Beim Dreh: Pedro Almodóvar gibt dem jungen Salvador Mallo (Asier Flores) Regieanweisungen. Fotos: Studiocanal/El Deseo/Manolo Pavón

Beim Dreh: Pedro Almodóvar gibt dem jungen Salvador Mallo (Asier Flores) Regieanweisungen. Fotos: Studiocanal/El Deseo/Manolo Pavón

Ausgabe 434
Kultur

Almodóvar blickt zurück – ohne Zorn

Von Rupert Koppold
Datum: 24.07.2019
In seinem autobiografisch inspirierten Film "Leid und Herrlichkeit" schaut der einstige Bürgerschreck Pedro Almodóvar mit melancholischer Gelassenheit auf sein Leben. Sein Alter Ego wird exzellent gespielt von seinem Freund, dem Star Antonio Banderas.

Da ist einer buchstäblich abgetaucht, da sitzt einer mit geschlossenen Augen unter Wasser, auf einem Stuhl im Pool. Was tut dieser schon etwas ältere Mann denn da, träumt er sich von allen weg, träumt er sich aus allem heraus? Schon ist er wieder Kind und zurück in der spanischen Provinz, wo Frauen am Fluss Wäsche waschen und miteinander singen, scherzen und sich sehnen ("Wenn ich ein Mann wäre, könnte ich nackt baden!"), wo die Mutter (Penelope Cruz) aber auch empört ist, dass sich ihr Mann nur eine ärmliche Behausung leisten kann, eine Art Wohnhöhle ohne Fenster, wo jedoch er, der kleine Junge, sich wohlfühlt und behütet. Da oben ist doch eine Öffnung, da kann man doch hinaus- und hinaufsehen zu den Sternen! Dann taucht dieser Film wieder auf in der Gegenwart, in einer großen und modernen Wohnung in Madrid, und der Junge ist nun wieder dieser ältere Mann, der in dieser Geschichte immer wieder Rückschau halten wird.

Salvador Mallo heißt er, ist ein berühmter Filmregisseur, leidet unter schmerzhaften physischen Gebrechen – Kopfweh, Tinnitus, Asthma, Bluthochdruck, Ischias und so weiter –, die er mit Pillen zu betäuben versucht, und steckt, auch bedingt durch diese Krankheiten, in einer großen Schaffenskrise. Und Pedro Almodóvar, der Regisseur von "Leid und Herrlichkeit", versucht gar nicht erst zu verbergen, dass er sich mit diesem Salvador Mallo ein Alter Ego geschaffen hat, dass sein Werk also, auch wenn es weit entfernt ist von einer faktensatten Autobiografie, doch die Bilanz seines Lebens zieht. "Alles, was ich bin, steckt in diesem Film", hat Almodóvar im Frühjahr in Cannes erklärt, wo sein Film im Wettbewerb gezeigt wurde und der Schauspieler Antonio Banderas für die Rolle des Salvador Mello den Preis als bester Hauptdarsteller erhielt.

Was Marcello Mastroianni für Fellini war ("Achteinhalb", 1963), das war Antonio Banderas in den 1980er Jahren für Almodóvar: ein Schauspieler, mit dem der Regisseur sich selber in seine Werke hineinprojizieren konnte. "Labyrinth der Leidenschaften" (1982), "Matador" (1986), "Das Gesetz der Begierde" (1987), "Frauen am Randes des Nervenzusammenbruchs" (1988) oder "Fessle mich" (1990) sind die Titel, die so berühmt wurden wie die Filme selbst. Wenn man sagen würde, dass der Regisseur und sein Star damals den Aufbruch des spanischen Kinos nach der Franco-Diktatur verkörperten, so wäre das eine Untertreibung. Denn vor allem Almodóvar war ja so etwas wie der Chef von La Movida in Madrid, einer radikalen Bewegung, die sich nicht vorsichtig-behutsamem Fortschritt verschrieb, sondern das Kino, ja, die ganze starre und festgefahrene spanische Kultur zur Explosion brachte.

