar Panahi in seinem Film "Taxi Teheran" zu sehen: Der von der Zensur mit Berufsverbot belegte Regisseur steigt nicht aus, er lässt vielmehr die Gesellschaft mit ihren Sorgen und Nöten einsteigen. Und nun, in Vahid Jalilvands Drama "Eine moralische Entscheidung", setzt sich der Arzt Kaveh Nariman (Amir Aghaei), ein ernster Mann Mitte fünfzig, in seinen Wagen und fährt nachts durch die Straßen der Hauptstadt.

Zwei gesellschaftliche Schichten treffen aufeinander

Plötzlich wird Kaveh überholt und abgedrängt, er weicht aus, touchiert dabei mit seinem Wagen ein Motorrad, auf dem Moosa (Navid Mohammadzadeh) mit seiner Frau und seinen beiden Kindern sitzt, und bringt es zu Fall. Kaveh hält an und steigt aus. Es scheint der Familie nichts Gravierendes passiert zu sein. Den Sohn Amir, dem ein bisschen schwindlig ist, lässt Kaveh ins Auto einsteigen, er untersucht ihn oberflächlich, und bittet Moosa dann, den Jungen zur Sicherheit ins Krankenhaus zu fahren. Für die Reparatur des leicht verbeulten Motorrads steckt er Moosa, der zunächst ablehnt, einige Geldscheine zu. Dann fährt Kaveh der Familie hinterher und sieht noch, dass der Familienvater die Abzweigung zum Krankenhaus ignoriert und weiterfährt. Eigentlich hat Kaveh keine Schuld auf sich geladen. Und doch ist die Geschichte noch nicht zu Ende, weder für ihn noch für Moosa, noch für alle anderen, die nun in sie verwickelt werden.

Wenn das Auto als Gefährt der Mittelschicht durch das iranische Kino fährt, dann das Zweirad als überlastetes Fortbewegungsmittel der unteren Schichten. In Jalilvands Film begegnen und berühren sich (im Wortsinn) also zwei Klassen, die sich sonst selten nahe kommen. Hier jedoch, in diesem Film der gedämpften Farben, erfährt der als Pathologe in einer Klinik arbeitende Kaveh, dass unter den in der Nacht eingelieferten Toten auch Amir war. Die Obduktion blieb zwar ohne Ergebnis, aber bei der erneuten Untersuchung, um die Kaveh seine Kollegin Sayeh Behbahani (Hediyeh Tehrani) bittet, ergibt der Befund eine Lebensmittelvergiftung. Amir wäre auf jeden Fall gestorben, der Unfall hat daran nichts geändert. Und doch fühlt sich Doktor Kaveh schuldig. Es ist eine Schuld, die über den konkreten Anlass hinauszugehen scheint, die sich auswächst zu einem großen Unbehagen an der eigenen Existenz.

Eine Gesellschaft, die nicht mit sich im Reinen ist

Der Regisseur, der auf exzellente Darsteller vertrauen kann, wird seinen Helden nie ganz ausleuchten und, so wie dies das westliche Mainstream-Kino tun würde, restlos erklären. Er belässt diesem komplexen Charakter seine Komplexität und damit auch seine Rätsel. Immerhin: seiner Kollegin Sayeh, mit der ihn vielleicht mehr verbindet (oder mal mehr verbunden hat) als nur der Beruf, gesteht Kaveh, dass er bei diesem Unfall nicht den Notarzt gerufen habe, weil seine Autoversicherung abgelaufen war. So hat eine Nachlässigkeit Auswirkungen und zieht ein Ereignis seine Kreise, so kommt es also zu Taten und Reaktionen, so entwickelt sich ein Film zu einem Beziehungsgeflecht und wird zum Querschnitt durch die iranische Gesellschaft. In langen und trotz des Verzichts auf Musik immer ihre Spannung haltenden Einstellungen erschließt diese Geschichte ihre Räume: ein Krankenhaus, einen Gerichtssaal, ein Gefängnis. Und einen Schlachthof. Denn Moosa, den seine Frau für den Tod von Amir verantwortlich macht, geht nun zornentbrannt zurück an den Ort, an dem ihm einer der Arbeiter verdorbene Hühnerabfälle verkauft hat.

"Eine moralische Entscheidung" ist ein genau beobachtender Film, durchaus empathisch, aber auch mit einer gewissen analytischen Distanz. Diese Gesellschaft ist nicht mit sich im Reinen, sie hadert und ringt mit sich. Ihre Mitglieder schweigen und verschweigen, ziehen sich zurück und verdrängen. Weil sie wissen, dass offene Worte Schlimmes anrichten können? Dennoch zeigt der Regisseur, wenn auch mit all ihren Problemen und Fehlern, eine Zivilgesellschaft auf der Suche nach der Wahrheit. Und zeigt gleichzeitig, dass die Wahrheit oft keine objektive oder absolute sein kann, dass beispielsweise nie ganz aufgeklärt werden wird, ob Moosa einen Mann getötet oder ihn nur, mit fatalem Ausgang, geschubst hat. Man könnte aber auch die Armut verantwortlich machen. Wenn Moosa mit seiner Familie nicht in einem Rohbau und auf Matratzen hausen müsste, wenn er es sich hätte leisten können, unverdorbene Lebensmittel zu kaufen, dann wäre er auch nicht zum Schlachthof gegangen und hätte dort nicht…

Was der Autor dieser Kritik über "Taxi Teheran" geschrieben hat, trifft übrigens auch auf "Eine moralische Entscheidung" zu: der Film "argumentiert selten direkt auf der politischen Ebene. Dieses Leben wird vielmehr heruntergebrochen auf das Kleine, das Alltägliche, das Private –  und erst wenn es da hindurchgegangen ist, landet es wieder bei der Politik. Nein, die Verhältnisse im Iran sind nicht gut, aber sie sind trotzdem anders, sind auch nicht für alle gleich, sind vielfältiger, reichhaltiger und komplexer – und den hiesigen manchmal doch wieder überraschend ähnlich! – , als es die Schlagzeilen in unseren Medien suggerieren." Wer also verantwortlich ist für die Armut, das herauszufinden überlässt Vahid Jalilvand dem Zuschauer. Ja, es könnte mit einem sich selbst bereichernden Mullah-Regime zu tun haben. Und noch mehr mit den Sanktionen der USA. Den Iran aushungern lassen, das ist die bisher verfolgte amerikanische Politik. Aber das geht Trump und seinen Truppen vielleicht zu langsam und könnte sich deshalb nach Kontext-Redaktionsschluss schon geändert haben.

 

Vahid Jalilvands "Eine moralische Entscheidung" ist ab Donnerstag, 20. Juni, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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