Aussicht traumhaft, Film geht so. Fotos: Universum

Aussicht traumhaft, Film geht so. Fotos: Universum

Ausgabe 422
Kultur

Der blonde Traum

Von Rupert Koppold
Datum: 01.05.2019
Der US-Thriller "Im Netz der Versuchung" beginnt als Film noir: Eine Femme fatale will ihren Ex-Mann in einen Mord hineinreden. Dann zieht sich dieser Film selber den Boden weg.

Ach, die Karibik! Palmen, Meer und Musik. Auf einer Insel in der einzigen Bar rumhängen und Rum trinken. Ab und zu die laszive Constance (Diane Lane) aufsuchen, die schon begierig wartet im Jalousien-Dämmerlicht und einem nach einer heißen Nummer Geld zusteckt. So könnte das Leben weitergehen für den leicht struppigen, aber attraktiven Irakkriegs-Veteranen Baker Dill (Matthew McConaughey), also sonnig, routiniert und entspannt, wie es ja auch der Originaltitel "Serenity" (auf deutsch: Gelassenheit) verspricht. 

Wäre da nur nicht dieser Fisch! "Das Biest ist irgendwo da unten", knurrt Baker, der mit seinem Boot reiche Kunden zum Hochseeangeln fährt. Und jetzt biegt sich die Rute, das Untier hat angebissen, und mit fanatischer Rücksichtslosigkeit reißt Baker die Sache an sich. Die zahlenden Gäste sind ihm egal, dies ist sein Kampf, dies ist sein Fisch – und wieder verliert er ihn.

Ein bisschen irritierend allerdings, dass der Regisseur Steven Knight diesen Fisch und seinen Jäger dramaturgisch so behandelt, als ginge es um eine Neuauflage des mythischen Zweikampfs zwischen Moby Dick und Ahab. Dabei ist das Tier, das Baker "Justice" getauft hat, nur ein Thunfisch. Kann es sein, dass dieser Film ziemlich übertreibt? Aber ja! Und dies auch, wenn die Geschichte gleich hineinrutscht in einen Film noir, also in jene Gattung von Kino, in der die Helden nicht mehr hell strahlen, sondern morbide schillern und in der die moralischen Grenzen aufweichen durch unmoralische Angebote. Es kommt also, was in diesem Genre kommen muss: nämlich eine Femme fatale durch die Tür.

Zehn Millionen für einen Mord

Sie heißt Karen, war mal Bakers Frau und wird sehr blond gespielt von Anne Hathaway. Ihr neuer Mann Frank ist ein vor Geld, Macht und Gewalttätigkeit nur so strotzendes Arschloch (Jason Clark), so dass die zehn Millionen Dollar, die Karen ihrem Ex für die Transformation von Frank in Fischfutter anbietet, recht angemessen erscheinen.

Nein, man kann diesen Film bald nicht mehr so richtig ernst nehmen. Seine Vorbilder, etwa Billy Wilders "Frau ohne Gewissen – Double Indemnity" (1944) oder Lawrence Kasdans "Body Heat – Eine heißkalte Frau" (1980), werden hier auf die Spitze und beinahe schon in die Parodie getrieben. Diese roten Lippen, dieses verheißungsvolle Flüstern, diese verführerischen Blicke! Und dazu diese Karibik in Hochpotenz, dieses schwül-korrupte Klima, in dem immer was verrottet und immer was ausgebrütet wird. Da nützt es auch nichts, wenn der erhitzte Baker das nimmt, was er als Dusche bezeichnet, sich in diesem Übertreibungsdrama aber als Nackt-Sprung von einer hohen Klippe ins Meer herausstellt. Da unten, im Wasser, begegnet Baker dann ... Und spätestens an diesem Punkt wird's schwierig, jedenfalls für eine Filmkritik. Denn es verdichten sich nun die Andeutungen, Metaphern und Symbole, also die Zeichen dafür, dass diese Geschichte mehr sein will als bloß Pastiche und Genre-Nachklapp.

"Wir sind beide zerstört", sagt Karen, die beladen mit Vergangenheit auf Bakers Insel gekommen ist und hier auftaucht wie eine in schlafwandlerischem Gestus agierende Traumfrau. Oder vielleicht nur als geträumte Frau? Und wer ist denn dieser schmächtige Mann im schwarzen Anzug, der wegen einer wichtigen Sache immer wieder Baker treffen will, ihn immer wieder verpasst und einmal Shakespeare zitiert: "Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind"? Und wer ist dieser Junge, der in einem dunklen Zimmer am Computer sitzt, so als werde er von der Welt da draußen bedroht? Und was hat, neben dem erwähnten Thunfisch, der Fregattvogel zu bedeuten, der immer so wichtig herumschwebt? Und wo, bitte, liegt eigentlich diese Insel genau, auf der Baker jetzt von allen gewarnt wird: Bitte keinen Mord begehen!

Twist ins Nirgendwo

Es passiert schließlich etwas Entscheidendes mit diesem Film, er gibt sich einen Twist, der es ihm ermöglicht, sich selber zu dekonstruieren und philosophisch-existenzialistische Fragen aufzuwerfen. Was ist Schicksal, was ist freier Wille? Ist es möglich, als Spielfigur die Regeln zu ändern, sich auf eine andere Ebene zu bringen oder gar auszusteigen? Taugt die Fantasie dazu, sich vor der bösen Realität zu retten? Und kann ein Film noch weiter funktionieren, wenn er sich selber den Boden wegzieht, ja, wenn er sich quasi rückwirkend inspiziert und dabei das vorher Gezeigte für ungültig erklärt? Die Antwort auf die letzte Frage lautet: Nein! "Im Netz der Versuchung" scheitert an seinen großen Ambitionen, er kann den Zuschauer zwar verblüffen, aber nicht mehr mitnehmen.

Und doch: dieser von der US-Kritik arg gezauste Film kann auf trashige Weise Spaß machen. Sogar die US-Filmkritikerin Christy Lemire beginnt (auf der Seite www.rogerebert.com) ihren Verriss so: "'Serenity' ist furchtbar und verrückt und wird ganz sicher einer der schlechtesten Filme des Jahres 2019 werden. Aber er ist auch eine so wilde und ambitionierte Achterbahnfahrt, dass man ihn erleben muss, bevorzugt mit Freunden, um über den kitschigen Dialog zu lachen, über die exaltierte Schauspielerei und die vielen radikalen Wendungen der Geschichte." Also doch rein ins Kino? Nun, zu einer Empfehlung lässt sich diese Kontext-Kritik nicht hinreißen. Höchstens zu der Anmerkung: Auf eigene Gefahr!

"Im Netz der Versuchung" ist ab Donnerstag, 2. Mai, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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