Fiktion: mächtiger Mann (Ricardo Darin) mit miesen Wahlkampfmethoden. Fotos: Koch Media

Fiktion: mächtiger Mann (Ricardo Darin) mit miesen Wahlkampfmethoden. Fotos: Koch Media

Ausgabe 437
Kultur

Der Präsident und das Böse

Von Rupert Koppold
Datum: 14.08.2019
In Santiago Mitres atmosphärischem Thriller "Das Komplott", gerade auf DVD und Bluray erschienen, treffen sich lateinamerikanische Regierungschefs in einem Hotel in den Anden, um eine Öl-Allianz zu schmieden. Der argentinische Präsident hat aber noch andere Sorgen: Seine Tochter erinnert sich an unschöne Dinge aus der Vergangenheit.

Ein Gipfeltreffen, und das in jedem Sinn: Die Regierungschefs der wichtigsten lateinamerikanischen Länder quartieren sich in einem Skiresort in den chilenischen Anden ein. Es ist ein mit allem Komfort ausgestatteter Komplex aus Beton, Holz und ein bisschen Glas, auf mehr als dreitausend Meter Höhe hineingewuchtet in eine baumlos-schroffe Schnee- und Steinlandschaft. Hat sich die Zivilisation hier die Natur erobert? Nein, diese Aufstellungen der Politiker fürs Gruppenbild auf der Terrasse, diese Diskussionen im braunwarmen Licht von Konferenzsälen, diese intimeren Gespräche in Gängen, Bars und Suiten werden zwar in realistisch-klare Bilder gefasst, aber atmosphärisch schwingt in dieser abgehobenen Welt immer etwas anderes mit, etwas seltsam Unwirkliches und bald auch Bedrohliches. Kurz gesagt: Dieser Ort ist ideal für einen Thriller.

Oder auch für einen Film, der mit dem Genre spielt, der etwa den argentinischen Präsidenten Hernán Blanco (Ricardo Darin) zunächst in eine Welt der Polit-Intrigen verwickelt und dann zurückwirft ins scheinbar Private und in die Psychologie. Schon vor dem Treffen, in dem es um eine Öl-Allianz unter Ausschluss der USA geht, hat Blanco von einem Erpressungsversuch erfahren. Es geht um Korruption, der aus der Provinz stammende Amtsneuling soll seinen Wahlkampf mit unsauberen Methoden geführt haben. Und derjenige, der darüber Bescheid weiß und nun droht, alles auffliegen zu lassen, ist der Ex-Mann von Blancos psychisch angeschlagener Tochter Marina (Dolores Fonzi). Eigentlich sollte der Präsident in der dünnen Andenluft den Kopf frei haben für ebenso diffizile wie delikate Verhandlungen, etwa für den Versuch seines mexikanischen Amtskollegen ("Ich hasse die Gringos"), ihn im Zweiergespräch zum Verbündeten respektive zum Komplizen zu machen. Aber Blanco gibt nun auch den fürsorglichen Vater und lässt seine Tochter ins Resort einfliegen.

Die politische Realität sieht mittlerweile anderes aus

Immer wieder sind Bilder für die Medien zu sehen – und dann, was sich zwischen und hinter diesen abspielt. Die Andeutungen: Wenn etwa Blancos Assistentin ihrem Chef, bevor er seine Entourage versammelt hat, noch schnell mit der Hand das Haar bürstet – oder doch eher drüberstreicht? Die Details: Wenn der brasilianische Präsident zeigt, dass er der mächtigste Mann am Konferenztisch ist, der seine Pläne ganz selbstverständlich auf Portugiesisch vorstellt, so dass sie ins Spanische übersetzt werden müssen, er selber aber, wenn andere reden, keinen Dolmetscher braucht. Die Hierarchien: Wenn der argentinische Außenminister von seinem Präsidenten Blanco wissen will, wie die Gespräche verlaufen sind und der kühl antwortet, nicht er müsse seinem Minister Bericht erstatten, es sei genau umgekehrt.