Anrührendes Künstlerporträt in leuchtenden Farben

Der 1951 geborene Almodóvar mischte damals im Avant-Garde-Theater mit, schrieb Comic-Strips und Geschichten für Underground-Zeitschriften, veröffentlichte unter dem Pseudonym "Patti Diphusa", einem fiktiven Porno-Star, parodistische Memoiren, spielte in einer experimentellen Rockband mit und bekannte sich offen zu seinem Schwulsein. Trotzdem sagte er: "Ich spreche nie über Franco!" Tatsächlich sind seine Filme keine politischen Aufarbeitungen oder Abrechnungen mit der Diktatur. Was Almodóvar in seinen bunten, exzessiven und genrevermischenden Filmen durchprobiert, was er mit seiner merkwürdigen Melange aus Melodram, Pop und Parodie, aus Kitsch, Kolportage und Klischees betreibt, das ist nicht der Protest als Politik, sondern als einer der Stile, der Moden und der Lebenswelten. Da tobt sich auf der Leinwand jede Menge Sex aus, da musste auch in dieser Beziehung endlich rein und raus, was katholische Kirche und Franco-Herrschaft so lange unterdrückt hatten.

In "Leid und Herrlichkeit" sind Almodóvars Themen, oft als Zitate aus eigenen und früheren Filmen, noch alle da: das innige und doch problematische Verhältnis zur Mutter, die Erfahrung mit dem Katholizismus ("Ich will nicht Priester werden!") oder das sexuelle Urerlebnis, wenn er als Junge beobachtet, wie ein gut gebauter Handwerker sich nach getaner Arbeit auszieht und wäscht. Aber der Regisseur arbeitet nun nicht mehr im Gestus der Provokation, er verzichtet auf das Energische, das Fiebrige, das Aggressive, er filmt also nicht mehr gegen etwas an, sondern blickt fast schon gelassen zurück. Und es gelingt ihm dabei ein intimes, anrührendes Künstlerporträt, bei dem sich Antonio Banderas (für den dieser Film auch eine Rück- und Heimkehr ist!) uneitel zurücknimmt und in seinem Spiel eine Melancholie durchscheinen lässt, die an Mastroiannis große Altersrollen erinnert.

Die hitzigen Zeiten sind vorbei, auch mit dem Schauspieler Alberto Crespo (Asier Etxeandia), mit dem Salvador sich vor 32 Jahren bei Dreharbeiten verkracht hat, will der Regisseur sich endlich versöhnen. Die beiden kommen auch wieder ins Gespräch, Salvador probiert sogar, quasi als Schmerzmittel und Pillenersatz, von Albertos Heroin (was sicher zu Fragen führen wird, wie es denn Almodóvar mit diesem Stoff hält). Und er ist schließlich einverstanden, dass der Schauspieler einen autobiografischen Text von Salvador auf die Bühne bringt. In dieser Aufführung sitzt dann zufällig Federico (Leonardo Sbaraglia), der sich in einer der Figuren wiedererkennt: Er war Salvadors erste große Liebe. Und wenn nun Salvador und Federico, der inzwischen Familienvater ist und in Argentinien lebt ("Du warst mein einziger Mann!"), sich wiedersehen, dann sehen sie zwar, wie alt sie geworden sind – und spüren gleichzeitig, dass da immer noch etwas glimmt. So wie die Farben in diesem schönen Spätwerk des Pedro Almodóvar immer noch leuchten. Drama oder Komödie? Das will der Arzt wissen über Salvadors neues Projekt, bevor er ihn operiert. "Das weiß man erst am Ende", sagt der Regisseur Salvador, der wie Almodóvar selbst seine Schaffenskrise überwunden hat.


Pedro Almodóvars "Leid und Herrlichkeit" ist ab Donnerstag, 25. Juli in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.
 


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