"Verrat auf höchster Ebene", so lautet der deutsche Zusatztitel von Santiago Mitres schon 2017 gedrehtem und in Cannes gezeigten Film, der bei uns nicht ins Kino kam, nun aber auf DVD und Bluray erhältlich ist. In diesen gut zwei Jahren hat sich einiges getan: "Das Komplott" erzählt, wenn auch in fiktiver Form, von einem um Solidarität kämpfenden Lateinamerika, in dem Allianzen ohne oder gar gegen die USA allerdings nur noch schwer zu schmieden sind. In der Realität ist in Mexiko die Regierung gegen den Trend inzwischen nach links gerückt, in Brasilien jedoch regiert ein extrem rechter Präsident, und in Argentinien ist die Phase sozialliberaler oder linksgerichteter Regierungen schon seit 2015 vorbei.

Ist Hernán Blanco also der filmische Stellvertreter des realen und konservativen Präsidenten Mauricio Macri? Der Regisseur und Drehbuchautor Mitre lässt das offen, er zeigt seinen Helden, für den er den Namen Blanco gewählt hat, als weißes und unbeschriebenes Blatt. Weil er aber vom Sympathieträger Ricardo Darin gespielt wird, dem größten Kinostar seines Landes und auch international bekannt geworden mit Filmen wie "In Ihren Augen" (2009) oder "Wild Tales" (2014), wird der Zuschauer auf Blancos Seite gezogen. Dieser Politiker hat zwar, wie er einer Journalistin erzählt, in seinen Träumen schon früh das Böse gesehen, einen roten Fuchs mit Hörnern, der ihm im Schlaf immer noch und immer wieder begegnet. Aber er selber wird doch kein Böser sein!? Dass Blanco mal unvermittelt eine Zimmertür öffnet und eine nackte Frau umarmt, dass er also eine Geliebte ins Hotel mitgebracht hat, kommt zwar unerwartet, aber das heißt noch nicht, dass er moralisch ganz und gar verkommen wäre.

Plötzlich taucht ein Amerikaner auf

"Das Komplott" verzichtet weitgehend auf Action-Sequenzen, bietet aber einige Überraschungen. Plötzlich zerbricht ein Hotelfenster, Marina trägt Schnittwunden im Gesicht, Blanco lässt einen Arzt aus dem nicht mal fünfzig Kilometer entfernten Santiago kommen. Der setzt Marina unter Hypnose, und wenn nun leicht surreal wirkende Szenen aus ihrer Vergangenheit auftauchen, dann winkt dieser Film Hitchcock ("Spellbound – Ich kämpfe um dich") und anderen Hollywood-Psycho-Thrillern zu. Diese Farm, diese Pferde, dieser Brand? Alles nur Einbildung, alles nur geträumt? Aber nein, das alles gab es tatsächlich, erklärt Blanco dem Arzt. Nur habe es sich schon vor Marinas Geburt ereignet. Plötzlich zieht diese Geschichte dem Zuschauer den Boden unter den Füßen weg. Hat das Rationale jetzt kapituliert, geht der Film nun in Richtung Mystery?

Dass der Regisseur diese Frage in der Schwebe lässt, dass er sich überhaupt weigert, alle seine Geheimnisse offen zu legen, mag für manche ein bisschen frustrierend sein. Aber anders als bei einigen seiner Kollegen, die sich mit einem offenen Schluss aus vielen Ungereimtheiten herausstehlen wollen, hat man bei Mitre immer den Eindruck, dass er seine Geschichte tatsächlich kennt und dass sich deren Geheimnisse bei genauer Betrachtung aufklären könnten. Wem diese Zeilen aber schon zu viel Geraune sind, dem muss noch vom handfest-unverfrorenen Auftritt eines US-Gesandten (Christian Slater) berichtet werden. Der zitiert Blanco zum Geheimtreffen und hat sich eine Taktik ausgedacht, wie sein Land sich mit Argentiniens Hilfe doch noch in eine lateinamerikanische Öl-Allianz hineindrängen könnte. "Dieses Spiel haben wir erfunden", sagt er und ergänzt: "Wir sind unschlagbar." Und setzt dann noch grinsend hinzu, so als wäre das sowieso klar und er auch stolz darauf: "Wir sind immer die Bösen!"


Santiago Mitres Thriller "Das Komplott" ist im Handel auf DVD und Blue-ray für 12 bis 20 Euro erhältlich.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!